„Wir gucken was uns gefällt“


Wohnungssuche in Alt-Hohenschönhausen 2005, Berlin

Verfasst von Charlotte Händler

Die Stadt Berlin befindet sich seit Jahren in einem unglaublichen Wandel. Wohnungsraum wird immer weniger, die Nachfrage immer größer. Um herauszufinden, wie sich dieser Wandel entwickelt hat, wird in diesem Beitrag das Jahr 2005 betrachtet. Hierzu wurde ein Interview mit einem Zeitzeugen durchgeführt, welcher zu dieser Zeit eine Wohnung in Berlin suchte und in Alt-Hohenschönhausen fündig wurde.  

Es erwies sich als recht schwierig, genügend Informationen zu der Situation auf dem Berliner Wohnmarkt in dem Jahr 2005 zu finden, besonders in dem ausgewählten Bezirk. Die Recherche brachte vor allem eine Sammlung an quantitativen Daten und kaum qualitativen Berichten.
Besonders im Interview galt es daher herauszufinden, wie die Person die Situation damals bei der Wohnungssuche empfand und ob sie mit den wenigen Eindrücken aus der Recherche übereinstimmt oder sich unterscheidet.  
Der Berliner Wohnmarkt 2005 wird als günstig, sogar entspannt beschrieben (IBB 2005, MieterEcho 2005). Laut der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gibt es ein ausreichendes Wohnungsangebot, welches fast allen individuellen Ansprüchen entspräche (IBB 2005).
Vergleicht man jedoch den Mietenspiegel 2005 mit 2003 steht fest, dass dieser eine Steigerung der Mittelwerte von 5,51% vorzeigt und sich somit die Mietlage langsam immer weiter zuspitzt. Besonders Modernisierungsmaßnahmen tragen zu den steigenden Mieten bei (MieterEcho 2005). Es wird von einer dynamischen Veränderung gesprochenen, welche einen Umschwung in die Berliner – Wohnsituation bringt. So werden Bezirke wie Marzahn- Hellersdorf unbeliebter, was in Wohnungsleerstand, Abriss und Rückbau resultiert. Gleichzeitig werden Bezirke wie Friedrichshain-Kreuzberg, durch den Zuzug von Kreativen und Familien, immer attraktiver und aufgewertet (IBB 2005).
Berlin verzeichnet ein stetig zunehmendes Bevölkerungswachstum. Besonders Single-Haushalte nehmen zu, während Haushalte mit drei bis vier Personen abnehmen. Dies zeichnet sich auch in der Wohnungssituation wieder. So sind günstigere Wohnungen, und somit oft auch kleinere, deutlich mehr gefragt als Wohnungen im mittleren bis oberen Preissegment (IBB 2006).
Der IBB 2006 beschreibt den Bezirksteil Hohenschönhausen als Gebiet mit einfacher bis mittlerer Wohnlage mit Geschosswohnungsbau (hauptsächlich Plattenbauten), sowie auch Einfamilienhausgebieten mit guter Wohnanlage, hier wird sogar vom Wannensee des Nordens gesprochen.  Im gesamten Bezirk Lichtenberg- Hohenschönhausen lag die Angebotsmiete bei ca. 5-7 Euro pro Quadratmeter (Stand 2006). Damit befindet sich der Bezirk im unteren Durchschnitt von gesamt Berlin. 
Die Jahre um 2005 scheinen ein wichtiger Wendepunkt des Berliner Wohnmarktes zu sein, da die Mieten rasant zunehmen und sich die Lage des Mietmarktes deutlich anspannt.

Steffen H. ist ein Familienvater von zwei Kindern, 49 Jahre alt und Versicherungskaufmann. Im Jahr  2005 beschlossen er und seine Frau von Rostock nach Berlin zu ziehen.
Grund hierfür waren die beruflichen Perspektiven, welche für die beiden in Berlin lagen. Mit dem Bau der Allianzgebäude in der Nähe des Treptower Parks, wurden zahlreiche Außenstellen geschlossen und nach Berlin verlagert. So auch die Arbeitsstelle von Steffens Frau. Die beiden hatten vorher schon längere Zeit in Berlin gewohnt und so hatte auch Steffen das Glück, wieder in den Berliner Standort seiner Firma zurückzukehren und diesen sogar zu übernehmen.
Früher lebten sie in Weißensee, und hatten daher den Wunsch, wieder in die Umgebung zu ziehen, da sie ihnen gefiel und auch die Lage stimmig zum Arbeitsplatz war.
Die neue Wohnung sollte groß sein, mit mindestens vier Zimmern und in einer relativ ruhigen Lage, abseits der Hauptstraßen. Steffen stellte sich um die 100 m2 vor. Zusätzlich sollte die Wohnung, wegen der Kinder, auch in der Nähe von einer Schule und einem Kindergarten sein. Das Budget der beiden lag bei ungefähr 800-1000€. Zusätzliche Wünsche waren eine Badewanne und Dusche und eine große Küche mit Essbereich. „Wo wir dann alle gemeinsam essen können“ , sagte Steffen. „Wir gucken was uns gefällt“, beschrieb er den Anfang der Wohnungssuche. Steffen benutzte ausschließlich das Internet für seine damalige Suche, vor allem da er von Rostock aus suchte und vergleicht diese mit den heutigen Portalen ImmoScout24 und Immowelt.  Auf die Frage, wie man sich im Internet auf eine Wohnung bewerben konnte, antwortete er: „Also man hat die angeschrieben, hat gesagt man hat Interesse und dann gabs nen Besichtigungstermin“. Insgesamt bewarb er sich auf drei bis vier Wohnungen, welche alle seinen Ansprüchen entsprachen und in der Umgebung seiner Wunschgegend lagen. Von allen Anzeigen erhielt er eine Antwort und einen Besichtigungstermin. Ich fragte ihn, wie er das Angebot damals wahrnahm. Er erinnerte sich, häufig renovierte Wohnungen in den gewünschten Bezirken wie Pankow, Friedrichshain und Kreuzberg gesehen zu haben, aber auch, dass das Angebot hier schon etwas weniger erschien, als in anderen Bezirken. Auch die Wohnung in Alt-Hohenschönhausen, in welche Steffen letztendlich zog, wurde komplett neu renoviert. Als zukünftiger Mieter bekam er sogar Mitspracherecht in der Gestaltung. Wir redeten mehr über die eigentliche Bewerbung, mich interessierte vor allem, wie es damals abgelaufen ist, besonders nachdem ich selbst 2019 auf Wohnungssuche war. Steffen konnte sich nicht erinnern zur Besichtigung Unterlagen mitbringen zu müssen, höchstens einen kleinen Zettel mit persönlichen Daten auszufüllen. Nach der Besichtigung musste er keine Bewerbung schreiben, lediglich Unterlagen wie Einkommensnachweise einreichen – „Aber die wollten jetzt keinen Lebenslauf haben“, fügte er hinzu. Heute sind Massenbesichtigungen von Wohnungen keine Seltenheit, sondern gehören zur Norm. Ich fragte Steffen, ob auch er damals die Wohnungen mit anderen Leuten besichtigen musste. „Ne, da waren wir immer alleine gewesen“. „Das muss schön sein“, erwiderte ich. Er lachte : „Ne also so wie bei dir da in Schöneweide, das habe ich nicht kennengelernt, dass im Treppenflur schon anstehen ist“. Auch von anderen Bewerber*innen bekam er nichts mit. „Ne ich glaube da waren wir alleine gewesen. Also die haben jetzt nie gesagt wir müssen uns ganz schnell entscheiden, weil da gibt es noch ganz viele andere – das war nicht das Thema gewesen“, erinnerte sich Steffen zurück. Demnach musste er auch keinen bestimmten Anforderungen des Vermieters gerecht werden, lediglich das Einkommen musste stimmen. Steffen dachte kurz nach : „Ich denke mal, dass damals, dadurch dass wir wir auch sone relativ große Wohnung gesucht haben, war dort die Nachfrage eh nicht so groß gewesen, vielleicht wäre das anders gewesen bei soner, was weiß ich, zwei bis drei Zimmer Wohnung […] mit 60-70m2. Vielleicht war da die Nachfrage nicht ganz so doll gewesen“. Hinblickend zur Aussage der entspannten Lage, wie der Staat das Wohnungsangebot 2005 beschrieb, interessierte mich Steffens Meinung und Gefühl von damals. Er stimmte dem zu, fügte aber noch hinzu: „Also ich sag mal, wenn du 1000€ ausgegeben hättest damals, da hattest du ne ziemlich gute Auswahl. Das ist heute sicherlich so, wenn du sagst : Okay du willst 2000€ ausgeben – hast bestimmt auch ne ganze gute Auswahl“. Die Wohnungssuche ging für Steffen relativ schnell: „Lass das vier Wochen gewesen sein“, danach mussten sie nur noch auf die Renovierung warten, welche in circa zwei, drei Monaten abgeschlossen war. Ich stellte ihm die Frage, mit welchen Worten er die damalige Suche beschreiben würde. Steffen dachte einige Zeit nach, etwas Negatives hatte er in der Zeit nicht erfahren. Er beschrieb die Suche letztendlich mit den  Worten „relativ unkompliziert und letztendlich total zufriedenstellend“, besonders wenn er die Wohnung mit den heutigen Standards der Wohnungssuche und dem damit verbundenen Wohnungsangebot vergleicht .
Die Wohnung, in welcher er heute immer noch lebt, liegt in Alt-Hohenschönhausen in der Oberseestraße zwischen den vier Seen Obersee, Orankesee, Fauler See und dem Weißensee. In der Nähe befinden sich Schulen sowie auch Kindergärten und die Wohnung liegt in ruhiger Lage. Sie hat um die 130m2 und fünf Zimmer und entspricht allen Vorstellungen und Wünschen, welche Steffen damals hatte. Badewanne, Dusche und die große Küche mit Essbereich konnten damit erfüllt werden. Gekrönt wird das ganze mit einem Balkon und Blick direkt auf den Obersee.  „Heutzutage würdest du sowas gar nicht mehr finden“, stellte Steffen fest und ist heute umso glücklicher, damals diese Wohnung gefunden zu haben. Ausziehen steht nicht auf seinem Plan. Es ist naheliegend, dass Steffen die Entscheidung damals nicht schwergefallen ist. Er bejahte dies: „Dadurch, dass wir gesagt haben wir haben Blick auf den See [ist] alles jut“.
Nur eine Frage ist noch nicht geklärt. Was kostet so eine Traumwohnung. Und um wie viel ist die Miete in den letzten Jahren gestiegen? Steffen lachte erneut : „damals günstig- heute günstig“. Übersetzt waren es 2005 rund 850€ und heute circa 1200€, wie er mir etwas später verriet. Sie liegt damit, damals wie heute, im durchschnittlichen Bereich der Angebotsmiete. Im Jahr kann er mit rund 10-15€ Anstieg der Miete rechnen. Ganz am Ende stellte ich die Frage, ob er etwas anders machen würde, würde er jetzt wieder auf Wohnungssuche gehen. Er überlegte kurz und denkt angesichts der heutigen Wohnungssituation vielleicht eine*n Makler*in einzubeziehen, damit es nicht ganz so stressig wird. 

Steffens Erfahrung stimmt mit dem ungefährerem Gesamtbild, welches sich aus der Recherche ergibt und vor allem vom Senat Berlins verbreitet wird, überein. Er hatte keine Probleme bei der Wohnungssuche und wurde geradezu zu mit offenen Armen empfangen, heute würde so eine Wohnungssuche im Normalfall wahrscheinlich nicht mehr ablaufen.
Jedoch ist zu beachten, dass Steffens Situation wahrscheinlich nicht der, der Mehrheit entspricht und damit auch nur einen sehr kleinen Teil der Situation in Berlin im Jahr 2005 widerspiegelt. Er und seine Frau haben beide gut bezahlte Jobs, welche ihnen eine große Wohnung in angenehmer Lage ermöglichte. Vielleicht würde ein Single-Haushalt mit knapperem Budget die Lage als nicht so entspannt einschätzen, denn die Nachfrage ist hier definitiv höher.
Dennoch ist die Aufwertung der Wohnungen und der einzelnen Bezirke und der damit verbundene Mietanstieg, was auch Steffen bei seiner eigenen Wohnung mitbekam, zu merken und wird auch die nachfolgenden Jahre immer weiter prägen. 

Literatur: 

Investitionsbank Berlin (2006): IBB Wohnungsmarktbericht 2006 

MieterEcho Nr. 311(2005): Berliner Mietspiegel 2005 – Mietsteigerungen überwiegen 

MieterEcho Nr. 335 (2009): Die Wohnungsversorgung bleibt dem freien Markt überlassen – die Politik hält sich raus 

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Investitionsbank Berlin (2005) : Der Berliner Wohnungsmarkt- Bericht 2005  

Eigenständig geführtes Interview mit Steffen, Berlin den 10.01.2021

22. Februar 2021 | Veröffentlicht von Charlotte Haendler
Veröffentlicht unter Hohenschönhausen

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