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Wohnen in der DDR in Ost-Berlin: Mehr Miteinander als Nebeneinander

Für mein Interview werde ich eine Person befragen, welche aus der ehemaligen DDR stammt.
Diese ist im Jahr 1989, also noch zu DDR-Zeiten, in seine heutige Wohnung am Arkonaplatz in
Berlin Mitte-Mitte gezogen. Um seine Anonymität zu wahren, wird die Person im Text als „Herr Thalschmidt“ bezeichnet.
Allgemein ist bekannt, dass es zu DDR-Zeiten einen erheblichen Mangel an Wohnraum gab
(Kabisch et al., 2004). Primär wurde bei der Errichtung von Wohnraum auf Neubauprojekte, den
sogenannten „Plattenbau“, gesetzt. Diese Wohnsiedlungen entstanden häufig auf bis dato
unbebauten Gebieten in der Peripherie großer Städte, aber auch in kleineren Städten und
Dörfern- überall dort, wo ein Mangel an Wohnraum herrschte und Unterkünfte benötigt wurden
(Interview mit Herrn Thalschmidt, 2021). Die neuentstandenen und genormten Wohnungen boten
dabei mit Bad, Einbauküche, Fernwärme, fließend warmem Wasser u. a. im Vergleich zu den
Altbauwohnungen relativ viel Komfort und waren dementsprechend in der Bevölkerung sehr
begehrt.
Die Konzentration auf die Neubausiedlungen und die Industrialisierung der Bauwirtschaft
führten dazu, dass die innerstädtischen Altbaugebiete weitgehend dem Verfall preisgegeben
wurden. Als eine Folge davon entstand das sogenannte
„Schwarzwohnen“. Das „Schwarzwohnen“ war eine seit Anfang der 1970er Jahre sehr häufig
praktizierte Form der individuellen Selbsthilfe der DDR-Bürger:innen. Überwiegend jüngere
Menschen, welche auf dem staatlichen Wohnungsmarkt sehr schlechte Chancen auf eine eigene
Wohnung hatten, organisierten sich hier baufällige Wohnungen, oftmals in Altbaugebieten, um ein
eigenständiges Leben zu führen. Mit einer „Hausbesetzung“ westeuropäischen Stils hatte das in den
meisten Fällen jedoch wenig zu tun (Grashoff, 2011). Häufig werteten diese jungen Menschen die
Häuser und Wohnungen in Eigenregie durch einfache handwerkliche Tätigkeiten, wie
beispielsweise dem Abdichten undichter Dächer, auf. Bei einer staatlichen Kontrolle im Jahr
1979 wurden insgesamt 534 besetzte Wohnungen allein im Stadtbezirk Friedrichshain
festgestellt (Grashoff, 2011). Im Jahr 1987 wurden im Prenzlauer Berg 1270 ungeklärte
Mietverhältnisse ermittelt (Grashoff, 2011). Die Altbauten waren, wie oben beschrieben, zu
DDR-Zeiten in einem überwiegend sehr, sehr schlechten Zustand. Die Journalistin Rosemarie
Mieder beschreibt die Zuweisung einer neuen Wohnung in Berlin Prenzlauer Berg im Jahr 1986
folgendermaßen: „Dass die Fassade bröckelte, die Haustür kaputt war, der Belag im
Treppenhaus Löcher hatte und es hier und dort durch das Dach tropfte, tat der Freude keinen
Abbruch. Die Miete von 72 Mark der DDR spielte ohnehin keine Rolle. Aber endlich kamen wir
mit den beiden Kindern aus der engen Zweizimmer-Hinterhofwohnung heraus“ (Mieder, 2014).
Bei der staatlichen Wohnungsvergabe wurden vor allem Familien mit Kindern bevorzugt
behandelt und erhielten einfacher eine Wohnung. Besonders schwer auf dem regulären
Wohnungsmarkt hatten es Alleinstehende und junge, noch kinderlose, Paare.
Es ist recht schwer, genaue Informationen und Literatur zu diesem konkreten Beispiel in Berlin
Mitte-Mitte/ Arkonaplatz zu finden. Im Internet gibt es eine Vielzahl von Berichten und
Beiträgen über die vorherrschende Wohnungsnot in der DDR und den Verfall von
Altbausubstanz und die Bevorzugung von Familien mit Kindern bei der staatlichen
Wohnungsvergabe. Gute Informationen findet man auch über Wohnungsbesetzungen und das
sogenannte „Schwarzwohnen“ in Berlin- Prenzlauer Berg, aber über den Bezirk Mitte findet
man nahezu gar nichts.

Interview mit Herrn Schmidt

Herr Thalschmidt war im Jahr 1989 Anfang 40 und alleinstehend. Das ist deshalb bedeutsam, da es
in der DDR sehr schwierig war, als alleinstehender Mensch eine Wohnung zu finden. Diese
wurden bevorzugt an Familien mit Kindern vergeben. Bevor er in seine damalige Wohnung
gezogen ist, hat Herr Thalschmidt bei seiner Mutter gelebt, da er nach der Trennung von seiner Frau
keine Wohnung hatte und aus dem Haus, welches seiner ehemaligen Frau gehörte, ausziehen
musste.

Die Wohnung, in welche Herr Thalschmidt im November 1989 eingezogen ist, liegt in einem Haus
am Arkonaplatz in Berlin Mitte-Mitte.
Das Gebäude kannte er seit Beginn seiner Kindheit, da es unmittelbar seinen Schulweg säumte
(Herr Thalschmidt ist lediglich gut fünf Minuten zu Fuß von seiner aktuellen Wohnung
aufgewachsen). Ob auf dem Weg zur Schule oder von der Schule nach Hause, Herr Thalschmidt ist
immer an dem aus seiner Sicht sehr schön gelegenem Haus vorbeigekommen und so ist in ihm
schon in jungen Jahren der Wunsch gereift, irgendwann einmal in diesem Haus leben zu wollen.
Zudem hatte er persönliche Verbindungen zu dem Haus, da in einer Erdgeschosswohnung ein
Schulfreund aus der Grundschule wohnte und Herr Thalschmidt das Haus also auch durch Besuche
von innen sehr gut kannte. Die Wohnung wurde vor dem Einzug durch eine alleinstehende,
ältere Dame, bewohnt. Der Zustand der Wohnung war stark renovierungsbedürftig, da davon
ausgegangen werden kann, dass seit der Errichtung des Hauses Ende der 1940er/ Anfang der
1950er Jahre wenig in die Instandhaltung und Renovierung der Wohnung investiert wurde. Im
Jahr 1989 wurden alle Wohnungen im Haus mit Kohle beheizt, Gasheizungen, wie heute üblich,
gab es nicht. Im Badezimmer existierte ebenfalls ein Ofen, mit dem sowohl der Raum als auch
das Wasser beheizt wurden.
Nachdem er die Wohnung allein besichtigt hatte, reifte in Herrn Thalschmidt der Entschluss, in
dieser Wohnung leben zu wollen. Inwiefern es weitere Interessierte für diese Wohnung gab, ist
Herrn Thalschmidt jedoch nicht bekannt. Für die Unterzeichnung des Mietvertrages war lediglich
der Personalausweis notwendig, sonst keine weiteren Unterlagen. Die Wohnung wurde durch
den Rat des Stadtbezirkes Berlin-Mitte, Abteilung Wohnungspolitik/Wohnungswesen, vergeben.
Der Rat des Stadtbezirkes Mitte mit der Abteilung Wohnungspolitik/Wohnungswesen war auch
die behördliche Stelle, bei der Herr Thalschmidt sein Wohnungsgesuch einreichte, wie es in der
DDR üblich war.
Der Mietvertrag wurde mit dem Volkseigenen Betrieb (VEB) Kommunale
Wohnungsverwaltung Berlin-Mitte geschlossen. Im Jahr 1989 betrug der Mietpreis für die 60
Quadratmeter Wohnung 59,80 DDR-Mark und lag somit im gängigen Preissegment für
Altbauten der DDR. Die Mietpreise für Neubauten („Plattenbauten“) mit Fernwärme lagen
aufgrund des höheren Wohnstandards deutlich höher. Als Herr Thalschmidt im November 1989
eingezogen ist, traf er auf eine breit gefächerte Mieter:innenstruktur. So wohnte eine Künstlerin
im Haus, weiterhin Arbeitnehmer:innen und Angestellte, Lehrkräfte und auch Rentner:innen.
Herr Thalschmidt beschreibt das Zusammenleben als sehr angenehm und sehr harmonisch, das
Miteinander der Mieter:innen war aus seiner Sicht zu DDR-Zeiten wesentlich ausgeprägter als
in der heutigen Zeit. Beispielsweise gab es im Frühjahr immer einen Arbeitseinsatz, auch
genannt „Subbotnik“, bei welchem die Mieter:innengemeinschaft gemeinsam Dreckecken
beseitigte und die Sauberkeit im Wohnumfeld verbesserte. Die Hausreinigung wurde ebenfalls
durch die Mieter:innen übernommen, die Organisation erfolgte durch einen Plan, so dass jede
Mietpartei des Hauses in festgelegter Reihenfolge für die Reinigung des Treppenhauses und
allen weiteren Gemeinschaftsflächen verantwortlich war. In den meisten Miethäusern wurde
diese Organisation durch die Hausgemeinschaftsleitung übernommen, welche sich um die
Betreuung des Gebäudes und der Freiflächen kümmerte. In manchen Häusern wurden zudem die
Kellerräume zu „Partyräumen“ umgebaut, in denen gemeinsam gefeiert wurde, denn es gab eine
Vielzahl von Anlässen dazu: Die Jugendweihe, Geburtstage oder den Abschluss der
Berufsausbildung oder des Studiums.
Zudem gab es in Wohngebieten sogenannte „Wohnbezirksausschüsse (WBA)“ der Nationalen
Front, welche die ehrenamtliche Arbeit im Wohngebiet koordinierten. Auch Herr Thalschmidt war
im WBA engagiert und Finanzverantwortlicher. Weiterhin berichtete Herr Thalschmidt, dass der
Vorsitzende des WBAs seines Wohngebietes „Informeller Mitarbeiter (IM)“ der Staatssicherheit
war, dies war jedoch in seiner Tätigkeit nicht feststellbar.
Die gefühlte und tatsächliche Sicherheit in diesem Wohnumfeld wurde von Herrn Thalschmidt zu
DDR-Zeiten als sehr positiv wahrgenommen, sodass er sich sicher fühlte.

Fazit

Das Beispiel von Herrn Thalschmidt passt recht gut zu meinen Rechercheergebnissen hinsichtlich
des Wohnungsmarktes in Berlin Prenzlauer-Berg/ Mitte zu DDR-Zeiten. Altbaugebiete und
Wohnungen, welche vor der deutschen Teilung errichtet wurden, wurden in der DDR mehr oder
weniger dem Verfall preisgegeben und genossen keine hohe Aufmerksamkeit und Bedeutung.
Prenzlauer Berg war zu DDR-Zeiten ein Arbeiter:inennstadtteil, gemischt mit alternativer
Bevölkerung und Künstler:innen sowie Student:innen und keineswegs einer Bevölkerung mit
einem überdurchschnittlichem Einkommen wie in der heutigen Zeit. Für das SED-Regime war
der Neubau von Wohnungen an Stadträndern wesentlich prestigeträchtiger und imagefördernder
als die Restauration von Wohnraum aus nicht-sozialistischen Zeiten.
Herr Schmidt hatte großes Glück, dass er seine Wohnung in einem ihm bekannten und
präferierten Gebiet bekommen hat, und dort einziehen konnte. Das oft bemühte
„Gemeinschaftsgefühl“ und die gut funktionierende
„Hausgemeinschaft“, gab es auch im Haus von Herrn Thalschmidt. Der Wohnstandard war auch in
diesem Haus 1989 sehr gering und Herr Schmidt leistete in Eigenregie viele Nachbesserungen
und Modernisierungen, indem er beispielsweise den Kohleofen aus dem Wohnzimmer abriss.
Nach der Wiedervereinigung 1990 und dem Zusammenbruch der DDR sowie des sozialistischen
Wirtschaftssystems ging das Haus an die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte
über. Aufgrund finanzieller Nöte und der dringend benötigten Geldeinnahme verkaufte der rotrote Berliner Senat Anfang und Mitte der 2000er Jahre zahlreiche Wohnungen aus kommunalen
Wohnungsbaugesellschaften an Investoren, darunter auch das Haus von Herrn Schmidt im Jahr 2004. Der neue Investor sorgte für eine umfangreiche Sanierung des Hauses, sodass unter
anderem die Fassade erneuert und gestrichen wurde, zudem wurden neue Balkone angebaut.
Dies führte zu erheblichen Mietsteigerungen. Herr Thalschmidt ist in seinem Aufgang der einzige
Mieter, der schon seit DDR-Zeiten in seiner Wohnung lebt.

Quellen:
Berliner Mieterverein & Mieder. (2014, 7. November). DDR-Wohnungspolitik –Alle
Ressourcen in den Neubau. Abgerufen am 23. November 2020, von https://www.berlinermieterverein.de/magazin/online/mm1014/101420.htm
Berliner Zeitung. (2020, 4. Februar). Berlin: Darum verfielen in der DDR so viele Altbauten.
Berliner Zeitung. Abgerufen von https://www.berliner-zeitung.de
BerlinerMieterGemeinschaft & Wolf. (2017, Dezember). Schwarzwohnen in der DDR.
Abgerufen am 26. November 2020, von https://www.bmgev.de/mieterecho/archiv/2017/mesingle/article/schwarzwohnen-in- der-ddr
/Grashoff, U. (2011). Schwarzwohnen: Die Unterwanderung der staatlichen Wohnraumlenkung
in der DDR (Berichte und Studien). Göttingen, Deutschland: V&R Unipress.
Kabisch, S., Bernt, M. & Peter, A. (2004). Stadtumbau unter Schrumpfungsbedingungen: Eine
sozialwissenschaftliche Fallstudie (2004. Aufl.). V.S. Verlag.
Wohnen in Prenzlauer Berg. (o. D.). Abgerufen am 26. November 2020, von
https://www.berlin-mauer.de/videos/wohnungsbesetzungen-in-prenzlauer-berg-668

Interview mit Herrn Thalschmidt im Januar 2021.

4. März 2021 | Veröffentlicht von newsticker
Veröffentlicht unter Allgemein, Mitte

Zwischen Stagnation und Kontinuität

Zwei Fallbeispiele aus Lichtenberg, 2014 und 2017

Verfasst von Jessica Bendt

Einige Jahre wurde Lichtenberg von den Wohnungssuchenden ignoriert. Es war für sein eher wenig schmeichelhaftes Image als trister Stadtteil aus dem Osten mit dem Charme der DDR-Plattenbauten bekannt. Doch dieses Image hat sich im Laufe der Zeit gewandelt (vgl. Brambusch 2017). Die zentrale Lage, die Anbindung an den Friedrichshainer Szenebezirk, die Vielfältigkeit des Bezirks, die Grünanlagen, wie z. B. der Tierpark, oder der Landschaftspark Herzberge und die vorhandenen Freiflächen, die viel Bebauungspotential bieten – all dies habe die Wahrnehmung des Bezirks in der Öffentlichkeit gewandelt (vgl. Berlin HYPE & CBRE 2019). So wird Lichtenberg nun als attraktiver Wohnort angesehen, was sich auch durch die Entwicklung der Mieten und des Zuzuges widerspiegelt. Jährlich wächst Berlin um etwa 40 000 Menschen – Lichtenberg zählt dabei mit jeweils circa 2 000 neuen Bewohner*innen zu den Bezirken mit dem stärksten Zuwachs. Ende 2017 lebten rund 284 000 Menschen in Lichtenberg. Daraus ergab sich auch die für Berlin überdurchschnittliche Bevölkerungsdichte von 5.492 Einwohner*innen pro km² – dabei lebten rund 14 Prozent mehr Bewohner*innen im Bezirk als noch im Jahr 2008 (vgl. Müller 2019). Innerhalb von zwei Jahren (2017 –2019) stiegen die Mietpreise in Lichtenberg um elf Prozent – die Lichtenberger Durchschnittsmieten liegen bei 9,53 Euro pro Quadratmeter (vgl. ebd.). Am preiswertesten wohnt es sich in den Großwohnsiedlungen von Hohenschönhausen und Wartenberg, wo die Mieten noch unter acht Euro pro Quadratmeter liegen. In Karlshorst und Alt-Hohenschönhausen müssen Mieten zwischen zehn und elf Euro pro Quadratmeter gezahlt werden. Zwölf Euro und mehr lassen sich die Mieter an der Rummelsburger Bucht den Quadratmeter kosten (vgl. Berlin HYP & CBRE 2019). Neben diversen Neubauten sowie sanierten Altbauten sind zahlreiche Plattenbauten und einfache Altbauten vorhanden, in denen die Mietkonditionen auch für Haushalte mit mittlerem oder geringem Einkommen erschwinglich sind. Die HOWOGE als kommunale Wohnungsbaugesellschaft ist dabei in Lichtenberg mit 51.099 Wohnungen (Stand Februar 2017) einer der größten Wohnungsanbieter im Bezirk (vgl. HOWOGE 2017). Da die aktuelle Wohnungsmarktsituation in Lichtenberg (wie in ganz Berlin) sehr angespannt ist, begann der Berliner Senat ab 2012 verschiedene Maßnahmen (z. B. „Bündnis für soziale Wohnungspolitik und bezahlbare Mieten“), zusammen mit den sechs eigenen Wohnungsbaugesellschaften umzusetzen, um die Situation zu entspannen (vgl. Kitzmann 2018).

Was bedeuten diese Hintergrundinformationen aber nun für die tatsächliche Wohnungssuche?

2017 beschloss K. (Mitte 30, Schülerin und hochschwanger) mit ihrer achtjährigen Tochter auf Wohnungssuche zu gehen, da sie aufgrund des Familienzuwachses eine größere Wohnung brauchten. Durch die neue Verantwortung, die ein Familienzuwachs mit sich bringt, stellte K. bestimmte Anforderungen an die neue Wohnung (Badewanne, drei Zimmer und max. zweite Etage). Des Weiteren gab es zwei zusätzliche Hürden, die genommen werden mussten: Da wären die achtjährige Tochter, die in Lichtenberg in ihrem gewohnten sozialen Umfeld zur Schule geht und die fortgeschrittene Schwangerschaft. All diese Faktoren könnten jemanden unruhig schlafen lassen, doch K. war sorglos. Dies könnte mitunter daran liegen, dass sie seit knapp zehn Jahren bei der HOWOGE Mieterin ist und vermehrt positive Erfahrungen sammeln konnte. In diesen zehn Jahren ist K. dreimal innerhalb der HOWOGE umgezogen und hat jedes Mal ohne große Probleme eine Wohnung erhalten. Sie war nie Teil einer Massenbesichtigung oder wurde aufgrund ihrer sozialen Stellung (alleinerziehend und BAföG-Empfängerin) benachteiligt. Daher beschloss K., wie die anderen Male zuvor bei einem Wohnungswechsel, die Verwaltung der HOWOGE anzurufen. Sie teilte lediglich ihre Anforderungen an eine Wohnung mit und sagte, dass es aufgrund der Schwangerschaft eilen würde. Es dauerte nicht lange, bis sich die HOWOGE bei K. gemeldet hatte und ihr drei verschiedene Objekte im Raum Lichtenberg angeboten wurden. Sie fand alle drei Wohnungen passabel, jedoch war sie noch nicht ganz zufrieden (Größe der Unterkunft, fehlende Badewanne und falsche Lage) – dies teilte sie der HOWOGE auch so mit. Durch Zufall bekam K. mit, dass in der Wohnsiedlung (aus den 1920 Jahren), in der sie lebte, eine Wohnung frei wurde. Dies erweckte ihre Neugier, da sich die Unterkunft in der ersten Etage befand, was ihr aufgrund des Familienzuwachses sehr entgegenkam. Schlussendlich konnte K. in die Wohnung ihrer Nachbarin einziehen. Sie hatte lediglich die HOWOGE gefragt, ob dies möglich sei. Die Wohnungsbaugesellschaft sagte zu und innerhalb von nicht mal zwei Monaten und drei Wohnungsbesichtigungen hatte K. eine neue Bleibe, wie sie es sich vorgestellt hatte. Ihre Antwort auf meine Frage, ob sie sich auf anderen Plattformen umgeschaut habe und ob sie Sorgen hatte keine Wohnung zu finden, beantwortete sie mit: „Nein, ich habe nur der HOWOGE Bescheid gegeben. Ich wusste ja, dass die sich darum kümmern würden, ich habe auch nicht auf anderen Plattformen geschaut”. Es handelt sich hierbei um eine Wohnung mit 2,5 Zimmern, die rund 68 qm² umfasst. Sie verfügt über ein Badezimmer mit Badewanne und Fenster. Zusätzlich gibt es einen Balkon mit Blick in den Innenhof, indem sich ein Spielplatz und eine große Rasenfläche befinden, die für jeden Anwohner frei zu Verfügung stehen. Die Wohnung liegt eine Station vom Berliner S-Bahn-Ring entfernt (Nöldnerplatz) und hat eine sehr gute Anbindung zum Szenebezirk Friedrichshain, dem Landschaftspark Herzberge und dem Tierpark. Insgesamt muss K. 413,57 Euro kalt für die Wohnung bezahlen und liegt mit 6,08 Euro pro Quadratmeter weit unter den Lichtenberger Durchschnittsmieten von 9,53 Euro pro Quadratmeter (vgl. Berlin HYPE & CBRE 2019).

Als Kontrast zu der Wohnungssuche von K. (2017) möchte ich nun die Erfahrung von S. und seiner Partnerin wiedergeben.

2014 beschloss S. (Anfang 30 und Schüler) aus beruflichen und familiären Gründen mit seiner Lebenspartnerin von Minden nach Berlin zu ziehen. Da S. 2008 schon einmal in Lichtenberg lebte und seine Familie ebendort noch immer lebt, war er von der Idee sehr überzeugt und konnte seine Partnerin in der Entscheidung bestärken, das „sichere Nest“ zu verlassen und einen Neuanfang in der Hauptstadt zu wagen. Er erinnerte sich gerne an die Zeit zurück, als er 2008 in Berlin lebte und erzählte, wie toll es sei, dort zu leben und welch Charme die Unterkünfte besäßen. Als S. sich also dafür entschied, Minden zu verlassen und die Wohnung zu kündigen, war die Zukunft noch unsicher. In Berlin angekommen, lebten die beiden für ca. zwei Monate bei seinem Bruder. Von dort aus wollten sie in Berlin Fuß fassen. Schnell erloscht jedoch die Begeisterung alter Zeiten. S. kann sich noch gut an das Gefühl erinnern: „Ich wurde erschlagen von der Herausforderung, der wir uns nun stellen müssen, um eine Wohnung zu finden“. Immer wieder muss er den Kopf schütteln, wenn er sich daran erinnert. Die ganzen Vorstellungen, die sich die beiden von ihrer neuen Bleibe im Vorfeld gemacht hatten, waren sehr schnell verflogen. Von nun an hieß es nur noch: „Wir müssen einfach irgendwie eine Wohnung finden“. Zuerst probierten sie, in eine Wohnungsbaugesellschaft zu kommen, denn viele Wohnungen wurden online über die HOWOGE angeboten. Aufgrund des fehlenden Einkommens erwies sich dies jedoch als unmöglich. „Sie wollten uns nicht mal zuhören, damit wir erklären konnten, dass wir BAföG bekommen, der Antrag sich lediglich verzögert“, erzählte S. recht aufgebracht. Ihre Suche verlief daher nur noch auf Online-Plattformen wie Immobilienscout 24. Täglich bewarben sie sich auf ca. zehn Annoncen. Wenn sie Glück hatten, bekamen sie eine Absage, doch oft meldete sich überhaupt keiner bei ihnen. Irgendwann entschieden sie sich für eine Woche Abstand von dieser „Hilflosigkeit“ zu nehmen, um ihre neue Heimat einmal zu erkunden. Danach beschlossen sie, sich auf Annoncen telefonisch zu melden, da man mehr „Mensch sein kann“. Diese Methode war etwas erfolgreicher, auch wenn S. diese Anrufe als „unmenschlich“ empfand. Er erinnert sich, wie seine Freundin nach einigen Telefonaten weinen musste und die Welt nicht mehr verstanden habe, wie schwierig es ist, eine Wohnung in Berlin zu finden, obwohl man doch freundlich sei. Irgendwann wurden die beiden für einige Wohnungsbesichtigungen eingeladen. Nach dieser Zeit des Wartens hätten sie jede Wohnung genommen, „egal, wie gespenstisch sie auch gewesen wäre“. Sie merkten, wie sie nach jeder Besichtigung und nach jedem Telefonat „müder“ wurden – es schien hoffnungslos. S. erzählt von ihrer aktuellen Wohnung, die sie durch „Glück“ bekommen hätten: „Wir haben die Wohnung nicht auf Anhieb gefunden und wollten wieder Richtung S-Bahn gehen (da wir die Wohnung eh nicht bekommen hätten), irgendwie haben wir uns überredet und uns zusammengerissen und die Straße gesucht. Nachdem wir die Wohnung gefunden hatten, haben wir geschmunzelt, da sich eine riesen Schlange an Interessenten vor der Wohnungstür sammelte. Naja wenn wir schon mal hier sind, dann besichtigen wir sie“. Die Wohnungsbesichtigung machte der damals aktuelle Mieter. Wir gaben uns keine Mühe, uns „einzuschleimen“, sondern schauten uns die Wohnung an, füllten das Formular aus und gingen wieder.

„Wir hatten eh keine Chance, so war unser Gefühl“. „Der Vermieter interessierte sich jedoch für einige Unterlagen und unsere Situation, weil wir aus Minden kamen“. S. und seine Partnerin wurden also persönlich in die Hausverwaltung eingeladen. Nach diesem Tag blieb die Freundin am Ball und zeigte durch permanent freundliches Nachfragen Interesse an dem Objekt, sodass der Vermieter „nachgab“ und die Wohnung an S. und seine Freundin vermietete. Da die beiden die Hoffnung schon aufgegeben hatten, wussten sie gar nicht, wie ihr zukünftig neues Zuhause aussah. Hatte dieses überhaupt eine Küche, gab es Heizungen, gab es Mängel an der Wohnung? All diese Fragen stellten sie sich, als sie die Zusage hatten, doch es war ihnen egal. Sie waren froh, eine Wohnung zu haben, die sie bezahlen konnten. „Der Rest kommt später, Hauptsache ein Dach über den Kopf“, das war ihr Motto. Die Freude und Sicherheit, dass sie ein neues Zuhause gefunden hatten, war „unbeschreiblich“. Nur wenn man bewusst auf die Bleibe angesprochen würde, die erkenntliche Mängel aufweist, wird einem bewusst, wie „unverschämt“ die Miete und der Zustand sei. Die Wohnung liegt in Wilmersdorf, hat 37 qm², 1,5 Zimmer und kostet 350 Euro kalt – das sind 9,45 Euro pro Quadratmeter. Zusätzlich kommen noch ca. 200 Euro Stromkosten dazu, da die Wohnung über eine Nachtspeicherheizung verfügt. Über Mängel wie den undichten Boden, die undichte Haustür, undichte Fenster und kaltes Wasser im Winter möchte S. erst gar nicht nachdenken. Er ist froh, eine Bleibe zu haben, die sie sich schöngemacht haben. Er meidet absichtlich den Gedanken, denn den beiden ist bewusst, dass sie eigentlich eine bessere Wohnung für diesen Preis bekommen könnten. Sie hatten immer vor, nach Lichtenberg zu ziehen, in die Nähe seiner Familie. Doch dies ist einfach „kein schöner Gedanke“, sich noch mal dem Wohnungsmarkt auszuliefern und wird so gut es geht ignoriert.

Aus dem Interview mit Rückschluss auf die Wohnungssituation in Lichtenberg 2017 zeigt sich, dass die kommunale Wohnungsbaugesellschaft für Haushalte mit mittlerem oder geringem Einkommen erschwinglich ist. Jedoch ist es derzeit gefühlt unmöglich, als neuer Mieter aufgenommen zu werden. Diese Erkenntnis konnte ich für mich persönlich aus den Interviews mitnehmen. Es wird einem sofort die Hoffnung genommen, schnell eine Wohnung zu finden, da die Verwaltung der HOWOGE auf eine Warteliste verweist. Das kann mitunter daran liegen, dass Lichtenberg nun als attraktiver Wohnort angesehen wird (ca. 2 000 neue Bewohner*innen jedes Jahr). Wenn man wie K. jedoch schon lange Mieterin ist, „lebt man in einer Blase voller Wohnungen, abgeschirmt von dem Wohnungsmangel“ – keine Ängste und keine Sorgen bei der Wohnungssuche. Das wünscht sich auch S.: Er lebt nun mit seiner Freundin seit knapp sieben Jahren in einem Zustand zwischen „wir sind dankbar und wir sind gefangen“ in der Wohnung in Wilmersdorf – „es macht den Anschein, als würde die Zeit stehen bleiben“. „Es gibt keine Entwicklung“, so schildert S. zurzeit seine Wohnungssituation. Ich denke, dies beschreibt den Wohnungsmarkt derzeit ganz gut: Man lebt in seiner „Wohnungsblase“, aus der man nicht ausbrechen mag. Der Gedanke, sich zu vergrößern, aus einer WG auszuziehen und den Schritt zu wagen alleine zu leben, eine Familie zu gründen, einen Neuanfang zu starten etc., lässt einen stagnieren.

Literaturverzeichnis

Berlin Hyp & CBRE (2019): Wohnmarktreport Berlin 2019. Im Internet: https://www.berlinhyp.de/de/media/newsroom/wohnmarktreport2019?file=files/media/corpor ate/newsroom/weiterepublikationen/de/2019/Wohnmarktreport_Berlin_2019.pdf (letzter Zugriff: 24.11.2020).

Brambusch, J. (2017): Immobilienpreise und Mietspiegel: Berlin-Lichtenberg. Im Internet: https://www.capital.de/immobilien-kompass/berlin/lichtenberg (letzter Zugriff: 24.11.2020).

HOWOGE (2017): Pressekonferenz -Neubau und Bestandsentwicklung. Im Internet: https://www.howoge.de/fileadmin/News/April2017/270421_Praesentation_HOWOGE_Neubau_und_ Bestandsentwicklung.pdf , S.14 (letzter Zugriff: 24.11.2020).

Kitzmann, R. (2018): Zurück in die Zukunft!? Die Wiederkehr kommunaler Wohnungspolitik. In: vhw (FWS), H. 3 (2018), S. 162-167.

K. persönliches Interview, Berlin, 28.12.2020, durchgeführt von Jessica Bendt

Müller, B. (2019): Wohnungsmarktreport für 2018 belegt Steigerung trotz Bauboom in Lichtenberg. Im Internet: https://www.berliner-woche.de/lichtenberg/cwirtschaft/wohnungsmarktreport-fuer-2018-belegt-steigerung-trotz-bauboom-inlichtenberg_a205693 (letzter Zugriff: 24.11.2020).

S. persönliches Interview, Berlin, 09.01.2021, durchgeführt von Jessica Bendt

16. Februar 2021 | Veröffentlicht von Jessica Bendt | Kein Kommentar »
Veröffentlicht unter Allgemein, Lichtenberg

Entstehung dieses Blogs

Dieser Blog ist das Ergebnis eines Seminars im Format des Forschenden Lernens am Georg-Simmel-Zentrum der Humboldt Universität im Wintersemester 2020/2021. Unter dem Titel „Wohnungssuche auf dem Berliner Mietmarkt“ und Anleitung von Lisa Jöris haben wir Interviews mit Berliner Mieter*innen durchgeführt und sie zu ihrer persönlichen Erfahrung bei der Suche nach Mietwohnraum in Berlin befragt. Dadurch entstanden Zeugnisse aus unterschiedlichen Bezirken und Epochen. Auf diesem Blog möchten wir unsere Ergebnisse aus diesen (anonymisierten) Interviews nun teilen. Viel Spaß beim Stöbern!

4. Dezember 2020 | Veröffentlicht von joerisli | 1 Kommentar »
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