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„Es war einfach Glück und Zufall!“ – auf Wohnungssuche in Berlin Lichtenberg

Verfasst von Nadja Martin

Bis vor wenigen Jahren gehörte der Bezirk Berlin Lichtenberg zu den eher unattraktiven Stadtteilen Berlins und wurde besonders mit unschönen Plattenbausiedlungen assoziiert. Doch das Erscheinungsbild Lichtenbergs ist viel facettenreicher als viele Berliner annehmen: Neben der Plattenbausiedlungen sind in Alt-Lichtenberg Gründerzeitquartiere zu finden, in Karlshorst existieren noch heute Villenviertel und in Malchow sind weiterhin dörfliche Strukturen zu erkennen. Zudem bietet Lichtenberg eine Vielzahl an Grünflächen, die die Bevölkerung zu Naherholungserlebnissen einlädt (Berlin HYP & CBRE 2019). Durch vergleichsweise niedrige Mietpreise, gewinnt der Bezirk seit einigen Jahren zusehends an Beliebtheit bei der Berliner Bevölkerung, welche vermehrt in die verschiedenen Ortsteile Lichtenbergs zieht (ebenda). So ist ein Zuwachs von stolzen 15,5% zwischen den Jahren 2009 bis 2018 zu verzeichnen, was Lichtenberg nach dem Bezirk Mitte zu dem entwicklungsstärksten Stadtteil Berlins macht (IBB 2019). Die gute öffentliche Verkehrsanbindung an innerstädtische Bereiche stellt außerdem einen bedeutenden Förderfaktor dar. So vermuten Expert*innen mittlerweile besonders im mittleren Mietpreissegment (7,00 bis unter 10,00 EUR/m²) eine hohe Marktanspannung, die sich in den kommenden Jahren, ähnlich wie in den Bezirken Reinickendorf, Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg, zusehends manifestieren wird. Zudem stellen die zahlreichen, bislang ungenutzten Brachflächen Lichtenbergs, die zumeist aus dem Ost-West-Konflikt Berlins resultieren, großes Potenzial für Wohnungsbauprojekte dar. So wird Lichtenberg zukünftig wichtiger Schauplatz stadtentwicklungspolitischer Entscheidungen werden, denn der Stadtentwicklungsplan des Berliner Senats listet bereits heute 32 Standorte in Lichtenberg auf, an denen in den nächsten sieben Jahren bis zu 36.000 Wohnungen entstehen könnten (Berlin HYP & CBRE 2019).


Doch welche Auswirkungen hat dieser Bevölkerungszuwachs wirklich auf eine derzeitige Wohnungssuche in Lichtenberg?

Auf Grund einer anstehenden WG-Auflösung und dem Wunsch mit dem Partner in die erste gemeinsame Wohnung zu ziehen, begab sich meine Interviewpartnerin Simone* im Oktober 2019 auf Wohnungssuche. Simone, die vor sieben Jahren von Brandenburg nach Berlin gezogen ist, war zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre jung und als Vollzeitstudentin an der Alice Salomon Hochschule eingeschrieben. Dort studierte sie Soziale Arbeit und verfolgte eine geringfügig vergütete Nebentätigkeit in der Neuen Chance Berlin in Neukölln – ein Verbund, der sich für betreutes Wohnen engagiert. Da Simone laut verschiedener Wohngenossenschaften kein anrechenbares Einkommen erzielte und zusätzlich für die Finanzierung ihres Studiums BAföG bezog, lösten bereits erste Gedanken bezüglich der Wohnungssuche Stressgefühle sowie Ängste bei Simone aus. Die Wohnungssuche wurde von vornherein als „recht aussichtslos“ empfunden, da sie und ihr Partner schon 2019 den Berliner Wohnungsmarkt als „sehr angespannt“ wahrnahmen. Auf Grund der Tatsache, dass Simone kaum eigenes Einkommen erwarb, einigte sich das Paar darauf, eine Kaltmiete von höchstens 600€ anzustreben. So sollte unter anderem sichergestellt werden, dass es bezüglich der Mietzahlungen zukünftig zu keinem Engpass kommen könne.

Zu Beginn der Wohnungssuche stellte das junge Paar schließlich ein paar Wunschkriterien hinsichtlich der Ausstattung ihres neuen Heims auf. Schnell wurde beiden klar, dass sie Annehmlichkeiten wie einen Balkon sowie eine Badewanne nicht missen möchten und die Wohnung, die als Zweierdomizil dienen sollte, nicht kleiner als 50m² groß sein dürfte. Beginnend suchten beide mit viel Motivation über bundesweite Portale, wie zum Beispiel Immobilienscout oder Immowelt, nach ihrem Traumobjekt. Die erste Resignation ließ jedoch nicht lange auf sich warten, da lediglich zwei Wohnungen in ganz Berlin auf ihre Wunschkriterien zutrafen. Somit sahen die beiden sich gezwungen, ihre Wünsche herunterzuschrauben und in anderen Bezirken zu suchen sowie im Notfall „das zu nehmen, was [sie] kriegen konnten“.
Neben des Mietpreises sowie der Ausstattung der Wohnung stellte die Wohnlage ein weiteres wichtiges Kriterium der beiden dar. Beiden Partnern war es von großer Wichtigkeit weiterhin unweit ihrer ursprünglichen Wohnorte Lichtenberg und Friedrichshain wohnen zu bleiben, was besonders auf freundschaftliche Beziehungen zurückzuführen war. Doch auch die zentrale Lage sowie eine gute Anbindung in die Stadt sowie zur Universität und der Arbeitsstelle waren für beide maßgebend. Der Bezirk Lichtenberg stellte somit einen persönlichen „Wunsch“ beider dar. Simone beschreibt sich rückblickend diesbezüglich flexibler als ihren Partner und hätte sich auch eine dezentralere Lage, wie zum Beispiel Biesdorf oder Kaulsdorf, gut vorstellen können. Natürlich gefiel auch ihr der Gedanke im beliebten Friedrichshain zu wohnen, jedoch sei dieser Bezirk für Simone „gerade unbezahlbar“. Ihr Partner hingegen empfand Lichtenberg oder Friedrichshain als essenzielle Wohnlagen.

Da die Wohnungssuche über Portale wie Immobilienscout erfolglos blieb, suchte das junge Paar von nun an über die Internetseite inberlinwohnen.de, auf der Wohnungsbaugesellschaften direkt ihre Angebote schalteten. Simone habe sich besonders über diese Website „ganz gut aufgestellt gefühlt und hab[e] dort regelmäßig reingeguckt“. Schließlich fixierte sich die Suche besonders auf die Wohngenossenschaft HOWOGE, die zu diesem Zeitpunkt „sehr viele Angebote geschalten [habe]“. Simone begrüßte zudem die Organisation der Besichtigungstermine über HOWOGE. Online war es ihr möglich, ihren Namen sowie ihre E-Mail-Adresse zu hinterlegen und somit einen Besichtigungstermin per E-Mail zugeschickt zu bekommen. Die Realität gestaltete sich jedoch komplizierter, da „alle Menschen, die sich [online] eingetragen haben, EINEN Besichtigungstermin bekommen [hätten]“ und diejenigen, „die am schnellsten auf ‚Teilnehmen‘ gedrückt haben, dann den [Termin] bekommen [hätten]“. Letztendlich empfand Simone diese Organisation doch als eher suboptimal.

Nach einer Suche von ungefähr zwei bis drei Monaten erhielt das Paar schließlich einen Besichtigungstermin in Alt-Friedrichsfelde im Weitlingkiez für eine „absolut bezahlbar[e]“ Wohnung. Die zu erbringende Kaltmiete sollte ungefähr 520€ für insgesamt 54m² Wohnraum betragen, ein Balkon war gegeben und auch die Lage stimmte für beide. Die besichtigte Wohnung löste bei Simone nicht sofortige Euphorie und Heimatgefühle aus, da zum einen keine Badewanne vorhanden war und zum anderen das Domizil sehr renovierungsbedürftig erschien. Dennoch hat das junge Paar die Wohnung „dann einfach genommen und [hat] versucht das beste daraus zu machen“. Sollte sich Simones finanzielle Situation verbessern, wurde ein erneuter Umzug von vornherein nicht ausgeschlossen. Trotz der nicht ganz zufriedenstellenden Wohnung, empfand Simone es als großes „Glück und Zufall, dass [sie] die erste Wohnung, die [sie] besichtigt habe, bekommen [hätten]“.

Im Februar 2020 bezog das Paar schließlich ihre neue Wohnung in ihrem Wunschbezirk Lichtenberg und auch die Einstellung zum neuen Heim änderte sich im Laufe der Zeit. Simone beschreibt ihre derzeitige Wohnsituation als „total“ zufriedenstellend, besonders weil die Wohnung eine für sie ideale Lage habe, günstig sei und sich die Miete durch den Mietendeckel noch einmal um 50€ verringert habe. Auch das Kiezgefühl und die Angebote in ihrer unmittelbaren Umgebung empfindet sie als befriedigend. Ihr Kiez käme ihr sehr familiär vor, was sich besonders in Zeiten der Covid-19 Pandemie bemerkbar gemacht hätte. Bäcker und Bars wurden mit To-Go-Angeboten tatkräftig unterstützt, sodass sich teilweise lange Schlangen vor den Läden bildeten und sich auf den Straßen viele Nachbar*innen versammelten. Diese Art von Zusammenhalt empfände sie besonders in solch schweren Zeiten als bemerkenswert. Zudem schätzt Simone die Ruhe in ihrem Viertel und nimmt den Weitlingkiez durch Autos als wenig befahren wahr. Ihrer Meinung nach „fühlt [es] sich [dort] nicht an wie [in] eine[r] Großstadt“, was sie sehr begrüße.
Einziges Manko, das Simone gerne betonen wolle, ist die Versorgung an Grünflächen, die sie zur Naherholung nutzen wollen würde. Sie habe sich den Kiez viel grüner vorgestellt und empfindet es „tatsächlich [als] echt schwierig [fußläufig] einen schönen Park zu finden“. Die meisten Grünanlagen würden sich zwischen Wohnanlagen befinden und seien für sie wenig attraktiv.

Auch für Simone machen sich bereits erste Veränderungen in Lichtenberg bemerkbar. Besonders ein politischer Wandel sei zu spüren, da es nun „bestimmte Rechts-Rock-Kneipen [gäbe], von denen [sie] auch [wisse]“. Zudem beobachte sie seit geraumer Zeit, dass viele Menschen nach Lichtenberg verdrängt werden, die eigentlich lieber im Stadtkern wohnen wollen würden, was Lichtenberg für sie zu einem Ausweichbezirk mache. Die Umstrukturierung sowie Bebauung vieler Brachflächen sei ihr ebenfalls negativ aufgefallen, da sie vermehrt Neubaukomplexe von der HOWOGE wahrnehme. Aus eigenem Interesse habe sie sich bei einem Neuvermietungsbüro Informationen eingeholt und musste enttäuscht feststellen, dass die Wohnungen „wirklich sehr sehr teuer“ waren. Zudem schloss das Neuvermietungsbüro nach wenigen Monaten, was für sie ein Anzeichen für den starken Zuzug Lichtenbergs darstelle. Nichtsdestotrotz wohne sie weiterhin gerne in ihrem Kiez.


Die (erfolgreiche) Wohnungssuche von Simone und ihrem Freund zeigt gut, dass Lichtenberg ein Bezirk ist, an dem sich der Wohnungsmarkt langsam anzuspannen beginnt. Das Paar musste ungefähr drei Monate nach einer neuen Bleibe Ausschau halten, was Simone als „voll angemessen“ wahrnehme, da andere Paare in Berlin teilweise mehrere Jahre suchen müssten. Der befürchtete Stress bezüglich des Umzugs sowie der Wohnungssuche bewahrheitete sich für sie zwar vollkommen, jedoch hätte sie sich die Wohnungssuche im Vorfeld viel „aussichtslos[er]“ ausgemalt. Zeitgleich wird dennoch ebenfalls gut ersichtlich, dass das Paar einige Abstriche an ihren Wünschen hinnehmen musste und schlussendlich auf eine Wohnung zurückgriff, die zumindest zu Beginn des Mietverhältnisses nicht wirklich ihren Vorstellungen entsprach. Auch in Simones Wahrnehmung machen sich die ausgeprägte Zuwanderung Lichtenbergs sowie eine bauliche Umstrukturierung stark bemerkbar, was sie derzeit jedoch noch nicht als kritisch wahrnehme. Außerdem hätte sie persönlich noch nicht das Gefühl, eine Verdrängung, wie zum Beispiel in Friedrichshain oder Kreuzberg, befürchten zu müssen. Dennoch geht Simone davon aus, sich Berlin bald nicht mehr leisten zu können, da die Mieten besonders in den letzten Jahren enorm gestiegen sind. Sie hoffe, ihre Wohnung erst einmal halten zu können.

*Name auf Grund von Datenschutz geändert

Literaturverzeichnis:


Berlin Hyp & CBRE (2019): Wohnmarktreport Berlin 2019. Im Internet: https://www.berlinhyp.de/de/media/newsroom/wohnmarktreport2019?file=files/media/corpor ate/newsroom/weiterepublikationen/de/2019/Wohnmarktreport_Berlin_2019.pdf (letzter Zugriff: 29.11.2020)

Bezirksamt Lichtenberg von Berlin (2020): https://www.berlin.de/ba-lichtenberg/ueber-den-bezirk/zahlen-und-fakten/#headline_1_7 (letzter Zugriff: 29.11.2020)

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Investitionsbank Berlin (2019): https://www.ibb.de/media/dokumente/publikationen/berliner-wohnungsmarkt/wohnungsmarktbericht/ibb_wohnungsmarktbericht_2019.pdf (letzter Zugriff: 29.11.2020)

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Investitionsbank Berlin (2020): https://www.ibb.de/media/dokumente/publikationen/berliner-wohnungsmarkt/wohnungsbarometer/ibb_wohnungsmarktbarometer_2020.pdf (letzter Zugriff: 24.01.2021)

Simone* persönlich geführtes Interview, Berlin, 16.01.2021, durchgeführt von Nadja Martin

22. Februar 2021 | Veröffentlicht von Nadja Martin
Veröffentlicht unter Lichtenberg

Zwischen Stagnation und Kontinuität

Zwei Fallbeispiele aus Lichtenberg, 2014 und 2017

Verfasst von Jessica Bendt

Einige Jahre wurde Lichtenberg von den Wohnungssuchenden ignoriert. Es war für sein eher wenig schmeichelhaftes Image als trister Stadtteil aus dem Osten mit dem Charme der DDR-Plattenbauten bekannt. Doch dieses Image hat sich im Laufe der Zeit gewandelt (vgl. Brambusch 2017). Die zentrale Lage, die Anbindung an den Friedrichshainer Szenebezirk, die Vielfältigkeit des Bezirks, die Grünanlagen, wie z. B. der Tierpark, oder der Landschaftspark Herzberge und die vorhandenen Freiflächen, die viel Bebauungspotential bieten – all dies habe die Wahrnehmung des Bezirks in der Öffentlichkeit gewandelt (vgl. Berlin HYPE & CBRE 2019). So wird Lichtenberg nun als attraktiver Wohnort angesehen, was sich auch durch die Entwicklung der Mieten und des Zuzuges widerspiegelt. Jährlich wächst Berlin um etwa 40 000 Menschen – Lichtenberg zählt dabei mit jeweils circa 2 000 neuen Bewohner*innen zu den Bezirken mit dem stärksten Zuwachs. Ende 2017 lebten rund 284 000 Menschen in Lichtenberg. Daraus ergab sich auch die für Berlin überdurchschnittliche Bevölkerungsdichte von 5.492 Einwohner*innen pro km² – dabei lebten rund 14 Prozent mehr Bewohner*innen im Bezirk als noch im Jahr 2008 (vgl. Müller 2019). Innerhalb von zwei Jahren (2017 –2019) stiegen die Mietpreise in Lichtenberg um elf Prozent – die Lichtenberger Durchschnittsmieten liegen bei 9,53 Euro pro Quadratmeter (vgl. ebd.). Am preiswertesten wohnt es sich in den Großwohnsiedlungen von Hohenschönhausen und Wartenberg, wo die Mieten noch unter acht Euro pro Quadratmeter liegen. In Karlshorst und Alt-Hohenschönhausen müssen Mieten zwischen zehn und elf Euro pro Quadratmeter gezahlt werden. Zwölf Euro und mehr lassen sich die Mieter an der Rummelsburger Bucht den Quadratmeter kosten (vgl. Berlin HYP & CBRE 2019). Neben diversen Neubauten sowie sanierten Altbauten sind zahlreiche Plattenbauten und einfache Altbauten vorhanden, in denen die Mietkonditionen auch für Haushalte mit mittlerem oder geringem Einkommen erschwinglich sind. Die HOWOGE als kommunale Wohnungsbaugesellschaft ist dabei in Lichtenberg mit 51.099 Wohnungen (Stand Februar 2017) einer der größten Wohnungsanbieter im Bezirk (vgl. HOWOGE 2017). Da die aktuelle Wohnungsmarktsituation in Lichtenberg (wie in ganz Berlin) sehr angespannt ist, begann der Berliner Senat ab 2012 verschiedene Maßnahmen (z. B. „Bündnis für soziale Wohnungspolitik und bezahlbare Mieten“), zusammen mit den sechs eigenen Wohnungsbaugesellschaften umzusetzen, um die Situation zu entspannen (vgl. Kitzmann 2018).

Was bedeuten diese Hintergrundinformationen aber nun für die tatsächliche Wohnungssuche?

2017 beschloss K. (Mitte 30, Schülerin und hochschwanger) mit ihrer achtjährigen Tochter auf Wohnungssuche zu gehen, da sie aufgrund des Familienzuwachses eine größere Wohnung brauchten. Durch die neue Verantwortung, die ein Familienzuwachs mit sich bringt, stellte K. bestimmte Anforderungen an die neue Wohnung (Badewanne, drei Zimmer und max. zweite Etage). Des Weiteren gab es zwei zusätzliche Hürden, die genommen werden mussten: Da wären die achtjährige Tochter, die in Lichtenberg in ihrem gewohnten sozialen Umfeld zur Schule geht und die fortgeschrittene Schwangerschaft. All diese Faktoren könnten jemanden unruhig schlafen lassen, doch K. war sorglos. Dies könnte mitunter daran liegen, dass sie seit knapp zehn Jahren bei der HOWOGE Mieterin ist und vermehrt positive Erfahrungen sammeln konnte. In diesen zehn Jahren ist K. dreimal innerhalb der HOWOGE umgezogen und hat jedes Mal ohne große Probleme eine Wohnung erhalten. Sie war nie Teil einer Massenbesichtigung oder wurde aufgrund ihrer sozialen Stellung (alleinerziehend und BAföG-Empfängerin) benachteiligt. Daher beschloss K., wie die anderen Male zuvor bei einem Wohnungswechsel, die Verwaltung der HOWOGE anzurufen. Sie teilte lediglich ihre Anforderungen an eine Wohnung mit und sagte, dass es aufgrund der Schwangerschaft eilen würde. Es dauerte nicht lange, bis sich die HOWOGE bei K. gemeldet hatte und ihr drei verschiedene Objekte im Raum Lichtenberg angeboten wurden. Sie fand alle drei Wohnungen passabel, jedoch war sie noch nicht ganz zufrieden (Größe der Unterkunft, fehlende Badewanne und falsche Lage) – dies teilte sie der HOWOGE auch so mit. Durch Zufall bekam K. mit, dass in der Wohnsiedlung (aus den 1920 Jahren), in der sie lebte, eine Wohnung frei wurde. Dies erweckte ihre Neugier, da sich die Unterkunft in der ersten Etage befand, was ihr aufgrund des Familienzuwachses sehr entgegenkam. Schlussendlich konnte K. in die Wohnung ihrer Nachbarin einziehen. Sie hatte lediglich die HOWOGE gefragt, ob dies möglich sei. Die Wohnungsbaugesellschaft sagte zu und innerhalb von nicht mal zwei Monaten und drei Wohnungsbesichtigungen hatte K. eine neue Bleibe, wie sie es sich vorgestellt hatte. Ihre Antwort auf meine Frage, ob sie sich auf anderen Plattformen umgeschaut habe und ob sie Sorgen hatte keine Wohnung zu finden, beantwortete sie mit: „Nein, ich habe nur der HOWOGE Bescheid gegeben. Ich wusste ja, dass die sich darum kümmern würden, ich habe auch nicht auf anderen Plattformen geschaut”. Es handelt sich hierbei um eine Wohnung mit 2,5 Zimmern, die rund 68 qm² umfasst. Sie verfügt über ein Badezimmer mit Badewanne und Fenster. Zusätzlich gibt es einen Balkon mit Blick in den Innenhof, indem sich ein Spielplatz und eine große Rasenfläche befinden, die für jeden Anwohner frei zu Verfügung stehen. Die Wohnung liegt eine Station vom Berliner S-Bahn-Ring entfernt (Nöldnerplatz) und hat eine sehr gute Anbindung zum Szenebezirk Friedrichshain, dem Landschaftspark Herzberge und dem Tierpark. Insgesamt muss K. 413,57 Euro kalt für die Wohnung bezahlen und liegt mit 6,08 Euro pro Quadratmeter weit unter den Lichtenberger Durchschnittsmieten von 9,53 Euro pro Quadratmeter (vgl. Berlin HYPE & CBRE 2019).

Als Kontrast zu der Wohnungssuche von K. (2017) möchte ich nun die Erfahrung von S. und seiner Partnerin wiedergeben.

2014 beschloss S. (Anfang 30 und Schüler) aus beruflichen und familiären Gründen mit seiner Lebenspartnerin von Minden nach Berlin zu ziehen. Da S. 2008 schon einmal in Lichtenberg lebte und seine Familie ebendort noch immer lebt, war er von der Idee sehr überzeugt und konnte seine Partnerin in der Entscheidung bestärken, das „sichere Nest“ zu verlassen und einen Neuanfang in der Hauptstadt zu wagen. Er erinnerte sich gerne an die Zeit zurück, als er 2008 in Berlin lebte und erzählte, wie toll es sei, dort zu leben und welch Charme die Unterkünfte besäßen. Als S. sich also dafür entschied, Minden zu verlassen und die Wohnung zu kündigen, war die Zukunft noch unsicher. In Berlin angekommen, lebten die beiden für ca. zwei Monate bei seinem Bruder. Von dort aus wollten sie in Berlin Fuß fassen. Schnell erloscht jedoch die Begeisterung alter Zeiten. S. kann sich noch gut an das Gefühl erinnern: „Ich wurde erschlagen von der Herausforderung, der wir uns nun stellen müssen, um eine Wohnung zu finden“. Immer wieder muss er den Kopf schütteln, wenn er sich daran erinnert. Die ganzen Vorstellungen, die sich die beiden von ihrer neuen Bleibe im Vorfeld gemacht hatten, waren sehr schnell verflogen. Von nun an hieß es nur noch: „Wir müssen einfach irgendwie eine Wohnung finden“. Zuerst probierten sie, in eine Wohnungsbaugesellschaft zu kommen, denn viele Wohnungen wurden online über die HOWOGE angeboten. Aufgrund des fehlenden Einkommens erwies sich dies jedoch als unmöglich. „Sie wollten uns nicht mal zuhören, damit wir erklären konnten, dass wir BAföG bekommen, der Antrag sich lediglich verzögert“, erzählte S. recht aufgebracht. Ihre Suche verlief daher nur noch auf Online-Plattformen wie Immobilienscout 24. Täglich bewarben sie sich auf ca. zehn Annoncen. Wenn sie Glück hatten, bekamen sie eine Absage, doch oft meldete sich überhaupt keiner bei ihnen. Irgendwann entschieden sie sich für eine Woche Abstand von dieser „Hilflosigkeit“ zu nehmen, um ihre neue Heimat einmal zu erkunden. Danach beschlossen sie, sich auf Annoncen telefonisch zu melden, da man mehr „Mensch sein kann“. Diese Methode war etwas erfolgreicher, auch wenn S. diese Anrufe als „unmenschlich“ empfand. Er erinnert sich, wie seine Freundin nach einigen Telefonaten weinen musste und die Welt nicht mehr verstanden habe, wie schwierig es ist, eine Wohnung in Berlin zu finden, obwohl man doch freundlich sei. Irgendwann wurden die beiden für einige Wohnungsbesichtigungen eingeladen. Nach dieser Zeit des Wartens hätten sie jede Wohnung genommen, „egal, wie gespenstisch sie auch gewesen wäre“. Sie merkten, wie sie nach jeder Besichtigung und nach jedem Telefonat „müder“ wurden – es schien hoffnungslos. S. erzählt von ihrer aktuellen Wohnung, die sie durch „Glück“ bekommen hätten: „Wir haben die Wohnung nicht auf Anhieb gefunden und wollten wieder Richtung S-Bahn gehen (da wir die Wohnung eh nicht bekommen hätten), irgendwie haben wir uns überredet und uns zusammengerissen und die Straße gesucht. Nachdem wir die Wohnung gefunden hatten, haben wir geschmunzelt, da sich eine riesen Schlange an Interessenten vor der Wohnungstür sammelte. Naja wenn wir schon mal hier sind, dann besichtigen wir sie“. Die Wohnungsbesichtigung machte der damals aktuelle Mieter. Wir gaben uns keine Mühe, uns „einzuschleimen“, sondern schauten uns die Wohnung an, füllten das Formular aus und gingen wieder.

„Wir hatten eh keine Chance, so war unser Gefühl“. „Der Vermieter interessierte sich jedoch für einige Unterlagen und unsere Situation, weil wir aus Minden kamen“. S. und seine Partnerin wurden also persönlich in die Hausverwaltung eingeladen. Nach diesem Tag blieb die Freundin am Ball und zeigte durch permanent freundliches Nachfragen Interesse an dem Objekt, sodass der Vermieter „nachgab“ und die Wohnung an S. und seine Freundin vermietete. Da die beiden die Hoffnung schon aufgegeben hatten, wussten sie gar nicht, wie ihr zukünftig neues Zuhause aussah. Hatte dieses überhaupt eine Küche, gab es Heizungen, gab es Mängel an der Wohnung? All diese Fragen stellten sie sich, als sie die Zusage hatten, doch es war ihnen egal. Sie waren froh, eine Wohnung zu haben, die sie bezahlen konnten. „Der Rest kommt später, Hauptsache ein Dach über den Kopf“, das war ihr Motto. Die Freude und Sicherheit, dass sie ein neues Zuhause gefunden hatten, war „unbeschreiblich“. Nur wenn man bewusst auf die Bleibe angesprochen würde, die erkenntliche Mängel aufweist, wird einem bewusst, wie „unverschämt“ die Miete und der Zustand sei. Die Wohnung liegt in Wilmersdorf, hat 37 qm², 1,5 Zimmer und kostet 350 Euro kalt – das sind 9,45 Euro pro Quadratmeter. Zusätzlich kommen noch ca. 200 Euro Stromkosten dazu, da die Wohnung über eine Nachtspeicherheizung verfügt. Über Mängel wie den undichten Boden, die undichte Haustür, undichte Fenster und kaltes Wasser im Winter möchte S. erst gar nicht nachdenken. Er ist froh, eine Bleibe zu haben, die sie sich schöngemacht haben. Er meidet absichtlich den Gedanken, denn den beiden ist bewusst, dass sie eigentlich eine bessere Wohnung für diesen Preis bekommen könnten. Sie hatten immer vor, nach Lichtenberg zu ziehen, in die Nähe seiner Familie. Doch dies ist einfach „kein schöner Gedanke“, sich noch mal dem Wohnungsmarkt auszuliefern und wird so gut es geht ignoriert.

Aus dem Interview mit Rückschluss auf die Wohnungssituation in Lichtenberg 2017 zeigt sich, dass die kommunale Wohnungsbaugesellschaft für Haushalte mit mittlerem oder geringem Einkommen erschwinglich ist. Jedoch ist es derzeit gefühlt unmöglich, als neuer Mieter aufgenommen zu werden. Diese Erkenntnis konnte ich für mich persönlich aus den Interviews mitnehmen. Es wird einem sofort die Hoffnung genommen, schnell eine Wohnung zu finden, da die Verwaltung der HOWOGE auf eine Warteliste verweist. Das kann mitunter daran liegen, dass Lichtenberg nun als attraktiver Wohnort angesehen wird (ca. 2 000 neue Bewohner*innen jedes Jahr). Wenn man wie K. jedoch schon lange Mieterin ist, „lebt man in einer Blase voller Wohnungen, abgeschirmt von dem Wohnungsmangel“ – keine Ängste und keine Sorgen bei der Wohnungssuche. Das wünscht sich auch S.: Er lebt nun mit seiner Freundin seit knapp sieben Jahren in einem Zustand zwischen „wir sind dankbar und wir sind gefangen“ in der Wohnung in Wilmersdorf – „es macht den Anschein, als würde die Zeit stehen bleiben“. „Es gibt keine Entwicklung“, so schildert S. zurzeit seine Wohnungssituation. Ich denke, dies beschreibt den Wohnungsmarkt derzeit ganz gut: Man lebt in seiner „Wohnungsblase“, aus der man nicht ausbrechen mag. Der Gedanke, sich zu vergrößern, aus einer WG auszuziehen und den Schritt zu wagen alleine zu leben, eine Familie zu gründen, einen Neuanfang zu starten etc., lässt einen stagnieren.

Literaturverzeichnis

Berlin Hyp & CBRE (2019): Wohnmarktreport Berlin 2019. Im Internet: https://www.berlinhyp.de/de/media/newsroom/wohnmarktreport2019?file=files/media/corpor ate/newsroom/weiterepublikationen/de/2019/Wohnmarktreport_Berlin_2019.pdf (letzter Zugriff: 24.11.2020).

Brambusch, J. (2017): Immobilienpreise und Mietspiegel: Berlin-Lichtenberg. Im Internet: https://www.capital.de/immobilien-kompass/berlin/lichtenberg (letzter Zugriff: 24.11.2020).

HOWOGE (2017): Pressekonferenz -Neubau und Bestandsentwicklung. Im Internet: https://www.howoge.de/fileadmin/News/April2017/270421_Praesentation_HOWOGE_Neubau_und_ Bestandsentwicklung.pdf , S.14 (letzter Zugriff: 24.11.2020).

Kitzmann, R. (2018): Zurück in die Zukunft!? Die Wiederkehr kommunaler Wohnungspolitik. In: vhw (FWS), H. 3 (2018), S. 162-167.

K. persönliches Interview, Berlin, 28.12.2020, durchgeführt von Jessica Bendt

Müller, B. (2019): Wohnungsmarktreport für 2018 belegt Steigerung trotz Bauboom in Lichtenberg. Im Internet: https://www.berliner-woche.de/lichtenberg/cwirtschaft/wohnungsmarktreport-fuer-2018-belegt-steigerung-trotz-bauboom-inlichtenberg_a205693 (letzter Zugriff: 24.11.2020).

S. persönliches Interview, Berlin, 09.01.2021, durchgeführt von Jessica Bendt

16. Februar 2021 | Veröffentlicht von Jessica Bendt | Kein Kommentar »
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