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Zwischen Stagnation und Kontinuität

Zwei Fallbeispiele aus Lichtenberg, 2014 und 2017

Verfasst von Jessica Bendt

Einige Jahre wurde Lichtenberg von den Wohnungssuchenden ignoriert. Es war für sein eher wenig schmeichelhaftes Image als trister Stadtteil aus dem Osten mit dem Charme der DDR-Plattenbauten bekannt. Doch dieses Image hat sich im Laufe der Zeit gewandelt (vgl. Brambusch 2017). Die zentrale Lage, die Anbindung an den Friedrichshainer Szenebezirk, die Vielfältigkeit des Bezirks, die Grünanlagen, wie z. B. der Tierpark, oder der Landschaftspark Herzberge und die vorhandenen Freiflächen, die viel Bebauungspotential bieten – all dies habe die Wahrnehmung des Bezirks in der Öffentlichkeit gewandelt (vgl. Berlin HYPE & CBRE 2019). So wird Lichtenberg nun als attraktiver Wohnort angesehen, was sich auch durch die Entwicklung der Mieten und des Zuzuges widerspiegelt. Jährlich wächst Berlin um etwa 40 000 Menschen – Lichtenberg zählt dabei mit jeweils circa 2 000 neuen Bewohner*innen zu den Bezirken mit dem stärksten Zuwachs. Ende 2017 lebten rund 284 000 Menschen in Lichtenberg. Daraus ergab sich auch die für Berlin überdurchschnittliche Bevölkerungsdichte von 5.492 Einwohner*innen pro km² – dabei lebten rund 14 Prozent mehr Bewohner*innen im Bezirk als noch im Jahr 2008 (vgl. Müller 2019). Innerhalb von zwei Jahren (2017 –2019) stiegen die Mietpreise in Lichtenberg um elf Prozent – die Lichtenberger Durchschnittsmieten liegen bei 9,53 Euro pro Quadratmeter (vgl. ebd.). Am preiswertesten wohnt es sich in den Großwohnsiedlungen von Hohenschönhausen und Wartenberg, wo die Mieten noch unter acht Euro pro Quadratmeter liegen. In Karlshorst und Alt-Hohenschönhausen müssen Mieten zwischen zehn und elf Euro pro Quadratmeter gezahlt werden. Zwölf Euro und mehr lassen sich die Mieter an der Rummelsburger Bucht den Quadratmeter kosten (vgl. Berlin HYP & CBRE 2019). Neben diversen Neubauten sowie sanierten Altbauten sind zahlreiche Plattenbauten und einfache Altbauten vorhanden, in denen die Mietkonditionen auch für Haushalte mit mittlerem oder geringem Einkommen erschwinglich sind. Die HOWOGE als kommunale Wohnungsbaugesellschaft ist dabei in Lichtenberg mit 51.099 Wohnungen (Stand Februar 2017) einer der größten Wohnungsanbieter im Bezirk (vgl. HOWOGE 2017). Da die aktuelle Wohnungsmarktsituation in Lichtenberg (wie in ganz Berlin) sehr angespannt ist, begann der Berliner Senat ab 2012 verschiedene Maßnahmen (z. B. „Bündnis für soziale Wohnungspolitik und bezahlbare Mieten“), zusammen mit den sechs eigenen Wohnungsbaugesellschaften umzusetzen, um die Situation zu entspannen (vgl. Kitzmann 2018).

Was bedeuten diese Hintergrundinformationen aber nun für die tatsächliche Wohnungssuche?

2017 beschloss K. (Mitte 30, Schülerin und hochschwanger) mit ihrer achtjährigen Tochter auf Wohnungssuche zu gehen, da sie aufgrund des Familienzuwachses eine größere Wohnung brauchten. Durch die neue Verantwortung, die ein Familienzuwachs mit sich bringt, stellte K. bestimmte Anforderungen an die neue Wohnung (Badewanne, drei Zimmer und max. zweite Etage). Des Weiteren gab es zwei zusätzliche Hürden, die genommen werden mussten: Da wären die achtjährige Tochter, die in Lichtenberg in ihrem gewohnten sozialen Umfeld zur Schule geht und die fortgeschrittene Schwangerschaft. All diese Faktoren könnten jemanden unruhig schlafen lassen, doch K. war sorglos. Dies könnte mitunter daran liegen, dass sie seit knapp zehn Jahren bei der HOWOGE Mieterin ist und vermehrt positive Erfahrungen sammeln konnte. In diesen zehn Jahren ist K. dreimal innerhalb der HOWOGE umgezogen und hat jedes Mal ohne große Probleme eine Wohnung erhalten. Sie war nie Teil einer Massenbesichtigung oder wurde aufgrund ihrer sozialen Stellung (alleinerziehend und BAföG-Empfängerin) benachteiligt. Daher beschloss K., wie die anderen Male zuvor bei einem Wohnungswechsel, die Verwaltung der HOWOGE anzurufen. Sie teilte lediglich ihre Anforderungen an eine Wohnung mit und sagte, dass es aufgrund der Schwangerschaft eilen würde. Es dauerte nicht lange, bis sich die HOWOGE bei K. gemeldet hatte und ihr drei verschiedene Objekte im Raum Lichtenberg angeboten wurden. Sie fand alle drei Wohnungen passabel, jedoch war sie noch nicht ganz zufrieden (Größe der Unterkunft, fehlende Badewanne und falsche Lage) – dies teilte sie der HOWOGE auch so mit. Durch Zufall bekam K. mit, dass in der Wohnsiedlung (aus den 1920 Jahren), in der sie lebte, eine Wohnung frei wurde. Dies erweckte ihre Neugier, da sich die Unterkunft in der ersten Etage befand, was ihr aufgrund des Familienzuwachses sehr entgegenkam. Schlussendlich konnte K. in die Wohnung ihrer Nachbarin einziehen. Sie hatte lediglich die HOWOGE gefragt, ob dies möglich sei. Die Wohnungsbaugesellschaft sagte zu und innerhalb von nicht mal zwei Monaten und drei Wohnungsbesichtigungen hatte K. eine neue Bleibe, wie sie es sich vorgestellt hatte. Ihre Antwort auf meine Frage, ob sie sich auf anderen Plattformen umgeschaut habe und ob sie Sorgen hatte keine Wohnung zu finden, beantwortete sie mit: „Nein, ich habe nur der HOWOGE Bescheid gegeben. Ich wusste ja, dass die sich darum kümmern würden, ich habe auch nicht auf anderen Plattformen geschaut”. Es handelt sich hierbei um eine Wohnung mit 2,5 Zimmern, die rund 68 qm² umfasst. Sie verfügt über ein Badezimmer mit Badewanne und Fenster. Zusätzlich gibt es einen Balkon mit Blick in den Innenhof, indem sich ein Spielplatz und eine große Rasenfläche befinden, die für jeden Anwohner frei zu Verfügung stehen. Die Wohnung liegt eine Station vom Berliner S-Bahn-Ring entfernt (Nöldnerplatz) und hat eine sehr gute Anbindung zum Szenebezirk Friedrichshain, dem Landschaftspark Herzberge und dem Tierpark. Insgesamt muss K. 413,57 Euro kalt für die Wohnung bezahlen und liegt mit 6,08 Euro pro Quadratmeter weit unter den Lichtenberger Durchschnittsmieten von 9,53 Euro pro Quadratmeter (vgl. Berlin HYPE & CBRE 2019).

Als Kontrast zu der Wohnungssuche von K. (2017) möchte ich nun die Erfahrung von S. und seiner Partnerin wiedergeben.

2014 beschloss S. (Anfang 30 und Schüler) aus beruflichen und familiären Gründen mit seiner Lebenspartnerin von Minden nach Berlin zu ziehen. Da S. 2008 schon einmal in Lichtenberg lebte und seine Familie ebendort noch immer lebt, war er von der Idee sehr überzeugt und konnte seine Partnerin in der Entscheidung bestärken, das „sichere Nest“ zu verlassen und einen Neuanfang in der Hauptstadt zu wagen. Er erinnerte sich gerne an die Zeit zurück, als er 2008 in Berlin lebte und erzählte, wie toll es sei, dort zu leben und welch Charme die Unterkünfte besäßen. Als S. sich also dafür entschied, Minden zu verlassen und die Wohnung zu kündigen, war die Zukunft noch unsicher. In Berlin angekommen, lebten die beiden für ca. zwei Monate bei seinem Bruder. Von dort aus wollten sie in Berlin Fuß fassen. Schnell erloscht jedoch die Begeisterung alter Zeiten. S. kann sich noch gut an das Gefühl erinnern: „Ich wurde erschlagen von der Herausforderung, der wir uns nun stellen müssen, um eine Wohnung zu finden“. Immer wieder muss er den Kopf schütteln, wenn er sich daran erinnert. Die ganzen Vorstellungen, die sich die beiden von ihrer neuen Bleibe im Vorfeld gemacht hatten, waren sehr schnell verflogen. Von nun an hieß es nur noch: „Wir müssen einfach irgendwie eine Wohnung finden“. Zuerst probierten sie, in eine Wohnungsbaugesellschaft zu kommen, denn viele Wohnungen wurden online über die HOWOGE angeboten. Aufgrund des fehlenden Einkommens erwies sich dies jedoch als unmöglich. „Sie wollten uns nicht mal zuhören, damit wir erklären konnten, dass wir BAföG bekommen, der Antrag sich lediglich verzögert“, erzählte S. recht aufgebracht. Ihre Suche verlief daher nur noch auf Online-Plattformen wie Immobilienscout 24. Täglich bewarben sie sich auf ca. zehn Annoncen. Wenn sie Glück hatten, bekamen sie eine Absage, doch oft meldete sich überhaupt keiner bei ihnen. Irgendwann entschieden sie sich für eine Woche Abstand von dieser „Hilflosigkeit“ zu nehmen, um ihre neue Heimat einmal zu erkunden. Danach beschlossen sie, sich auf Annoncen telefonisch zu melden, da man mehr „Mensch sein kann“. Diese Methode war etwas erfolgreicher, auch wenn S. diese Anrufe als „unmenschlich“ empfand. Er erinnert sich, wie seine Freundin nach einigen Telefonaten weinen musste und die Welt nicht mehr verstanden habe, wie schwierig es ist, eine Wohnung in Berlin zu finden, obwohl man doch freundlich sei. Irgendwann wurden die beiden für einige Wohnungsbesichtigungen eingeladen. Nach dieser Zeit des Wartens hätten sie jede Wohnung genommen, „egal, wie gespenstisch sie auch gewesen wäre“. Sie merkten, wie sie nach jeder Besichtigung und nach jedem Telefonat „müder“ wurden – es schien hoffnungslos. S. erzählt von ihrer aktuellen Wohnung, die sie durch „Glück“ bekommen hätten: „Wir haben die Wohnung nicht auf Anhieb gefunden und wollten wieder Richtung S-Bahn gehen (da wir die Wohnung eh nicht bekommen hätten), irgendwie haben wir uns überredet und uns zusammengerissen und die Straße gesucht. Nachdem wir die Wohnung gefunden hatten, haben wir geschmunzelt, da sich eine riesen Schlange an Interessenten vor der Wohnungstür sammelte. Naja wenn wir schon mal hier sind, dann besichtigen wir sie“. Die Wohnungsbesichtigung machte der damals aktuelle Mieter. Wir gaben uns keine Mühe, uns „einzuschleimen“, sondern schauten uns die Wohnung an, füllten das Formular aus und gingen wieder.

„Wir hatten eh keine Chance, so war unser Gefühl“. „Der Vermieter interessierte sich jedoch für einige Unterlagen und unsere Situation, weil wir aus Minden kamen“. S. und seine Partnerin wurden also persönlich in die Hausverwaltung eingeladen. Nach diesem Tag blieb die Freundin am Ball und zeigte durch permanent freundliches Nachfragen Interesse an dem Objekt, sodass der Vermieter „nachgab“ und die Wohnung an S. und seine Freundin vermietete. Da die beiden die Hoffnung schon aufgegeben hatten, wussten sie gar nicht, wie ihr zukünftig neues Zuhause aussah. Hatte dieses überhaupt eine Küche, gab es Heizungen, gab es Mängel an der Wohnung? All diese Fragen stellten sie sich, als sie die Zusage hatten, doch es war ihnen egal. Sie waren froh, eine Wohnung zu haben, die sie bezahlen konnten. „Der Rest kommt später, Hauptsache ein Dach über den Kopf“, das war ihr Motto. Die Freude und Sicherheit, dass sie ein neues Zuhause gefunden hatten, war „unbeschreiblich“. Nur wenn man bewusst auf die Bleibe angesprochen würde, die erkenntliche Mängel aufweist, wird einem bewusst, wie „unverschämt“ die Miete und der Zustand sei. Die Wohnung liegt in Wilmersdorf, hat 37 qm², 1,5 Zimmer und kostet 350 Euro kalt – das sind 9,45 Euro pro Quadratmeter. Zusätzlich kommen noch ca. 200 Euro Stromkosten dazu, da die Wohnung über eine Nachtspeicherheizung verfügt. Über Mängel wie den undichten Boden, die undichte Haustür, undichte Fenster und kaltes Wasser im Winter möchte S. erst gar nicht nachdenken. Er ist froh, eine Bleibe zu haben, die sie sich schöngemacht haben. Er meidet absichtlich den Gedanken, denn den beiden ist bewusst, dass sie eigentlich eine bessere Wohnung für diesen Preis bekommen könnten. Sie hatten immer vor, nach Lichtenberg zu ziehen, in die Nähe seiner Familie. Doch dies ist einfach „kein schöner Gedanke“, sich noch mal dem Wohnungsmarkt auszuliefern und wird so gut es geht ignoriert.

Aus dem Interview mit Rückschluss auf die Wohnungssituation in Lichtenberg 2017 zeigt sich, dass die kommunale Wohnungsbaugesellschaft für Haushalte mit mittlerem oder geringem Einkommen erschwinglich ist. Jedoch ist es derzeit gefühlt unmöglich, als neuer Mieter aufgenommen zu werden. Diese Erkenntnis konnte ich für mich persönlich aus den Interviews mitnehmen. Es wird einem sofort die Hoffnung genommen, schnell eine Wohnung zu finden, da die Verwaltung der HOWOGE auf eine Warteliste verweist. Das kann mitunter daran liegen, dass Lichtenberg nun als attraktiver Wohnort angesehen wird (ca. 2 000 neue Bewohner*innen jedes Jahr). Wenn man wie K. jedoch schon lange Mieterin ist, „lebt man in einer Blase voller Wohnungen, abgeschirmt von dem Wohnungsmangel“ – keine Ängste und keine Sorgen bei der Wohnungssuche. Das wünscht sich auch S.: Er lebt nun mit seiner Freundin seit knapp sieben Jahren in einem Zustand zwischen „wir sind dankbar und wir sind gefangen“ in der Wohnung in Wilmersdorf – „es macht den Anschein, als würde die Zeit stehen bleiben“. „Es gibt keine Entwicklung“, so schildert S. zurzeit seine Wohnungssituation. Ich denke, dies beschreibt den Wohnungsmarkt derzeit ganz gut: Man lebt in seiner „Wohnungsblase“, aus der man nicht ausbrechen mag. Der Gedanke, sich zu vergrößern, aus einer WG auszuziehen und den Schritt zu wagen alleine zu leben, eine Familie zu gründen, einen Neuanfang zu starten etc., lässt einen stagnieren.

Literaturverzeichnis

Berlin Hyp & CBRE (2019): Wohnmarktreport Berlin 2019. Im Internet: https://www.berlinhyp.de/de/media/newsroom/wohnmarktreport2019?file=files/media/corpor ate/newsroom/weiterepublikationen/de/2019/Wohnmarktreport_Berlin_2019.pdf (letzter Zugriff: 24.11.2020).

Brambusch, J. (2017): Immobilienpreise und Mietspiegel: Berlin-Lichtenberg. Im Internet: https://www.capital.de/immobilien-kompass/berlin/lichtenberg (letzter Zugriff: 24.11.2020).

HOWOGE (2017): Pressekonferenz -Neubau und Bestandsentwicklung. Im Internet: https://www.howoge.de/fileadmin/News/April2017/270421_Praesentation_HOWOGE_Neubau_und_ Bestandsentwicklung.pdf , S.14 (letzter Zugriff: 24.11.2020).

Kitzmann, R. (2018): Zurück in die Zukunft!? Die Wiederkehr kommunaler Wohnungspolitik. In: vhw (FWS), H. 3 (2018), S. 162-167.

K. persönliches Interview, Berlin, 28.12.2020, durchgeführt von Jessica Bendt

Müller, B. (2019): Wohnungsmarktreport für 2018 belegt Steigerung trotz Bauboom in Lichtenberg. Im Internet: https://www.berliner-woche.de/lichtenberg/cwirtschaft/wohnungsmarktreport-fuer-2018-belegt-steigerung-trotz-bauboom-inlichtenberg_a205693 (letzter Zugriff: 24.11.2020).

S. persönliches Interview, Berlin, 09.01.2021, durchgeführt von Jessica Bendt

16. Februar 2021 | Veröffentlicht von Jessica Bendt | Kein Kommentar »
Veröffentlicht unter Allgemein, Lichtenberg