Lesen und Fragen in den MINT-Fächern

Am 30.09.2015 hielt Prof. Dr. Andreas Faatz auf der Lehr-Lern-Konferenz der FH Osnabrück einen Vortrag über das „Lesen formaler Texte in den MINT-Fächern“. Eine Zusammenfassung:

Prof. Faatz hat in seinen Mathematikvorlesungen folgendes Konzept konsequent ausprobiert. Die Student_innen bekommen ca. 10 mal pro Semester einen Schwung Seiten zum jeweils aktuellen Stoff per Mail von der Dozent_in zugesendet. Diese sollen in der jeweiligen Woche gelesen werden und auf deren Grundlage sollen noch in jener Woche insgesamt ca. 10 Fragen bei der Dozent_in per Mail eingehen. Das heißt, nicht jede_r Einzelne ist zum Nachdenken und Fragenstellen angeregt, sondern das Kollektiv! Faatz stellt überdies die Bedingung, dass die Fragen nicht zu leicht sein dürfen. Es muss klar werden, dass sich die Student_in Gedanken gemacht und intensiv mit dem Stoff auseinandergesetzt hat. Die Dozent_in beantwortet ca. ein Drittel der Fragen per Mail. Der Rest der Fragen wird gebündelt und in der Vorlesung kollektiv beantwortet. Ansonsten wird auch weiterhin Input in der Vorlesung vermittelt. Insgesamt erhöht sich also der Anteil des aktiven bzw. interaktiven Lernens im Rahmen der Lehrveranstaltung, was modernen Erkenntnissen der Lernpsychologie entgegen kommt.
Die Fragen werden nicht bewertet. Nur die Klausur zählt für die Note, die die Student_innen am Ende des Semesters bekommen.
Zusätzlich stellt Faatz folgende Rahmenbedingungen auf:

  • Wenn keine Fragen gestellt werden, wird der Stoff des zu lesenden Stoffs nicht noch einmal in der Vorlesung wiederholt, denn dann muss man ja davon ausgehen, dass alle alles so gut verstanden haben, dass keine Fragen offen blieben. Das heißt die Studis können durch die Anzahl der Fragen das Tempo der Vorlesung bestimmen.
  • Wenn die geforderten 10 Fragen bei der Dozent_in eingehen, dann werden sich Teile der Klausur an den gestellten Fragen orientieren (Schwierigkeitsgrad, Umfang, …).

Für Faatz hat es sich als sinnvoll erwiesen, aus den Emails die explizite und die impliziten Fragen herauszulesen und diese explizit als solche zu beantworten. Dadurch lernen die Student_innen, wie man ausreichend konkrete Fragen stellt.
Die Nutzung der Fragen in der Vorlesung kann ganz verschieden gestaltet werden. Z.B. kann man vier Fragen vorstellen und fragen, welche von diesen die leichteste ist. Anhand dessen kann man auch klarmachen, was man als zu leichte Fragen erachtet. Es sollen ja auch die Kompetenzen vermittelt werden, die eigene Fähigkeit, sich selbst Fragen zu beantworten, auszuschöpfen und wissenschaftlich wertvoll kommunizieren zu können.

Faatz hat im Vergleich zu seinen vorher konventionell gehaltenen Vorlesungen folgende Erfahrungen gemacht:

  • Konzeptionelle Fragen können von den Studierenden besser beantwortet werden.
  • Das Konzept kommt gut bei den Student_innen an.
  • Bei gleichbleibender Zahl an zu lesenden Seiten aber höherer Anzahl an Veranstaltungen pro Woche steigt die Rate an Fragen, die bei der Dozent_in eingehen.
  • Speziell in Mathematik sinkt die Gefahr von „Kochrezept-Lernen“ (Student_innen können nach der Vorlesung zwar rechnen, haben aber nur wenig vom tatsächlichen Stoff samt Zusammenhängen mitgenommen)
  • Die individuelle Interaktion mit der Dozent_in steigt, man lernt sich kennen.
  • Als Dozent_in hat man mit ca. 50 Fragen pro Semester zu rechnen.
  • Wünsche von Seiten der Studierenden: Noch mehr ins Detail gehen, was eine „gute“ Frage ist und die Möglichkeit der Selbstevaluation für zuhause.
2. Dezember 2015 | Veröffentlicht von Konstantin Krenz
Veröffentlicht unter News und Erfahrungen

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