Erfahrungen mit digitalen Medien in der Hochschullehre von Jörn Loviscach

Am 12. November 2015 richtete der „Berliner Mathematische Gesellschaft e.V.“ (BMG) den ersten BMG-Tag aus unter dem Titel „Spaßfaktor Mathematik!?“. Neben Prof. Dr. Norbert Henze war auch Prof. Dr. Jörn Loviscach vertreten, der einen Vortrag über seine Erfahrungen mit digitalen Medien in der Hochschullehre hielt. Dieser Vortrag soll hier einmal kritisch zusammengefasst werden.

Zunächst kritisierte Loviscach die Aufmachung vieler Bücher und Videos, die derzeit in der Hochschullehre kursieren. Ihr oftmals perfektionistischer und eleganter Charakter zementiert das alte Bild der Wissenskluft zwischen Dozent_in und Lerner_in. Das wirke abschreckend auf viele Studierende und trage nicht grundsätzlich zu höherem Verständnis bei. Eben auf Verständnis, Begründungen, Ideen und Konzepte komme es an und diese kommen auch seiner Erfahrungen nach bei den Studierenden an. Weiter sei auch Überblickswissen in Form von Querverweisen, historischen Einbettungen, Verweise auf zugehörige Debatten in der Literatur etc. wichtig. Ebenso die Vernetzung von Wissen: Was ist ähnlich? Was weicht ab?

Im Grunde sprach sich Loviscach für Reduktion aus. Weg von übervollem Detailwissen, hin zum Erfassen von Strukturen und Konzepten, wobei die Details ggf. danach eingeführt werden können. Hierbei können Lehrvideos eine Hilfestellung sein. Er selbst lasse sich für Visualisierung von Informationen z.B. von Comics inspirieren: Speedlines für Bewegungen, Schatten für Schweben, Glanzstriche zum Hervorheben. Als Literaturempfehlung gab er „Multimedia Learning“ von Mayer an. Direkt zum Aufnehmen von Videos rät er dazu, frei zu sprechen, ja sogar, wenn möglich, zu improvisieren, da das einen freundlicheren und offenen Charakter hat. Die Fehler, die dabei passieren, helfen dabei die Kluft zwischen Dozent_in und Student_in zu schließen. Am besten soll man die Aufnahmen vor Publikum machen. Das mache einen selbst konzentrierter, die Präsentation authentischer und das Publikum korrigiere viele der Fehler.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Illusionen in der Hochschullehre. Man sollte sich zum einen als Dozent_in einer Reihe von Effekten bewusst sein: Dem Hawthorne-Effekt, dem Neuheitseffekt (der Einsatz neuer Medien kann kurzfristig durch deren Neuheit begünstigt werden) und dem Dunning-Kruger-Effekt (schwache Leistungen gehen mit größerer Selbstüberschätzung einher). Zum anderen sprach er einige oftmalige Irrtümer an: Schnelles Lernen sei häufig nicht nachhaltig (vgl. „desirable difficulties“ von R.Bjork); das Frontal-Format wirke so, als ob die Dozent_in lehrt und die Student_innen lernen; eine jede Lehrmethode wirke für irgendjemanden schlecht, man könne nicht immer alle begeistern. Weiter sehen sich viele Studierende einem gefühlten Zeitmangel gegenüber. Dem hielt Loviscach eine Studie von R. Schulmeister entgegen, die besagt, dass die Studierenden im Schnitt nur 25 Stunden pro Woche in ihr Studium investieren. So als ob man den Studierenden deshalb ruhig einen höheren Workload zumuten könne. Was Loviscach hierbei übersieht ist, dass ein Großteil der Studierenden erwerbstätig ist: Briedis kam 2007 darauf, dass 96% der Bachelorstudent_innen in ihrem Studium erwerbstätig waren, 40-50% arbeiteten durchweg. Das Berliner Studentenwerk zeigte 2010, dass die erwerbstätigen Student_innen durchschnittlich 14 Stunden in der Woche arbeiteten. An der Universität Hildesheim hatten 2013 5% der Student_innen ein Kind unter 14 Jahren. Hinzu kommen Ehrenamt, Freunde, Familie und vielleicht will man auch noch ein bisschen Zeit für sich haben.

Zuletzt sprach sich Loviscach für neue Lernformen aus, wie z.B. Capira (Eine Plattform zum Erstellen von Lehrvideos mit interaktiven Inhalten wie Fragen etc.) und Cognitive Apprenticeship, und lobte auch alte Bekannte, wie die unscharfen Aufgaben, welche sich dadurch auszeichnen, dass sie offen und nicht eindeutig sind oder sich auf konkurrierende Modelle beziehen.

14. Januar 2016 | Veröffentlicht von Konstantin Krenz
Veröffentlicht unter News und Erfahrungen

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