Archiv für September 2026

26. Internationales Literaturfestival Berlin

„This Be The Beat“ – Ein Abend zwischen Gedicht, Rhythmus und Sound-Improvisation

Nadja-Christina Schneider

Lyriker:innen müssen nicht zugleich begnadete Performer:innen, Spoken Word-Künstler:innen oder Rapper:innen sein. Beim Abschluss des Curator in Residence-Programms zeigte sich jedoch, wie beglückend es sein kann, wenn all diese Talente in vier Künstler:innen und drei Musikern auf einer gemeinsamen Bühne zusammenkommen.

Unter dem Titel This Be The Beat brachte Kurator Jeet Thayil Tishani Doshi, Anthony Joseph, Omar Musa und sich selbst auf die Bühne. In wechselnden Konstellationen traten sie einzeln und miteinander auf, antworteten aufeinander und ließen aus Sprache, Rhythmus und Improvisation eine gemeinsame Performance entstehen. Begleitet wurden sie von der ILB House Band, die auch an diesem Abend in leicht veränderter Besetzung mit großer musikalischer Aufmerksamkeit hervorragend spielte, begleitete und improvisierte.

(c) Aufnahme aus dem Livestream der Veranstaltung auf YouTube

Omar Musa widmete sich in seiner starken Performance den Themen Klima und Umwelt. Seine Texte verbanden ökologische Bedrohungen infolge kolonialer Ausbeutung und Gewalt mit Fragen nach Verantwortung, Widerspruch und Zusammenhalt.

Fierceland – Roman von Omar Musa (2025)

After many years abroad, Roz and Harun return to Malaysian Borneo for the funeral of their father Yusuf – and to reckon with their inheritance. A renowned palm-oil baron during Malaysia’s economic rise, Yusuf built the family’s immense wealth by destroying huge tracts of rainforest. What his children know is that he was also responsible for the violent disappearance of a man who stood in his way.

Harun has become a successful tech entrepreneur in Los Angeles, Roz is an artist struggling to stay afloat in Sydney. Now they want to return something their father stole from the forests of their homeland. In their quest for redemption they grapple with the legacy of power and corruption, dreamers and exiles, thugs and zealots. Most dangerous of all, they are haunted – by the ghosts of colonialism, the ghosts of family, the ghosts of language, and the ghosts of the forest itself.

A trailblazing journey across the globe, Fierceland weaves the past and the present into an emotionally powerful family saga that plays out at a mythical scale. https://www.penguin.sg/book/fierceland/

Tishani Doshis eingängig präsentiertes Gedicht „Poem for a Stranger in a Time of War“, richtet sich ausgehend von Bildern des Verlusts und der Entfremdung an ein Gegenüber, das zugleich fremd und vertraut erscheint: „Dear stranger, it was so nice before the war.“ Zwischen Kriegserfahrung, Erinnerung und der Hoffnung auf eine gemeinsame menschliche Zukunft entsteht ein eindringlicher Appell, sich an frühere Momente des Glücks zu erinnern und diese Erinnerung vielleicht sogar als etwas Lebensrettendes weiterzugeben.

Poem For a Stranger in a Time of War

We left the city and found at the gates

a prescription with your name on it.

We took the metro to the beach

and on the shore, we saw

a row of your teeth.

Dear stranger, it was so nice

before the war. We read letters

at the breakfast table while one of us

stood with a bayonet at the door.

Now we are forced into uniforms

to die on beds of arrows. The cafés

are deserted but from the trenches

we can still hear David Bowie sing

Never let me down, and it’s 1987.

I’m curious, did you ever have a moustache?

Did you stop believing love would arrive

like a grand railway collision? Dear stranger,

we may be fighting cousins, but try

to remember a time of happiness.

In a garden, say, with the sweetness

of pomegranate bursting in your throat.

All your dogs on the grass—even the lost

ones—panting with the hard breath

of a morning walk. Or a late February evening

with your father, banging kitchen vessels

down the street, to chase out winter

and welcome spring, sounding the air

with tiny detonations. You were a child.

How the world filled you then. How it fills

you now, whispering from behind the line

of silver birches, Just get out, just go.

I have robbed these memories and I give

them to you, dear stranger. Take them.

They may save your life. https://redroompoetry.org/poets/tishani-doshi/poem-stranger-time-war/

Anthony Joseph präsentierte mit The Ark eine musikalisch-rhythmische Performance, in der sich Namen, Erinnerungen und kulturelle Bezugspunkte zu einem vielstimmigen poetischen Archiv verbanden.

https://www.youtube.com/watch?v=Q108JdHbhaE

Jeet Thayil wiederum setzte mit seiner Praise…-Performance einen besonderen Schlusspunkt vor dem nachfolgenden gemeinsamen Auftritt der vier beeindruckenden Künstler:innen. Sein Lobgesang galt – nun, im Grunde nahezu allem in dieser Welt und – nicht zuletzt der Musik, den Dichter:inn en und all den Menschen, die diesen sehr besonderen Abend möglich gemacht hatten.

How to Be a Leaf von Jeet Thayil

Hold your breath until
you are God’s green thoughts.
Stop eating,

air will suffice for food.
Water is another matter:
the skin absorbs moisture,

eyes adjust,
limbs grow inward.
Conjugate patience.

Worship women and trees.

Aus: Collected Poems (2015). https://scroll.in/article/1061174/how-to-be-a-leaf-a-poem-by-jeet-thayil

Dazwischen standen überraschende, humorvolle Momente, etwa Tishani Doshis schwärmerisches Ode an Patrick Swayze aus der Perspektive ihres 14-jährigen lyrischen Ichs.

So entstand keine bloße Abfolge von Lesungen, sondern ein lebendiger lyrischer und musikalischer Austausch. Vier eigenständige Stimmen, die sich gegenseitig Raum gaben, aufeinander reagierten und gemeinsam mit der ILB House Band etwas Einmaliges entstehen ließen.

Jeet Thayil hat seinen Auftrag als Curator in Residence damit auf eindrucksvolle Weise erfüllt. Das Finale verband politische Dringlichkeit, persönliche Erinnerung, musikalische Energie und spielerische Improvisation – ein Abend, der noch lange nachwirken wird.

13. September 2026 | Veröffentlicht von Prof. Dr. Nadja-Christina Schneider | Kein Kommentar »
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26. Internationales Literaturfestival Berlin

Viel zu kurz: Mohammed Hanif in der Rebel English Academy

Nadja-Christina Schneider

Gerne hätten die Zuhörenden Mohammed Hanif mit seinem unterhaltsamen Humor noch länger auf der Studiobühne des Hauses der Berliner Festspiele erlebt. Und vor allem noch etwas mehr aus seinem neuen Roman Rebel English Academy gehört, denn die wenigen von ihm daraus vorgelesenen Passagen machten sofort Lust auf dieses Buch.

A Political Literary Novel on Dissent, Surveillance, Education Resistance in Modern Pakistan by Mohammed Hanif

When a major Pakistani political figure is hanged, OK Town erupts in protest.

A few miles away, Sir Baghi is surprised by a knock at the door of the Rebel English Academy, his tuition center that offers affordable English lessons. An unexpected visitor, Sabiha, seeks refuge at the Academy – but she has a gun, her parents are political prisoners, her husband has just died in a suspicious fire, and she’s clearly hiding something. Baghi encourages Sabiha to write, and throughout the book her life unspools on the page.

Meanwhile Captain Gul, disgraced intelligence officer, has been banished to OK Town, where he aims to silence protesters by any means necessary. But his duties – and romantic desires – begin to overlap, and his already-dubious power is further threatened. (https://www.instagram.com/p/DVLLZoIAV7H/)

Hasnain Kazim schien mitunter einige Mühe zu haben, zu seinen vorbereiteten Gesprächsfragen zurückzukehren, denn Hanif zeigte sich als verschmitzter Autor, der sich mit Freude auf den einen oder anderen längeren Exkurs begab. Er wollte sich keinesfalls nur befragen lassen, sondern erkundigte sich selbst interessiert nach Kazims werdendem Roman über dessen frühere Tätigkeit als Offizier der deutschen Marine (Hanif seinerseits war vor seinem Schriftstellerleben Offizier der Pakistan Air Force). Einige Fragen Kazims wirkten etwas unbeholfen in ihrem erkennbaren Bemühen, einem Publikum Südasien zu „erklären“, das dieser Übersetzung wohl nicht bedurfte. Viele der Anwesenden dürften mit der Region und auch mit Hanif und seinem Werk gut vertraut gewesen sein.

Spannend wurde es beim Thema Übersetzung und Mehrsprachigkeit. Hanif erzählte, wie anders sein bislang bekanntester Roman A Case of Exploding Mangoes in der Urdu-Übersetzung wirkte und wie diese ihm in Pakistan weitaus mehr Gegenwind einbrachte als die englische Originalfassung, die dort bereits seit zehn Jahren munter zirkulierte. Er sprach darüber, was es bedeutet, Punjabi als erste Sprache in der Familie zu erlernen, in der Schule dann nur noch auf Urdu unterrichtet zu werden und die nächsten Stufen der Ausbildung schließlich auf Englisch zu erklimmen. Ob Humor und Sprachwitz auch in Übersetzungen seiner Werke funktionieren könne, lautete eine Frage. Bestens, war darauf aus dem Publikum zu vernehmen.

Hanif scherzte und unterhielt sein aufmerksam lauschendes Publikum hervorragend. Vielleicht haben sich manche gefragt, ob ihm das Changieren zwischen leichter Ironie und tiefem Ernst selbst immer so bewusst ist, gerade wenn es um das Thema Humor und Politik geht. Hanif sieht hierfür inzwischen weltweit immer weniger Spielraum, was ihn mit Sorge erfüllt. Dass er seine vielen jungen Leser:innen mühelos erreicht, zeigte sich ebenfalls an diesem Abend. Literaturinteressierte, die ihn zuvor noch nicht kannten, verließen die Studiobühne mit dem festen Vorsatz, bald einen seiner Romane zu lesen. Viel mehr lässt sich von einer solchen Veranstaltung kaum wünschen.

10. September 2026 | Veröffentlicht von Prof. Dr. Nadja-Christina Schneider | Kein Kommentar »
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26. Internationales Literaturfestival Berlin: Eine unendliche Nacht mit Jeet Thayil

„Stop signs are the enemy.“ Mit dieser Zeile war die Richtung der Veranstaltung „One Last Unending Night for the World“ vorgegeben, denn Stillstand gab es an diesem Abend keinesfalls. Beim 26. Internationalen Literaturfestival Berlin brachte der Curator in Residence Jeet Thayil gemeinsam mit der eigens für das Festival gegründeten ILB House Band einige seiner Gedichte auf die Bühne, sehr musikalisch und mit viel Lust an der gemeinsamen Improvisation. Der Auftritt war zugleich Teil eines Literaturfestivals, das in diesem Jahr eine besonders starke indische und südasiatisch-diasporische Präsenz zeigt.

Nadja-Christina Schneider

Thayils lyrisches Ich ist ein Getriebener, ein durch Nächte, Städte und Erinnerungen Rasender, begleitet von Alkohol, Zigaretten, Musik oder einem Geist auf dem Beifahrersitz, irgendwo zwischen Delhi und Haryana. In Stücken wie Real Time Crash Investigation, Diminishing Marginal Utility, Speak Amnesia oder Aquatic verschmolzen Gedicht, Song und Performance. Die Musik von Peter Meyer an der Gitarre, Josh Ginsburg am Bass und Diego Piñera am Schlagzeug verliehen den Texten einen pulsierenden Sound und ließ zugleich viel Raum für Improvisation. Dass die Band vor dem Auftritt gerade einmal einen gemeinsamen Soundcheck mit Jeet Thayil absolviert hatte, passte zu diesem Abend, bei dem das Risiko ausdrücklich Teil des Konzepts war.

(c) Nadja-Christina Schneider

Im anschließenden Gespräch mit ILB-Programmleiterin Simone Schröder zeigte sich Thayil als überaus sympathisch, offen und zugänglich. Er sprach über seine Arbeit als Dichter, Romanautor, Musiker und Verleger und darüber, wie selbstverständlich diese verschiedenen Tätigkeiten ineinandergreifen. Ideen und Bilder wandern bei ihm zwischen Gedichten, Romanen und Songs hin und her. Während das Schreiben von Prosa für ihn bisweilen einer „9 to 5“-Arbeit gleiche, entstehe ein Gedicht oft in einem einzigen Schub – und für ihn offenbar mit deutlich mehr Vergnügen.

Auch über die Form des Ghazals und andere strenge poetische Formen sprach Jeet Thayil. Was zunächst wie eine Einschränkung wirken könne, empfinde er als Befreiung, denn sobald die Regeln gesetzt seien, könne die Form dem Gedicht gewissermaßen den Weg weisen. Ein weiteres zentrales Thema war das Unterwegssein. Thayil sprach darüber, wie man an verschiedenen Orten selbst in kurzen Zeiträumen ein Zuhause schafft, durch Routinen, vertraute Wege und Menschen, die zu einer Art Familie werden. Selbst in einem Hotelzimmer könne dieser Prozess beginnen, mit dem Laptop auf dem Schreibtisch, einem Schal über der Lampe oder einem vertrauten Geruch. Vielleicht erklärt das auch, warum es ihn offenbar immer wieder nach Berlin zieht. Die Stadt ist für Jeet Thayil längst ein literarischer Bezugspunkt, auch wenn er nun, im Berliner Sommer, feststellen konnte, dass die Stadt eine ganz andere Stimmung hervorbringt als im berühmt-berüchtigten Berliner Novembergrau.

I alway say, that  New York is where my sadness is rooted. Then Calcutta is the place where it was born.

I am in New York what I could never be in the city of my childhood and I am in Calcutta what I have always been. Trauma and sadness, both, live in the body as well as is imbedded in the nooks and crannies of walls and windows of streets. To find your home  is to find yourself and this journey, this tale of a city, is a process of tracing memories and making memories: a construction and a deconstruction. Overlapping yet separate. (Excerpt from: Buku Sarkar, „A Beautiful Devastation“, https://www.bukusarkar.com/#/a-beautiful-devastation/)

Auch über seine Arbeit als Verleger sprach Jeet Thayil an diesem Abend. Mit seinem Imprint Thayil Editions fördert er gezielt experimentelle Literatur in englischer Sprache aus Indien. Zwanzig Bücher sollten innerhalb von fünf Jahren erscheinen, bewusst begrenzt und als Sammlung konzipiert, visuell eigenwillig und offen für Formen, die sich nicht so leicht in konventionelle literarische Kategorien fügen.

Der Abend bot eine anregende Begegnung mit einem äußerst vielseitigen Künstler, der sich zwischen Literatur, Musik und verschiedenen kulturellen Kontexten bewegt und dabei sehr nahbar wirkte. Bekannt wurde Thayil vor allem durch seinen vielfach ausgezeichneten Roman Narcopolis, der das Bombay der 1970er- und 1980er-Jahre in einer poetischen, düsteren Prosa beschreibt. Mit The Elsewhereans veröffentlichte er zuletzt einen „dokumentarischen Roman“ über Herkunft, Familie, Migration und das Leben zwischen verschiedenen Orten.

9. September 2026 | Veröffentlicht von Prof. Dr. Nadja-Christina Schneider | Kein Kommentar »
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Placing the Feld: Research-Creation and Belonging at Tempelhofer Feld

Placing the Feld is a student-led research-creation zine exploring belonging, agency and everyday life at Berlin’s Tempelhofer Feld. Developed within the project tutorial Sociospatial Belonging in Berlin, led by Miles Clark Silvey, at Humboldt-Universität zu Berlin, the zine brings together ethnographic research, interviews, creative writing, reflection and visual work.

Rather than approaching the Feld simply as a public park, the project asks how urban space shapes who feels welcome, who can take up space and how forms of belonging are (co-)created through everyday practices. Through collective fieldwork and encounters with visitors, the students explore the Feld as a space of freedom and co-creation, while also attending to its histories, exclusions and different experiences of belonging.

The resulting zine reflects the experimental character of research-creation: academic inquiry becomes intertwined with personal experience, observation, dialogue and artistic expression. In doing so, Placing the Feld offers multiple ways of seeing and sensing one of Berlin’s most contested and distinctive urban spaces.

4. September 2026 | Veröffentlicht von Prof. Dr. Nadja-Christina Schneider | Kein Kommentar »
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