26. Internationales Literaturfestival Berlin: Eine unendliche Nacht mit Jeet Thayil

„Stop signs are the enemy.“ Mit dieser Zeile war die Richtung der Veranstaltung „One Last Unending Night for the World“ vorgegeben, denn Stillstand gab es an diesem Abend keinesfalls. Beim 26. Internationalen Literaturfestival Berlin brachte der Curator in Residence Jeet Thayil gemeinsam mit der eigens für das Festival gegründeten ILB House Band einige seiner Gedichte auf die Bühne, sehr musikalisch und mit viel Lust an der gemeinsamen Improvisation. Der Auftritt war zugleich Teil eines Literaturfestivals, das in diesem Jahr eine besonders starke indische und südasiatisch-diasporische Präsenz zeigt.

Nadja-Christina Schneider

Thayils lyrisches Ich ist ein Getriebener, ein durch Nächte, Städte und Erinnerungen Rasender, begleitet von Alkohol, Zigaretten, Musik oder einem Geist auf dem Beifahrersitz, irgendwo zwischen Delhi und Haryana. In Stücken wie Real Time Crash Investigation, Diminishing Marginal Utility, Speak Amnesia oder Aquatic verschmolzen Gedicht, Song und Performance. Die Musik von Peter Meyer an der Gitarre, Josh Ginsburg am Bass und Diego Piñera am Schlagzeug verliehen den Texten einen pulsierenden Sound und ließ zugleich viel Raum für Improvisation. Dass die Band vor dem Auftritt gerade einmal einen gemeinsamen Soundcheck mit Jeet Thayil absolviert hatte, passte zu diesem Abend, bei dem das Risiko ausdrücklich Teil des Konzepts war.

(c) Nadja-Christina Schneider

Im anschließenden Gespräch mit ILB-Programmleiterin Simone Schröder zeigte sich Thayil als überaus sympathisch, offen und zugänglich. Er sprach über seine Arbeit als Dichter, Romanautor, Musiker und Verleger und darüber, wie selbstverständlich diese verschiedenen Tätigkeiten ineinandergreifen. Ideen und Bilder wandern bei ihm zwischen Gedichten, Romanen und Songs hin und her. Während das Schreiben von Prosa für ihn bisweilen einer „9 to 5“-Arbeit gleiche, entstehe ein Gedicht oft in einem einzigen Schub – und für ihn offenbar mit deutlich mehr Vergnügen.

Auch über die Form des Ghazals und andere strenge poetische Formen sprach Jeet Thayil. Was zunächst wie eine Einschränkung wirken könne, empfinde er als Befreiung, denn sobald die Regeln gesetzt seien, könne die Form dem Gedicht gewissermaßen den Weg weisen. Ein weiteres zentrales Thema war das Unterwegssein. Thayil sprach darüber, wie man an verschiedenen Orten selbst in kurzen Zeiträumen ein Zuhause schafft, durch Routinen, vertraute Wege und Menschen, die zu einer Art Familie werden. Selbst in einem Hotelzimmer könne dieser Prozess beginnen, mit dem Laptop auf dem Schreibtisch, einem Schal über der Lampe oder einem vertrauten Geruch. Vielleicht erklärt das auch, warum es ihn offenbar immer wieder nach Berlin zieht. Die Stadt ist für Jeet Thayil längst ein literarischer Bezugspunkt, auch wenn er nun, im Berliner Sommer, feststellen konnte, dass die Stadt eine ganz andere Stimmung hervorbringt als im berühmt-berüchtigten Berliner Novembergrau.

I alway say, that  New York is where my sadness is rooted. Then Calcutta is the place where it was born.

I am in New York what I could never be in the city of my childhood and I am in Calcutta what I have always been. Trauma and sadness, both, live in the body as well as is imbedded in the nooks and crannies of walls and windows of streets. To find your home  is to find yourself and this journey, this tale of a city, is a process of tracing memories and making memories: a construction and a deconstruction. Overlapping yet separate. (Excerpt from: Buku Sarkar, „A Beautiful Devastation“, https://www.bukusarkar.com/#/a-beautiful-devastation/)

Auch über seine Arbeit als Verleger sprach Jeet Thayil an diesem Abend. Mit seinem Imprint Thayil Editions fördert er gezielt experimentelle Literatur in englischer Sprache aus Indien. Zwanzig Bücher sollten innerhalb von fünf Jahren erscheinen, bewusst begrenzt und als Sammlung konzipiert, visuell eigenwillig und offen für Formen, die sich nicht so leicht in konventionelle literarische Kategorien fügen.

Der Abend bot eine anregende Begegnung mit einem äußerst vielseitigen Künstler, der sich zwischen Literatur, Musik und verschiedenen kulturellen Kontexten bewegt und dabei sehr nahbar wirkte. Bekannt wurde Thayil vor allem durch seinen vielfach ausgezeichneten Roman Narcopolis, der das Bombay der 1970er- und 1980er-Jahre in einer poetischen, düsteren Prosa beschreibt. Mit The Elsewhereans veröffentlichte er zuletzt einen „dokumentarischen Roman“ über Herkunft, Familie, Migration und das Leben zwischen verschiedenen Orten.

9. September 2026 | Veröffentlicht von Prof. Dr. Nadja-Christina Schneider
Veröffentlicht unter Allgemein

Schreiben Sie einen Kommentar

(erforderlich)