Indien steht dieser Tage stark im Fokus. In Krisenzeiten und in Anbetracht globaler Zerwürfnisse, in denen alte Partnerschaften nicht mehr verlässlich erscheinen, blicken Deutschland und die EU zunehmend nach Südasien und bemühen sich offensiv um eine engere Zusammenarbeit mit der sogenannten größten Demokratie der Welt.
Umso gewichtiger wirkte daher der hohe Staatsbesuch, den die Zweigbibliothek Asien-/Afrikawissenschaften und Islamische Theologie am 21. April empfing. Noch vor dem Treffen mit seinem deutschen Amtskollegen besuchte der indische Verteidigungsminister, Seine Exzellenz Rajnath Singh, in Begleitung seiner Delegation und des indischen Botschafters, Seiner Exzellenz Ajit Gupte, die Bibliothek, um in einer zeremoniellen Geste Blumen an der dort stehenden Büste Rabindranath Tagores niederzulegen.
Tagore – Philosoph, Dichter, Maler, Komponist, Musiker und erster asiatischer Nobelpreisträger (Literatur) überhaupt – war eine zentrale Figur des intellektuellen Austauschs zwischen Südasien und Europa. Schon 1921 war er an die damalige Friedrich-Wilhelms-Universität gekommen, um eine eindrückliche Rede zu halten. Deren zum Teil erhaltene Tonaufnahme liegt heute im Universitätsarchiv; sie wurde während des Staatsbesuchs abgespielt und dem Gast überreicht.
Die europäische Indologie nahm hier in Berlin ihren Anfang und besteht auch heute noch als Fachgebiet Südasien am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften fort. Die dort wirkende Professorin Dr. Anette Schmiedchen, Expertin für die Geschichte des vormodernen Indiens und Sanskrit-Epigraphik, war bereits 2015 von der indischen Regierung für ihre Verdienste um die Sanskrit- und indologische Forschung geehrt worden.
Die von dem berühmten indischen Bildhauer Gautam Pal geschaffene Büste des bengalischen Universalgelehrten Tagore wurde der Zweigbibliothek 2006 als Geschenk der indischen Regierung an die Humboldt-Universität zu Berlin übergeben. Fast zwanzig Jahre nach ihrer Enthüllung stand Tagore nun erneut im Mittelpunkt einer zeremoniellen Bekräftigung der deutsch-indischen Beziehungen. Diese blicken auf eine lange Tradition des wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Austauschs zurück, für die die Humboldt-Universität eine herausragende Rolle gespielt hat.

„Li[f]e is given to us, we earn it by giving it.” (Rabindranath Tagore)
[Foto: Medienteam der Botschaft Indiens]
Der indische Verteidigungsminister, Seine Exzellenz Rajnath Singh, ehrt den bengalischen Literaturnobelpreisträger.
Text: Anton Terhechte
