Die Bibliothek des Institutum Judaicum Berolinense gehört zu den Vorgängereinrichtungen der Zweigbibliothek Theologie an der Humboldt-Universität. Den folgenden Beitrag erarbeiteten die Studentinnen Lilly von Berg und Siya Aleksandrova Stoyanova im Rahmen eines Seminars am Institut für Kulturwissenschaft. Das Seminar fand im Wintersemester 2025/26 unter Leitung von Prof. Liliana Feierstein in Kooperation mit mehreren Einrichtungen statt, unter anderem mit dem Bereich Provenienzforschung der Universitätsbibliothek.
Geschichte des Institutum Judaicum
Die Geschichte des Institutum Judaicum beginnt in den 1880er Jahren. In dem Zeitraum entstanden im deutschsprachigen Raum an zahlreichen Universitäten sogenannte Instituta Judaica, deren Ziel es war, umfassende Kenntnisse über das Judentum zu erwerben, zu systematisieren und weiterzuvermitteln. Das Institutum Judaicum in Berlin wurde 1883 von Hermann Leberecht Strack gegründet und bestand, neben dem in Leipzig, als einziges über das Jahr 1900 hinaus fort. Während das Leipziger Institut 1935 aufgelöst wurde, existierte das Berliner Institut bis zum Jahr 1956.
In dem Leipziger Institut lag der Fokus auf der Ausbildung von Berufsmissionaren, während in dem Berliner Pendant die Ausrichtung auf der Vermittlung von Wissen über das Judentum lag, zugleich aber Verständnis für die Judenmission bestand. Die judenmissionarischen Ziele stießen außerhalb der involvierten Missionskreise auf keine Resonanz und wurden kritisch bewertet. Nach Stracks Tod wurde im Jahr 1923 die Judenmission im Institutum Judaicum aufgegeben.1
Hermann Leberecht Strack wurde am 6. Mai 1848 geboren, studierte in Berlin und Leipzig und promovierte 1872 zum Dr. phil. Daraufhin war er ein Jahr als Lehrer in Berlin tätig und unternahm 1876 eine Reise nach Russland, um hebräische Handschriften zu erforschen. Strack publizierte viel, und seine herausgegebenen Textausgaben wurden auch noch lange nach seinem Tod für das Studium der rabbinischen Literatur herangezogen.2

Stracks Tod am 5. November 1922 setzte nicht nur den Schlussstrich unter die judenmissionarische Ausrichtung, sondern markierte auch ein Ende einer beständigen Institutsleitung, die sich bis dato immerhin über die Hälfte des Bestehens des Instituts erstreckte. Die Leitung des Instituts wurde in den weiteren drei Jahrzehnten mehrfach neu besetzt und wird im Folgenden kurz umrissen:
Hugo Greßmann übernahm von 1923–1927 die kommissarische Leitung des Instituts; er setzte sich für eine geschichtlich-wissenschaftliche Betrachtungsweise des Judentums ein.3 Sein Spezialgebiet war der hellenistisch-römische Zeitraum des Judentums.4 Er starb im April 1927.
Ernst Sellin war 1927/28 der stellvertretende Direktor.
Joachim Jeremias war 1928/29 für ein Semester Direktor, bevor er nach Greifswald wechselte.
Alfred Bertholet erhielt in seiner Zeit als Direktor von 1929–1937 große Unterstützung durch den Privatdozenten Leonhard Rost.5
Johannes Hempel, im Amt von 1937–1945, war als Direktor an die nationalsozialistische Weltanschauung gebunden, mit entsprechenden Konsequenzen nach 1945.6 Es fanden während seiner Leitung keine Lehrveranstaltungen statt, und ab 1940 war Hempel als Kriegspfarrer im Einsatz.7 Sein Versuch, nach dem Krieg wieder in die Theologische Fakultät einzutreten, scheiterte an seiner “nach 1933 zunehmend engagierten Haltung im Sinne des Nationalsozialismus, die nicht verborgen bleiben konnte.”8
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges leitete Leonhard Rost von 1946–1956 das Institut.
Im Wintersemester 1936/37 wurde der Lehrbetrieb im Institut vorläufig beendet und nach dem Krieg mit der Neueröffnung 1946 wieder aufgenommen.
Zehn Jahre später wurde die Lehr- und Forschungseinrichtung Institutum Judaicum in Berlin allerdings nach 73 Jahren endgültig geschlossen und nach Rosts Weggang kein neuer Leiter mehr berufen.
Zu der Geschichte des Instituts wird nun schlussendlich ein Überblick über die Teilnehmerzahlen gegeben, wobei allerdings nur Aufzeichnungen für die Anfangsjahre und für den Zeitraum von 1928 bis 1936 existieren. In den ersten Jahren belief sich die Zahl der Teilnehmer auf um die 10 Personen, 1889/90 stieg die Zahl dann auf das Doppelte.10 Neben den Vorlesungen wurden Spezialseminare und Übungen angeboten, die zwischen 1929/30 und 1933 von bis zu 16 Personen besucht wurden, ansonsten nahmen durchschnittlich unter 10 Personen teil.11
Die Bibliothek
Die wissenschaftliche und kulturgeschichtliche Bedeutung der Bibliothek des Institutum Judaicum ist ebenso beachtlich. Die Bibliothek hat ihren eigenen Werdegang und ist heutzutage ein Teil der Zweigbibliothek Theologie der Humboldt-Universität zu Berlin.
Die Geschichte der Bibliothek des Berliner Institutum Judaicum beginnt mit der Gründung des Instituts im Jahr 1883 und entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer bedeutenden Sammlung für nachbiblisches Judentum, rabbinische Texte sowie jüdische Literatur- und Kulturgeschichte sowie Missionsforschung. Besonders unter dem Begründer und erster Leiter des Instituts Hermann L. Strack wurde der Bestand kontinuierlich erweitert.12 Durch Schenkungen verschiedener Stiftungen sowie durch Stracks eigene Zuwendungen wuchs die Bibliothek so schnell, dass der ursprünglich vorgesehene Bücherschrank bald nicht mehr ausreichte.13 1918 übergab Strack schließlich seine komplette private Büchersammlung an die Theologische Fakultät, die dann den bedeutendsten Teil der Institutsbibliothek bildete.
Unter der Leitung von Hugo E. W. Greßmann ab 1923 erhielt die Bibliothek des Institutum Judaicum erneut einen Zuwachs.15 Greßmann erweiterte den Bestand auf rund 3.000 Bände. Zudem wurde nach seinem Tod auch seine Privatbibliothek für das Institut käuflich erworben.16 Im Jahr 1930 zog die Einrichtung in das Gebäude des Theologischen Seminars in die damalige Dorotheenstraße 3 (Abb. 2), die Bestände wurden neu aufgestellt und in einem Realkatalog neu erfasst.17

Der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg hinterließen auch in der Bibliothek des Institutum Judaicum deutliche Spuren. Zum einen nahm der damalige Leiter Hempel einen Teil des Bestands „unter Verschluss”, da die Bücher nach seiner Einschätzung nicht mit der nationalsozialistischen Ideologie vereinbar waren.18 Zum anderen war die Stadt und somit die Bibliothek durch Bombenangriffe akut gefährdet. Die Bibliothek zog in dieser Zeit mehrmals um, teilweise wurde sie an ungeeigneten Orten untergebracht, was zu Schäden und Verlusten führte. Konkrete Angaben dazu fehlen jedoch. Nach dem Zweiten Weltkrieg lässt sich unter neuer Leitung erneut ein kontinuierliches Anwachsen des Bibliotheksbestands feststellen.19
Nach der Schließung des Instituts im Jahre 1956 war niemand mehr unmittelbar für die Bibliothek zuständig, sie wurde aber trotzdem aufgrund ihrer inhaltlichen Bedeutung weiter gepflegt.20 Mit der Hochschulreform in der DDR nach 1967 folgte eine Zentralisierung und Vereinheitlichung der Instituts- und Seminarbibliotheken und damit auch des Bestandes des Institutum Judaicum. Damals entstand die Zweigbibliothek Theologie, die organisatorisch zur Zentralen Universitätsbibliothek gehört.21
Heute befindet sich der Bestand als Sondersammlung in der Abteilung Judaica in der Zweigbibliothek Theologie der Humboldt-Universität in der Anna-Louisa-Karsch-Straße 1. (Abb. 3) Er umfasst rund 4.000 Bände mit Literatur zur Auslegung des Alten Testaments, zu Mischna und Talmud sowie zur jüdischen Geschichte, Kultur und Religion – und bewahrt damit ein wichtiges Erbe der wechselvollen Geschichte des Institutum Judaicum Berolinense.

Verfasst von Lilly von Berg & Siya Aleksandrova Stoyanova
Entstanden im Seminar „Bücher als Raubgut“ von Prof. Dr. Liliana Feierstein (Institut für Kulturwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin), 10.11.2025.
Literaturverzeichnis
1. Golling, Ralf, et al.: Hermann L. Strack und das Institutum Judaicum in Berlin: Mit einem Anhang über das Institut Kirche und Judentum. Berlin, 1996, S. 17.
2. Ebd., S. 19–20.
3. Ebd., S. 97.
4. Ebd., S. 101.
5. Ebd., S. 109.
6. Ebd.
7. Golling, Ralf, et al.: Hermann L. Strack und das Institutum Judaicum in Berlin: Mit einem Anhang über das Institut Kirche und Judentum. Berlin, 1996, S. 117.
8. Ebd.
9. Humboldt-Universität zu Berlin: An-Institute, Online: 15.04.2025. https://www.hu-berlin.de/de/forschung/exzellente-forschung/kooperationen/an-institute/an-institute. Letzter Zugriff: 10.11.2025.
10. Golling, Ralf, et al.: Hermann L. Strack und das Institutum Judaicum in Berlin: Mit einem Anhang über das Institut Kirche und Judentum. Berlin, 1996, S. 76.
11. Golling, Ralf: Das ehemalige Institutum Judaicum in Berlin und seine Bibliothek. Schriftenreihe der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin. Berlin, 1993, Nr. 57, S. 14.
12. Golling, Ralf, et al.: Hermann L. Strack und das Institutum Judaicum in Berlin: Mit einem Anhang über das Institut Kirche und Judentum. Berlin, 1996, S. 123.
13. Ebd., S. 124.
14. Humboldt-Universität zu Berlin: Geschichte der Universitätsbibliothek. Online: 15.01.2023. https://www.ub.hu-berlin.de/de/ueber-uns/geschichte. Letzter Zugriff: 07.11.2025.
15. Freuling, Georg: Greßmann, Hugo. Online: 2009. http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/20120/Greßman. Letzter Zugriff: 08.11.2025.
16. Golling, Ralf, et al.: Hermann L. Strack und das Institutum Judaicum in Berlin: Mit einem Anhang über das Institut Kirche und Judentum. Berlin, 1996, S. 125.
17. Ebd.
18. Hempel: Mitteilung an den Universitätskurator vom 4.11.1937 über die Sperrung von Büchern. In: Universitätsarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin. UK-Nr. 795/1, B1.44., zit. n. Golling, Ralf: Das ehemalige Institutum Judaicum in Berlin und seine Bibliothek. In: Schriftenreihe der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin. Berlin, 1993, Nr. 57, S. 20.
19. Golling, Ralf, et al.: Hermann L. Strack und das Institutum Judaicum in Berlin: Mit einem Anhang über das Institut Kirche und Judentum. Berlin, 1996, S. 128.
20. Institut Kirche und Judentum: Unsere Bibliothek. https://www.ikj-berlin.de/ueber-uns/unsere-bibliothek. Letzter Zugriff: 09.11.2025.
21. Golling, Ralf, et al.: Hermann L. Strack und das Institutum Judaicum in Berlin: Mit einem Anhang über das Institut Kirche und Judentum. Berlin, 1996, S. 129.
