#8 Bücherwege: Die Geschenke des Auswärtigen Amts während des Zweiten Weltkriegs

Umstände der Erwerbungen durch die Universitätsbibliothek, die Rolle des Bodemuseums, die Abordnung des Bibliothekars Fritz Streichhan, Umfang der Zugänge, „eigener Altbestand“

Im Haushaltsjahr 1942 beginnen die Geschenkerwerbungen der Zentralen Universitätsbibliothek der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin mit der Überstellung von etwa 100 Dubletten aus der Deutschen Bücherei in Leipzig. Nachweislich ist eines dieser Bücher seinem Eigentümer unrechtmäßig entzogen worden. Bei etlichen anderen ist der Verdacht auf unrechtmäßigen Erwerb nicht auszuschließen. Diese Bücher waren zu einem großen Teil bereits im Akzessionsjournal verzeichnet, als sich vom 20. April 1942 an ein weiterer, hinsichtlich der Weitergabe von Raubgut verdächtiger Lieferant unter die Eintragungen mischte: das Auswärtige Amt.

Seite aus dem Akzessionsjournal Pflicht 1942 mit 4 Einträgen
Abb. 1: Akzessionsjournal Donum, Tausch, Pflicht 1942. Akzessionsnummern D 1942.99 – D 1942.100.

Der erste Eintrag dieses Zugangs, die Akzessionsnummer D 1942.99, bezieht sich auf ein französischsprachiges Werk mit dem Titel „R. Johannet: Le principe des Nationalités, Paris 1923“. In der Lieferantenspalte ist mit schwarzer Tinte das Auswärtige Amt als Einlieferer angegeben. Auf der nächsten Zeile – E. Driault: La paix de la France, Paris 1937 mit der Akzessionsnummer D 1942.100 – wird als Lieferant jedoch nicht das deutsche Auswärtige Amt genannt, sondern der beraubte polnische Eigentümer: das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Polen – Ministerstwo Spraw Zagranicznych – exakt abgeschrieben in der Abkürzung auf dem in den Büchern dieser Provenienz häufig vorkommenden kleinen ovalen Stempel „Min. Spraw Zagr. BIBLIOTEKA“.

Abb. 2: Édouard Driault: La paix de la France, Paris 1937, Akz.Nr. D 1942.100, Signatur: Fa 75593, Titelblatt.
Abb. 3: Édouard Driault: La paix de la France, Paris 1937, Akz.Nr. D 1942.100, Signatur: Fa 75593, Stempel auf der Rückseite des Titelblatts „Min. Spraw Zagr. BIBLIOTEKA“.

Der Fehler der Verwechslung des beraubten Eigentümers mit dem Einlieferer wiederholt sich auf der folgenden Seite des Akzessionsjournals noch einige Male. Es scheint, als sei der oder die Verzeichnende anfangs nicht hinreichend instruiert worden, wer als Lieferant einzutragen ist.

Abb. 4: Akzessionsjournal Donum, Tausch, Pflicht 1942. Akzessionsnummern D 1942.101 – D 1942.111.

Wie die Autopsie ergab, kommen dieselben oder ähnliche Stempel von Gesandtschaften und Konsulaten der Republik Polen und den Teilbibliotheken des polnischen Außenministeriums in etlichen Büchern des Bestands vor, die auf den folgenden Seiten des Akzessionsjournals Dona, Tausch, Pflicht 1942 und in den darauffolgenden Jahren akzessioniert wurden. Nicht in den Erwerbungsakten der Universitätsbibliothek, sondern an einem scheinbar abseitigen Ort in ihrer Aktenüberlieferung, nämlich in einer Akte zur Reichstauschstelle und zum Beschaffungsamt der deutschen Bibliotheken, findet sich ein Schreiben, das über den Zugang „Auswärtiges Amt“ im Frühjahr 1942 genauer Auskunft gibt. Es datiert vom 28. Januar 1942 und betrifft die Überstellung von ca. 200 Büchern. Absender ist die Archivkommission, eine Dienststelle des Auswärtigen Amts.

Abb. 5: Auswärtiges Amt, Archivkommission, i. A. Jagow, an den Direktor der Universitätsbibliothek Berlin, 28.1.1942, Universitätsarchiv der Humboldt-Universität, UB 01, 0748, Schriftentausch Reichstauschstelle und Beschaffungsamt, Bl. 13.

Aus dem Schreiben geht hervor, dass der Bibliotheksrat Dr. Fritz Streichhan, wissenschaftlicher Bibliothekar an der Universitätsbibliothek, an der Zusammenstellung dieser Lieferung mitgewirkt hatte. Die Lieferung war bereits im Oktober 1941 angekündigt worden; nun, Ende Januar 1942, standen die Bücher zur Abholung im Kaiser-Friedrich-Museum bereit.

Das Kaiser-Friedrich-Museum (heute Bode-Museum) ist, auch unter der Adresse Harwikstraße 3, sowohl in den Akten der Publikationsstelle Berlin-Dahlem im Bundesarchiv und als auch des Geographischen Diensts im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts verschiedentlich als Verteilstelle für in den besetzten Gebieten geraubte Bücher erwähnt. Seit Ende des Jahrs 1940 hatten mehrere Dienststellen des Auswärtigen Amts in dem evakuierten Museum Räume angemietet, um sie als Büros und Lager zu nutzen. Relevant für die Provenienzforschung sind die seit dem Frühjahr 1941 zum Referat Geographischer Dienst erhobene Kartenstelle und die Archivkommission. Da sich in den von den Dienststellen genutzten Räumen immer noch – offenbar großformatige und deshalb nicht transportable – Gemälde befanden, betrieb die Leitung der Gemäldegalerie aus konservatorischen Gründen und unter dem Verweis auf den Luftschutz seit dem Sommer 1942 den Auszug der Dienststellen aus dem Gebäude. Dabei wurden die zu starke Beheizung und die Brandgefahr geltend gemacht. Eine Brandgefahr ging von den großen Mengen brennbaren Materials aus, welches die Dienststellen des Auswärtigen Amts in den von ihnen genutzten Räumen eingelagert hatten. Dabei waren mit ‚brennbarem Material‘ wohl nicht zuletzt Beuteakten und Beute-Bücher gemeint.

Fritz Streichhan war auf Geheiß des vorgesetzten Ministeriums, des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, vom 6. Mai 1940 bis zum 16. August 1944 für Arbeiten in der Archivkommission an das Auswärtige Amt „ausgeliehen“. Seine Aufgabe bestand darin, Übersetzungen von erbeuteten Akten aus dem Norwegischen, dem Niederländischen und dem Französischen anzufertigen. Außerdem beriet er, wie es in der Bescheinigung über seine Tätigkeit heißt, die Archivkommission „bei der Wahrung ihrer bibliothekarischen Belange“. Der Schriftverkehr zwischen Universitätsbibliothek, Universität und Ministerium füllt in seiner Personalakte mehrere Aktenmappen. Ohngeachtet der Schwierigkeiten, die sich während des Krieges aus dem anhaltenden Personalmangel für die Universitätsbibliothek ergaben, verlängerte das Ministerium Streichhans Abordnung etliche Male jeweils im Abstand von einigen Monaten, so dass er letztlich über einen Zeitraum von mehr als vier Jahren stets mehrere Tage in der Woche für das Auswärtige Amt arbeitete.

Unterbrochen von anderen Lieferanteneinträgen, wie Universitäts- und Schulschriftenabteilung, Reichstauschstelle, Deutsche Bücherei, oder Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität, endet im Akzessionsjournal Dona die Verzeichnung des Zugangs vom Auswärtigen Amt zunächst am 29. August 1942 mit der Akzessionsnummer D 1942.463. Bis zu diesem Datum waren 197 Titel verzeichnet. Es ist anzunehmen, dass damit – jedenfalls in der Akzession der Monographien und Fortsetzungswerke – die in dem Schreiben der Archivkommission vom Januar 1942 in Aussicht gestellten ca. 200 Bücher bearbeitet waren.

Am 23. Oktober 1942 wurde die Akzession von Dona aus dem Auswärtigen Amt wieder aufgenommen; sie setzte sich bis zum 3. Februar 1943 fort und umfasst weitere 38 Titel. Vermutlich gehörten sie zu einer neuen Lieferung, die keine Spuren in den einschlägigen Akten hinterlassen hat.

Im Haushaltsjahr 1943 folgen noch einmal 56 Titel. 1945 wurden zwei Titel portugiesischer Rechtsliteratur verzeichnet, die ebenfalls dem Lieferanten Auswärtiges Amt zuzuordnen sind, nun – nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – mit der Lieferantenangabe „Herkunft unbekannt“ (vgl. # 5 Bücherwege).

Die Zahl von 200 wird allerdings überschritten, schaut man nicht nur in die Akzessionsjournale der Monographien und Fortsetzungswerke, sondern auch in die Akzessionsjournale der Zeitschriften: Auch sie enthalten, und zwar mit dem 18. April 1942 beginnend und endend mit dem 27. März 1943, Dutzende von Titeln, die entweder mit der Lieferantenangabe Auswärtiges Amt versehen oder – ohne Angabe der Lieferanten – unter kritischem Vergleich von Wissensgebieten, Verlagsorten, Sprachen usw. der Herkunft „Auswärtiges Amt“ zugerechnet werden können. Insgesamt sind es 75. Ein weiterer Zugang folgt im Haushaltsjahr 1943 sowie vier mit dem Eintrag „Herkunft unbekannt“ im Akzessionsjournal der Zeitschriften für 1945, deren Zuordnung jedoch unsicher ist. Ohne diese vier ergibt sich für die Monographien und Fortsetzungswerke und die Zeitschriften bis einschließlich des Haushaltsjahrs 1945 eine Zahl von 369 Titeln.

Doch auch mit den beiden bereits im Kalenderjahr 1946 verzeichneten Titeln sind keineswegs alle vom Auswärtigen Amt an die Zentrale Universitätsbibliothek der Friedrich-Wilhelms-Universität abgegebenen Geschenke erfasst. Der Zufallsfund eines Buches mit den Provenienzmerkmalen des Tschechoslowakischen Konsulats in Lissabon sowie der dazugehörige Eintrag im Akzessionsjournal – Akzessionsnummer A 1961.517 – lassen darauf schließen, dass auch knapp zwei Jahrzehnte später noch Bücher und Broschüren in den Bibliotheksbestand eingingen, welche der Universitätsbibliothek Jahre zuvor vom Auswärtigen Amt des Deutschen Reichs überlassen worden waren. In dem Akzessionsjournal der 1960er Jahren erscheinen die verdächtigen Titel mit der Herkunftsangabe „Eigener Altbestand“.

Abb. 9. Akzessionsjournal 1961, Einträge A 1961.509-520 mit dem Lieferantenvermerk: „Eig. Altbest.“.

#Bücherwege – Die Universitätsbibliothek hat in einem Projekt zwischen 2023 und 2025 ihre zwischen 1933 und 1945 zugegangenen Bücher auf Erwerbungskontexte untersucht, die auf beschlagnahmte, geraubte und erpresste Bestände in der NS-Zeit hinweisen. Die Verdachtsmomente wurden flächendeckend erfasst, indem die erhaltenen Originalbestände und Erwerbungsakten systematisch durchgesehen wurden. Die unrechtmäßigen Erwerbungen wurden im Katalog und in der Datenbank LostArt dokumentiert. In den folgenden Schritten werden Anspruchsberechtigte und ihre Nachkommen kontaktiert, um Bücher zurückzugeben. Das Projekt wurde vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste gefördert.


Quellen:

  • Akzessionsjournale der Zentralen Universitätsbibliothek, Dona, Tausch, Pflicht.
  • Akzessionsjournale der Zentralen Universitätsbibliothek, Zeitschriften.
  • Universitätsarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin
    • Personalakten
    • Akten der Universitätsbibliothek UB01
  • Bundesarchiv, Akten der Publikationsstelle Berlin-Dahlem
  • Politisches Archiv des Auswärtigen Amts
    • Akten Geographischer Dienst
  • Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin, Akten der Gemäldegalerie
  • Cornelia Briel: Raubgut aus Osteuropa in der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin. Herkunft, Erwerbungszusammenhänge, unvollständige Rückgabe in den Nachkriegsjahren. In: Daniela Mathuber, Tilmann Tegeler (Hg.): Aktuelle Forschungen zum nationalsozialistischen Kulturgutraub im östlichen Europa, Berlin 2024, S. 125 – 144.


Verfasst von: Dr. Cornelia Briel

7. August 2026 | Veröffentlicht von Sabine Tschorn

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