Am 22. September 2026 herrschte eine ganz besondere Atmosphäre im Forschungslesesaal des Grimm-Zentrums. In der sonst leeren und stillen Bibliothek, die wegen eines technischen Wartungstags eigentlich geschlossen war, saßen rund 25 Kursteilnehmende aus Prag, Frankreich und Berlin konzentriert über besondere Objekte gebeugt: Handschriften aus dem 12. Jahrhundert, in Inkunabeln eingebundene handschriftliche Fragmente oder historische Pergamenturkunden.

Zuvor hatten schon eine Reihe von Online-Sessions zur Handschriftenkunde und DH-Methoden stattgefunden. Während der Praxiseinheit vor Ort wurden die Studierenden dann von einem mehrköpfigen Team Dozierender, koordiniert von Prof. Dominique Stutzmann (CNRS Paris / HU Berlin), bei der Bestimmung und Transkription betreut.
Im Mittelpunkt der Summer School „Medieval Manuscripts from Material to Digital“ stand die Lehrsammlung mittelalterlicher Urkunden, die früher am Institut für Geschichte für paleographische und diplomatische Studien eingesetzt wurde und sich seit 2009 an der UB befindet, aber auch der kleine Bestand mittelalterlicher Handschriften und eine vielfältige Auswahl an Fragmenten.
Einige der Objekte aus der Universitätsbibliothek sind zuvor nie beschrieben worden – eine besondere Gelegenheit und Herausforderung für die Studierenden. Als Ergebnis der Summer School stehen diese in den Fachportalen Monasterium, Handschriftenportal wie auch im Repositorium der UB digi-hub.de zur Verfügung.

Die Studierenden konnten ihre Beobachtungen anschließend in einer Online-Ausstellung beschreiben. Ziel der Online-Ausstellung (das Tool stellt das Digitale Netzwerk Sammlungen der Berlin University Alliance zur Verfügung) ist nicht eine ausgefeilte Präsentation, sondern die Übung, von Studienergebnissen in eine allgemeine Vermittlung zu gehen: Die jetzige Präsentation ist innerhalb eines Tages entstanden.

Für mich waren besondere Höhepunkte
- der Moment, als Vivien Baumert (HU, Lehrstuhl für Digital History) bei ihrer Präsentation der heraldischen Handschrift „Hastiludia Seu Torneamenta Nobilitatis Germanicae“ feststellte, dass sie nicht nur digitale Bilder zeigen konnte, sondern die Originalhandschrift ebenfalls bei der Hand war – und viel kleiner ist, als sie es vom Digitalisat her angenommen hatte.
- Die leuchtenden Gesichter zweier Studis, als sie eingeladen wurden, zum Großformate-Tisch zu wechseln, um eine besonders schöne Papst-Urkunde von 1551 zu untersuchen
- Der Donnerstag, als sich von Stunde zu Stunde die Online-Ausstellung ständig veränderte und immer weiter füllte.
Anstrengend war es natürlich auch. Die langen Studientage, für die über 60 Objekte vorbereitet und bewegt wurden, nur von der Mittagspause unterbrochen, wurden der Ankündigung „blended intensive program“ vollends gerecht.
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Verfasst von: Dr. Yong-Mi Rauch (Leitung Abteilung Historische Sammlungen der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin)
