Minsk 2019

Hurra wir fahren nach Minsk! An einem Freitag Ende August ging’s endlich los und die anfängliche Aufregung war schnell verflogen, da man gleich am Flughafen Schönefeld auf einige bekannte Gesichter traf: Die ein oder andere Kommilitonin und natürlich unsere Lehrerinnen. Wir waren also von Anfang an gut aufgehoben und so lief auch die Anreise einfach nur reibungslos. Am Minsker Flughafen angekommen ging es direkt mit dem Shuttlebus zum Studentenwohnheim, wir verteilten uns auf die Wohnungen, bekamen unsere Schlüssel und bezogen unser neues Zuhause für die nächsten vier Wochen. Am selben Abend noch wurde dann das Internet (also SIM-Karten) organisiert und auch gleich die Tickets für den öffentlichen Nahverkehr – alles wieder mit tatkräftiger Unterstützung durch unsere geliebten Lehrerinnen oder mit Hilfe der des Russischen mächtigeren Mitreisenden.

Am ersten Wochenende richteten wir uns ein, begannen bei strahlend Sonnenschein und angenehmen Temperaturen mit der Entdeckung der Stadt und durften jeden Abend Gratiskonzerte der belorussischen Studenten genießen, die gemeinsam in den Höfen des Wohnheims zu Live-Gitarrenmusik sangen – unter ihnen sogar angehende Opernsängerinnen, wie man so sagen hörte. Schlag Mitternacht leerten sich dann die Höfe – Zapfenstreich im Studentenwohnheim (halb so wild wie wir im Laufe der Zeit herausfinden sollten).

Nach einem harmlosen ersten kleinen Bürokratiemarathon (Kursgebühr und so) ging dann am Montag der Sprachkurs los – erstmal mit einem Test, um uns nach Sprachniveau in vier verschiedene Lerngruppen einzuordnen. Der Schwerpunkt des Unterrichts lag eindeutig auf freiem Sprechen und so unterhielten wir uns zuerst mit unserer Lehrerin und dann auch untereinander immer mehr und schnell auch immer besser auf Russisch – was uns die nächsten Wochen sehr sehr viel Spaß gemacht hat. Wir tauschten uns über unsere Leben aus und über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Minsk und Berlin und hatten immer viel zu lachen. Dabei lernten wir auch mindestens so viele neue Wörter wie sonst in einem Semester kennen – so viele in so kurzer Zeit dass einige davon sogar hängen blieben, ohne dass man dafür mehr (im Sinne von sich hinsetzen und lernen) hätte tun müssen. Nebenher gab’s natürlich auch noch ein bisschen neue Grammatik.

Nachmittags wurden dann an vielen Tagen Exkursionen angeboten. Die begannen meistens schon kurz nach dem Unterricht, so dass oft keine Zeit für große Experimente in Sachen Mittagessen blieb. Also ging’s in die Mensa der Fakultät oder zum kleinen Suppenladen um die Ecke. In letzterem konnte man auch als Veganer glücklich werden, was für Belarus noch ziemliches Neuland ist, sich aber wohl immer weiter ausbreitet. In ersterer war leider sogar in die Draniki – eigentlich mega leckere Kartoffelpuffer und belorussisches Nationalgericht – meistens Fleisch eingearbeitet.  Da gibt’s selbst Fleischliebhaber die das so nicht mögen – Schaschlik (auch Nationalgericht) ist dann eh tausendmal besser. Abgesehen vom Plastikbesteck (blöd wenn der Zinken der Gabel abbricht und unversehens mitgegessen wird) gab’s sonst an der Mensa aber nichts auszusetzen – solides Essen und das unschlagbar günstig.

Bonaqua (Coca-Cola) ist scheinbar überall in Belarus das Wasser der Wahl – da hat die westliche Propaganda andere Erwartungen geweckt. Das war enttäuschend und wurde der ansonsten sehr fortschrittlichen Gesellschaft in Belarus nicht gerecht. Die Polizei dort – die ganz im Gegensatz zu Berlin nahezu unsichtbar bleibt – fährt übrigens bevorzugt Chevrolet.

Da passten die Flugzeuge und Hubschrauber im Luftfahrtmuseum – einem der Exkursionsziele – schon eher ins Bild, vom Mi-24 bis zur legendären Su-27 konnte man dort in den besten Luftfahrzeugen der Geschichte Platz nehmen und für Erinnerungsfotos posieren. Leider waren die Maschinen nicht mehr flugtauglich – ein Rundflug im Mi-26 wäre aber wohl allemal ein sehr teures Vergnügen.

Ein weiterer Ausflug führte ins Minsker Traktorenwerk, wo einer der meistverkauften Traktoren der Welt entsteht. Dort konnten wir die Fertigungslinie zweier Modelle in Augenschein nehmen und wurden mit dem kleinen Auftrag nach Hause geschickt, doch bitte den deutschen Besitzer ihres dreimillionsten Traktors dazu zu überreden diesen wieder an die Werke zurückzuverkaufen – für deren Museum. Doch der Besitzer liebt halt seinen Traktor so sehr, dass der gebotene Betrag einfach nicht ausreicht.

Außerdem besichtigten wir die Redaktion der Zeitung «Вечерний Минск», dabei entstand neben einem Zeitungsartikel sogar ein kleines Video fürs Fernsehen.

Natürlich wurden von der Universität auch Stadtführungen angeboten und wir organisierten auch Ausflüge in Eigenregie – nicht nur abends in Bars und Klubs, sondern auch in die Oper und ins Ballett – wo man ruhig ein bisschen mehr Geld in die Hand hätte nehmen sollen für bessere Plätze. Eishockey und Fußball stand auch auf unserem Programm und – wer hätte es gedacht – Spazierengehen in einigen der vielen Parks. Einige von uns erkundeten das Land auch abseits der Metropole Minsk, da ging es dann unter anderem nach Grodno oder zur Festung Brest – dank der günstigen Bahnverbindungen und der gemütlichen Schlafwägen sehr zu empfehlen. Die ein oder andere Party bei uns zu Hause gab’s natürlich auch, so wurde zum Beispiel gemeinsam Borschtsch gekocht und gegessen.

Leider waren die vier Wochen dann auch, ehe man sich versah, schon wieder rum und nach einem weiteren – diesmal etwas umfangreicheren (Passierschein A38 lässt grüßen) – Bürokratiemarathon mussten wir schweren Herzens die Heimreise antreten. Aber wir werden wiederkommen!

Alexander

28. November 2019 | Veröffentlicht von lutzmarx
Veröffentlicht unter Allgemein
Verschlagwortet mit

Schreiben Sie einen Kommentar

(erforderlich)