Future e-Research Support in the Humanities

Wissenschaftsblog zum DFG-Projekt FuReSH an der Universitätsbibliothek

FuReSH in der DH-Werkstatt

von Michael Kleineberg und Ben Kaden

Gern sind wir einer Einladung in die Digital-Humanities-Werkstatt der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) gefolgt, um Ende April die Zwischenergebnisse unserer Konzeptstudie vorzustellen. Zugleich hatten wir großes Interesse an dem neu eingerichteten Digital-Humanities-Lab in den Räumen der dortigen Universitätsbibliothek.

Die Veranstaltung vom 30. April 2019 diente also vor allem dem gegenseitigen Austausch von Ideen und Erfahrungen. Während unsere Konzeptstudie eher einen theoretisch-systematischen Ansatz verfolgt, entschied man sich an der FAU für einen pragmatischen Ansatz, um zunächst einmal die grundlegenden infrastrukturellen Bedürfnisse des ebenfalls neu eingerichteten Studienganges „Digitale Geistes- und Sozialwissenschaften“ zu adressieren.

Als „Interdisziplinäres Zentrum“ versucht das IZdigital (FAU) die digitalen Methoden aus mehr als zehn geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern zu bündeln und gemeinsam mit der Universitätsbibliothek und der Philosophischen Fakultät der FAU mit Infrastrukturangeboten und Beratungen zu unterstützen. Insbesondere das DH Lab kommt dabei unserer Idee der Scholarly Makerspaces bereits sehr nahe, da es sich als eine Kombination aus Helpdesk, Werkstatt und Open Space versteht. Das DH Lab nutzt einen Schulungsraum der Universitätsbibliothek mit 20 Computerarbeitsplätzen und vorinstallierten DH-Anwendungen und bietet einen festen wöchentlichen Termin zur Beratung und Schulung insbesondere für Studierende an.

In der Diskussion wurde deutlich, dass durchaus einige Hürden bei der Etablierung eines solchen Angebotes zur Vermittlung digitaler Forschungswerkzeuge bestehen. Dazu zählen unter anderem:

  • die zeitlich beschränkte Nutzungsmöglichkeit des Raumes als DH Lab, zumal dessen Platzanordnung eher auf Frontalunterricht als auf Gruppenarbeit und sozialen Austausch zugeschnitten ist;
  • die knappen personellen Ressourcen bei der Betreuung des DH Labs sowie die Schwierigkeit, Stellen mit enstprechenden IT-Kompetenzen zu besetzen;
  • die fehlenden finanziellen Mittel zur Lizenzierung einschlägiger digitaler Werkzeuge und der Rechtfertigungszwang für deren Relevanz besonders in der Einführungsphase;
  • die offenbar unzureichende Kommunikation des Angebotes in die Fakultäten und Institute, da es bislang eine nur geringe Kenntnis und Nutzung des DH Labs gibt;
  • die Namensgebung „Digital-Humanities-Lab“ scheint einige potenzielle Nutzerinnen und Nutzer eher abzuschrecken, die sich nicht dezidiert der DH-Community zugehörig fühlen.

Diese Herausforderungen decken sich durchaus mit Einsichten unserer Anforderungs- und Bedarfsanalyse, wie wir sie in unserem Zwischenbericht vorgestellt haben. Einige weitere Aspekte unserer Konzeptstudie wurden dann auch aufgegriffen und intensiv diskutiert sowie als Anregung verstanden – zum Beispiel die Einbindung solcher Infrastrukturangebote in E-Learning-Plattformen oder die Ausweitung der Zielgruppen über die Studierenden hinaus.

Eine weitere sehr wichtige Erkenntnis ergab sich aus der Veranstaltung selbst, deren Publikum eine Bandbreite von Hintergründen – Informatik, Bibliothek, Digital Humanities, Studierende – repräsentierte: Die Perspektiven auf ein Angebot wie das DH Lab sind sehr unterschiedlich und müssen zunächst auch kommunikativ aufeinander zugeführt werden. Denn erst im wechselseitigen Verständnis erschließt sich das Potential einer inklusiven bedarfsgerechten Ausgestaltung derartiger Angebote.

Naturgemäß etwas selbstbezüglich erwies sich die Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen eines solchen Angebots selbst als ein Anliegen der Scholarly Makerspaces: dem Zusammenführen heterogener Sichtweisen und die aktive Verständigung über Themen der digitalen Forschung bzw. in unserem Fall der entsprechenden Infrastruktur. Das DH Lab der FAU Erlangen-Nürnberg ist aber auch darüber hinaus ein für unsere Studie sehr willkommener Use Case, weshalb wir den Austausch auch zukünftig unbedingt pflegen möchten.

8. Mai 2019 | Veröffentlicht von Michael Kleineberg | Kein Kommentar »
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Zwischenbericht „Scholarly Makerspaces“ in LIBREAS veröffentlicht

In der neuen Ausgabe von LIBREAS. Library Ideas #35 (2019) ist unser Artikel „Scholarly Makerspaces – Ein Zwischenbereicht zum DFG-Projekt FuReSH“ erschienen.

Abstract:

An der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin wird aktuell eine Konzeptstudie zur Idee der sogenannten Scholarly Makerspaces erarbeitet. Mit diesem Ansatz soll die Vermittlung von Bausteinen der digitalen Forschung in den Kultur- und Geisteswissenschaften auch über den Kernbereich der Digital Humanities hinaus auf lokaler Ebene verbessert werden. Aus bibliothekarischer Sicht versteht sich die Idee zugleich als ein Angebot, um die Rolle von Universitätsbibliotheken in ihrem jeweiligen Bedingungs- und Wirkungsrahmen explizit als Partner der Forschung zu untersuchen und Möglichkeiten einer differenzierten Vermittlung so genannter digitaler Literarizitäten über den sehr allgemeinen Begriff der Informationskompetenz hinaus auszuloten. Aus Sicht der Entwicklung von digitalen Forschungswerkzeugen ermöglichen Scholarly Makerspaces einen besseren Zugang zu Zielgruppen in der Breite und damit neue Vermittlungs- und Kommunikationsmöglichkeiten für Anbietende. Der Bericht dokumentiert den Zwischenstand anhand ausgewählter Aspekte. Die Gesamtstudie wird Ende des Jahres 2019 vorgelegt.

8. Mai 2019 | Veröffentlicht von Michael Kleineberg | Kein Kommentar »
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Bericht zum Workshop „Scholarly Makerspaces – Bibliotheken als Vermittlungsplattform für Digital-Humanities-Tools“

Im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin fand am 27. Februar 2019 ein Workshop zur Konzeption von Scholarly Makerspaces statt. Ziel der Veranstaltung waren die Vertiefung und Spezifizikation konkreter Aspekte für die angestrebte Umsetzung des Dienstes an der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität. Aus diesem Grund wurden Expertinnen und Experten zu unterschiedlichen Einzelthemen eingeladen, die mit vier Impulsvorträgen die Basis für eine konstruktive Diskussion lieferten

Im ersten Beitrag, “Digitale Bilder in Forschung und Lehre: Praktiken und Aufgaben”, stellte Dr. Georg Schelbert, Leiter der Mediathek des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte an der Humboldt-Universität, die Anforderungen und Herausforderungen für den Umgang mit digitalen Bildern in Forschung und Lehre heraus. Neben Textmaterialien sind Bildmaterialien eine der zentralen Quellen für die Geisteswissenschaften. Mit Texten teilen sie bei der digitalen Forschung die Anforderung einer konsistenten strukturellen Erschließung. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es notwendig, digitale Werkzeuge nicht für sich allein, sondern grundsätzlich in Beziehung zu den konkreten Forschungsobjekten mit ihren Metadaten und den Repräsentationsplattformen zu betrachten. So wie Forschungsdaten ohne Kenntnis der Werkzeuge und des Erhebungszusammenhangs nicht eindeutig verstanden und eingeordnet werden können, so wichtig ist es, auch Werkzeuge in ihrem konkreten wissenschaftlichen Anwendungsfeld zu verstehen und ihre Funktionsweise und Anwendungsgrenzen zu kennen. Ein funktionale Trennung und die Fokussierung der Scholarly Makerspaces allein auf Werkzeuge scheint daher nicht zielführend. Scholarly Makerspaces sollten dementsprechend nicht Werkzeuge ODER Forschungsdaten ODER Plattformen vermitteln, sondern infrastrukturelle Forschungskontexte generell.

Ein typisches Forschungsobjekt: Digitalisiertes Dia aus der Glasdia-Sammlung der Mediathek der Humboldt-Universität. (Quelle: Imeji- Sammlung / Arbeitsdatenbank von Georg Schelbert)

Für bildorientierte Wissenschaften wäre es aktuell bereits eine erhebliche Hilfe, niedrigschwellige, funktional stabile und langfristig verfügbare Angebote für die Erfassung wissenschaftlich nutzbarer digitaler Bildstrukturen anzubieten. Am Beispiel der Plattform imeji präsentierte Georg Schelbert wie eine solche Lösung aussehen könnte: Objekt, Beschreibungsdaten und eine Bearbeitungs- und Interaktionsoberfläche liegen auf einer Nutzungsebene und ermöglichen eine eigenständige Bildverarbeitung, -auszeichnung und -annotation. Zugleich zeigt das Beispiel, dass selbst eine vermeintlich einfache Lösung im aktuellen Zuschnitt von Mediatheken kaum nachhaltig zu pflegen ist. Wie so oft liegt die Herausforderung hier weniger in der Technik selbst als in der personellen Betreuung, für die zumeist nur Mittel auf Projektbasis eingeworben werden können. Auch die Scholarly Makerspaces werden sich ganz elementar mit der Frage, wie die personelle Grundausstattung dauerhaft abzusichern ist, befassen müssen. Indirekt sehen sie sich auch der Erwartung ausgesetzt, für bestehende Dienste eine Art Kümmererfunktion zu übernehmen, die gezielt nach Lösungen für eine Absicherung der Bereitstellung sucht. Auch diese Rolle, also die gezielte Zusammenführung, Vermittlung und nach Möglichkeit auch Unterstützung lokal bestehender Dienste für die digitale geisteswissenschaftliche Forschung wird in einem Umsetzungsmodell zu berücksichtigen sein.

Dass das Problem des nachhaltigen Betriebs von Diensten der digitalen Forschung nahezu chronisch für das Bibliothekswesen ist, zeigt das Beispiel der Staatsbibliothek zu Berlin und ihres geplanten SBB Labs, das Clemens Neudecker in seinem Vortrag “Digitale Kuratierungstechnologien und ein Lab: der richtige Weg vom Bücherspeicher zur Informationsinfrastruktur?“ präsentierte. Selbst bei einer ausdrücklichen Orientierung in Richtung digitale Innovation ist die Gestaltung des optimalen Weges hin zu einem komplexen Zugang zu digitalen und digitalisierten Beständen ein eher mittel- bis langfristiges Vorhaben. Die Herausforderungen liegen nicht allein in den Ideen, individuellen Motivationen und Lösungen an sich, sondern vor allem in der langfristigen Verfügbarhaltung und der Einbindung in das organisationale Gefüge.

Ähnlich zu den Anforderungen bei den bildorientierten Wissenschaften zeigt sich auch hier, dass der zentrale Mehrwert eines entsprechenden Bibliotheksangebotes in der Bereitstellung und der Schaffung von Optionen für eine multiperspektivische Annäherung an die bereitgestellten Inhalte der Kern solcher Lab-Strukturen sein sollte. Die wissenschaftliche Rezeption digitaler Bestände erfolgt nicht mehr zwingend durch händische Erschließung und die intellektuellen Analyse der Einzelobjekte, sondern mit wachsenden Anteilen im maschinellen Auslesen und der Aufbereitung über Algorithmen. Das Ziel an der Staatsbibliothek ist folglich, Dienste für eine Tiefenerschließung der Bestände beispielsweise über Deep-Learning-Verfahren und weitere Technologien zur digitalen Kuratierung anzubieten. Dabei geht es zunächst um eine digitale Texterschließung und -anreicherung beispielsweise mittels Disambiguierung, Auszeichnung von Entitäten, Geolokalisierung und Linked-Open-Data-Einbindung. Darüber hinaus sollen Tutorials für die Möglichkeiten und Anforderungen digitaler Textanalytik sensiblisieren. Für die Einrichtung selbst besitzt das SSB Lab zugleich einen großen Wert als Schaufenster in die Tiefe der Bestände und als Anschlusspunkt an aktuelle Entwicklungen in die digitale, auch bibliothekswissenschaftlich relevante, Forschung.

Wie vielgestaltig die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit digitalen Forschungsstrukturen für die Geisteswissenschaften ist, zeigte sich im Vortrag “Human-Centered Data Laboratory@FU Berlin” von Prof. Dr. Claudia Müller-Birn von der Freien Universität Berlin. Sie und ihr Team beforschen diese Strukturen aus Perspektive der Informatik. So wie die Geisteswissenschaften reflexiv das Digitale durchdringen müssen, um zu verstehen, was das aktuelle Transformationsgeschehen für sie bedeutet, so sehr hilft es der Informatik, nachzuvollziehen, wie Geisteswissenschaften an sich arbeiten und wie ihr Gebrauch der digitalen Möglichkeiten aussieht.

Beispielsweise handelt es sich bei Software keinesfalls um eine Black-Box, die einfach eine Aufgabe erfüllt, sondern um ein konstruiertes technisches UND epistemisches Objekt. Akteure an den Schnittstellen der Softwarevermittlung, also insbesondere auch der Informationsinfrastruktur, müssen beide Dimensionen kennen und die Bedingungen und Auswirkungen nachvollziehen können. Im Gegenzug sollte Software so geschrieben und distribuiert werden, dass diese auch für Anwender nachvollziehbar bleibt. Wo Forschungstransparenz eingefordert wird, gehört beispielsweise die Offenlegung verwendeter Algorithmen hinter einer Visualisierung konsequent auf eine Ebene mit einer Forschungsdatendokumentation.

Schließlich präsentierte Christian Thomas von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit seinem Vortrag “CLARIN-D/CLARIAH-DE – ‘Digital-Humanities-Tools’ und weitere  Angebote für ‘Scholarly Makerspaces’ in Bibliotheken” eine Art Synopse der Erwartungshaltungen aus der Fachwissenschaft an Scholarly Makerspaces. Er bestätigte weitgehend die bisherige konzeptionelle Schwerpunktsetzung, das heißt die Betonung der Vermittlung von digitalen Ressourcen, Methoden und Tools. Ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal wäre aus seiner Sicht, ein systematisierter Überblick und Zugang zu Angeboten für die digitale Forschung, wozu ausdrücklich auch eine Evaluation gehört. Die Entwicklung von digitalen Werkzeugen selbst ist jedoch eine Aufgabe der Fach-Communities und ausdrücklich nicht Bestandteil von Scholarly Makerspaces.

Bei der Auswahl der digitalen Werkzeuge sollte der Fokus nicht unbedingt auf der jeweiligen Avantgarde der technischen Entwicklung liegen, sondern auf dem Bewährten und dem Funktionierenden, also auf bestehenden Best-Practice-Lösungen. Dies steht in Übereinstimmung mit den erwartbaren Anforderungen und Kompetenzen der Zielgruppen des Dienstes, denen es vor allem darum geht, einen Anschluss an mehr oder weniger standardisierte, in jedem Fall etablierte Forschungsverfahren und digitale Lösungen zu finden. Entsprechend betonte er den “Mut zur Bodenständigkeit”, bei dem nichts Neues erfunden, sondern soviel wie möglich an externen Angeboten (z.B. Tools, Tutorials, Demos) nachgenutzt und kuratiert werden sollte. Aus seiner Sicht besteht die Kernaufgabe von Scholarly Makerspaces darin, bestehende DH-Angebote niedrigschwellig und zielgruppengerecht zu vermitteln und dabei digitale Quellenkritik anzuregen. Zudem wird der Aspekt der Vernetzung betont, bei dem Scholarly Makerspaces als Mediatoren fungieren können zwischen Tool-Entwicklern und Tool-Nutzern. Ein Ansatz wären  regelmäßig angebotene Kolloquien, die konkret auch gut in die Veranstaltungszusammenhänge der Berliner DH-Community eingebettet werden können.

In der anschließenden Diskussion wurden weitere Aspekte hervorgehoben. Beispielsweise sollten Scholarly Makerspaces bereits bestehende Serviceangebote der eigenen Hochschule in ihrem Webauftritt integrieren, so dass Infrastrukturlösungen (z.B. Cloud-Speicher, Umgebungen zum kollaborativen Arbeiten, Medienrepositorien, Mediatheken, Publikationsserver) und weitere digitale Werkzeuge (z.B. Literaturverwaltungsprogramme) bis hin zu physischen Werkzeugen (z.B. 3D-Drucker, Plotter) in einem größeren Zusammenhang sichtbar werden.

Ein weiterer angesprochener Aspekt ist die Orientierung an den Curricula mit Schnittmengen zu digitaler Forschung an der jeweiligen Hochschule. Da die Kompetenzvermittlung zur digitalen Forschung in den Geisteswissenschaften vornehmlich die Aufgabe der Fach-Communities und damit der einzelnen Fakultäten und Institute ist, sollten die Infrastrukturangebote darauf zugeschnitten werden. An der Humboldt-Universität könnten beispielsweise für Studierende der digitalen Geschichtswissenschaft entsprechende Annotations- und Analysewerkzeuge auf arbeitsfähigen Workstations bereitgestellt werden, die eine seminarbegleitende Methodenvermittlung ermöglichen.

Desweiteren wurde darauf hingewiesen, dass verschiedene Konzeptionen von sogenannten Labs (z.B. Library Lab, DH Lab, Data Lab) zwar der Idee von Scholarly Makerspaces ähneln, aber doch andere Schwerpunkte aufweisen und daher eher arbeitsteilig verstanden werden sollten. Während es zum Beispiel bei dem SBB Lab vorrangig um die Kuratierung des eigenen digitalen Bestandes geht, und bei dem Human-Centered Data Laboratory um die kritische Reflexion über die Mensch-Maschine-Interaktion, steht bei den Scholarly Makerspaces vor allem ein forschungsbegleitender und didaktischer Ansatz im Vordergrund.    

In diesem Zusammenhang wurde auch erwogen, ob für die angebotenen Schulungen in den Scholarly Makerspaces nicht auch ECTS-Punkte vergeben werden könnten, um einen höheren Anreiz für Studierende zu schaffen. Allerdings gab es hierbei unterschiedliche Meinungen. Da es nicht Aufgabe von Hochschulbibliotheken ist, über Studienordnungen und Kreditierungen zu entscheiden, können solche Erwägungen nur im Gespräch mit den entsprechenden Fakultäten und Instituten angeregt und allenfalls mittel- oder langfristig umgesetzt werden. Der Schwerpunkt der Scholarly Makerspaces sollte nicht die Übernahme einer Methodenausbildung sein, sondern ein Beratungs- und Motivationsangebot für die reflexive und im Ergebnis forschungsorientierte Beschäftigung mit digitalen Werkzeugen, Daten und Verfahren.

Einigkeit bestand jedoch darüber, dass sich die Umsetzung von Scholarly Makerspaces an Universitätsbibliotheken in einem Spannungfeld zwischen personellen Ressourcen und der Komplexität der Aufgaben befindet. Allgemein wurde die Betreuung eines Scholarly Makerspace mit ein bis zwei Vollzeitstellen als realistisch angesehen. Allerdings erfordern diese Stellen ein entsprechendes Kompetenzprofil und können nicht ohne weiteres aus dem bestehenden Bibliothekspersonal rekrutiert werden. Neben den bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Aspekten eröffnen möglicherweise auch Digital-Humanities-Studiengänge einen weiteren Qualifikationshintergrund.

In der Implementierungsphase sollten schon aus pragmatischen Gründen Arbeitsschwerpunkte klar definiert und priorisiert werden. Für das Umsetzungsmodell ist eine Differenzierung zwischen festen Aufgaben im Sinne der Grundidee und variablen Schwerpunkten in Abstimmung mit den jeweiligen lokalen Bedingungen und Anforderungen vorgesehen. Zu den festen Diensten zählt neben  der Kuratierung digitaler Angebote und der Bereitstellung eines Raumes mit anwendungsbereiten Workstations, der zugleich Schulungs-, Explorations-, Kommunikations- und Reflektionsraum sein soll, vor allem der Schwerpunkt Vernetzung und Kooperation mit weiteren Partnern. Somit muss im Idealfall gerade bei Beratungen keine vollumfassende Expertise vor Ort vorhanden sein. Wichtig ist, den Beratungsbedarf eindeutig zu bestimmen und die passenden Expertinnen und Experten vermitteln zu können.

In der Gesamtschau fühlen wir uns durch den Workshop grundlegend bestärkt. Die Idee der Scholarly Makerspaces wird allgemein als sehr vielversprechend angesehen. Detailfragen werden je nach individueller Interessen- und Forschungsperspektive unterschiedlich gewichtet, was für uns die Herausforderung einer Integration der vielschichtigen Perspektiven und Anforderungen mit sich bringt. Aber genau diese offene und flexible Ausrichtung entspricht schließlich der Idee von Scholarly Makerspaces.

12. März 2019 | Veröffentlicht von Michael Kleineberg | Kein Kommentar »
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Scholarly Makerspaces – eine Kurzbeschreibung

Aufgrund häufigerer Anfragen und auch als Vorbereitung des FuReSH-Workshops am 27.02.2019 stellen wir in diesem Blogbeitrag eine kurze Übersicht zur Idee der Scholarly Makerspaces anhand von drei für das Konzept maßgeblichen Aspekten vor. Rückmeldungen und Anmerkungen sind selbstverständlich sehr willkommen.

Herausforderungen

Die besonders durch das Feld der “Digital Humanities” getriebene Entwicklung digitaler Forschungs-, Kommunikations- und auch Lehrpraxen in den Geisteswissenschaften führen unbestreitbar zu einer Transformation der wissenschaftlichen Arbeit. Diese stellt wie jede Transformation eine erhebliche Herausforderung für die betroffenen Bereiche dar

Drei Felder spielen dabei aus unserer Sicht eine besondere Rolle:

  • Methologische Verschiebungen (Forschungstheorie)
  • Werkzeug- und Technologiebindung (Forschungspraxis)
  • Datafizierung des Forschungsmaterials (Forschungsdaten)

Diese drei Bereiche stehen notwendig in Wechselwirkung zueinander.

Als Folge sind konkrete Veränderungen auch auf dem Feld der Forschungsagenden und damit zusammenhängend der Forschungsfragen und Erkenntnisziele einerseits und der wissenschaftlichen Kommunikation andererseits zu beobachten

Für die von dieser Transformation berührten Bereiche der Wissenschaft, zu denen die Fachkulturen, die Lehre sowie die Wissenschaftsinfrastrukturen und dabei insbesondere das wissenschaftliche Bibliothekswesen gehören, müssen auf verschiedenen Ebenen Lösungen gefunden werden, um den Gestaltungsanspruch einlösen zu können. Bei diesen geht es in der Regel um eine Integrierbarkeit der neuen digitalen Facetten in der Wissenschaftspraxis mit den bestehenden Strukturen und akademischen Handlungsformen bzw. -zielen. Vier Aspekte scheinen uns dabei besonders wichtig:

  1. wissenschaftliche Kommunikation – Es zeichnet sich ab, dass die etablierten und sich als sehr stabil erweisenden Kommunikationsstrukturen der wissenschaftlichen Communities kaum mit einem Forschungsoutput in Übereinstimmung bringen lassen, wie er für die digitale Forschung typisch, teils auch wesentlich ist. (strukturierte Daten, Enhanced Publications, Mikropublikationen, offene Publikationen)
  2. Wissenschaftsorganisation – Organisationsstrukturen der Wissenschaft, beispielsweise auch innerhalb der Hochschulen, unterstützen bisher häufig nicht die Durchlässigkeit, organisatorische Flexibilität und Interdisziplinarität, die im Zuge der Transformation erforderlich werden und die für deren gezielte Gestaltung und Steuerung notwendig erscheinen.
  3. wissenschaftliche Anerkennung – Forschungsformen insbesondere der Digital Humanities können oft nur schwer mit bestehenden Reputationszuschreibungsstrukturen der Fachdisziplinen harmonisiert werden. Häufig ist ein zusätzlicher Übersetzungs- und Anpassungsschritt erforderlich, der jedoch im Gegenzug die Potentiale digitaler Forschung weitgehend abschwächt bis ausblendet.
  4. Lehre – Studierende werden in der Regel nicht oder nicht systematisch mit den Anforderungen und Möglichkeiten digitaler geisteswissenschaftlicher Forschung vetraut gemacht. Eine Auseinandersetzung mit digitalen Forschungsmethoden erfolgt daher nur punktuell und ist häufig vor allem aus einem individuellen Interesse Studierender und Lehrender motiviert.

Lösungsansatz

Wir schlagen das Konzept der Scholarly Makerspaces vor, um die oben benannten Herausforderungen zu adressieren und damit einen so niedrigschwelligen wie wirksamen Gestaltungsansatz für die Transformation im der digitalen Forschung in den Geisteswissenschaften anzubieten. Die Scholarly Makerspaces werden als Erweiterung der Angebote einer Hochschulbibliothek verstanden. Im Kern stehen die Prinzipien der Zugänglichkeit, der Systematisierung und der Vernetzung

Zugänglichkeit bedeutet, dass die Scholarly Makerspaces ein offener Raum für alle Nutzer*innen der Universitätsbibliothek, also vor allem Studierende, Lehrende, Forschende, mit der Hochschulorganisation befasste sowie zum Teil auch externe Interessierte (Stichwort Bürgerwissenschaft) sein sollen. Die allgemeine Nutzung ist nicht an Auflagen oder konkrete Zielstellungen gebunden und betont explorative Ansätze und das Konzept der Serendipität. Die Scholarly Makerspaces werden als physischer Raum mit Workstations, Kommunikations- und Schulungsmöglichkeiten, als Kontakt- und Beratungsstelle sowie als digitale Materialsammlung angeboten.

Die Systematisierung bezieht sich auf den inhaltlichen Kern des Angebotes. In einem auf Verfahren des Wissensmanagements und der bibliothekarisch-dokumentarischen Erschließung aufsetzenden Ansatz werden alle Kompenenten der digitalen geisteswissenschaftlichen Forschung erfasst, erschlossen und vermittelt, also rezipierbar präsentiert. Dies umfasst Zugänge

  • zum Material,
  • zu Verfahren und Werkzeugen zur Organisation des Materials (z.B. als Forschungsdatenmanagement,
  • zu Methoden,
  • zu methodologischen Grundlagen,
  • zu Analyse- und Verarbeitungswerkzeugen und Nutzungskompetenzen,
  • zu Aufbereitungs- und Darstellungslösungen für Forschungsergebnisse und -materialien,
  • zu Weiterbildungs- und Schulungsmöglichkeiten,
  • zu Publikationsstrukturen,
  • zu Peers und anderen Akteuren.

Das Angebot wird als navigier- und erweiterbare Wissensbank mit kuratorischer und redaktionaller Aufbereitung geplant. Es wird digital bereitgestellt und soll ausdrücklich eigenständig als Orientierungshilfe, Nachschlageangebot und zur Weiterbildung genutzt werden können. Bestehende Angebote werden erschlossen, verknüpft, vermittelt und nach Möglichkeit integriert.

Dies leitet auf das Prinzip der Vernetzung hin. Scholarly Makerspaces sollen lokale Anlaufpunkte für die digitale geisteswissenschaftliche Forschung und Lehre sein. Sie werden daher selbst aktiv und dienen den unterschiedlichen Stakeholdern – Nutzer*innen, Fachcommunities, Publikationswesen etc. – als Verknüpfungspunkt und als Schnittstelle zwischen den lokalen Aktivitäten und denen im übergeordneten Feld der digitalen geisteswissenschaftlichen Forschung. Damit wird es auch den entsprechenden Forschungscommunities und Akteuren ermöglicht, bei Bedarf über diese Schnittstelle in die lokalen Communities zurückzuwirken. Zugleich können lokale Erfahrungen systematischer in einen übergreifenden Diskurs zur digitalen Geisteswissenschaft eingebracht werden.

Warum lokal?

Die Einrichtung eines entsprechenden Anlaufspunktes, Kompetenzzentrums und Arbeitsbereiches innerhalb einer Hochschulbibliothek ergibt sich aus den benannten Grundprinzipien der Scholarly Makerspaces. Es soll auf der Ebene der einzelnen Einrichtung ein direkter Anschluss an die Lehre und Forschung vor Ort sowie lokale Anforderungen und Bedarfe ermöglicht werden. Die Scholarly Makerspaces bündeln dabei auch entsprechende Beratungsmöglichkeiten z.B. zum fachspezifischen Forschungsdatenmanagement, elektronischen Publizieren, Einbindung digitaler Elemente in die Lehre oder auch der Vorbereitung und Unterstützung von Förderanträgen und Forschungsplanungen.

Darüberhinaus sind Hochschulbibliotheken traditionell Kompetenzzentren für die Bereitstellung von Forschungsmaterial. Dazu unterstützt sie bereits jetzt beispielsweise im Bereich der Open-Access-Beratung Publikationsaktivitäten. Mit den Scholarly Makerspaces kann dies von der organisatorisch-konzeptionellen Ebene auch auf die der technischen Kompetenzen erweitert werden. Während traditionell die Vermittlung von Publikationen und wissenschaftlicher Kommunikation im Mittelpunkt stand, wird dies nun auch auf Forschungsdaten, Werkzeuge sowie Nutzungs- und Verständniskompetenzen, also in Richtung Data- und Tool-Literacy ausgedehnt. Je spezifischer die Ansprüche, desto wichtiger wird es, Vermittlungsstrategien in Kooperation mit den jeweiligen Fächern, also den Instituten und Fakultäten und abzustimmen. Mit den Scholarly Makerspaces ergeben sich dadurch Möglichkeiten einer verstärkten Wechselwirkung zwischen Lehre, Forschung und Bibliothek im jeweiligen konkreten Hochschulzusammenhang.

Gerade über die Integration mit der Lehre wird ein übergreifende Kompetenzvermittlung zum Verständnis und der Beurteilungsfähigkeiten in Bezug auf digitale Forschung angestrebt. Die Scholarly Makerspaces zielen ausdrücklich nicht etwa nur auf unmittelbare Nutzungsfähigkeiten für bestimmte Werkzeuge, sondern zugleich betont auch auf die Vermittlung von Metawissen und die Anregung methodologischer Reflexion bei den Studierenden, Promovierenden und Lehrenden sowie wo nachgefragt und sinnvoll auch Forschenden und Akteuren der Hochschulorganisation. Beides ist für ein erfolgreiches Navigieren und Entscheiden im Zuge der beschriebenen Transformation notwendig und hilft im Idealfall, entsprechende Entwicklungen der digitalen Wissenschaft systematisch und damit wissenschaftsadäquat hochschulweit und auch darüber hinausreichend zu fördern und zu prägen

(Berlin, 19.02.2019)

19. Februar 2019 | Veröffentlicht von Ben Kaden | Kein Kommentar »
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Workshop „Scholarly Makerspaces – Bibliotheken als Vermittlungsplattform für Digital-Humanities-Tools“ am 27.02.2019

Digitalansicht Doppelseite Notizen der Brüder Grimm in der "Geschichte der Hofnarren" aus der Grimmbibliothek Digitale Forschungsdaten: Notizen der Brüder Grimm aus der Grimmbibliothek der Humboldt-Universität. Aber das Bild allein ist nur der erste Schritt für die digitale Auseinandersetzung mit solchen Materialien. Zur Unterstützung aller weiteren Beforschungsstufen können Scholarly Makerspaces einen Rahmen bieten. (Quelle: Flickr / Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität. Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)

Wie bereits vorangekündigt wird das FuReSH-Projekt am 27. Februar 2019 einen Workshop im Grimmzentrum der Humboldt-Universität zu Berlin durchführen. Das Anliegen der Veranstaltung ist die Diskussion und Vertiefung von Fragen, die sich für die Ausgestaltung von Scholarly Makerspaces für wissenschaftliche Bibliotheken ergeben. Gegenstand des FuReSH-Projektes ist bekanntlich eine Konzeptstudie, in der Idee, Ansatz und Umsetzung solcher Räume für die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Bedingungen digitaler geisteswissenschaftlicher Forschung systematisch untersucht und abgebildet werden. Wir laden daher Expert*innen und interessierte Personen sowohl aus dem Infrastrukturbereich als auch aus den Fachbereichen ein, mit uns folgende Fragen zu vertiefen:

  1. Wie können wissenschaftliche Bibliotheken die Vermittlung von digitalen Werkzeugen in den Geisteswissenschaften unterstützen?
  2. Welche Funktionen können Scholarly Makerspaces übernehmen?
  3. Welche Zielgruppen können und sollen erreicht werden?
  4. Welche Nutzungsszenarien sind vorgesehen?
  5. Wie können Kooperationen zwischen Bibliotheken und Fachwissenschaften gestaltet werden?
  6. Wie gehen wir mit dem Spannungsverhältnis Tools – Kompetenzen – Methodologie – Forschungsprogramm um?
  7. Wie können Scholarly Makerspaces nachhaltig in die Organisationsstruktur von Bibliotheken eingebunden werden?
  8. Wo sind die Grenzen einer sinnvollen Umsetzung von Scholarly Makerspaces?

Zielgruppe: Vertreterinnen und Vertreter von Infrastruktureinrichtungen sowie aus dem Bereich der Digital Humanities mit Interesse an der Vermittlung von digitalen Werkzeugen bzw. an der Konzeption von Library Labs bzw. Scholarly Makerspaces

Wann: 27. Februar 2019 von 13 bis 17 Uhr

Wo: Jacob-und-Wilhelm-Grimmzentrum, Geschwister-Scholl-Straße 1-3, 10117 Berlin, Großer Besprechungsraum 9.538, 9. Etage (erreichbar über den Aufzug am Personaleingang Planckstraße)

Anmeldung: Da die Anzahl der Teilnehmenden begrenzt ist, wird um vorherige Anmeldung per Email gebeten: michael.kleineberg@hu-berlin.de


PROGRAMM

13:00-13:20     Begrüßung und Vorstellungsrunde

13:20-13:40     Scholarly Makerspaces – Ideen und offene Fragen (Ben Kaden, HU Berlin; Michael Kleineberg, HU Berlin)

13:40-14:00    Digitale Bilder in Forschung und Lehre: Praktiken und Aufgaben (Dr. Georg Schelbert, HU Berlin)

14:00-14:20    Digitale Kuratierungstechnologien und ein Lab: der richtige Weg vom Bücherspeicher zur Informationsinfrastruktur? (Clemens Neudecker, SBB)

14:20-14:40    Human-Centered Data Laboratory@FU Berlin (Prof. Claudia Müller-Birn, FU Berlin)

14:40-15:00    Pause

15:00-15:20    CLARIN-D/CLARIAH-DE – „Digital-Humanities-Tools“ und  weitere  Angebote für „Scholarly Makerspaces“ in Bibliotheken (Christian Thomas, BBAW) (Abstract)

15:20-16:50    Zur Umsetzung von Scholarly MakerspacesDiskussion anhand von Leitfragen und ausgewählten Aspekten

16:50-17:00     Zusammenfassung und Verabschiedung

30. Januar 2019 | Veröffentlicht von Ben Kaden | Kein Kommentar »
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Save the date: FuReSH-Workshop „Scholarly Makerspaces – Bibliotheken als Vermittlungsplattform für Digital-Humanities-Tools“

Das DFG-Projekt Future e-Research Support in the Humanities (FuReSH) führt am 27. Februar 2019 an der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin einen Workshop zum Thema “Scholarly Makerspaces” mit Experteninnen und Experten durch. Der Workshop dient einer vertiefenden Diskussion des Konzeptes der Scholarly Makerspaces als Plattform zur Vermittlung von digitalen Werkzeugen und Methodenkompetenz im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften sowie einer Konkretisierung des Organisations- und Servicemodells am Beispiel der Universitätsbibliothek der HU. Die Erkenntnisse der Veranstaltung finden Eingang in die vom FuReSH-Projekt zu erstellende Konzeptstudie zur Implementierbarkeit von Scholarly Makerspaces in das Dienstleistungsangebot von Universitätsbibliotheken.

Weitere Informationen zum Programm folgen Anfang Januar 2019.

Da die Teilnehmeranzahl begrenzt ist, wird um Anmeldung per Email gebeten: michael.kleineberg@hu-berlin.de

Termin: 27. Februar 2019

Ort: Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum (HU) | Geschwister-Scholl-Straße 3 | 10117 Berlin

 

11. Dezember 2018 | Veröffentlicht von Michael Kleineberg | Kein Kommentar »
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Die Informatik und die Digital Humanities

Beobachtungen zum GI-Workshop: „Im Spannungsfeld zwischen Tool-Building und Forschung auf Augenhöhe – Informatik und die Digital Humanities“ am 25.9.2018 in Berlin.

 

von Ben Kaden (@bkaden)

Die Beziehung zwischen Informatik und Geisteswissenschaften ist traditionell eine komplizierte. In den Digital Humanities finden beide disziplinären Felder zwangsläufig, wenn auch erfahrungsgemäß nicht immer zueinander, so doch wenigstens eine außerordentliche Nähe. Dass diese naturgemäß gegeben sein sollte, könnte man annehmen, wenn man es mit Frieder Nake hält, der, die Semiotik als Basis nehmend, betonte:

“Es handelt sich aber gleichzeitig um eine Sozial- oder Geisteswissenschaft, insofern die Informatik algorithmische Semiosen betrachtet.”

Allgemeine Erfahrungen deuten aber eher darauf hin, dass diese These von der Informatik als Geisteswissenschaft bislang im Alltag stärkeres Gewicht als konzeptionelles Gedankenspiel denn als Verständigungsgrundlage für die Digital Humanities erhielt. Vielleicht wird sich dies ändern. Vielleicht ist sie aber auch etwas zu radikal gefasst, um über die wissenschaftstheoretische Reflexion hinaus Wirkmächtigkeit zu entfalten.

Ankündigung zum Workshop "Informatik und die Digital Humanities"
Spontane Hinweis-Platzierung auf Augenhöhe: in den universitären Ecken der Sophienstraße hallt die Improvisationskultur, für die Berlin so lange so berühmt war, glücklicherweise tatsächlich noch nach.

Dass es auch über die Semiotik hinaus eine ganze Vielzahl von Ansätzen für eine Verständigungen zwischen Wissens- und Kommunikationskulturen von Informatik und Geisteswissenschaften gibt, legte im späten September ein außerordentlich konstruktiver Workshop der Gesellschaft für Informatik frei. Veranstaltungsort war passenderweise der Multifunktionsraum des interdisziplinären Exzellenzclusters Bild-Wissen-Gestaltung in der Berliner Sophienstraße. Dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden sogar kurzzeitig mit einbezogen und per Lunch Talk von Michael Piotrowski unter dem Titel “Digital Humanities: An Explication” mit dessen Thesen zur Modellbildung als Zentralgegenstand der theoretischen und praktischen Digital Humanities konfrontiert. Signifikant für die Digital Humanities, so der Ansatz, sollte ein “computational” bzw. “formal modeling” sein, dass sich in vielen Wissenschaften bewehrt hat. Nimmt man das Phänomen “Modell” also als Dreh- und Angelpunkt der Digital Humanities, dann kann man folgende Definition annehmen und zur weitereren Diskussion stellen:

“1. Research on and development of means and methods for constructing formal models in the humanities (theoretical digital humanities)

2. The application of these means and methods for the construction of concrete formal models in the humanities disciplines (applied digital humanities)”. (https://dl.gi.de/handle/20.500.12116/17004)

Wie konsensfähig dieser durchaus szientifizierend gerichtete Blick auf die sich oft bewusst und sicher auch aus guten Grund gegen eine Formalisierung sperrenden Geisteswissenschaften ist, blieb ein bisschen unscharf. Eine interessante und durchaus konsensfähige Erkenntnis des Workshops war aber, dass Digital Humanities auch oder gerade aus primär informatisch geleiteter Sicht keineswegs die natürlichen Nachfolge der Geisteswissenschaften wie wir sie kennen in einer Quasi-Evolution des Wissenschaftssystems darstellen. Sondern ein Forschungsprogramm ganz eigener Qualität.

Dies eindeutig abzugrenzen bleibt zugleich eine Herausforderung, zumal dennoch auch traditionelle Geisteswissenschaften mehr und mehr mit informatischen bzw. digitalkulturellen Konzepten, Ansätzen und Verfahren zu tun haben und zwar mindestens dort, wo sich ihr Gegenstandsbereich auf digitale Phänomene erweitert. Der Dialog mit der Informatik muss also so oder so zustande kommen. Der Workshop verdeutlichte erfolgreich, wie machbar und sinnvoll dies ist. Die sechs Vorträge sowie ein gutes Dutzend Poster lieferten den Input. Die jeweiligen Diskussionen und das Abschlussgespräch blieben sehr fokussiert und lieferten eine Reihe von Anregungen für eine weiterführende Reflexion. Entsprechend lassen sich aus diesem Workshop einige Trends und Desiderate festhalten und für Folgeüberlegungen zum Verhältnis von Informatik und Geisteswissenschaften sowie – in diesem Blog natürlich vorranging bedeutsam – zur Aufgabenbestimmung und Ausgestaltung von Scholarly Makerspaces beitragen sollten.

 

Trends Verhältnis Informatik und Geisteswissenschaften

Zusammenfassend lassen sich im Nachgang der Veranstaltung aus unserer Sicht fünf Trends für das Spannungsverhältnis von Informatik und Geisteswissenschaften identifizieren, wobei die ersten beiden eng miteinander verbunden sind.

1 Was ist der Gegenstand der Digital Humanities?

Sicher ist das Verhältnis von Informatik und Geisteswissenschaften keinesfalls auf die Digital Humanities zu reduzieren. Zugleich bieten diese jedoch einen Anwendungsfall, in dem diese Spannung besonders intensiv zum Ausdruck kommt und verhandelt wird. Die zentrale Fragestellung lautet, was der Gegenstand der Digital Humanities ist, sein kann und sein sollte? Es ist anzunehmen, dass mit ihr exakt die Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten freigelegt werden, die es ermöglichen, informatische und geisteswissenschaftliche Linien konstruktiv aneinander anzunähern. Oben wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Modellbildung eine mögliche Antwort sein kann. Zugleich liegt jedoch die Stärke der Geisteswissenschaften im Umgang mit dem Uneindeutigen. Daraus folgte in diesem Szenario die Herausforderung, Uneindeutigkeit bzw. Unsicherheit so abzubilden, dass sie modellierbar und idealerweise auch informatisierbar ist. Derzeit scheint dies in vielen Fällen nur mittels einer erheblichen Reduktion, Vereinfachung und Schematisierung unter anderem auch der Forschungsfragen zu gelingen. Digitale Geisteswissenschaften, die dem folgen, müssen sich folglich auf die tatsächliche Aussagekraft und den wissenschaftlichen Mehrwert ihrer Erkenntnisse befragen lassen. Zentral ist zudem das Wissen darüber, welche Art von Forschung, Forschungsfragen und Forschungsmaterial adäquat mit digitalen Mitteln und Verfahren abgebildet werden kann und welche genuinen und relevanten geisteswissenschaftlichen Forschungsaspekte möglicherweise beim Einsatz bestimmter Verfahren verloren gehen.

2 Konflikt der Interpretation

Die vorgehend angesprochenen Grundfrage wiederholt sich in dem, was auch im Workshop unter der Bezeichnung “Konflikt der Interpretation” diskutiert wurde. Dass hierzu speziell aus der informatischen Perspektive eine Sensibilität feststellbar wurde, ist ein wichtiger Schritt, blieb dieser Aspekt doch bislang oft in einer Art konzeptionellen Black Box der Digital Humanities. Es geht um das Verhältnis der oft auf Operationalisierbarkeit qua  Eindeutigkeit zielenden informatischen Perspektive und der mit dem ungewissen, mehrdeutigen befassten interpretativen Ansätze geisteswissenschaftlichen Forschung, also die Frage: Wie gehen wir mit dem Problem der Uneindeutigkeit, dem Anteil des Ir­re­du­zi­blem um, dass das Spezifikum geisteswissenschaftlichen Denkens und die große Hürde für jedes Bemühen um eine eventuelle Szientifizierung darstellt?

Generell herrschte Übereinstimmung, dass eine Informatisierung geisteswissenschaftlicher Forschung nicht das Ziel sein kann und sollte. Auf Algorithmen basierende digitale Forschung weist Potentiale für bestimmte Bereiche der geisteswissenschaftlichen Forschung auf. Dies ist jedoch eine Erweiterung, keine Ablösung. Auch perspektivisch wird es in den Geisteswissenschaften genügend Forschungsfragen, -konzepte und -verfahren geben, die nicht zwingend digital sein müssen.

3 Tools als Black Box

Eine Herausforderung für die Bildung eines gemeinsamen Verständnisses liegt darin, dass die aktuell verfügbaren Werkzeuge selten geisteswissenschaftlich reflektiert und vielmehr vor allem konkret funktional entwickelt wurden. Zugleich bleiben sie für zahlreiche, informatisch oft nicht umfassend geschulte Anwenderinnen und Anwender teilweise oder auch völlig eine Black Box. Möglichkeiten und Funktionsgrenzen sowie Fehler bei der Anwendung sind weitgehend unbekannt, weshalb eine methodischen Ansprüchen der Wissenschaft genügende Verfahrenstransparenz häufig nicht wirklich realisiert werden kann. Notwendig wäre folglich, dass Forschende, die Werkzeuge nutzen, prinzipiell überblicken und einschätzen können müssen, was diese Werkzeuge leisten und was nicht bzw. wie sich die Auswahl eines Werkzeugs auf die Ergebnisse auswirkt. Da dies meist nicht der Fall ist, entsteht die Gefahr, dass die Werkzeuge und nicht die Forschungsfragen Erkenntnisprozesse steuern. Die Ergebnisse wirken oft auf den ersten Blick überzeugend, können aber mangels Verfahrenskenntnis nicht auf ihre Validität oder Plausibilität hin geprüft werden. Daher scheint es notwendig, Werkzeuge deutlich stärker als bisher aus der Logik der Forschung und einer geisteswissenschaftlichen Perspektive zu entwickeln. Dies ist nur durch eine noch intensivere Kollaboration zwischen Entwicklern, der Informatik als Wissenschaft, den Geisteswissenschaften und der geisteswissenschaftlichen Methodologie umsetzbar.

4 Werkzeugentwicklung und Methodenentwicklung

Eine entscheidende Einsicht lautet, dass Werkzeugentwicklung immer auch Methodenentwicklung ist. Wie jede methodische Arbeit ist sie auch nie abgeschlossen. Sie sollte daher nie als reine Produktentwicklung verstanden werden. Iteration und Reflexivität sind hierbei Stichworte. Dabei geht die Methodenentwicklung einer Werkzeugentwicklung eher voraus, weil ihre Anforderungen den Zielrahmen der Gestaltung von Tools darstellen. Zugleich setzt aus der Natur der Werkzeuge das Faktische der Machbarkeit. Digitale Methoden können sich nur innerhalb des Rahmens digitaler Möglichkeiten bewegen. Um dieses wechselseitige Elaborieren von Methoden und Tools handhabbar und flexibel zu halten, wird davon abgeraten, komplexe Softwareumgebungen anzusteben. Angemessener erscheinen eher einfache, technologisch weitergehend standardisierte und dafür in ihre Funktion und Reichweite transparente Werkzeuge für bestimmte überschaubare Einzelschritte geisteswissenschaftlicher Forschung.

5 Human-Computer-Interaction als verbindendes Element

Zumindest für den Stand der aktuellen Entwicklung wird das Feld der sogenannten Human-Computer-Interaction (HCI) als mögliches Verbindungsglied zwischen Informatik und Geisteswissenschaften gesehen. Bislang spielen digitale Werkzeuge ihr Potential vor allem an im Bereich Materialerschließung bzw. -durchdringung sowie der daraus folgenden Abbildung von Mustern, Strukturen und Netzwerken aus. Die entsprechenden Werkzeuge lassen sich daher stärker als wahrnehmungserweiternd ansehen. So helfen sie beispielsweise, eine aufgrund von Close Reading entwickelte Hypothese mittels Distant Reading auf einen großem Korpus zu prüfen, ein Ansatz, den man auch Mixed Reading nennt. Human-Computer-Interaction steuert in diesem Zusammenhang die Annäherbarkeit an das Material. Die Bedingungen dieser Annäherung müssen folglich ebenfalls sichtbar werden. Die Gestaltung der Interaktionsoptionen, also das Werkzeugdesign mit dem Anspruch an maximale Transparenz auch für die Anwenderinnen und Anwender anzustreben, erfordert notwendig denn vielfach eingeforderten Dialog zwischen Werkzeugentwicklung und Werkzeugnutzung. Zugleich stellt die Vermittlung informatisch verarbeiteter geisteswissenschaftlicher Forschungsdaten eine wichtige Facette der digitalen Forschung dar, bei der die Vorteile solcher Verfahren besonders sichtbar werden. Vom Workshop ging das deutliche Signal aus, den Bereich der HCI noch zentraler als bisher zu behandeln und als Bezugspunkt für entsprechende Entwicklungen heranzuziehen.

 

Desiderate

Parallel zu den Trends lassen sich Desiderate für ein weiteres Vorgehen im Dialog der jeweiligen Communities benennen.

1 Dialog und “Hohe Rösser”

Ein sehr greifbares Ergebnis der Veranstaltung war die Einsicht in die Notwendigkeit, jede Form einer sogenannten “Facharroganz” abzulegen, also eventuelle Überlegenheitsgefühle den anderen Communities gegenüber. Sie ist unnötig, unsachlich und erfahrungsgemäß die entscheidende Hürde, die einer Verständigung im Weg steht. Eine wechselseitige Wahrnehmung steht naturgemäß unter einer Spannung, die sich teilweise eben auch darin zeigt, dass die Relevanz der Forschungs- und Entwicklungsziele sowie Verfahren der jeweils anderen Community nicht als gegeben und gleichwertig annimmt, sondern permanent gegen die (vermeintliche) eigene gewichtet. Es handelt sich folglich auch um eine wissenschaftssoziologische Problemstellung, für die Lösungsstrategien gefunden werden müssen. Die Informatik ist keine der Universität angehängte Werkbank für die Entwicklung von Apps (und Spin-Offs), sondern eine eigenständige Wissenschaft mit eigenständigen Forschungszielen. Und die Geisteswissenschaften sind keine ziellose und unkonstruktive Veranstaltung der schöngeistigen Bespiegelung von Trivialitäten, sondern ein epistemologischer Grundpfeiler der Kultur.

2 Erwartungshaltungen

Erwartungshaltungen wären ebenfalls auf allen Seiten auf ein realitätsnahe Maß zu regulieren. Die Geisteswissenschaften neigen einerseits oft dazu, die Möglichkeiten der Informatik zu überschätzen. Besonders gelungene Visualisierungen sorgen häufig für eine initiale Begeisterung, auf die jedoch immer eine kritische methodische Evaluation des Gezeigten folgen muss. Andererseits wurde ausgeführt, dass die Geisteswissenschaft in digitalen Werkzeugen häufig nur eine Weiterführung etablierter geisteswissenschaftlicher Verfahren mit digitalen Mitteln sehen und zu wenig realisieren, dass dies bereits konzeptionell nicht unbedingt möglich ist und sich andererseits die Informatik in dieser Wechselbeziehung keinesfalls auf die Rolle eines Zulieferes beschränken möchte. Zumindest für die Digital Humanities bedeutet die Hinzuziehung des Digitalen eine grundständige Neubewertung aller Aspekte der geisteswissenschaftlichen Forschung. Bestehende Kooperationen werden leider in vielen Projekten, so die Wahrnehmung im Workshop, von der geisteswissenschaftlichen Seite als eine Art Service-Level-Agreement verstanden. Tatsächlich werden sie aber nur als interdisziplinäre Kooperationen auf der für den Workshop titelgebenden „Augenhöhe“ gewinnen. Die Informatik ist nicht Dienstnehmer, sondern Forschungspartner der Geisteswissenschaften, wobei sie dieses Rollenverständnis mitunter deutlicher kommunizieren und leben muss.

Die Informatik muss folglich ebenfalls ihre Erwartungshaltungen reflektieren. Sie scheint generell in diesem Zusammenhang zu stark auf technische Aspekte ausgerichtet und blendet die Ansprüche und Ziele geisteswissenschaftlicher Forschung zu häufig ab. Sie kann beispielsweise Daten zwar auf ihre technische Güte, selten jedoch auf ihre Relevanz für geisteswissenschaftliche Fragestellung bewerten. Die oft nicht linearen, “unscharfen” geisteswissenschaftlichen Erkenntnisprozesse sind InformatikerInnen häufig nur sehr schwer zu vermitteln, auch weil auf dieser Seite die prinzipielle Offenheit dafür fehlt.

Sollen schließlich “Modelle” der Gegenstand digitaler Geisteswissenschaften werden, wären zunächst die sich erheblich unterscheidenden Vorstellungen von dem, was ein “Modell” ist, abzugleichen und anzunähern. Es muss hier wie auch generell ein geteiltes Verständnis möglicherweise sogar von Wissenschaft dialogisch und konsensuell erarbeitet werden. Eine verbindliche gemeinsame begriffliche Basis von Informatik und Geisteswissenschaften ist nach wie vor ein Desiderat.

3 Wissenstransfer zwischen Informatik und Geisteswissenschaften

Erforderlich wird daher für die digitale geisteswissenschaftliche Forschung ein ständiger Wissens- und Perspektivenaustausch zwischen Informatik und Geisteswissenschaften. Für die Informatik bedeutet dies unter anderem, dass sie sich stärker auf quellenkritische Ansätze einlässt. Dies betrifft ausdrücklich auch die Analyse von Werkzeugen, Algorithmen und Code. Eine Leitfrage wäre beispielsweise die nach spezifischen (kulturellen) Dispositiven, die den jeweiligen Code prägen und die dieser reproduziert. Die Digital Humanities sind in dieser Hinsicht auch als Kritische Informatik vorstellbar.

Die Geisteswissenschaften zeigen sich dagegen ausgerechnet digitalen Technologien häufig undifferenziert entweder zu ablehnend oder zu affirmativ, was in der Vergangenheit dazu führte, dass digitale geisteswissenschaftliche Forschung sehr Buzzword-getrieben und auf Kurzzeittrends ausgerichtet erschien. Aktuelle Konzepte, z.B. “Machine Learning” werden unkritisch und ohne ein tieferes Verständnis für die Funktionsbedingungen und Implikationen in den Diskurs und Entscheidungsprozesse übernommen.

Eine Herausforderung liegt zudem in der Zuständigkeit für die Vermittlung zwischen den beiden Perspektivgruppen. Der Workshop zeigte, dass es sowohl informatisch Forschende mit einem großen Interesse und auch Verständnis für geisteswissenschaftliche Bedingungen gibt als auch umgekehrt. Zugleich sind dies nach wie vor Ausnahmen. Ein Grundproblem besonders der Digital Humanities ist traditionell die Rückbindung der Gestaltung und Weichenstellung an einzelne Personen und deren individuelle Interessen. So wichtig dies in der Frühphase der Herausbildung eines solchen disziplinären Paradigmas ist, so notwendig ist mit der Reifung des Forschungsfeldes, dass der eher kontigente Grundaufbau als Community stabilisiert und konzeptionell sowie methodologisch systematisiert wird. Dazu werden Akteure benötigt, die grundständig sowohl geisteswissenschaftlich als auch informatisch ausgebildet sind. Eine Hoffnung liegt aktuell auf den seit einiger Zeit eingerichteten DH-Studiengängen, aus denen entsprechende Expertinnen und Experten hervorgehen sollen. Ungeklärt ist mangels Erfahrungswerten, ob diese der auf sie projizierten Rollenerwartung auch gerecht werden können.

Als ein anderer, vermutlich auch ergänzender Weg wäre, innerhalb der Lehre sowohl der Informatik als auch der geisteswissenschaftlichen Methodenausbildung entsprechende Aspekte aus den anderen Denkkulturen zu vermitteln. Das Ziel ist nicht, dass Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler auf breiter Front programmieren lernen. Aber sie sollten verstehen, wie Programme und Algorithmen funktionieren und was es bedeutet, eine Korpus mit einer entsprechenden Software auszulesen. Der Informatik wird angeraten, stärker auch kritische und reflexive Verfahren zu vermitteln. In den Geisteswissenschaften sollte ein besseres Verständnis für die Bausteine digitaler Verfahren sowie den Stärken und Grenzen der Anwendung entsprechenden Methoden und Werkzeuge generell und konkret für die geisteswissenschaftliche Forschung vermittelt werden.

4 Förderstrukturen

Als erheblicher und nachhaltige Forschung und Entwicklung bremsender Aspekt wurden die Förderstrukturen benannt, die nicht der Komplexität der sich aus der Wechselbeziehung von Informatik und Geisteswissenschaften ergebenden Forschungsfragen gerecht werden. Der Workshop zeigte, dass, zumindest aktuell weitaus mehr auf Methoden und theoretische Grundlagen gerichtete Forschung notwendig ist, als solche, die konkrete Resultate und Produkte adressiert. Es wird eine erhebliche Notwendigkeit bei einer Digital-Humanities-Grundlagenforschung gesehen, die unter bisherigen Förderbedingungen jedoch kaum leistbar ist. Ein Stichwort lautet hier “Geduld”. Derart grundlegende Entwicklungen brauchen Zeit zum Reifen und Ausdifferenzieren. Diese ist in der Forschungspraxis allerdings nicht immer gegeben.

5 Wissenschaftliche Qualitätssicherung

Ein großes Desiderat liegt schließlich in der Sicherung der wissenschaftlichen Qualität bei digitaler, also werkzeuggestützter geisteswissenschaftlicher Forschung. Forschungstransparenz, die Bewertung der Datenqualität und der Relevanz der Forschungsergebnisse, die Sicherung der Nachnutzbarkeit und Anschlussfähigkeit der Forschung stehen in vielen Fällen nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie sollten es aber, denn nur wenn digital geprägte Wissenschaft mindestens das Qualitätsniveau der vorhergehenden Wissenschaftsformen hält, wird sie auch Akzeptanz finden. Die Herausforderungen für eine entsprechende Qualitätssicherung sind enorm. Oft stellt schon die Frage der Verfügbarkeit von qualitativ zureichenden Forschungsdaten für eine digitale, algorithmisierte Verarbeitung bzw. entsprechende Beforschung ein erhebliches Problem dar.

Es fehlen in vielen Fällen geeignete Korpora um überhaupt tragfähige Basisforschung zu leisten. Zugleich mangelt es sehr häufig an verlässlichen Vergleichs- und Normdaten. Im Fehlen entsprechender qualitätssichernder Elemente wurde explizit die Gefahr eines “Cliocide” der Digital Humanities gesehen.

6 Urheberrecht

Schließlich bleiben wie in allen digitalen Bereichen auch rechtliche Fragen und insbesondere das Fehlen eindeutiger Regelungen eine Herausforderung. Exemplarisch sei hier nur das Urheberrecht benannt, dass sehr häufig Zugriff und Nutzung, oft auch Aufbereitbarkeit von für digitale geisteswissenschaftliche Arbeit erforderlichen Forschungsdaten im Weg steht. Im Workshop wurde dieses Minenfeld nur am Rande angesprochen und die Erfahrungen zeigen, dass dies auch sinnvoll war. Die Komplexität dieses Bereiches erfordert noch einmal eine gesonderte Annäherung.

 

Ausblick: Die mögliche Rolle der Scholarly Makerspaces

Für die Scholarly Makerspaces, wie wir sie im FuReSH-Projekt untersuchen, gibt es eine Reihe von Anknüpfungspunkten, die sich naturgemäß auf die Fragen der Vermittlung besonders auch in der Lehre konzentrieren. Sie können als Anlaufpunkt für Studierende der Geisteswissenschaften Test- und Berührungsfläche und Reflexionsraum für die oben angesprochenen Aspekte sein. Gleiches gilt für Studierende der Informatik, die hier mit den Beschränkungen und Herausforderungen von Forschungswerkzeuge für digitale Geisteswissenschaften konfrontiert werden. Idealerweise eignen sich die Scholarly Makerspaces als Begegnungsort und Unterstützung eines interdisziplinären Dialogs zu den benannten Fragestellung.

Darüberhinaus sind sie als Raum innerhalb der Hochschule denkbar, indem zieloffen und explorativ die Wechselwirkungen von digitalen und geisteswissenschaftlichen Denkweisen und Phänomenen adressiert werden können. Unabhängig von Projektlaufzeiten und als Teil des Serviceangebots der Universitätsbibliothek könnte sich ein Kompetenzzentrum oder auch – im besten Sinne des Gedankens der Makerspaces – ein Treffpunkt exakt für die hier thematisierten Fragen herausbilden. Die Nutzerinnen und Nutzer des Scholarly Makerspaces, die keinesfalls nur Studierende, sondern alle, die an der Wechselbeziehung zwischen digitalen Werkzeugen, geisteswissenschaftlicher Forschung und allgemein der Auseinandersetzung mit digitalen Bibliotheksbeständen interessiert sind, erhalten mit dem Angebot eine Möglichkeit, ergebnisoffen und explorativ Kompetenzen zu erwerben, Material zu durchdringen und weiterführende Fragen zu entwickeln. Um dafür zugänglich zu sein, ist für die Makerspaces ein Komplexitätsmanagement dahingehend notwendig, dass sie einerseits niedrigschwellig nutzbar und inklusiv sein sollten und andererseits konkret und relevant für die sich entwickelnden Positionen zum Wechselverhältnis von Informatik, Geisteswissenschaften und natürlich der Bibliothek als drittem Akteur, der idealerweise das notwendige Forschungsmaterial in digital nutzbarer Form vorhält und/oder vermittelt. Der Workshop hatte diese denkbare Rolle der Bibliothek als drittem Baustein nicht im Blick. Entsprechend nehmen wir als FuReSH-Projekt die Aufgabe mit, diese Rolle stärker sichtbar zu machen.

(Berlin, Oktober 2018)

 

Building Library Labs

Eindrücke von einem Workshop an der British Library

Die Bezeichnung „Library Lab“ hat sich offenbar etabliert. Prominente Beispiele wie Harvard Library Lab, ETH Library Lab oder British Library Labs scheinen dies zu belegen. Auch wenn die Auffassungen im Detail von einander abweichen mögen, lässt sich mit diesem Sammelbegriff durchaus ein allgemeiner Trend fassen: Ein Arbeits- und Experimentierraum, der es ermöglicht, die von Bibliotheken zugänglich gemachten digitalen Dokumente bzw. Sammlungen nicht nur zu betrachten, sondern mit digitalen Werkzeugen und Techniken so zu bearbeiten, dass neue Erkenntnisse (und neue Daten) entstehen.

An der British Library fand am 13. und 14. September 2018 im Rahmen des Projektes „British Library Labs“, gefördert von der Andrew W. Mellon Foundation, der Workshop „Building Library Labs“ statt, an dem 76 VertretererInnen aus mehr als 40 internationalen Einrichtungen teilnahmen. Neben vielen Nationalbibliotheken (z.B. Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Israel, Lettland, Litauen, Norwegen, Österreich, Quatar, Schottland, USA) und Universitätsbibliotheken (nicht zuletzt die der Humboldt-Universität, vertreten durch das FuReSH-Projekt) waren darunter auch Staatsbibliotheken, öffentliche Bibliotheken und natürlich digitale Bibliotheken wie die Europeana.

Mehrere TeilnehmerInnen äußerten sich erstaunt darüber, dass weltweit so viele Bibliotheken mit dem Aufbau sogenannter Library Labs befasst sind. Der Londoner Workshop bot daher eine passende Gelegenheit gemeinsame Themenfelder und Infrastrukturentwicklungen zu identifizieren. In einem im Vorfeld erhobenen Survey (n = 40) unter den TeilnehmerInnen wurden zunächst die primären Aktivitäten und Ziele erhoben, die mit einem bereits gegründeten oder geplanten Library Lab angestrebt werden. Dabei steht der Zugang zu digitalen Sammlungen an erster Stelle, gefolgt von der Schaffung und Aufbereitung neuer digitaler Inhalte. Bereits an dritter Stelle steht die Komptenzvermittlung von digitalen Methoden und Werkzeugen, wie sie im Fokus des FuReSH-Projektes stehen.

 

Verschiedene Aktivitäten und Ziele von Library Labs

 

In einer Reihe von Blitzvorträgen wurden zahlreiche solcher digitalen Werkzeuge vorgestellt. Das Spektrum reichte von 3D-Imaging für chinesische Orakelknochen (British Library) über das Tool „SMURF“ mit dem die Sprachentwicklung in dänischen Zeitungen seit dem 18. Jahrhundert visualisiert werden kann (Dänische Königliche Bibliothek) bis hin zu einer kuratierten Kollektion historischer Examensprüfungen aus Schottland (National Library of Scotland).

Über die Frage, ob ein Library Lab neben einem digitalen Webauftritt hinaus auch über einen physischen Raum verfügen sollte, herrschte Uneinigkeit. Dem Survey kann man entnehmen, dass ziemlich genau die Hälfte einen solchen physischen Raum in der Konzeption vorsieht. Bei den Zielgruppen ergab sich ein buntes Bild, das neben den obligatorischen Forschenden auch das Bibliothekspersonal, SoftwareentwicklerInnen, Entrepreneure, KünstlerInnen sowie die allgemeine Öffentlichkeit mit einbezieht. Damit bestätigt der Workshop den bereits in den FuReSH-Interviews gewonnenen Trend, dass Library Labs – wie sie mit der Idee der Scholarly Makerspaces konzeptioniert werden – vor allem auch außerakademische Zielgruppen erschließen können und sollten.

 

Verschiedene Zielgruppen von Library Labs

 

 

 


 

18. September 2018 | Veröffentlicht von Michael Kleineberg | Kein Kommentar »
Veröffentlicht unter Allgemein

Anforderungen und Trends werkzeugbasierter Forschung in den Geisteswissenschaften

Zu: Lisa M. Given, Rebekah Willson (2018): Information Technology and the Humanities Scholar: Documenting Digital Research Pactices. In: Journal of the Association for Information Science and Technology, 60 (6), S. 807-819. https://doi.org/10.1002/asi.24008

von Ben Kaden und Michael Kleineberg

In der aktuellen Ausgabe von JASIST findet sich ein Beitrag, der einen sehr guten Rahmen für die Ideen des FuReSH-Projektes bietet. Lisa M. Given und Rebekah Willson präsentieren darin die Ergebnisse einer Studie zum digitalen Forschungsverhalten einer Gruppe von Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern. Sie interessieren sich dabei insbesondere für sich verändernde Rollen und Ansprüche in einer auf digitale Werkzeuge setzenden Forschungspraxis. Auch wenn das Sample von 20 Teilnehmenden in der Menge überschaubar und sowohl disziplinär als auch geographisch stark fokussiert war, lassen sich einige Trends identifizieren, die für die konzeptionellen Annäherung an das Phänomen der Scholarly Makerspaces sehr relevant sind. Wir möchten daher an dieser Stelle einerseits einige Thesen aus dem Beitrag fixieren und andererseits im Anschluss Schlussfolgerungen der Autorinnen diskutieren.

Aus dem Aufsatz zur Studie lassen sich eine Reihe von Thesen referieren:

 

Werkzeuge

1. Digitale Werkzeuge spielen eine große Rolle in den Humanities. (S. 807)

2. Textanalyse-Tools sind die am weitesten verbreiteten digitalen Werkzeuge in den Humanities. (S. 809)

3. Der Gebrauch von digitalen Werkzeugen ist auf Praktikabilität und sichtbare Mehrwerte fokussiert. (S. 808)

4. Nur wenige Forschende sind zufrieden mit den vorhandenen Analyse-Werkzeugen. (S. 809)

5. Wenn keine passenden digitalen Werkzeuge vorhanden sind, werden oft ad-hoc-Lösungen aus bestehenden Tools erstellt. (S. 808)

6. Die meisten Forschenden entwickeln keine eigenen digitalen Werkzeuge. (S. 809)

7. Die Maxime der Infrastrukturentwicklung “if we build it they will come” trifft nicht auf Forschende der Humanities zu. (S. 809)

8. Den meisten Forschenden ist nicht bewußt, welche Tools ihnen von Nutzen sein könnten. (S. 809)

9. Allgemein sind Forschende der Humanities unzufrieden mit stand-alone tools bzw. single-purpose tools. (S. 817)

10. Von digitalen Werkzeugen wird erwarten, dass diese interoperabel sind und verschiedene Analyseformen zulassen. (S. 814)

 

Forschungsdaten

11. Bei der Auswahl an Inhalten bzw. Forschungsdaten ist die Datenqualität der ausschlagebende Faktor. (S. 808-809)

12. Nachdem Texte digitalisiert und zugänglich gemacht wurden, besteht ein weiterer Teil der Aufbereitung darin, die Inhalte zu bereinigen und mit Metadaten für die Speicherung, Sichtbarmachung und Analyse zu versehen. (S. 812)

 

Methodologie

13. Die meisten Forschungsaktivitäten in den (Digitalen) Humanities sind textbasiert. (S. 815)

14. Der Einsatz quantitativer Analysen in den Humanities führt zu einem methodologischen Unbehagen. (S. 813)

15. Große Datenmengen und komplexe Werkzeuge fördern das kollaborative Arbeiten in den Humanities. (S. 816)

 

Ansprüche und Kompetenzen

16. Textaufbereitung erfordert hohe Expertise und geeignete digitale Werkzeuge. (S. 812)

17. Technische Kompetenz ist bei Forschenden der Humanities oftmals nur sporadisch erworben. (S. 809)

18. Die Ansprüche und Bedarfe der Forschenden in den Humanities bzw. Digital Humanities sind nicht homogen. (S. 813)

19. Für die Datenauswertung besteht eine Polarisierung zwischen der Präferenz von Datenvisualisierungen und der Präferenz rein numerischer Statistiken. (S. 813)

20. Auch wenn Forschende einen potentiellen Nutzen von digitalen Werkzeugen erkennen, sehen sie oft von deren Gebrauch ab, da sie sich des hohen Lernaufwandes bewusst sind. (S. 815)

 

Zusammenfassend lassen sich einige Trends für die Entwicklung in den Geisteswissenschaften feststellen. Diese sind allerdings durch das überschaubare und auf eine bestimmte Forschungskultur zugeschnittene Sample nicht unbedingt in einer Weise verallgemeinerbar, die der Artikel andeutet. Wo allerdings digitale Forschung zum Bestandteil des Wissenschaftsalltags wird, dürften die beschriebenen Trends zutreffen.

Unbestritten dürfte für alle heute Forschenden sein, dass digitale Werkzeuge Teil der Kette des Forschungsprozesses werden und seien es Texteditoren, Volltextsuche und E-Mail. Bereits diese Basiswerkzeuge der digitalen Gegenwart dürften Veränderungen in der wissenschaftlichen Kommunikation und möglicherweise auch im wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß selbst hervorgerufen haben.

Übersicht - Werkzeuge, die von den Teilnehmenden der Studie benannt wurden
Übersicht – Werkzeuge, die von den Teilnehmenden der Studie benannt wurden. / Quelle: Given,Willson, 2018, S. 811

Aus Sicht unseres Projektes und dem Forschungsbereich der Digital Humanities sind jedoch andere Werkzeuge und eine Prozess, den man Datafizierung der Wissenschaft nennen könnte, relevanter. Denn hier wird unmittelbar sichtbar, was die Autorinnen beispielhaft als durch digitale Technologien entstehende neue wissenschaftliche Praxen beschreiben: 1. Die Entwicklung von Werkzeugen sowie 2. Die Vor- und Aufbereitung von Forschungsdaten für Auswertung und Analyse.

Lisa M. Given und Rebekah Wilson plädieren für eine Verschränkung von Wissenschaft und Werkzeugentwicklung. Dies führt soweit, dass sie die Entwicklung digitaler Forschungswerkzeuge selbst als Forschung betrachten (S. 817). Die sich daraus ergebenen Fragen lautet nicht nur für das Ziel des FuReSH-Projektes: Ist dies zwangsläufig das Grundverständnis digitale Geisteswissenschaft? Oder lassen sich dennoch generische Forschungsansätze identifizieren, in denen die Werkzeuge nur appliziert und nicht weiter entwickelt werden? Ergibt sich also die mehr oder weniger empirisch nachgewiesene Perspektive vor allem aus der Tatsache, dass sich das Feld zum Zeitpunkt der Studie noch in einem frühen Entwicklungszustand befindet und die Toolentwicklung durch die Forschenden dadurch motiviert wird, dass noch keine akzeptablen Lösungen verfügbar sind?

Unstrittig ist, dass digitale Forschung in den Humanities auf digitale Werkzeuge, Forschungsdaten und Algorithmen(entwicklung) zurückgreifen muss. Dies verändert zwangsläufig, wie die Autorinnen unterstreichen, das Selbstverständnis der Wissenschaft. So gibt es die These, dass digitale Wissenschaft nahezu unvermeidlich kollaborativ sein wird. Dahinter steht möglicherweise die Annahme einer wachsenden Komplexität zwischen Forschungsfragenfindung, Datenaufbereitung und Werkzeugentwicklung, die für individuell Forschende nicht zu meistern ist. Denkbar ist jedoch auch andersherum, dass gerade werkzeug- und algorithmenbasierte Forschung in einem kommenden Reifestadium die für Einzelforschende bewältigbare Komplexität erheblich erhöht. Diese Frage wird anderer Stelle noch zu diskutieren sein.

Unstrittig ist dagegen, dass die Auseinandersetzung mit Forschungsdaten prinzipiell neben das Verfassen eines Manuskriptes tritt. Offen ist, ob beides gleich umfänglich nebeneinander stehen wird oder sich vermengt. Also ob die Datenarbeit die bisherige textualisierenden Schritte ergänzen, durchdringen oder ablösen wird. Denkbar sind alle drei Szenarien.

Unstrittig ist auch, dass jede Auseinandersetzung mit digital vorliegenden Forschungsobjekten eine Arbeit mit Forschungsdaten ist, liegt doch jedes digitale Objekt naturgemäß in Datenform vor. Um es in einem jeweiligen Forschungszusammenhang beforschbar zu machen, sind darüberhinaus in aller Regel Bearbeitungsschritte notwendig, von denen die Erfassung und Anbindung von Metadaten die allgemeinste Variante sein dürfte. Entsprechend nachvollziehbar ist, wenn die Autorinnen schreiben:

“Data preparation becomes a meta-level process, fundamental to both analysis and writing.” (S. 817)

Interessant ist aus unserer Sicht die Feststellung, dass auch digitale geisteswissenschaftliche Forschung bisher jedenfalls textzentriert und weniger multimedial orientiert ist. Dies deckt sich mit Erkenntnissen aus dem von uns durchgeführten Fu-PusH-Projektes (2014-2016). Dafür sind verschiedene Gründe plausibel, auf die an anderer Stelle eingegangen werden muss. Gerade aber im Trend zur Visualisierung deutet sich an, dass dies nicht zwangsläufig dauerhaft so bleiben muss.

Aus Sicht von FuReSH ist zunächst die Perspektive der Studie auf die gewünschten Werkzeuge relevanter. Wurden Virtuelle Forschungsumgebungen im Prinzip vor allem aus Gründen der Pflege und Langzeitverfügbarhaltung mehr oder weniger als gescheitert angesehen, scheint die Nachfrage bei den Forschenden wieder in eine ähnliche Richtung, möglicherweise im Sinn interoperabler Apps zu gehen:

“Overall, humanities scholars are not satisfied with stand-alone, single-purpose tools; they want tools that can be integrated, working together in a cohesive environment.” (S.817)

Hier erscheint dann auch wieder der Aspekt generischer Use-Cases, denn diese Werkzeuge müssen nicht nur aufeinander abgestimmt und mit standardisierten Strukturen / Schnittstellen bereitstehen, sondern auf Anwendungsszenarien über den konkreten Entwicklungskontext hinaus nutzbar sein.

Während FuReSH bzw. von der Bibliothek bereitgestellte Scholarly Makerspaces an dieser Stelle nur eine Art Bestandserhebung vornehmen können, eröffnet sich an anderer Stelle ein unmittelbarer Ansatz für eben diese Idee. Denn die Autorinnen stellen plausibel heraus, dass digitale Werkzeuge und sich entwickelnde digitale Methodologien zwei Notwendigkeiten nach sich ziehen: erstens adäquate Ausbildungs- und Schulungsangebote sowie dauerhaften Support, und zweitens welche Darstellungsformen sich besonders gut für die Rezeption eignen (siehe These 19). Scholarly Makerspaces als Experimentierräume können für beide Aspekte die eignete Plattform darstellen, da sie einerseits zum Kompetenzerwerb gedacht sind und andererseits Exploration anregen. Wie diese neuen bzw. digital-typischen Forschungsformen aussehen, die sich vor allem aber längst nicht mehr nur unter dem Label Digital Humanities finden, ist entwicklungsoffen. Scholarly Makerspaces sollen lokal dabei helfen, zum aktuellen Stand der Entwicklung aufzuschließen und gegegenenfalls qualifiziert diese Entwicklungen mitzugestalten.

(Berlin, 15.05.2018)

 

15. Mai 2018 | Veröffentlicht von Ben Kaden | Kein Kommentar »
Veröffentlicht unter Allgemein

Was sind Scholarly Makerspaces? – eine erste Überlegung

Das FuReSH-Projekt verfolgt eine Idee, die wir als Scholarly Makerspaces bezeichnen. In unserem Antrag hatten wir uns diese Beschreibung überlegt:

Der Grundidee des international bekannten Ansatzes der „Makerspaces“ in öffentlichen Bibliotheken folgend sind Scholarly Makerspaces digitale Arbeitsumgebungen in [wissenschaftlichen] Bibliotheken, die digitale Ressourcen und Werkzeuge zusammenführen und zur Verfügung stellen, nach Möglichkeit und Bedarf die Nutzung begleiten bzw. die Angebote von Drittanbietern lokal vermitteln. Sie sind sowohl lokal auf Workstations wie auch plattformbasiert denkbar. (Antrag FuReSH)

Es wird also deutlich, dass es bei den Scholarly Makerspaces nicht primär darum geht, Hardware wie Lasercutter oder 3D-Drucker anzubieten. Sie unterscheiden sich daher beispielsweise vom Makerspace-Angebot der SLUB, dessen Ziel ein “offener Kreativraum für Menschen, die ihre Ideen und Do-It-Yourself-Projekte realisieren möchten” ist. Unser Ansatzpunkt ist vielmehr rein digital und baut auf der Idee auf, Software, Algorithmen und digitale Werkzeuge als eine Art (virtuelle) Laborausstattung der Digitalen Geisteswissenschaften zu verstehen. (Beispielsweise Voyant-Tools, Eintrag zu Voyant-Tools in der Wikipedia)

Dahinter stehen vor allem zwei Beobachtungen.

Erstens sehen wir, dass zwar sehr viel Bewegung in diesen Bereichen in den Digital Humanities spürbar ist, die Vermittlungsstufe in lokale Forschung und Lehre aber noch nicht systematisch genug erfolgt.

Zweitens sind wir aus einer bibliothekswissenschaftlichen Sicht ständig mit der Frage befasst, was eine (post)digitale wissenschaftliche Bibliothek eigentlich sein kann. Für die traditionelle geisteswissenschaftliche Arbeit stellte sie in vielen Fällen Material und nicht selten auch den Reflexions- und Arbeitsraum, also eigentlich buchstäblich schon immer einen „Scholarly Makerspace“, bereit. Diese Rolle bleibt der Bibliothek auch dauerhaft. In dem Maße jedoch, in dem digitale Verarbeitungsschritte grundlegender Bestandteil dieser nun postdigitalen geisteswissenschaftlichen Forschung werden, reicht es nicht mehr aus, allein Materialien bereitzustellen. Gerade für Forschende, die nicht unmittelbar in konkrete Digital-Humanities-Projekte eingebunden sind, entsteht hierbei häufig eine Vermittlungslücke. Ähnliches gilt für die Einbindung von digitalen Forschungsaspekten in die allgemeine Lehre.

Ein traditioneller "Scholarly Makerspace" - Das Grimmzentrum der Humboldt-Universität zu Berlin / Ansicht der Fassade gesehen aus der Planckstraße
Auch eine Art traditioneller „Scholarly Makerspace“ – das Grimmzentrum der Humboldt-Universität zu Berlin. (Foto: Ben Kaden)

Hinter Scholarly Makerspaces steht die Idee, gerade für diese allgemeineren Zielgruppen Möglichkeiten zu schaffen, sowohl explorativ als auch mit konkreten Forschungsfragen über die Bibliothek vermittelt Zugang zu Werkzeugen, Tutorials und Materialien zu erhalten.

Der Ansatz findet bei spezialisierteren Fragestellungen sicher seine Grenzen. Für solche Fälle können jedoch von den Bibliotheken bzw. den Betreibenden der Scholarly Makerspaces, beispielsweise in Zusammenarbeit mit DARIAH und CLARIN Ansprechpersonen benannt werden.

Wenngleich die Idee der Scholarly Makerspaces von den Digitalen Geisteswissenschaften ausgeht, soll und wird sie prinzipiell auch für andere disziplinäre Felder adaptierbar sein.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Scholarly Makerspaces als niedrigschwellige Angebote eine Brücke zwischen den Entwicklungen in den Digital Humanities und den geisteswissenschaftlicher Forschung und Lehre an den Hochschulen bauen helfen. Werkzeuge werden nachgewiesen und, sofern in stabilen Versionen verfügbar, auch direkt angeboten bzw. vermittelt. Digitale oder digitalisierte Bestände der Einrichtungen können bereits als Forschungsmaterial durch die Bibliothek bereitgestellt werden. Für anspruchsvolle Forschungsfragen werden Schnittstellen und Kontaktpunkte zu Digital-Humanities-Expertinnen und -Experten bereitgestellt. Die Bibliothek bietet zudem virtuelle Sandboxen und einfache Online-Tools, mit denen sich vor allem explorativ und als Lerneffekt einfache Analysen durchführen lassen. Diese werden mit entsprechenden didaktischen Materialien begleitet. Für weiterführenden Schulungsbedarf gibt es ebenfalls Kontaktpunkte zu den einschlägigen Digital-Humanities-Angeboten der deutschsprachigen und internationalen Wissenschaftslandschaft.

Weiterführend: Degkwitz, Andreas: The interactive library as a virtual working space. In: LIBER Quartely, 27.1 (2017). https://www.liberquarterly.eu/articles/10.18352/lq.10214/