Future e-Research Support in the Humanities

Wissenschaftsblog zum DFG-Projekt FuReSH II an der Universitätsbibliothek

Veranstaltungsreihe: Kulturen des Scheiterns

Scheitern ist in aller Munde. Während wir alltäglich große und kleine Erfahrungen des Scheiterns machen, herrscht auch in der Wissenschaft ein Spannungsfeld zwischen der Überhöhung einer “Kultur des Scheiterns” als Patentrezept auf dem Weg zum Erfolg und der panischen Angst vor dem Scheitern und Experimentieren. Die Digital Humanities werben als Querschnittsdisziplin nun zum Einen offen für einen experimentierenden Ansatz, zum Anderen führen die Breite der Methoden und Ansätze sowie die Herausforderungen des Transfers auf bisher nicht erprobte Materialien und Fragen zu konstanten Niederlagen. Diesem Thema wollen wir uns in einer neuen, offenen Veranstaltungsreihe des Multilingual Digital Humanities Lab der FU Berlin und des Scholarly Makerspace der HU Berlin im gemeinsamen Erfahrungsaustausch widmen.

Hintergrund

Es ist zwar der statistische (und politisch gewollte) Regelfall, dass Drittmittelanträge und Zeitschriftenaufsätze abgelehnt werden. Es ist zwar normal, dass publizierte Texte und erfolgreiche Projekte durch viele Phasen der Überarbeitung und des Verwerfens von Entwürfen gegangen sind. Aber das offene Gespräch über diese Zustände ist kein zentraler Bestandteil unserer Wissenschaftstraditionen und fachlichen Best Practices. Gerade bei Nachwuchswissenschaftler_innen herrscht vielmehr eine Angst vor “Fehlern” und “Versagen”, die den Aufbruch in unbekannte und potentiell gefährliche Gewässer verhinden. Wir alle lernen von früh auf scheinbare Misserfolge, alles was nicht auf direkem Weg zu einem verwertbaren Erfolg geführt hat, umzudeuten, zu verschleiern und zu verschweigen.

Dabei sind Experimentieren und Scheitern, Versuch und Irrtum fundamentaler Bestandteil menschlichen Seins, eine geteilte Erfahrung in allen Wissenschaften und zentraler Ansatz auch geistes- und kulturwissenschaftlicher Grundlagenforschung. Dies ist umso mehr der Fall als der epistemologische Wandel hin zur Digitalität, also ein Zustand in dem alle kulturellen Artefakte und Sprechakte bereits durch Computer remediert worden sind, uns vor enorme theoretische, methodologische, und praktische Herausforderungen stellt. Digitalität ist gekommen um zu bleiben und die für sie adäquaten Methoden werden zu weiten Teilen auch computationel sein ohne dass wir das tradierte Gerüst der geisteswissenschaftlicher Kritik hinter uns lassen können. Dies erfordert zusätzliche Kenntnisse und Fähigkeiten vor allem aber auch den Mut vertraute Gefilde zu verlassen, sich auf Kooperationen und das (teils) mühselige Gespräch über Fach- und Disziplingrenzen hinweg einzulassen und, neue, auch algorithmische, Sprachen zu erlernen, den Mut zum Scheitern, den Mut am Ende ohne ein direkt verwertbares Ergebnis dazustehen, während die Kolleg_in den x-ten Ausatz zum gleichen Thema publiziert hat.

In den letzteren Jahren haben Scheitern und, in extenso, Kulturen des Scheiterns eine gesamtgesellschaftliche Aufwertung erfahren, die sie zu ultimativen Produktionstreibern stilisiert. Scheitern bekommt eine teleologische Qualität auf dem Weg zum durch häufiges Scheitern garantierten Erfolg. Gleichzeitig herrscht aber auch in den Wissenschaften ein Zwang zum Erfolg, der durch kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse, konstante Evaluationen und kompetitiven Drittmittelakquise verstärkt wird und ein offenes Gespräch über exploratives Experimentieren, beschrittene Irrwege und lange Phasen ohne brauchbare Ergebnisse verhindert.

Komplett unbrauchbarer OCR-Layer eines arabischen Textes (Global Press Archive)

Das Start-up-Mantra von fail fast and fail often geht hier eine unheilige Allianz mit dem hegemonialen American Dream ein, bei dem der Misserfolg immer eine Folge persönlicher Schwäche ist (you didn’t try hard enough) und strukturelle Zusammenhänge ignoriert werden: Dass Computer z.B. arabische Schriftlichkeit nicht adäquat erfassen und, in der Folge, verarbeiten können, liegt eben nicht in der Verantwortung der individuellen Wissenschaftlerin, sondern an den in die sozio-technischen Infrastrukturen eingeschriebenen globalen Ungleichheiten.

Veranstaltungsreihe

Dies möchten wir zum Anlass nehmen in Zusammenarbeit zwischen dem Multilingual Digital Humanities Lab der FU Berlin und dem Scholarly Makerspace der HU Berlin eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben zu rufen, die dem Austausch über das Experimentieren als hermeneutischem Zugang, verschlungene Wege als Alltagserfahrung und Verzweiflung über computationelle Werkzeuge gewidmet sein soll. Zielgruppen sind Wissenschaftler_innen aller Karriere- und Erfahrungspfade, von der Student_in bis zur Professor_in.

Ziel ist es in ein offenes Gespräch zu kommen. Da dieses aber nicht verordnet werden und angstfreie Räume nur durch gelebte Praxis und allgemein akzeptierte Regeln des Miteinanders entstehen können, wollen wir uns dem Thema zunächst über die gemeinsame Lektüre nähern, von der ausgehend ausdrücklich die freie Assoziation zu eigenen Erfahrungen und Projekten gewünscht ist.

Die Treffen werden einem virtuellen Rahmen, wie z.B. Gathertown stattfinden, der es erlaubt die Anonymität aller Beteiligten durch Pseudonyme, Avatare etc. zu wahren. Kameras sollen hierbei ausgeschaltet bleiben und alle Beteiligten verpflichten sich darauf Inhalte vertraulich zu behandeln und keine technischen Mitschnitte anzufertigen. Während der Veranstaltungen gilt das erprobte Workshop-Du.

Das erste Treffen wird am 15. Juni 2022 von 14 Uhr bis 16 Uhr (s.t.) stattfinden. Als ersten Einstieg schlagen wir folgende Lektüre zu Aspekten des Scheiterns bei Projekten in den Digital Humanities vor:

  • Quinn Dombrowski, „The Directory Paradox”, in People, Practice, Power: Digital Humanities Outside the Center, hg. von Anne B. McGrail, Angel David Nieves, und Siobhan Senier, Debates in the Digital Humanities (Minneapolis: University of Minnesota Press, 2021), https://docs.google.com/document/d/163jkgzASVUm6fDHW_34kLGM4VG2Bp8tkQT6EamGpt3s/ (pre-print).
  • Johanna Drucker, „Sustainability and Complexity: Knowledge and Authority in the Digital Humanities”, Digital Scholarship in the Humanities 36, Nr. Supplement_2 (5. November 2021): ii86–94, https://doi.org/10.1093/llc/fqab025.

Zur besseren Planbarkeit und Kommunikation der Zugangsdaten bitten wir um Anmeldung mit Emailadresse unter https://forms.gle/BMEhrNfwmYmw19qD7.

19. Mai 2022 | Veröffentlicht von Till Grallert | Kein Kommentar »
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Öffentlicher FuReSH-Veranstaltungskalender verfügbar

Wir haben einen Kalender eingerichtet, in dem wir Veranstaltungen zu Themen rund um Makerspaces, Labs, Digital Humanities, Digital Methods and Research in den Geisteswissenschaften primär in Berlin und Brandenburg sammeln.

Dieser ist öffentlich verfügbar und kann von jeder/jedem Interessierten abonniert werden. Perspektivisch werden wir den Kalender auch auf der Website des Scholarly Makerspace zugänglich machen.

Der Kalender ist mit einem der folgenden Links einzubinden:

  • CalDAV-URL https://kal.hu-berlin.de/SOGo/dav/public/ub-furesh/Calendar/7FDF-624AD280-35-18EC6240/
  • WebDAV-ICS-URL https://kal.hu-berlin.de/SOGo/dav/public/ub-furesh/Calendar/7FDF-624AD280-35-18EC6240.ics

Welche URL zu benutzen ist, hängt von der verwendeten Kalender-App ab. Hier eine Auswahl:

  • Thunderbird: CalDAV- oder WebDAV-ICS-URL
  • Outlook, Apple, Google Kalender: WebDAV-ICS-URL
  • HU-SOGo-Kalender: WebDAV-ICS-URL

Wichtig beim Hinzufügen des Kalenders ist, diesen aus dem „Netzwerk“ (manchmal auch „Internet“, „Web“ oder „URL“) zu beziehen. Falls es Fragen zur Einrichtung gibt, bietet der Kalenderservice vom CMS Unterstützung.

Der Veranstaltungskalender darf gerne geteilt werden. Wir freuen uns auch über weitere Veranstaltungshinweise und -vorschläge.

Die UB richtet einen Scholarly Makerspace ein

Die Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität richtet in den kommenden drei Jahren im Rahmen des DFG-geförderten Projekts “Future e-Research Support in the Humanities II” in Zusammenarbeit mit den Lehrstühlen für Digital History am Institut für Geschichtswissenschaften und für Information Processing and Analytics am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaften einen prototypischen Scholarly Makerspace ein. Inspiriert von der maker culture und der Idee der Makerspaces, die in einigen Bibliotheken bereits etabliert sind (Späth, Seidl, und Heinzel 2019), stellen wir das experimentierende “Machen” mit Computern und digitalen Artefakten in das Zentrum hermeneutischer und epistemologischer Zugänge (Sayers 2017). Der Scholarly Makerspace wird dafür die Infrastruktur aus Raum, computergestützten Werkzeugen und Erfahrungen in den Digital Humanities zur Verfügung stellen, um gemeinsam mit Forschenden in allen Phasen ihrer Karrieren die Herausforderungen der Digitalität für die Geistes- und Kulturwissenschaften experimentell anzugehen.

Einen experimentellen Scholarly Makerspace als physischen und virtuellen Raum entwickeln…


Im Zentrum steht dabei die Erarbeitung von tool literacy, die, ganz im Sinne Johanna Druckers (2021), in zwei Dimensionen gedacht wird. Zum einen geht es um das ganz konkrete Erlernen von Werkzeugen und computergestützten Verfahren: Wie kann ich Korpus von Digitalisaten mit Methoden des distant reading analysieren? Was ist eine Netzwerkanalyse? Was sind die Möglichkeiten der Datenvisualisierung? Wie kann ich die Disinformationskampagnien rechter Trollfarmen in Social Media sinnvoll analysieren? Zum anderen wird tool literacy aber mit dem Fokus auf Werkzeuge und Methoden als Gegenstand der Untersuchung weiter gedacht und mit Critical Code Studies (Marino 2020) und den Science and Technology Studies in Beziehung gesetzt: von der Reflexion über die hermeneutischen und epistemologischen Folgen bestimmter Werkzeuge und Zugänge zu digitalen Daten bis zu den ethischen und ökologischen Folgen im Bereich der künstlichen Intelligenz bzw. des maschinellen Lernens, wie z.B. dem massiven Einsatz endlicher natürlicher Resourcen und die verschiedenen Biases ihrer Schöpfer*innen perpetuierende Algorithmen und Modelle.

Damit adressiert der Scholarly Makerspace die zentralen Versprechen der Digitalität und der Digital Humanities: Teilhabe, kritische Reflexion über ein neues epistemisches Paradigma und genuin neue Erkenntnisse für die Geistes- und Kulturwissenschaften. Es soll ohne Zugangsbeschränkungen in den Maschinenraum der Digitalität geschaut und “Black Boxes” geöffnet werden, um Forschende und Lehrende in die Lage zu versetzen adäquate computergestützten Methoden für ihre je konkreten Forschungsfragen zu wählen und ihre Möglichkeiten für die Exploration und Darstellung um die Gestaltung physischer Artefakte und performante Aspekte zu erweitern (z.B. Staley 2017). Teil dieser vermittelnden Rolle des Scholarly Makerspaces ist es, die je verfügbare technische Infrastruktur für die Forschung nutzbar zu machen. Damit sollen auch die Wissens- und Serviceinfrastrukturen der Universitätsbibliothek und die Forschung an der HU noch stärker miteinander verzahnt werden.

…der transparent, offen, partizipativ und skalierbar ist.


Es ist uns dabei wichtig, dass die Auseinandersetzung mit der Digitalität ergebnisoffen und Community-orientiert in einem offenen sozialen Raum stattfindet, in dem die vorhandenen Hierarchien der Wissensproduktion so sie nicht aufgelöst werden können, transparent gemacht werden. Eine hierarchische Vermittlung von tool literacy durch die Betreiber*innen des Scholarly Makerspaces in Form von Lehrveranstaltungen ist deshalb explizit nicht unser Ziel. Vielmehr verstehen wir unsere Rolle als Vermittler*innen innerhalb und an den Schnittstellen zwischen Communities, die die Auseinandersetzung mit Methoden als einem zentralen Aspekt wissenschaftlichen Arbeitens experimentell anregen.

Dafür werden die Mitarbeiter*innen des Scholarly Makerspaces zum einen Konzepte und Materialien zur Schulung und Beratung der Zielgruppen in den Bereichen der tool literacy und Datenkritik entwickeln. Zum anderen werden wir Workflows digitaler Forschungswerkzeuge auf der Basis von konstant erhobenen User Stories kuratieren, die dann in einem flexiblen “Werkzeugkasten” der Community von Nutzer*innen zur Verfügung stehen.

Die unmittelbar Zielgruppen des Scholarly Makerspaces sind Lehrende und Forschende der Humboldt-Universität in allen Phasen ihrer wissenschaftlichen Karrieren. Erstere sollen durch den Ansatz von train-the-trainer in der Vermittlung von Digital Humanities in der Lehre, letztere im gesamten Prozess von der Konzeption eines Forschungsprojektes bis zur Umsetzung unterstützt werden.

Literatur

Drucker, Johanna. 2021. The Digital Humanities Coursebook: An Introduction to Digital Methods for Research and Scholarship. Abingdon: Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003106531.

Marino, Mark C. 2020. Critical Code Studies. Cambridge: MIT Press. Sayers, Jentery, Hrsg. 2017. Making Things and Drawing Boundaries: Experiments in the Digital Humanities. Debates in the Digital Humanities 3. Minneapolis: University of Minnesota Press. https://dhdebates.gc.cuny.edu/projects/making-things-and-drawing-boundaries.

Späth, Katharina, Tobias Seidl, und Viktoria Heinzel. 2019. „Verbreitung und Ausgestaltung von Makerspaces an Universitäten in Deutschland“. o-bib. Das offene Bibliotheksjournal 6 (3): 40–55. https://doi.org/gpq4nw.

Staley, David. 2017. „On the ‚Maker Turn‘ in the Humanities“. In Making Things and Drawing Boundaries, herausgegeben von Jentery Sayers, 32–41. Experiments in the Digital Humanities. University of Minnesota Press. https://doi.org/10.5749/j.ctt1pwt6wq.5.

31. März 2022 | Veröffentlicht von Till Grallert | Kein Kommentar »
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Start des DFG-Projektes FuReSH

Projektphase II

Mitte Februar 2022 startete das DFG-geförderte Projekt Future e-Research Support in the Humanities (FuReSH) in die zweite Phase. Auf die Konzeptstudie der ersten Projektphase aufbauend wird in den nächsten drei Jahren ein prototypischer Scholarly Makerspace als physischer und virtueller Raum an der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin implementiert. Mit im Boot sind die Lehrstühle für Digital History am Institut für Geschichtswissenschaften und für Information Processing and Analytics am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaften.

Projektphase I

Anfang Mai 2018 ging an der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin das von der DFG für 18 Monate geförderte Projekt Future e-Research Support in the Humanities – Konzeptstudie zur Implementierbarkeit von Scholarly Makerspaces in das Dienstleistungsangebot von Universitätsbibliotheken (FuReSH) an den Start.

Projektbeschreibung

Das primär auf bestandsbezogene Bereitstellung und Erschließung fokussierende, traditionelle Serviceverständnis von wissenschaftlichen Bibliotheken genügt nicht, um datenintensive und toolbasierte digitale Arbeits- und Forschungsformen (e-Research) organisatorisch und technisch in der notwendigen fachlichen Breite unterstützen zu können. Für die neuen Anforderungen müssen Organisations- und Servicemodelle entwickelt werden, die zur direkteren Kollaboration zwischen Bibliothek und Wissenschaft beitragen und damit die Partizipation an Wissenstransfer und Kompetenzentwicklung verbessern. Mit dem beantragten Projekt sollen im ersten Schritt auf Grundlage einer Befragungsphase das Erwartungsspektrum an e-Research-Support sowie die Möglichkeiten der Kollaboration von Bibliothek und Wissenschaft in den Humanities identifiziert werden. Darauf aufsetzend soll in einem zweiten Schritt – als Konzeptstudie – ein Organisations- und Servicemodell entwickelt werden, in dem die Anforderungen zur Nutzung und Unterstützung von e-Research-Technologien in den Geistes- und Kulturwissenschaften aufgegriffen und mit entsprechenden Serviceportfolios zur Verfügung gestellt werden können. Dabei werden Bibliotheken als Scholarly Makerspaces verstanden, die digitale Arbeitsformen in Forschung und Lehre mit entsprechenden Infrastruktur- und Serviceangeboten ermöglichen und dabei Dienste und Werkzeuge als e-Research-Technologien einbeziehen.

24. Februar 2022 | Veröffentlicht von Sophie Eckenstaler | Kein Kommentar »
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Scholarly Makerspaces – Bibliotheken als Kooperationspartner der Digital Humanities – Zu einem Workshop

Eine Zusammenfassung von Ben Kaden (@bkaden)

Der Abschlussworkshop des FuReSH-Projektes zeigte, dass er eigentlich keiner sein sollte. Denn die Idee einer niedrigschwelligen Vermittlungsinstanz für die Angebote, Möglichkeiten und notwendig auch Grenzen digitaler Forschung in den Geisteswissenschaften ist auf der Höhe der Zeit. Zumindest sahen es die Teilnehmenden so. Interessant ist dabei, dass sich die Sicht auf die Funktionen der Scholarly Makerspaces während der Diskussionen noch einmal stärker erweiterte. Im Idealfall sollten sie nämlich, wie deutlich wurde, erheblich mehr sein, als ein reines Unterstützungsangebot, mit dem die Universitätsbibliothek Lehrenden, Forschenden und Studierenden den aktuellen Stand im Bereich digitaler Werkzeuge für die Kultur- und Geisteswissenschaften näher bringt. 

Mittlerweile ist offensichtlich, wie sehr sich mit der digitalen Forschung und den Digital Humanities und weiteren Transformationsphänomenen wie u.a. der offenen Wissenschaft grundsätzlich etwas verschiebt, das lange stabil abgegrenzt schien. Das Funktionssystem Wissenschaft und seine Schnittpunkte zu weiteren gesellschaftlichen Bereichen werden unter diesen Vorzeichen neu, und zwar stetig neu, definiert. Bestimmte Elemente – Faktenorientierung, Systematizität, Verfahrenstransparenz – und Prinzipien bleiben stabil. Aber oft scheint es, als rückten gerade die diskursiv- und deutungsorientierten Communities zunehmend in die Rolle einer Qualitätssicherung des Wissens, dessen Produktion an anderen Stellen erfolgt. In jedem Fall finden eine Vielzahl von ebenfalls verständnis- und erkenntnisgerichteten Prozessen und insbesondere solche der Problemlösung an anderen Stellen als der akademisierten Wissenschaft statt. Wissenschaftliche Expertise wird im Zweifel hinzugezogen, wissenschaftliche Strenge je nach Bedarf angewandt. Aber das Ziel solcher Wissensprozesse ist nicht mehr auf einen generellen Wissenszuwachs an sich gerichtet. Wissenschaft als Institution und Praxis arbeitet zunehmend projektbasiert und damit auf sehr konkrete und bestimmbare Ergebnisse hin. Allgemeinere Einsichten sind eine Art Nebenprodukt, das die Best-Practice-Erfahrungen begleitet. In welcher Form dies dokumentiert wird, ist eine Aufgabe für das wissenschaftliche Publikationswesen. Projektblogs wie dieses sind ein Weg. Zugleich wäre aber ein differenziertes Wissensmanagement notwendig, da ein Großteil solcher Expertise nur teilweise kontinuierlich in den Laufzeitzyklen der Projekte, also in Rahmen von zwei bis drei Jahren entsteht. Danach, auch darüber wurde im Workshop gesprochen, beginnt für die Akteure ein im Idealfall inhaltlich ähnliches, im konkreten Bezug aber oft doch anderes Kapitel. Wo also ließe sich so ein Wissen strukturiert und nachnutzbar abgebildet akkumulieren? Für den Bereich der digital geprägten Geisteswissenschaften könnte einer dieser Ort der sein, der bereits traditionell publiziertes Wissen sammelt – also die Bibliothek. Entsprechend notwendig ist es für die Scholarly Makerspaces, ein System für die Sammlung, Strukturierung und Bereitstellung entsprechender Expertise vorzuhalten. Für die Implementierung ist dieser Aspekt daher ausdrücklich mit beantragt. Und überhaupt bewegt man sich mit einem DFG-Projekt aus dem LIS-Bereich in einem für diese Entwicklung im Prinzip genau richtigen Wirkungszusammenhang. Wir wissen schon aus eigener Erfahrung sehr gut, welche besonderen Anforderungen sich in vorwiegend über Drittmittel finanzierten Forschungszusammenhängen ergeben. An engen Zeiträume und konkreten Umsetzungszielen ausgerichtete Forschung ist unabweislich auch Teil des Kulturwandels. Es bietet sich an, dies im Zusammenhang zu sehen und im Gegenzug entsprechende zeitgemäße und nachhaltige Infastrukturangebote aufzusetzen. Für ihren Wirkungsradius gehören die Scholarly Makerspaces in diesen Funktionsrahmen für die Wissenschaft, vielleicht auch besser Wissensarbeit der Gegenwart.

Rolle und Abgrenzung der Scholarly Makerspaces

Die Grundidee der Scholarly Makerspaces, nämlich die Vermittlung von Kompetenzen, Entwicklungen, möglicherweise Ressourcen und in jedem Fall Vernetzungen für die digitale Forschung in den Kultur- und Geisteswissenschaften enthält grundständig die Möglichkeit, die Begleitung und Moderation eines solchen Kulturwandels institutionell einzubetten. Scholarly Makerspaces sind im besten Umsetzungsfall eine niedrigschwellig nutzbare und agile Lösung für eine konzentrierte und aufgeklärte Auseinandersetzung mit den jeweils relevanten Fragestellungen. Mit ihrem Dienst der Forschungs- und Antragsberatung helfen sie bei den jeweiligen und oft zeitkritischen Entscheidungsfindungen. Als Begegnungsraum führen sie unterschiedliche Akteure, die in dieser Transformation aber unbedingt im Dialog stehen sollten, zusammen. Im besten Fall entstehen dadurch neue Ideen, Konzepte, Forschungsfragen und Umsetzungspläne. Für alle Beteiligten bis hin zur anbietenden Institution eröffnen sie die Möglichkeit, die entsprechenden Entwicklungen kennenzulernen, zu verstehen, zu bewerten und insgesamt selbst zu partizipieren. Dazu zählt ebenfalls, Vorstellungen von der eigenen Rolle regelmäßig konstruktiv zu hinterfragen, etwas, das gerade auch für wissenschaftliche Bibliotheken unerlässlich ist. 

Scholarly Makerspaces sind daher zwar an einigen Stellen ähnlich, aber keinesfalls identisch mit funktionsorientierten (Library) Labs. Die Bereitstellung von Werkzeugen, Workflows, Methoden, Materialien und einer ganze Palette von kleinen praxistauglichen Lösungen, die man im Workshop als Hacks bezeichnet und die im Sinne des Wissensmanagements auch formalisiertes Erfahrungswissen genannt werden könnten, bildet nur eine Facette der Scholarly Makerspaces. Die begleitete, in der Komplexität überschaubare und auf individuelle Anforderungen und Kompetenzen Rücksicht nehmende Vermittlung markiert eine zweite Facette. Die dritte ist schließlich die, wofür man Scholarly Makerspaces trotz aller Digitalität unbedingt als Raum benötigt: Die eines Ortes für den Kontakt und wechselseitigen Austausch von unterschiedlichen Akteuren. Die Scholarly Makerspaces sollen in Addition der Angebotsfacetten ihren unmittelbaren Zielgruppen ermöglichen, die Anbindung zu aktuellen Entwicklungen, Möglichkeiten und Diskussionen zu halten, vielleicht auch mitzugestalten. Dadurch jedoch, dass dies nur über die Integration Akteure gelingt, die die jeweiligen Entwicklungen, Möglichkeiten und Diskussionen selbst prägen, verschiebt sich möglicherweise in der Zeit auch das, was die Zielgruppe darstellt. Für den Anfang sollen in den Scholarly Makerspaces lokale Akteure jeweils bedarfsgerecht mit den für ihre Ansprüche relevanten Werkzeugen, Verfahren, Informationen und Kontakten zusammengeführt werden.

Der Einstieg über und eine Verankerung von konkreten (technischen) Lösungen – z.B. über Workstations mit vorinstallierten Ready-to-Use-Werkzeugen – und begleitenden Schulungen zum Kompetenzerwerb für die lokalen Communities ist sicher zielführend, auch um Akzeptanz für das Angebot zu schaffen. Zugleich empfiehlt sich jedoch, die Rolle der Scholarly Makerspaces als Organisations- und Vermittlungsort für die digitale Transformation und den Kulturwandel in der Wissenschaft von Beginn an offensiver zu denken. Vermittlung heißt in diesem Fall auch aktive Moderation, Kanalisieren, zielgruppengerechtes Aufbereiten, bei Bedarf geduldiges Erklären und vor allem ein Im-Blick-Behalten und Verstehen, also Monitoring, dessen was generell in den einschlägigen Bereichen geschieht. 

Eine umfassende technische Grundversorgung für die Breite möglicher Anforderungen scheint aus diversen Gründen unmöglich. In den Gesprächen zur Konzeptentwicklung wurden wir aus guten Gründen regelmäßig vor einem solchen Anspruch gewarnt. Er wäre im Prinzip für die Scholarly Makerspaces auch wenig sinnvoll. Denn wo es Lösungen gibt, gibt es bereits Expertise und wenn sie bei den Entwickler*innen liegt. Es kristallierte sich auch während des Workshops heraus, dass die zentrale Rolle der Betreibenden eines Scholarly Makerspaces neben einer Grundberatung die des Community-Managements sein muss. Genaugenommen handelt es sich um Communities, also den Plural, die je nach Anforderung, Bedarf oder Szenario zueinandergeführt und so moderiert werden müssen, dass sie sich verstehen und konstruktiv kommunizieren können. Das Angebot konkreter Werkzeuge sollte sich auf besonders attraktive, grundständige und reife Lösungen konzentrieren. Für alle Materialien liegt der Schwerpunkt nicht im Sammeln auf Vollständigkeit, sondern in einer an konkreten Kriterien ausgerichteten Kuratierung. Die beiden Schwerpunkte für den Betrieb der Scholarly Makerspaces sind also diese Kuratierung und die Anregung, Koordination, Pflege und Unterstützung von entsprechenden Nutzungscommunities, also konkreter Programmarbeit, beginnend bei Schulungen und bis hin zu Symposien und Hackathons. Wie komplex sich diese Aufgaben darstellen, ist nicht pauschal bestimmbar. Bei relativ homogenen Gruppen reicht es vielleicht, den Raum als eine Art Bühne bereitzustellen. In anderen Fällen bedarf es einer ausgeprägten Moderation und gegebenenfalls auch Übersetzungsleistung. 

Scholarly Makerspaces als Bühne – das Beispiel Hackathons und Coding-X

Während es bislang noch keine Scholarly Makerspaces im Sinn des FuReSH-Projektes gibt, gibt es doch durchaus eine Reihe von Erfahrungen mit der Aktivierung und Lenkung von community-basierter Aktivierung und Auseinandersetzung mit Forschungsmaterialien und digitalen Lösungen. Ein großer Appeal und sehr gute Erfahrungen werden so genannten Hackathons bzw. “Coding X”-Veranstaltungen zugeschrieben. Die Rolle der Betreibenden des Makerspaces läge in diesem Zusammenhang vorwiegend auf der Kuration und Organisation solcher Veranstaltungen. Zugleich wären sie Ansprechpartner für ein akutes Desiderat: Wo und in welcher Form werden die Ergebnisse solcher Veranstaltungen dauerhaft verfügbar gehalten. Wie auch in anderen Fällen – zum Beispiel beim technischen Support – erweist sich die Einbettung der Scholarly Makerspaces in das institutionelle Gefüge der Hochschule als Vorteil. Nach Möglichkeit sollten an diesem Punkt bestehende Angebote wie Repositorien aktiv eingebunden werden. 

Nach dem Konzept der “Scholarly Makerspaces als Bühne” würden zudem unterschiedliche Akteure den Ort in regelmäßigem Wechsel bespielen können. Dies ist bis hin zu einer weitgehend eigenverantwortlichen Ausgestaltung und Nutzung denkbar. Die Aktivitäten konzentrierten sich auch hier weniger auf die technische Expertise als auf die Vernetzung. Ein Vorteil des Ansatzes wäre, dass die Aktualisierung gewissermaßen Community-getrieben erfolgte und sich die Betreibenden stärker auf die Dokumentation bzw. das Wissensmanagement konzentrieren könnten. Dies setzt jedoch zunächst entsprechend motivierte Communities voraus. Die Betreibenden müssen im Gegenzug aufgeschlossen und anschlusswillig, möglicherweise sogar aktiver Teil einer solchen Community sein. 

Anwendungsfälle

Das SBB-Lab, vorgestellt durch Clemens Neudecker, ist ein gutes Beispiel für den Ansatz, digitalisierte Ressourcen für eine ergebnisoffene Nachnutzung verfügbar zu machen. Dabei ist diese Offenheit auch 2019 oft noch eine Herausforderung und muss – auch im eigenen Haus – als Idee vermittelt werden. Das Lab stellt aktuell Datensätze bereit, die als Testdaten auch für Scholarly Makerspaces genutzt werden könnten. Zugleich ist es mit seinem Auftritt und der Datenpräsentation ein Anwendungsfall für die Datenvermittlung, der entsprechend als Orientierung für den Aufbau von Scholarly Makerspaces betrachtet werden könnte. Zu beachten wären jedoch die Besonderheiten der Trägereinrichtung, also der Staatsbibliothek zu Berlin.

Beim Austausch zu den Erfahrungen mit Hackathons wie Coding Gender wurde zudem eine weitere mögliche Angebotsfacette für Scholarly Makerspaces sichtbar. Neben den Werkzeugen (und der Hardware), den Beständen und Verfahren stellen auch Ablaufdokumentationen für die Entwicklung von Nutzungslösungen einen wichtigen Vermittlungsaspekt dar, wie Michael Müller von der Mosse Art Research Initiative (MARI) betonte. Eine Sammlung von nachvollziehbar dokumentierten “Hacks” zur Annäherung an Kulturdaten bleibt bisher ein Desiderat, das vergleichsweise leicht bei entsprechenden Sessions bedient und aufgefangen werden könnte. Die Aufbereitung, Ergänzung und Weiterentwicklung solcher Erfahrungsdokumentationen könnte in einer Wikistruktur über die Community erfolgen und in das Wissensmanagementsystem der Scholarly Makerspaces intergriert werden. Die Aufgabe des Labs bzw. der Scholarly Makerspaces wäre demnach auch hier die Bereitstellung und Sicherung der Infrastruktur, die Moderation und die kuratierende Gestaltung. Auf diesem Weg ließen sich nebenbei auch die Use Cases sichtbar machen, die für eine erfolgreiche Ausgestaltung und Vermittlung des digitalen Kulturwandels so notwendig sind.

Anna Busch vom Theodor-Fontane-Archiv Potsdam und dem dortigen TFA.Lab berichtete ebenfalls von sehr guten Erfahrungen mit Hackathons. Die von ihr beschriebenen Erfahrungen demonstrierten besonders anschaulich, wie digitale Werkzeuge vor allem ein Mittel zum Zweck darstellen und es neben der Bereitstellung der Tools auch darauf ankommt, digitale Forschung auch als eine besondere Form der Auseinandersetzungspraxis mit Kultur zu sehen. Mit der Betonung des Prinzips der Agilität und der sehr breiten Vernetzung dekonstruiert digitale Wissenschaft in gewisser Weise auch klassische disziplinäre Abgrenzungen. Das Archiv stellt den Gegenstandsbereich, der aus diversen, auch unerwarteten, nicht zwingend primär literaturwissenschaftlichen Blickwinkeln adressiert, beforscht und genutzt wird. Im Zweifel orientiert man sich an einem für Veranstaltung gesetzten Oberthema oder einem verbindenden Motto (wie bei Coding Gender). Eine deckungsgleiche Anpassbarkeit an die traditionelle Binnenstrukturierung von Wissenschaftsdomänen wird dagegen nicht angestrebt, ist in vielen Fällen sogar gerade nicht gewünscht.

Im Fall des Fontane-Archivs wurden die Textkorpora zum Werk Theodor Fontane also nur als Beispielmaterial zu Erprobung unterschiedlicher Auseinandersetzungsformen mit solchen Daten benutzt. Im Ergebnis standen weniger neue Erkenntnisse zur Fontane-Forschung als zu digitalen Verfahren, die auch für die Fontane-Forschung bedeutsam sein können. Die Idee von Hackathons ist die aktive und offene Erprobung des Möglichen, zu der auch das Scheitern und Lernen aus diesem Scheitern gehören. Kurioserweise hält über solche Umwege eine Freiheit der Auseinandersetzung mit Forschungsmaterialien wieder Einzug, die in den eng gesetzten Arbeitsplänen drittmittelfinanzierter Projektforschung nur noch sehr begrenzt Raum findet.

Das hat auch wiederum Folgen für die Wissenschaft und ihr Selbstverständnis. Für einen Hackathon wie den des TFA.Lab sind die Korpora stärker exemplarisch als strukturierte Datafizierungen literarischer Werke als dass sie als Bezugsgegenstand einer unmittelbaren Fontane-Forschung mit konkreten Erkenntniszielen verarbeitet werden. Dies leitet auf eine Grundbedingung datenbasierter geistes- und kulturwissenschaftlicher Forschung über: es gibt eine Fluidität zwischen zwei Ebenen. Auf der einen Seite steht eine Datenstruktur, die idealerweise standardisiert und als Linked-Open-Data offene Kontextualisierungen eröffnet und Verfahren wie eine Distant Reading ermöglicht. Auf der anderen die, wenn man so will, ästhetische zu rezipierende Ausprägung, die für die Nahlektüre, hermeneutische Auslegungen und natürlich auch den sinnlichen Werkgenuss essentiell ist. Abstrakt gesehen bedeutet digitale Wissenschaft eine genuin doppelte Sicht auf Forschungsobjekte. Wenigstens für die aktuelle Transformationsphase kollidiert diese Konsequenz oft mit traditionelleren Vorstellungen. Sie entspricht aber der spezifischen Medialität und dem Potential des Digitalen, also Datafizierung, Verknüpfung, Re-Visualisierung u.ä. Die Scholarly Makerspaces können und sollen durchaus ein Ort sein, um diese Spannung zwischen verschiedenen Formen der Auseinandersetzung mit Kulturobjekten und damit einhergehenden Deutungsansprüchen konstruktiv und verständnisorientiert zu verhandeln.

Neue Partner

Maxim Kupreyew von der BBAW ergänzte eine weitere, in klassischeren akademischen Kulturen vermutlich eher noch unerwartetere Kooperation. Für die Entwicklung des Computerspiels Assassin’s Creed Origins kooperierte die Produktionsfirma Ubisoft Entertainment SA mit Ägyptolog*innen im Rahmen einer so genannten Hieroglyphen-Initiative. Die Firma hatte die Ressourcen, um breit aufgestellt mit maschinellem Lernen eine Übersetzungswerkzeug für Hieroglyphen zu entwickeln.  Die technischen und inhaltliche Ergebnisse werden, so die Ankündigung, Open Source zur Verfügung gestellt. Kulturelle Ergebnisse dieser Kooperation sind neben einem authentischeren Spieleerlebnisse auf der Höhe der Ägyptologie auch eine Popularisierung des Thema Hieroglyphen und damit der Ägyptologie. Für die einschlägige digitale Forschung wird zudem eine Lösung zur semantischen Identifikation solcher Schriftzeichen entwickelt, für die in der akademischen Ägyptologie ohne eine solche Partnerschaft kaum adäquate Ressourcen in einem so kurzen Zeitraum bereitgestanden hätten. Durch die Kooperation wurden die Werkzeug- und Korpusentwicklung also entsprechend erheblich beschleunigt, wovon auch die Disziplin profitiert. Scholarly Makerspaces können an dieser Stelle als Showroom und Vernetzungsraum eine besondere Rolle spielen und vielleicht auch helfen, möglicherweise noch existierende Berührungsängste abzubauen. Wichtig ist aber sicher auch, dass sie die Frage spiegeln, was es eigentlich, auch für das Selbstverständnis von Wissenschaft, bedeutet, dass bestimmte Innovationen perspektivisch vermutlich nur in Partnerschaften mit außerakademischen, möglicherweise auch kommerziell orientierten Akteuren und mit entsprechend auch weniger wissenschaftlich ausgerichteten Zielstellungen realisiert werden können?

Wissenschaft und Öffentlichkeit sowie andere Bereiche der Gesellschaft nähern sich sehr offensichtlich zumindest dort an, wo mit ähnlichen Werkzeugen und Apparaturen agiert wird. Das die Datenanalytik in Unternehmensberatungen ebenso, wenn auch mit anderen Erkenntniszielen, auf semantische Analysen und die Modellierung sowie Visualisierung von Netzwerken setzt, überrascht wenig. Unklar ist jedoch, wie sich solche Entwicklungen und die beispielsweise in den Digital Humanities zueinander verhalten können und sollen.

Abgesehen davon sind auch inner- bzw. interdisziplinär sind gerade in den Geistes- und Kulturwissenschaften enge Verschränkungseffekte zu beobachten und zu erwarten. Wo sich Materialformen und Verfahren ähneln, drängt es sich auf, weitere Entwicklungen im engen Austausch zu betreiben und möglicherweise bewusster als bisher nach Ähnlichkeiten zu suchen. Dass Scholarly Makerspaces eine Rolle im Feld der Wissenschaftskommunikation und dies auch im Sinne eines Public Understanding of Scholarhip spielen können, das vielleicht besser sogar um eine “Innovationskommunikation” erweitert werden muss, liegt nah.

Mit den Hackathons, an denen gerade nicht nur Fontane-Expert*innen oder Gender Scholars teilnehmen, zeigt sich ebenso eine deutliche Erweiterung des Kommunikationsradius wie mit Online-Wörterbüchern wie dem Coptic Dictionary. Je digitaler die Ergebnisse, Erkenntnisse, Fragestellungen und das Material einer Wissenschafts-Community vorliegen, desto größer ist auch ihr Potential, eine Wirkung außerhalb der eigenen Domänen zu entfalten. Ein Merkmal dieser Entwicklung ist eine Pluralität der Zugänge. Der Datenbestand des Coptic Dictionary wird beispielsweise über eine Online-Plattform für eine Nutzung im Browser bereitgestellt und zugleich als Rohdatensatz, mit dem andere Forschende direkt in eigenen Lösungen weiterarbeiten können oder mit dem beispielsweise Entwickler*innen neue Lösungen und Anwendungen erarbeiten können. Wo eine standardisierte Datengrundlage und eine entsprechende Offenheit (Schnittstellen, Lizenzen) gegeben ist, eröffnen sich potentiell unbegrenzt neue Zielgruppen, woraus sich zugleich besondere Anforderungen an die Beschreibungen, Metadaten und Dokumentationen ergeben. Diese müssen in solchen Szenarien auch eine allgemeinere Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit vorbereiten, woraus sich möglicherweise gleich ein neues bibliothekswissenschaftliches Zukunftsthema ergibt. Denn dass neben der bloße Bereitstellung über GitHub oder Zenodo besondere Aufbereitungen auch redaktioneller Art und möglicherweise eingängigerer Plattformstrukturen notwendig sind, liegt auf der Hand. Für die Transformationsphase hin zu einer allgemeinen Niedrigschwelligkeit der Zugänge, sind Scholarly Makerspaces, jedenfalls aus unserer Sicht, passende Moderations- und Vermittlungsorte. Interessanterweise sahen wir diese Rolle zu Beginn des Projektes weniger stark gewichtet und gingen von einer deutlich konservativeren Ausrichtung des Angebotes aus. Besonders die Interviews und Workshops haben die Perspektive aber deutlich in diese Richtung erweitert. Sie spiegeln zugleich etwas, was an vielen Stellen in der Luft liegt.

Mit den Scholarly Makerspaces ergibt sich ein Vermittlungsort für die digitale Auseinandersetzung mit Kulturdaten und zwar sowohl für Lehre und Forschung als auch für die Schnittstelle, über die eine Vernetzung mit außerakademischen Akteuren erreicht wird, insbesondere auch hinsichtlich der Entwicklung von Werkzeugen, Algorithmen und Darstellungsmodi (Stichwort: Appifizierung).

Ausblick

Die Entwicklung und geplante Implementierung von Scholarly Makerspaces erfordert naturgemäß zugleich immer eine Balance zwischen dem Wünschbaren und dem Realisierbaren. Dies stellt sich lokal jeweils unterschiedlich dar. Im Zweifel muss man aber mit weniger Ressourcen rechnen und von einer stärkeren Zurückhaltung der Trägerinstitution ausgehen, als man es mit dem Schwung konstruktiver Workshop-Diskussionen gerne hätte. Die Scholarly Makerspaces als Produkt sind daher möglichst generisch und überschaubar zu denken. Der Baustein der Community-Entwicklung und -pflege ist ebenfalls von den lokalen Bedingungen abhängig und wird sich hinsichtlich des Potentials vermutlich erst während der ersten Betriebsphasen belastbar abschätzen lassen

Das stabile Basisprofil umfasst zwei Komponenten: Einerseits die Sammlung, Kuratierung, Bereitstellung und Erklärung von Anwendungen und Lösungen für die digitale Arbeit in den Geistes- und Kulturwissenschaften, also Werkzeuge (auf Workstations), beforschbare digitale Materialien, dokumentierte Workflows, Best-Practice-Use-Cases und ein Basiswissen sowie bei Bedarf Schulungen und Weiterbildungen. Der zweite Baustein liegt im Bereich der Beratung für den Einsatz digitaler Elemente in Lehre und Forschung sowie der Antragsplanung.

Ein Raum, Hardware, Software, eine Informationsplattform (Stichwort: Wissensmanagement) sind also die Grundelemente. Große Teile der Informationen können auch an zentral organisiert Stelle für mehrere Scholarly Makerspaces, beispielsweise in einer Art Verbund-Wiki oder auch einem anderen Wissensmanagementsystem gesammelt werden. Vor Ort kämen noch organisatorische Aufgaben (Betrieb, Veranstaltungen und Schulungen) sowie das Bedarfsmonitoring und die Erfahrungsdokumentation dazu. Dies würde einen Grundbetrieb (ausgenommen die Frage der Aufsicht) mit vergleichsweise überschaubaren Betreuungskapazitäten zum Beispiel durch eine/n DH-Librarian ermöglichen.

Dieses Basisausstattung setzte zugleich voraus, dass entweder über Projekte oder auch über eine höhere Dauerausstattung regelmäßig und begleitend ein Trendmonitoring, eine auch redaktionelle Materialaufbereitung, der Aufbau und die Pflege des Expert*innen-Netzwerks (Ansprechpartner*innen für spezifischere Fälle) sowie die Entwicklung von Kommunikationsstrategien abgesichert werden. Darin eingeschlossen wären ein Branding und die Leitbildentwicklung sowie das Erfassen und Adressieren von unterschiedlichen Anforderungs- und Erwartungsstufen mit ein.

Das tatsächliche Innovationspotential der Scholarly Makerspaces zeigt sich jedoch dort, wo sie über eine Ausrichtung eines Beratungs- und Supportdienstes hinausgehen, wie man ihn in vielen Einrichtungen von der Open-Access-Publikationsberatung und dem Forschungsdatenmanagements kennt. Als Prozessbegleiter (Facilitator) und -beschleuniger (Incubator), zugleich als Ort auch des institutionellen Lernens eröffnen die Scholarly Makerspaces buchstäblich einen Entfaltungsraum für den digitalen Kulturwandel in der Wissenschaft und mittelbar auch darüber hinaus. Sie sind damit mehr als ein zusätzlich Menüpunkt im Serviceprofil der Einrichtung, denn sie ermöglichen unterschiedlichen Communities und den angeschlossenen Einrichtungen die Möglichkeit, sich aktiv und kollaborativ in die digitalen Transformation von Wissenschaft, Wissensarbeit und Wissenskulturen einzubringen und sie damit wirksam mitzugestalten.

(Berlin, 20.11.2019)

Workshop Scholarly Makerspaces – Bibliotheken als Kooperationspartner der Digital Humanities – Programm

Am Dienstag den 12.11.2019 findet von 13-17 Uhr der Workshop Scholarly Makerspaces – Bibliotheken als Kooperationspartner der Digital Humanities im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin statt. (Besprechungsraum 9. Etage)

Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin
Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin / Foto: Ben Kaden,

Wir fragen nach den Kooperationsmöglichkeiten von Universitätsbibliotheken mit den Digital Humanities und den Funktionen und Möglichkeiten von Scholarly Makerspaces. Wir beziehen uns dabei auf drei Themenkomplexe, die jeweils eine Perspektive auf die titelgebende Wechselbeziehung zwischen den Digital Humanities und Bibliotheken aufgreifen:

1) eine technische Perspektive
2) eine geistes- und kulturwissenschaftliche Perspektive
3) eine gesellschaftliche Perspektive

Uns interessiert, welche Perspektiven und Chancen sich im jeweiligen Komplex ergeben. Zum Einstieg in den Austausch haben wir Leitthesen formuliert.

Die technische Perspektive bezieht sich auf die Bereitstellung und Vermittlung von DH-Tools und digitalen Ressourcen inklusive der relevanten Nutzungs- und Bewertungskompetenzen. Die These zur Diskussion lautet:

Die begleitende Vermittlung von digitalen Forschungswerkzeugen und der Zugang zu digitalen Forschungsmaterialien bilden den Grundgedanken der Scholarly Makerspaces. Die damit verbundenen Fragen zu Umsetzung und Ausrichtung sind regelmäßig neu zu verhandeln, da es sich naturgemäß um dynamische Entwicklungen handelt. Eine reine Bereitstellung von Hard- und Software und digitalen Ressourcen ist jedoch nicht ausreichend.

Die geistes- und kulturwissenschaftliche Perspektive bezieht sich auf Digital Humanities als Forschungsfeld mit eigenen Theorien, Methoden und Fragestellungen und/oder Digital Humanities im Sinne von “Digital X” also der digitalen Transformation traditioneller Fach- und Forschungskulturen. Unsere Thesen in diesem Zusammenhang lauten:

a) Die Digital Humanities als eigenes Forschungsfeld erreichen mittlerweile einen hohen Konsolidierungsgrad. Ursächlich sind dafür die entsprechenden Studiengänge, Curricula und Forschungsprojekte. Scholarly Makerspaces bieten auf lokaler Ebene einen stabilen Anlauf- und Vernetzungspunkt für die Verbindung von Akteuren aus der Digital-Humanities-Community mit Akteuren aus den Hochschulen sowie lokalen Forschenden und Studierenden.

b) Nahezu alle geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsfelder erfahren aktuell eine Transformation durch digitale Verfahren, Werkzeuge, Kommunikationswege sowie die Integration des Digitalen als Forschungsgegenstand. Dies bedeutet jedoch gerade nicht, dass sie zwangsläufig den Digital Humanities ähnlich werden. Die Scholarly Makerspaces sind der Ort für die Auseinandersetzung mit dem Spannungsverhältnis zwischen digital geprägten Fachwissenschaften und den Digital Humanities und für die Unterstützung der Profilierung und Abgrenzung der Forschungskulturen

Die gesellschaftliche Perspektive greift schließlich die Öffnung und Verbindung akademischer und nicht-akademischer Wissensakteure und –bereiche aufgrund der Möglichkeiten und Rahmenbedingungen der digitalen Transformation auf. Für die Diskussion präsentieren wir diese These:

Mit Initiativen wie Coding Da Vinci und Zugang Gestalten entstehen Ansätze einer systematischen digital geprägten Auseinandersetzung mit Wissen, Materialien und Kulturdaten in außerakademischen Wissenskulturen. Für die vermittelten Institutionen insbesondere im GLAM-Bereich (Galleries, Libraries, Archives, Museums) sowie im Bereich der Citizen Science eröffnen sich offene und inklusive Zugänge für eine vielfältige Adressierung und Auseinandersetzung mit digitalen bzw. digitalisierten Objekten, Kultur- und anderen Forschungsdaten. Die Herangehensweise erfolgt weniger einer Forschungsagenda wie in den Wissenschaften, sondern anderen Kriterien wie beispielsweise einer offenen Neugier. Scholarly Makerspaces spiegeln diesen explorativen Charakter und unterstützen eine multiperspektivische und offene Nutzung ihrer Angebote.

In Übereinstimmung mit der Idee der Scholarly Makerspaces soll der Workshop ergebnisoffen und dialogisch jeweils relevante Aspekte und Positionen erheben. Die Resultate werden wir dokumentieren und an dieser Stelle publizieren.

Es gibt noch ein kleine Zahl von Plätzen. Anmeldungen sind daher nach wie vor möglich. Bitte per E-Mail an: Michael Kleineberg (michael.kleineberg@ub.hu-berlin.de)

7. November 2019 | Veröffentlicht von Ben Kaden | Kein Kommentar »
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Scholarly Makerspaces als Reflexionsraum. Zu einer Fundstelle bei Joachim Metzner.

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Die Scholarly Makerspaces, die im Rahmen des FuReSH-Projektes noch bis Ende des Jahres konzeptionalisiert werden, stehen zunächst erwartbar vor allem als bibliothekswissenschaftliche Idee im Raum, auch wenn bestimmte Varianten von Library Labs stellenweise in diese Richtung weisen. Besonders interessant wird es daher zum aktuellen frühen Zeitpunkt der konzeptionellen Verfestigung, wenn an anderer Stelle entsprechende Überlegungen sichtbar werden. Eine Fundstelle, die uns bislang leider entgangen war, lässt sich in der unter dem Titel “Bibliotheksentwicklung im Netzwerk von Menschen, Informationstechnologie und Nachhaltigkeit” erschienenen Festschrift für Achim Oßwald (herausgegeben von Simone Fühles-Ubach und Ursula Georgy, Bad Honnef: BOCK + HERCHEN, 2019, PDF-Volltext) finden.

In seinen Beitrag “Bildung in den Zeiten der Digitalisierung und der Auftrag der wissenschaftlichen Bibliotheken” (S. 73-86) erwähnt Joachim Metzner den Begriff der “Scholarly Makerspaces”. Er übernimmt ihn aus der Perspektive “Wissenschaftliche Bibliotheken 2025” der  Sektion 4 „Wissenschaftliche Universalbibliotheken“ im Deutschen Bibliotheksverband e.V. (dbv), die im Januar 2018 veröffentlicht wurde. (PDF-Volltext)

Joachim Metzner zieht eine Linie von dem im Perspektivpapier formulierten Szenario der Scholarly Makerspaces als

“physische  und virtuelle Arbeits- und Forschungsumgebungen in Bibliotheken, die digitale Ressourcen und Werkzeuge – auch von Anbietern  außerhalb des Campus – zusammenführen und zur Verfügung stellen.”

Deutscher Bibliotheksverband e.V. (dbv): Wissenschaftliche Bibliotheken 2025. Berlin: Januar, 2018. Zitat: S. 21

Es kommt also eine betont explorative und von der Idee der Makerspaces im öffentlichen Bibliothekswesen inspirierte Idee zum Ausdruck. Diese enthält eine nicht zwingend zielgebundene und zugleich sehr heterogene Auseinandersetzungsmöglichkeit mit digitalen Technologien, Strukturen und Werkzeugen. Für die Scholarly Makerspaces sind sie, die Benennung deutet es an, hauptsächlich im Zusammenhang der digitalen Geisteswissenschaften zu sehen. In ihnen sollen vor dem Horizont wissenschaftlicher Erkenntnissuche Neugier, Reflexion, durchaus auch Kritik angeregt werden und zu einem bewussteren und kompetenteren Umgang mit den Elementen der jeweils aktuellen digitalen Wissenschaft, Forschung und Lehre führen. Diese betonte Zieloffenheit und die Integration einer reflexiven Meta- und Diskursebene unterscheidet Scholarly Makerspaces von den in der 2000er Jahren stark popularisierten so genannten “virtuellen Forschungsumgebungen”.

Entsprechend bewegt sich das Konzept der Scholarly Makerspaces in etwa auf halbem Weg zwischen den Vorarbeiten aus der Entwicklung dieser virtuellen Forschungsumgebungen (oder auch VFU) und einer aktuellen Forderung des Hochschulforums Digitalisierung, die in einem Dossier “Zukunftsfähigkeit Studierender für die digitale Transformation stärken!” von Kerstin Mayrberger und Ingrid Schirmer formuliert und von Joachim Metzner zitiert wurde. Die Autorin sehen den Bedarf für

“Reflexionsräume zur Erprobung und Auseinandersetzung anzubieten, die sie auf ein Handeln mit Unbestimmtheiten in einer digitalen Kultur vorbereiten”.

Kerstin Mayrberger, Ingrid Schirmer: Die Zukunftsfähigkeit Studierender für die digitale Transformation stärken! In: Synergie. 5, S. 28-33. https://www.synergie.uni- hamburg.de/de/media/ausgabe05/synergie05-beitrag04-mayrberger-schirmer.pdf

Scholarly Makerspaces engen dies wiederum ein Stück weit ein, in dem sie sich, wenn man so will, auf das Handeln in den Unbestimmtheiten einer digitalen Wissenschaftskultur und vor allem Forschungs- und Kommunikationspraxis konzentrieren. Da sich aber die Datafizierung der Gesellschaft unvermeidlich dahingehend niederschlägt, dass sich Verfahren – leider aktuell oft noch im Gegensatz zu den Werkzeugen – der Datenanalytik beispielsweise, in Wirschaft, Journalismus und Geistes- und Kulturwissenschaften annähern, sind Scholarly Makerspaces ohne Zweifel geeignet, digitale Kompetenzen auch über den akademischen Bereich hinaus zu vermitteln.

Der wissenschaftliche Zuschnitt der Scholarly Makerspaces ergibt sich vor allem aus der Notwendigkeit, den Ansatz für in der Komplexität des Angebots möglichst konkret an einen festen Anwendungszusammenhang rückbinden zu müssen, also in diesem Fall an Forschung und Lehre im Einzugsgebiet einer Universitätsbibliothek. Dies erscheint auch aus den Erfahrungen und Auseinandersetzungen bei der Konzeptentwicklung während des FuReSH-Projektes sehr sinnvoll. Parallel sind jedoch im Grundlayout Scholarly Makerspaces Schnittstellen zu digitalen Wissenskulturen und eventuellen Labs auch außerhalb der Wissenschaft unbedingt vorzusehen. Über diese wird ein Austausch mit der Bandbreite der Akteure im Bereich der digital geprägten Erkenntnis- und Wissensproduktion möglich, ohne die Kapazitäten und auch das Leitbild einer Universitätsbibliothek sofort zu sprengen. Ebenfalls im Grundlayout wird eine iterative Weiterentwickelbarkeit angelegt, die es ermöglicht den Zuschnitt des Angebots der Scholarly Makerspaces leicht an kommende, auch dezidiert Domänen übergreifende Entwicklungen anzupassen.

Daher bewegen sich die Überlegungen des FuReSH-Konzeptes der Scholarly Makerspaces durchaus auf der Linie, die Joachim Metz in seinem Beitrag für den Ansatz umreißt:

“Das Konzept könnte sich so weiterentwickeln lassen, dass solche Workspaces reale oder virtuelle Räume für Bildung im digitalen Zeitalter werden – zumal sie immer häufiger in wissenschaftlichen Bibliotheken angesiedelt  oder von dort aus betrieben werden. Bezöge sich  das Ausprobieren und Umfunktionieren, das dort ermöglicht wird und gewollt ist, auch auf Software, stünden die geforderten Werkzeuge mit offenen Programmierschnittstellen zur Verfügung, dann wäre die wissenschaftliche Bibliothek genau der richtige Ort, um zumindest jene „potenzielle[n] Reflexionsräume zur Erprobung und Auseinandersetzung anzubieten, die sie [die Studierenden] auf ein Handeln mit Unbestimmtheiten in einer digitalen Kultur vorbereiten.“

Joachim Metzner: Bildung in den Zeiten der Digitalisierung und der Auftrag der wissenschaftlichen Bibliotheken. In: Simone Fühles-Ubach, Ursula Georgy (Hrsg.): Bibliotheksentwicklung im Netzwerk von Menschen, Informationstechnologie und Nachhaltigkeit : Festschrift für Achim Oßwald. Bad Honnef: Bock + Herchen, 2019. S. 73-86 Zitat: S. 79

Und zwar eben in der oben beschriebenen Weise. Gleich im nächsten Satz benennt er aber auch ein Herausforderung, die wir bei FuReSH zunächst weitgehend exkludieren konnten, die sich aber bei einer möglichen Realisierung des Ansatzes als entscheidend erweisen wird:

“Es ist nicht leicht, sich ausgerechnet die wissenschaftliche Bibliothek als den Ort vorzustellen,  an dem die Auseinandersetzung  mit dem Unbestimmten stattfindet,  wird sie doch auch heute noch überwiegend als Hort der Ordnung verstanden.”

ebd.

Experimentelle und das Experimentieren unterstützende Angebote wie Scholarly Makerspaces benötigen einen Kulturwandel nicht mehr in allen, aber doch in vielen Bibliotheken und besonders auch bei deren Trägern. Sie werden nur eingeschränkt vorhersagbare und konkretisierbare Ergebnisse produzieren, können aber genau deshalb aus ihrem Freiraum her zu emergenten Resultaten führen, die man so gar nicht erwartet hat oder erwarten konnte. Scholarly Makerspaces entsprechen in dieser Hinsicht einer, wie wir heute wissen, Grundeigenschaft digitaler Kultur. Damit sie erfolgreich sein können, braucht es keine exakten Zielvorgaben sondern Vertrauen, wenn man so will, Commitment sowie einen stabilen Rahmen für Ausstattung, Betreuung und Moderation, der sich auch in Dauerstellen niederschlagen muss. Dies kann für die Personalentwicklung in den Bibliotheken also auch bedeuten, dass Anteile aus der traditionellen Arbeit aus dem “Hort des Ordnens” auf das offene Feld des freien Spiels übertragen werden.

(Berlin, 25.09.2019)

Save the date (12.11.19): FuReSH-Workshop „Scholarly Makerspaces – Bibliotheken als Kooperationspartner der Digital Humanities“

Im Februar 2019 fand der erste von zwei geplanten Workshops des FuReSH-Projektes statt. Er widmete sich unter der Überschrift „Scholarly Makerspaces – Bibliotheken als Vermittlungsplattform für Digital-Humanities-Tools“ konzeptionellen Fragen der Gestaltung von Scholarly Makerspaces.

In einem zweiten Workshop möchten wir einen zentralen Aspekt des Ansatzes vertiefen und dafür die Perspektive wechseln. Während im ersten Workshop vor allem die Anforderungen aus Sicht der Bibliotheksnutzer*innen im Mittelpunkt standen, soll nun der Blickwinkel der DH-Community betont werden. Scholarly Makerspaces werden dabei als dezidierter Interaktionsort bzw. als Schnittstelle zwischen den Digital Humanities einerseits und den lokalen geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungs- und Lehrcommunities andererseits verstanden.

Uns interessiert in diesem Zusammenhang in welchen Rollen, mit welcher Reichweite und in welcher Konkretisierung Scholarly Makerspaces und damit auch Universitätsbibliotheken als Kooperationspartner der Digital Humanities und weiterer digitaler Forschungsfelder im Sinne einer Schnittstelle zu lokalen Zielgruppen aktiv werden können.

Wir orientieren uns dabei an den von Patrick Sahle herausgearbeiteten vier Bereichen der Digital Humanities und betrachten entsprechend folgende Schwerpunkte:

  1. Digitale Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft
  2. DH als Forschungsfeld mit eigenen Theorien, Methoden und Fragestellungen
  3. DH im Sinne von “Digital X” also der digitalen Transformation traditioneller Fach- und Forschungskulturen
  4. DH als technische Perspektive im Sinne der Bereitstellung und Vermittlung von Werkzeugen und Ressourcen inklusive der dazu gehörigen Nutzungs- und Bewertungskompetenzen.

Wir sehen für alle vier Bereiche klare Bezugspunkte zur Konzeption der Scholarly Makerspaces:

  1. Mit Initiativen wie “Coding DaVinci” oder “Zugang Gestalten” entstehen Methoden der digitalen Auseinandersetzung mit Kulturdaten auch in außerakademischen Wissenskulturen und eröffnen betont offene und inklusive Zugänge für die vielfältige Adressierung von digitalen bzw. digitalisierten Objekten. Scholarly Makerspaces greifen diesen stark explorativen Aspekt auf und unterstützen eine multiperspektivische und offene Nutzung des Dienstes.
  2. Die Digital Humanities als eigenes Forschungsfeld haben mittlerweile besonders dank der entsprechenden Studiengänge einen hohen Konsolidierungsgrad erreicht, was sich auch in entsprechenden Curricula und Forschungsprojekten zeigt. Scholarly Makerspaces können auf lokaler Ebene einen stabilen Anlauf- und Vernetzungspunkt auch für die Verbindung der Akteure in der Hochschule und denen der Fachcommunity schaffen.
  3. Parallel befinden sich nahezu alle geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsbereiche im Prozess der Transformation durch den Einfluss digitaler Verfahren, Werkzeugen, Kommunikationsformen bis hin zur Integration als Forschungsgegenstand. Dies bedeutet jedoch gerade nicht, dass sie zwangsläufig den Digital Humanities ähnlich werden. Die Scholarly Makerspaces können der Ort für die Auseinandersetzung mit diesem Spannungsverhältnis werden.
  4. Die Vermittlung von Werkzeugen und der Zugang zu Forschungsmaterialien, die sich für eine digitale Beforschung optimal eignen, bilden den Ausgangspunkt des Konzeptes der Scholarly Makerspaces. Die damit verbundenen praktischen Fragen sind regelmäßig neu zu verhandeln, da es sich naturgemäß um dynamische Entwicklungen handelt. An dieser Stelle wollen wir besonders Aspekte der Erwartungen an Vermittlungs- und Zugangsformen betrachten.

Vor dem Hintergrund einer möglichen Implementierung möchten wir frühzeitig die jeweiligen Anforderungen auf allen vier Ebenen in der Planung berücksichtigen. Das Ergebnis des Workshops soll daher eine Art Anforderungskatalog sein. In diesem werden die für die Gestaltung der Scholarly Makerspaces als Schnittstelle im oben benannten Sinn relevanten Elemente nach Akteuren, Zielstellungen und Ansprüchen differenziert abgebildet.

Zielgruppen: Vertreter*innen der DH-Community sowie der Informationsinfrastruktur

Wann: 12. November 2019 von 13-17 Uhr

Wo: Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum (HU Berlin)

Weitere Informationen folgen demnächst.

Bei Interesse können Sie sich gern zum Workshop per Email anmelden:

Ben Kaden (ben.kaden@ub.hu-berlin.de)

Michael Kleineberg (michael.kleineberg@ub.hu-berlin.de)

24. September 2019 | Veröffentlicht von Michael Kleineberg | Kein Kommentar »
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FuReSH in der DH-Werkstatt

von Michael Kleineberg und Ben Kaden

Gern sind wir einer Einladung in die Digital-Humanities-Werkstatt der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) gefolgt, um Ende April die Zwischenergebnisse unserer Konzeptstudie vorzustellen. Zugleich hatten wir großes Interesse an dem neu eingerichteten Digital-Humanities-Lab in den Räumen der dortigen Universitätsbibliothek.

Die Veranstaltung vom 30. April 2019 diente also vor allem dem gegenseitigen Austausch von Ideen und Erfahrungen. Während unsere Konzeptstudie eher einen theoretisch-systematischen Ansatz verfolgt, entschied man sich an der FAU für einen pragmatischen Ansatz, um zunächst einmal die grundlegenden infrastrukturellen Bedürfnisse des ebenfalls neu eingerichteten Studienganges „Digitale Geistes- und Sozialwissenschaften“ zu adressieren.

Als „Interdisziplinäres Zentrum“ versucht das IZdigital (FAU) die digitalen Methoden aus mehr als zehn geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern zu bündeln und gemeinsam mit der Universitätsbibliothek und der Philosophischen Fakultät der FAU mit Infrastrukturangeboten und Beratungen zu unterstützen. Insbesondere das DH Lab kommt dabei unserer Idee der Scholarly Makerspaces bereits sehr nahe, da es sich als eine Kombination aus Helpdesk, Werkstatt und Open Space versteht. Das DH Lab nutzt einen Schulungsraum der Universitätsbibliothek mit 20 Computerarbeitsplätzen und vorinstallierten DH-Anwendungen und bietet einen festen wöchentlichen Termin zur Beratung und Schulung insbesondere für Studierende an.

In der Diskussion wurde deutlich, dass durchaus einige Hürden bei der Etablierung eines solchen Angebotes zur Vermittlung digitaler Forschungswerkzeuge bestehen. Dazu zählen unter anderem:

  • die zeitlich beschränkte Nutzungsmöglichkeit des Raumes als DH Lab, zumal dessen Platzanordnung eher auf Frontalunterricht als auf Gruppenarbeit und sozialen Austausch zugeschnitten ist;
  • die knappen personellen Ressourcen bei der Betreuung des DH Labs sowie die Schwierigkeit, Stellen mit enstprechenden IT-Kompetenzen zu besetzen;
  • die fehlenden finanziellen Mittel zur Lizenzierung einschlägiger digitaler Werkzeuge und der Rechtfertigungszwang für deren Relevanz besonders in der Einführungsphase;
  • die offenbar unzureichende Kommunikation des Angebotes in die Fakultäten und Institute, da es bislang eine nur geringe Kenntnis und Nutzung des DH Labs gibt;
  • die Namensgebung „Digital-Humanities-Lab“ scheint einige potenzielle Nutzerinnen und Nutzer eher abzuschrecken, die sich nicht dezidiert der DH-Community zugehörig fühlen.

Diese Herausforderungen decken sich durchaus mit Einsichten unserer Anforderungs- und Bedarfsanalyse, wie wir sie in unserem Zwischenbericht vorgestellt haben. Einige weitere Aspekte unserer Konzeptstudie wurden dann auch aufgegriffen und intensiv diskutiert sowie als Anregung verstanden – zum Beispiel die Einbindung solcher Infrastrukturangebote in E-Learning-Plattformen oder die Ausweitung der Zielgruppen über die Studierenden hinaus.

Eine weitere sehr wichtige Erkenntnis ergab sich aus der Veranstaltung selbst, deren Publikum eine Bandbreite von Hintergründen – Informatik, Bibliothek, Digital Humanities, Studierende – repräsentierte: Die Perspektiven auf ein Angebot wie das DH Lab sind sehr unterschiedlich und müssen zunächst auch kommunikativ aufeinander zugeführt werden. Denn erst im wechselseitigen Verständnis erschließt sich das Potential einer inklusiven bedarfsgerechten Ausgestaltung derartiger Angebote.

Naturgemäß etwas selbstbezüglich erwies sich die Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen eines solchen Angebots selbst als ein Anliegen der Scholarly Makerspaces: dem Zusammenführen heterogener Sichtweisen und die aktive Verständigung über Themen der digitalen Forschung bzw. in unserem Fall der entsprechenden Infrastruktur. Das DH Lab der FAU Erlangen-Nürnberg ist aber auch darüber hinaus ein für unsere Studie sehr willkommener Use Case, weshalb wir den Austausch auch zukünftig unbedingt pflegen möchten.

8. Mai 2019 | Veröffentlicht von Michael Kleineberg | Kein Kommentar »
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Zwischenbericht „Scholarly Makerspaces“ in LIBREAS veröffentlicht

In der neuen Ausgabe von LIBREAS. Library Ideas #35 (2019) ist unser Artikel „Scholarly Makerspaces – Ein Zwischenbereicht zum DFG-Projekt FuReSH“ erschienen.

Abstract:

An der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin wird aktuell eine Konzeptstudie zur Idee der sogenannten Scholarly Makerspaces erarbeitet. Mit diesem Ansatz soll die Vermittlung von Bausteinen der digitalen Forschung in den Kultur- und Geisteswissenschaften auch über den Kernbereich der Digital Humanities hinaus auf lokaler Ebene verbessert werden. Aus bibliothekarischer Sicht versteht sich die Idee zugleich als ein Angebot, um die Rolle von Universitätsbibliotheken in ihrem jeweiligen Bedingungs- und Wirkungsrahmen explizit als Partner der Forschung zu untersuchen und Möglichkeiten einer differenzierten Vermittlung so genannter digitaler Literarizitäten über den sehr allgemeinen Begriff der Informationskompetenz hinaus auszuloten. Aus Sicht der Entwicklung von digitalen Forschungswerkzeugen ermöglichen Scholarly Makerspaces einen besseren Zugang zu Zielgruppen in der Breite und damit neue Vermittlungs- und Kommunikationsmöglichkeiten für Anbietende. Der Bericht dokumentiert den Zwischenstand anhand ausgewählter Aspekte. Die Gesamtstudie wird Ende des Jahres 2019 vorgelegt.

8. Mai 2019 | Veröffentlicht von Michael Kleineberg | Kein Kommentar »
Veröffentlicht unter Berichte
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