Bericht zum Workshop „Scholarly Makerspaces – Bibliotheken als Vermittlungsplattform für Digital-Humanities-Tools“

Im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin fand am 27. Februar 2019 ein Workshop zur Konzeption von Scholarly Makerspaces statt. Ziel der Veranstaltung waren die Vertiefung und Spezifizikation konkreter Aspekte für die angestrebte Umsetzung des Dienstes an der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität. Aus diesem Grund wurden Expertinnen und Experten zu unterschiedlichen Einzelthemen eingeladen, die mit vier Impulsvorträgen die Basis für eine konstruktive Diskussion lieferten

Im ersten Beitrag, “Digitale Bilder in Forschung und Lehre: Praktiken und Aufgaben”, stellte Dr. Georg Schelbert, Leiter der Mediathek des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte an der Humboldt-Universität, die Anforderungen und Herausforderungen für den Umgang mit digitalen Bildern in Forschung und Lehre heraus. Neben Textmaterialien sind Bildmaterialien eine der zentralen Quellen für die Geisteswissenschaften. Mit Texten teilen sie bei der digitalen Forschung die Anforderung einer konsistenten strukturellen Erschließung. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es notwendig, digitale Werkzeuge nicht für sich allein, sondern grundsätzlich in Beziehung zu den konkreten Forschungsobjekten mit ihren Metadaten und den Repräsentationsplattformen zu betrachten. So wie Forschungsdaten ohne Kenntnis der Werkzeuge und des Erhebungszusammenhangs nicht eindeutig verstanden und eingeordnet werden können, so wichtig ist es, auch Werkzeuge in ihrem konkreten wissenschaftlichen Anwendungsfeld zu verstehen und ihre Funktionsweise und Anwendungsgrenzen zu kennen. Ein funktionale Trennung und die Fokussierung der Scholarly Makerspaces allein auf Werkzeuge scheint daher nicht zielführend. Scholarly Makerspaces sollten dementsprechend nicht Werkzeuge ODER Forschungsdaten ODER Plattformen vermitteln, sondern infrastrukturelle Forschungskontexte generell.

Ein typisches Forschungsobjekt: Digitalisiertes Dia aus der Glasdia-Sammlung der Mediathek der Humboldt-Universität. (Quelle: Imeji- Sammlung / Arbeitsdatenbank von Georg Schelbert)

Für bildorientierte Wissenschaften wäre es aktuell bereits eine erhebliche Hilfe, niedrigschwellige, funktional stabile und langfristig verfügbare Angebote für die Erfassung wissenschaftlich nutzbarer digitaler Bildstrukturen anzubieten. Am Beispiel der Plattform imeji präsentierte Georg Schelbert wie eine solche Lösung aussehen könnte: Objekt, Beschreibungsdaten und eine Bearbeitungs- und Interaktionsoberfläche liegen auf einer Nutzungsebene und ermöglichen eine eigenständige Bildverarbeitung, -auszeichnung und -annotation. Zugleich zeigt das Beispiel, dass selbst eine vermeintlich einfache Lösung im aktuellen Zuschnitt von Mediatheken kaum nachhaltig zu pflegen ist. Wie so oft liegt die Herausforderung hier weniger in der Technik selbst als in der personellen Betreuung, für die zumeist nur Mittel auf Projektbasis eingeworben werden können. Auch die Scholarly Makerspaces werden sich ganz elementar mit der Frage, wie die personelle Grundausstattung dauerhaft abzusichern ist, befassen müssen. Indirekt sehen sie sich auch der Erwartung ausgesetzt, für bestehende Dienste eine Art Kümmererfunktion zu übernehmen, die gezielt nach Lösungen für eine Absicherung der Bereitstellung sucht. Auch diese Rolle, also die gezielte Zusammenführung, Vermittlung und nach Möglichkeit auch Unterstützung lokal bestehender Dienste für die digitale geisteswissenschaftliche Forschung wird in einem Umsetzungsmodell zu berücksichtigen sein.

Dass das Problem des nachhaltigen Betriebs von Diensten der digitalen Forschung nahezu chronisch für das Bibliothekswesen ist, zeigt das Beispiel der Staatsbibliothek zu Berlin und ihres geplanten SBB Labs, das Clemens Neudecker in seinem Vortrag “Digitale Kuratierungstechnologien und ein Lab: der richtige Weg vom Bücherspeicher zur Informationsinfrastruktur?“ präsentierte. Selbst bei einer ausdrücklichen Orientierung in Richtung digitale Innovation ist die Gestaltung des optimalen Weges hin zu einem komplexen Zugang zu digitalen und digitalisierten Beständen ein eher mittel- bis langfristiges Vorhaben. Die Herausforderungen liegen nicht allein in den Ideen, individuellen Motivationen und Lösungen an sich, sondern vor allem in der langfristigen Verfügbarhaltung und der Einbindung in das organisationale Gefüge.

Ähnlich zu den Anforderungen bei den bildorientierten Wissenschaften zeigt sich auch hier, dass der zentrale Mehrwert eines entsprechenden Bibliotheksangebotes in der Bereitstellung und der Schaffung von Optionen für eine multiperspektivische Annäherung an die bereitgestellten Inhalte der Kern solcher Lab-Strukturen sein sollte. Die wissenschaftliche Rezeption digitaler Bestände erfolgt nicht mehr zwingend durch händische Erschließung und die intellektuellen Analyse der Einzelobjekte, sondern mit wachsenden Anteilen im maschinellen Auslesen und der Aufbereitung über Algorithmen. Das Ziel an der Staatsbibliothek ist folglich, Dienste für eine Tiefenerschließung der Bestände beispielsweise über Deep-Learning-Verfahren und weitere Technologien zur digitalen Kuratierung anzubieten. Dabei geht es zunächst um eine digitale Texterschließung und -anreicherung beispielsweise mittels Disambiguierung, Auszeichnung von Entitäten, Geolokalisierung und Linked-Open-Data-Einbindung. Darüber hinaus sollen Tutorials für die Möglichkeiten und Anforderungen digitaler Textanalytik sensiblisieren. Für die Einrichtung selbst besitzt das SSB Lab zugleich einen großen Wert als Schaufenster in die Tiefe der Bestände und als Anschlusspunkt an aktuelle Entwicklungen in die digitale, auch bibliothekswissenschaftlich relevante, Forschung.

Wie vielgestaltig die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit digitalen Forschungsstrukturen für die Geisteswissenschaften ist, zeigte sich im Vortrag “Human-Centered Data Laboratory@FU Berlin” von Prof. Dr. Claudia Müller-Birn von der Freien Universität Berlin. Sie und ihr Team beforschen diese Strukturen aus Perspektive der Informatik. So wie die Geisteswissenschaften reflexiv das Digitale durchdringen müssen, um zu verstehen, was das aktuelle Transformationsgeschehen für sie bedeutet, so sehr hilft es der Informatik, nachzuvollziehen, wie Geisteswissenschaften an sich arbeiten und wie ihr Gebrauch der digitalen Möglichkeiten aussieht.

Beispielsweise handelt es sich bei Software keinesfalls um eine Black-Box, die einfach eine Aufgabe erfüllt, sondern um ein konstruiertes technisches UND epistemisches Objekt. Akteure an den Schnittstellen der Softwarevermittlung, also insbesondere auch der Informationsinfrastruktur, müssen beide Dimensionen kennen und die Bedingungen und Auswirkungen nachvollziehen können. Im Gegenzug sollte Software so geschrieben und distribuiert werden, dass diese auch für Anwender nachvollziehbar bleibt. Wo Forschungstransparenz eingefordert wird, gehört beispielsweise die Offenlegung verwendeter Algorithmen hinter einer Visualisierung konsequent auf eine Ebene mit einer Forschungsdatendokumentation.

Schließlich präsentierte Christian Thomas von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit seinem Vortrag “CLARIN-D/CLARIAH-DE – ‘Digital-Humanities-Tools’ und weitere  Angebote für ‘Scholarly Makerspaces’ in Bibliotheken” eine Art Synopse der Erwartungshaltungen aus der Fachwissenschaft an Scholarly Makerspaces. Er bestätigte weitgehend die bisherige konzeptionelle Schwerpunktsetzung, das heißt die Betonung der Vermittlung von digitalen Ressourcen, Methoden und Tools. Ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal wäre aus seiner Sicht, ein systematisierter Überblick und Zugang zu Angeboten für die digitale Forschung, wozu ausdrücklich auch eine Evaluation gehört. Die Entwicklung von digitalen Werkzeugen selbst ist jedoch eine Aufgabe der Fach-Communities und ausdrücklich nicht Bestandteil von Scholarly Makerspaces.

Bei der Auswahl der digitalen Werkzeuge sollte der Fokus nicht unbedingt auf der jeweiligen Avantgarde der technischen Entwicklung liegen, sondern auf dem Bewährten und dem Funktionierenden, also auf bestehenden Best-Practice-Lösungen. Dies steht in Übereinstimmung mit den erwartbaren Anforderungen und Kompetenzen der Zielgruppen des Dienstes, denen es vor allem darum geht, einen Anschluss an mehr oder weniger standardisierte, in jedem Fall etablierte Forschungsverfahren und digitale Lösungen zu finden. Entsprechend betonte er den “Mut zur Bodenständigkeit”, bei dem nichts Neues erfunden, sondern soviel wie möglich an externen Angeboten (z.B. Tools, Tutorials, Demos) nachgenutzt und kuratiert werden sollte. Aus seiner Sicht besteht die Kernaufgabe von Scholarly Makerspaces darin, bestehende DH-Angebote niedrigschwellig und zielgruppengerecht zu vermitteln und dabei digitale Quellenkritik anzuregen. Zudem wird der Aspekt der Vernetzung betont, bei dem Scholarly Makerspaces als Mediatoren fungieren können zwischen Tool-Entwicklern und Tool-Nutzern. Ein Ansatz wären  regelmäßig angebotene Kolloquien, die konkret auch gut in die Veranstaltungszusammenhänge der Berliner DH-Community eingebettet werden können.

In der anschließenden Diskussion wurden weitere Aspekte hervorgehoben. Beispielsweise sollten Scholarly Makerspaces bereits bestehende Serviceangebote der eigenen Hochschule in ihrem Webauftritt integrieren, so dass Infrastrukturlösungen (z.B. Cloud-Speicher, Umgebungen zum kollaborativen Arbeiten, Medienrepositorien, Mediatheken, Publikationsserver) und weitere digitale Werkzeuge (z.B. Literaturverwaltungsprogramme) bis hin zu physischen Werkzeugen (z.B. 3D-Drucker, Plotter) in einem größeren Zusammenhang sichtbar werden.

Ein weiterer angesprochener Aspekt ist die Orientierung an den Curricula mit Schnittmengen zu digitaler Forschung an der jeweiligen Hochschule. Da die Kompetenzvermittlung zur digitalen Forschung in den Geisteswissenschaften vornehmlich die Aufgabe der Fach-Communities und damit der einzelnen Fakultäten und Institute ist, sollten die Infrastrukturangebote darauf zugeschnitten werden. An der Humboldt-Universität könnten beispielsweise für Studierende der digitalen Geschichtswissenschaft entsprechende Annotations- und Analysewerkzeuge auf arbeitsfähigen Workstations bereitgestellt werden, die eine seminarbegleitende Methodenvermittlung ermöglichen.

Desweiteren wurde darauf hingewiesen, dass verschiedene Konzeptionen von sogenannten Labs (z.B. Library Lab, DH Lab, Data Lab) zwar der Idee von Scholarly Makerspaces ähneln, aber doch andere Schwerpunkte aufweisen und daher eher arbeitsteilig verstanden werden sollten. Während es zum Beispiel bei dem SBB Lab vorrangig um die Kuratierung des eigenen digitalen Bestandes geht, und bei dem Human-Centered Data Laboratory um die kritische Reflexion über die Mensch-Maschine-Interaktion, steht bei den Scholarly Makerspaces vor allem ein forschungsbegleitender und didaktischer Ansatz im Vordergrund.    

In diesem Zusammenhang wurde auch erwogen, ob für die angebotenen Schulungen in den Scholarly Makerspaces nicht auch ECTS-Punkte vergeben werden könnten, um einen höheren Anreiz für Studierende zu schaffen. Allerdings gab es hierbei unterschiedliche Meinungen. Da es nicht Aufgabe von Hochschulbibliotheken ist, über Studienordnungen und Kreditierungen zu entscheiden, können solche Erwägungen nur im Gespräch mit den entsprechenden Fakultäten und Instituten angeregt und allenfalls mittel- oder langfristig umgesetzt werden. Der Schwerpunkt der Scholarly Makerspaces sollte nicht die Übernahme einer Methodenausbildung sein, sondern ein Beratungs- und Motivationsangebot für die reflexive und im Ergebnis forschungsorientierte Beschäftigung mit digitalen Werkzeugen, Daten und Verfahren.

Einigkeit bestand jedoch darüber, dass sich die Umsetzung von Scholarly Makerspaces an Universitätsbibliotheken in einem Spannungfeld zwischen personellen Ressourcen und der Komplexität der Aufgaben befindet. Allgemein wurde die Betreuung eines Scholarly Makerspace mit ein bis zwei Vollzeitstellen als realistisch angesehen. Allerdings erfordern diese Stellen ein entsprechendes Kompetenzprofil und können nicht ohne weiteres aus dem bestehenden Bibliothekspersonal rekrutiert werden. Neben den bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Aspekten eröffnen möglicherweise auch Digital-Humanities-Studiengänge einen weiteren Qualifikationshintergrund.

In der Implementierungsphase sollten schon aus pragmatischen Gründen Arbeitsschwerpunkte klar definiert und priorisiert werden. Für das Umsetzungsmodell ist eine Differenzierung zwischen festen Aufgaben im Sinne der Grundidee und variablen Schwerpunkten in Abstimmung mit den jeweiligen lokalen Bedingungen und Anforderungen vorgesehen. Zu den festen Diensten zählt neben  der Kuratierung digitaler Angebote und der Bereitstellung eines Raumes mit anwendungsbereiten Workstations, der zugleich Schulungs-, Explorations-, Kommunikations- und Reflektionsraum sein soll, vor allem der Schwerpunkt Vernetzung und Kooperation mit weiteren Partnern. Somit muss im Idealfall gerade bei Beratungen keine vollumfassende Expertise vor Ort vorhanden sein. Wichtig ist, den Beratungsbedarf eindeutig zu bestimmen und die passenden Expertinnen und Experten vermitteln zu können.

In der Gesamtschau fühlen wir uns durch den Workshop grundlegend bestärkt. Die Idee der Scholarly Makerspaces wird allgemein als sehr vielversprechend angesehen. Detailfragen werden je nach individueller Interessen- und Forschungsperspektive unterschiedlich gewichtet, was für uns die Herausforderung einer Integration der vielschichtigen Perspektiven und Anforderungen mit sich bringt. Aber genau diese offene und flexible Ausrichtung entspricht schließlich der Idee von Scholarly Makerspaces.

12. März 2019 | Veröffentlicht von Michael Kleineberg
Veröffentlicht unter Allgemein

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