Archiv für September 2019

Scholarly Makerspaces als Reflexionsraum. Zu einer Fundstelle bei Joachim Metzner.

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

Die Scholarly Makerspaces, die im Rahmen des FuReSH-Projektes noch bis Ende des Jahres konzeptionalisiert werden, stehen zunächst erwartbar vor allem als bibliothekswissenschaftliche Idee im Raum, auch wenn bestimmte Varianten von Library Labs stellenweise in diese Richtung weisen. Besonders interessant wird es daher zum aktuellen frühen Zeitpunkt der konzeptionellen Verfestigung, wenn an anderer Stelle entsprechende Überlegungen sichtbar werden. Eine Fundstelle, die uns bislang leider entgangen war, lässt sich in der unter dem Titel “Bibliotheksentwicklung im Netzwerk von Menschen, Informationstechnologie und Nachhaltigkeit” erschienenen Festschrift für Achim Oßwald (herausgegeben von Simone Fühles-Ubach und Ursula Georgy, Bad Honnef: BOCK + HERCHEN, 2019, PDF-Volltext) finden.

In seinen Beitrag “Bildung in den Zeiten der Digitalisierung und der Auftrag der wissenschaftlichen Bibliotheken” (S. 73-86) erwähnt Joachim Metzner den Begriff der “Scholarly Makerspaces”. Er übernimmt ihn aus der Perspektive “Wissenschaftliche Bibliotheken 2025” der  Sektion 4 „Wissenschaftliche Universalbibliotheken“ im Deutschen Bibliotheksverband e.V. (dbv), die im Januar 2018 veröffentlicht wurde. (PDF-Volltext)

Joachim Metzner zieht eine Linie von dem im Perspektivpapier formulierten Szenario der Scholarly Makerspaces als

“physische  und virtuelle Arbeits- und Forschungsumgebungen in Bibliotheken, die digitale Ressourcen und Werkzeuge – auch von Anbietern  außerhalb des Campus – zusammenführen und zur Verfügung stellen.”

Deutscher Bibliotheksverband e.V. (dbv): Wissenschaftliche Bibliotheken 2025. Berlin: Januar, 2018. Zitat: S. 21

Es kommt also eine betont explorative und von der Idee der Makerspaces im öffentlichen Bibliothekswesen inspirierte Idee zum Ausdruck. Diese enthält eine nicht zwingend zielgebundene und zugleich sehr heterogene Auseinandersetzungsmöglichkeit mit digitalen Technologien, Strukturen und Werkzeugen. Für die Scholarly Makerspaces sind sie, die Benennung deutet es an, hauptsächlich im Zusammenhang der digitalen Geisteswissenschaften zu sehen. In ihnen sollen vor dem Horizont wissenschaftlicher Erkenntnissuche Neugier, Reflexion, durchaus auch Kritik angeregt werden und zu einem bewussteren und kompetenteren Umgang mit den Elementen der jeweils aktuellen digitalen Wissenschaft, Forschung und Lehre führen. Diese betonte Zieloffenheit und die Integration einer reflexiven Meta- und Diskursebene unterscheidet Scholarly Makerspaces von den in der 2000er Jahren stark popularisierten so genannten “virtuellen Forschungsumgebungen”.

Entsprechend bewegt sich das Konzept der Scholarly Makerspaces in etwa auf halbem Weg zwischen den Vorarbeiten aus der Entwicklung dieser virtuellen Forschungsumgebungen (oder auch VFU) und einer aktuellen Forderung des Hochschulforums Digitalisierung, die in einem Dossier “Zukunftsfähigkeit Studierender für die digitale Transformation stärken!” von Kerstin Mayrberger und Ingrid Schirmer formuliert und von Joachim Metzner zitiert wurde. Die Autorin sehen den Bedarf für

“Reflexionsräume zur Erprobung und Auseinandersetzung anzubieten, die sie auf ein Handeln mit Unbestimmtheiten in einer digitalen Kultur vorbereiten”.

Kerstin Mayrberger, Ingrid Schirmer: Die Zukunftsfähigkeit Studierender für die digitale Transformation stärken! In: Synergie. 5, S. 28-33. https://www.synergie.uni- hamburg.de/de/media/ausgabe05/synergie05-beitrag04-mayrberger-schirmer.pdf

Scholarly Makerspaces engen dies wiederum ein Stück weit ein, in dem sie sich, wenn man so will, auf das Handeln in den Unbestimmtheiten einer digitalen Wissenschaftskultur und vor allem Forschungs- und Kommunikationspraxis konzentrieren. Da sich aber die Datafizierung der Gesellschaft unvermeidlich dahingehend niederschlägt, dass sich Verfahren – leider aktuell oft noch im Gegensatz zu den Werkzeugen – der Datenanalytik beispielsweise, in Wirschaft, Journalismus und Geistes- und Kulturwissenschaften annähern, sind Scholarly Makerspaces ohne Zweifel geeignet, digitale Kompetenzen auch über den akademischen Bereich hinaus zu vermitteln.

Der wissenschaftliche Zuschnitt der Scholarly Makerspaces ergibt sich vor allem aus der Notwendigkeit, den Ansatz für in der Komplexität des Angebots möglichst konkret an einen festen Anwendungszusammenhang rückbinden zu müssen, also in diesem Fall an Forschung und Lehre im Einzugsgebiet einer Universitätsbibliothek. Dies erscheint auch aus den Erfahrungen und Auseinandersetzungen bei der Konzeptentwicklung während des FuReSH-Projektes sehr sinnvoll. Parallel sind jedoch im Grundlayout Scholarly Makerspaces Schnittstellen zu digitalen Wissenskulturen und eventuellen Labs auch außerhalb der Wissenschaft unbedingt vorzusehen. Über diese wird ein Austausch mit der Bandbreite der Akteure im Bereich der digital geprägten Erkenntnis- und Wissensproduktion möglich, ohne die Kapazitäten und auch das Leitbild einer Universitätsbibliothek sofort zu sprengen. Ebenfalls im Grundlayout wird eine iterative Weiterentwickelbarkeit angelegt, die es ermöglicht den Zuschnitt des Angebots der Scholarly Makerspaces leicht an kommende, auch dezidiert Domänen übergreifende Entwicklungen anzupassen.

Daher bewegen sich die Überlegungen des FuReSH-Konzeptes der Scholarly Makerspaces durchaus auf der Linie, die Joachim Metz in seinem Beitrag für den Ansatz umreißt:

“Das Konzept könnte sich so weiterentwickeln lassen, dass solche Workspaces reale oder virtuelle Räume für Bildung im digitalen Zeitalter werden – zumal sie immer häufiger in wissenschaftlichen Bibliotheken angesiedelt  oder von dort aus betrieben werden. Bezöge sich  das Ausprobieren und Umfunktionieren, das dort ermöglicht wird und gewollt ist, auch auf Software, stünden die geforderten Werkzeuge mit offenen Programmierschnittstellen zur Verfügung, dann wäre die wissenschaftliche Bibliothek genau der richtige Ort, um zumindest jene „potenzielle[n] Reflexionsräume zur Erprobung und Auseinandersetzung anzubieten, die sie [die Studierenden] auf ein Handeln mit Unbestimmtheiten in einer digitalen Kultur vorbereiten.“

Joachim Metzner: Bildung in den Zeiten der Digitalisierung und der Auftrag der wissenschaftlichen Bibliotheken. In: Simone Fühles-Ubach, Ursula Georgy (Hrsg.): Bibliotheksentwicklung im Netzwerk von Menschen, Informationstechnologie und Nachhaltigkeit : Festschrift für Achim Oßwald. Bad Honnef: Bock + Herchen, 2019. S. 73-86 Zitat: S. 79

Und zwar eben in der oben beschriebenen Weise. Gleich im nächsten Satz benennt er aber auch ein Herausforderung, die wir bei FuReSH zunächst weitgehend exkludieren konnten, die sich aber bei einer möglichen Realisierung des Ansatzes als entscheidend erweisen wird:

“Es ist nicht leicht, sich ausgerechnet die wissenschaftliche Bibliothek als den Ort vorzustellen,  an dem die Auseinandersetzung  mit dem Unbestimmten stattfindet,  wird sie doch auch heute noch überwiegend als Hort der Ordnung verstanden.”

ebd.

Experimentelle und das Experimentieren unterstützende Angebote wie Scholarly Makerspaces benötigen einen Kulturwandel nicht mehr in allen, aber doch in vielen Bibliotheken und besonders auch bei deren Trägern. Sie werden nur eingeschränkt vorhersagbare und konkretisierbare Ergebnisse produzieren, können aber genau deshalb aus ihrem Freiraum her zu emergenten Resultaten führen, die man so gar nicht erwartet hat oder erwarten konnte. Scholarly Makerspaces entsprechen in dieser Hinsicht einer, wie wir heute wissen, Grundeigenschaft digitaler Kultur. Damit sie erfolgreich sein können, braucht es keine exakten Zielvorgaben sondern Vertrauen, wenn man so will, Commitment sowie einen stabilen Rahmen für Ausstattung, Betreuung und Moderation, der sich auch in Dauerstellen niederschlagen muss. Dies kann für die Personalentwicklung in den Bibliotheken also auch bedeuten, dass Anteile aus der traditionellen Arbeit aus dem “Hort des Ordnens” auf das offene Feld des freien Spiels übertragen werden.

(Berlin, 25.09.2019)

Save the date (12.11.19): FuReSH-Workshop „Scholarly Makerspaces – Bibliotheken als Kooperationspartner der Digital Humanities“

Im Februar 2019 fand der erste von zwei geplanten Workshops des FuReSH-Projektes statt. Er widmete sich unter der Überschrift „Scholarly Makerspaces – Bibliotheken als Vermittlungsplattform für Digital-Humanities-Tools“ konzeptionellen Fragen der Gestaltung von Scholarly Makerspaces.

In einem zweiten Workshop möchten wir einen zentralen Aspekt des Ansatzes vertiefen und dafür die Perspektive wechseln. Während im ersten Workshop vor allem die Anforderungen aus Sicht der Bibliotheksnutzer*innen im Mittelpunkt standen, soll nun der Blickwinkel der DH-Community betont werden. Scholarly Makerspaces werden dabei als dezidierter Interaktionsort bzw. als Schnittstelle zwischen den Digital Humanities einerseits und den lokalen geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungs- und Lehrcommunities andererseits verstanden.

Uns interessiert in diesem Zusammenhang in welchen Rollen, mit welcher Reichweite und in welcher Konkretisierung Scholarly Makerspaces und damit auch Universitätsbibliotheken als Kooperationspartner der Digital Humanities und weiterer digitaler Forschungsfelder im Sinne einer Schnittstelle zu lokalen Zielgruppen aktiv werden können.

Wir orientieren uns dabei an den von Patrick Sahle herausgearbeiteten vier Bereichen der Digital Humanities und betrachten entsprechend folgende Schwerpunkte:

  1. Digitale Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft
  2. DH als Forschungsfeld mit eigenen Theorien, Methoden und Fragestellungen
  3. DH im Sinne von “Digital X” also der digitalen Transformation traditioneller Fach- und Forschungskulturen
  4. DH als technische Perspektive im Sinne der Bereitstellung und Vermittlung von Werkzeugen und Ressourcen inklusive der dazu gehörigen Nutzungs- und Bewertungskompetenzen.

Wir sehen für alle vier Bereiche klare Bezugspunkte zur Konzeption der Scholarly Makerspaces:

  1. Mit Initiativen wie “Coding DaVinci” oder “Zugang Gestalten” entstehen Methoden der digitalen Auseinandersetzung mit Kulturdaten auch in außerakademischen Wissenskulturen und eröffnen betont offene und inklusive Zugänge für die vielfältige Adressierung von digitalen bzw. digitalisierten Objekten. Scholarly Makerspaces greifen diesen stark explorativen Aspekt auf und unterstützen eine multiperspektivische und offene Nutzung des Dienstes.
  2. Die Digital Humanities als eigenes Forschungsfeld haben mittlerweile besonders dank der entsprechenden Studiengänge einen hohen Konsolidierungsgrad erreicht, was sich auch in entsprechenden Curricula und Forschungsprojekten zeigt. Scholarly Makerspaces können auf lokaler Ebene einen stabilen Anlauf- und Vernetzungspunkt auch für die Verbindung der Akteure in der Hochschule und denen der Fachcommunity schaffen.
  3. Parallel befinden sich nahezu alle geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsbereiche im Prozess der Transformation durch den Einfluss digitaler Verfahren, Werkzeugen, Kommunikationsformen bis hin zur Integration als Forschungsgegenstand. Dies bedeutet jedoch gerade nicht, dass sie zwangsläufig den Digital Humanities ähnlich werden. Die Scholarly Makerspaces können der Ort für die Auseinandersetzung mit diesem Spannungsverhältnis werden.
  4. Die Vermittlung von Werkzeugen und der Zugang zu Forschungsmaterialien, die sich für eine digitale Beforschung optimal eignen, bilden den Ausgangspunkt des Konzeptes der Scholarly Makerspaces. Die damit verbundenen praktischen Fragen sind regelmäßig neu zu verhandeln, da es sich naturgemäß um dynamische Entwicklungen handelt. An dieser Stelle wollen wir besonders Aspekte der Erwartungen an Vermittlungs- und Zugangsformen betrachten.

Vor dem Hintergrund einer möglichen Implementierung möchten wir frühzeitig die jeweiligen Anforderungen auf allen vier Ebenen in der Planung berücksichtigen. Das Ergebnis des Workshops soll daher eine Art Anforderungskatalog sein. In diesem werden die für die Gestaltung der Scholarly Makerspaces als Schnittstelle im oben benannten Sinn relevanten Elemente nach Akteuren, Zielstellungen und Ansprüchen differenziert abgebildet.

Zielgruppen: Vertreter*innen der DH-Community sowie der Informationsinfrastruktur

Wann: 12. November 2019 von 13-17 Uhr

Wo: Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum (HU Berlin)

Weitere Informationen folgen demnächst.

Bei Interesse können Sie sich gern zum Workshop per Email anmelden:

Ben Kaden (ben.kaden@ub.hu-berlin.de)

Michael Kleineberg (michael.kleineberg@ub.hu-berlin.de)

24. September 2019 | Veröffentlicht von Michael Kleineberg | Kein Kommentar »
Veröffentlicht unter Allgemein