Vorstellungen von Natur und Klima in religiösen, spirituellen und sozialen Bewegungen

LGBTQI+

Verhalten sich LGBTQI+ Menschen ökologisch anders?

Queere Ökologie und Vorstellungen von Natur und Klima im zeitgenössischen Kontext in Berlin

Yulia Yurchenko und Veronika Peil[1]


Abbildung 1: Queer Berlin, Facebook Gruppe

Berlin is a very heterogeneous and diverse city nowadays. The problem of climate changes and nature within the city lies in the hands of all its residents. Therefore, it is necessary to understand what each of the representatives of different social groups thinks. In this context, we conducted cultural-anthropological field research among young people who identify themselves as LGBTQI+.

Berlin ist heutzutage eine sehr heterogene und diverse Stadt. Das Problem des Klima- und Naturschutzes liegt in der Hand aller seiner Bewohner*innen. Daher ist es notwendig zu verstehen, was jeder der Vertreter*innen verschiedener sozialer Gruppen denkt. In diesem Zusammenhang haben wir eine kulturanthropologische Feldforschung unter jungen Menschen durchgeführt, die sich als LGBTQI+ bezeichnen.

Unsere Forschung bespricht den Begriff LGBTQI+ und auch Queer, deswegen ist es auch wichtig zu betrachten, welcher Zusammenhang zwischen den beiden Wörtern besteht. LGBTQI+ ist eine Abkürzung für „lesbisch, schwul (engl. gay), bisexuell, transgeschlechtlich, intergeschlechtlich und queer“, während Queer ursprünglich ein englisches Schimpfwort für lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen ist. Der Begriff wurde in politischen Emanzipationsbewegungen in den USA positiv angeeignet und kritisiert das Schubladendenken männlich/weiblich, homo/hetero (vgl. ABqueer Verein 11.02.2022).

Abbildung 2: Mind Map

Die Wahl dieser sozialen Gruppe erklärt sich aus der Tatsache, dass Berlin für uns Autor*innen eine der hellsten und buntesten Städte Europas ist, die eine große Anzahl kreativer und ungewöhnlicher Menschen versammelt, die aktiv ihre Meinungen und Ansichten über das Leben austauschen.

Uns als Autor*innen stört die Tatsache, dass alles in zwei Kategorien eingeteilt wird und diese menschengemachte Dichotomie überall präsent ist und als logisch erachtet wird. Die Welt wird dadurch in „männliche“ und „weibliche“ Personen und Dinge, schwarz und weiß, Natur und Kultur eingeteilt. Diese Dualismen ermöglichen eine besondere Denkweise, in der das Leben auf „natürlich“ und „unnatürlich“ eingegrenzt wird. Im Gegensatz dazu postuliert eine Queere Ökologie, dass die Welt nicht so begrenzt beurteilt werden kann, weil alles miteinander verbunden ist. Alles ist „natürlich“ und von daher sind auch die Menschen Wesen, die mit anderen Lebewesen zusammenleben und zusammenhängend angesehen sein sollen (vgl. Sandilands 2010: 1-48), Daly 2001: 470 S., Morton 2010: 273-282).

“Living here, I notice that nature is much queerer than we think. Birds do nor come paired, male and female, like in bird books. They come alone, in Hocks, in threes, in sevens. They pair off: females; males; male and female. Barnacles arc hermaphrodites. The slug, with amazing grace, is born male, has sex with other males, then changes to a female, pregnant with the seed of its male partner.

I come from a culture that says there is an ineluctable heterosexual fact at the core of nature. It isn’t so. No more than all the other, related myths. That nature is innocent, violent, illogical, endangered, female. That man pits himself against it, deciphers it, fashions it to his needs. That nature needs to be preserved.”

(Caffyn Kelly 2013:43)

Queere Ökologie spielt eine große Rolle für die Gesellschaft, in der die anthropozentrische Vorstellung sehr viel Macht hat (vgl. Ahrens 2020). In unserer kulturanthropologischen Feldforschung versuchen wir zu verstehen, ob die Gruppe von queeren Menschen auch solch eine anthropozentrische Ansicht teilt und sich womöglich besonders für Natur und Menschen sowie der Beziehungen zwischen beiden interessiert.

Unser Weg begann mit der Suche nach einem „Zugang“ ins Feld. Dies stellte sich im Vergleich zu den Inputs in anderen Bereichen, die von den Blogautor*innen bereits vorher während des Studiums erforscht wurden, als nicht so verschlossen heraus. Es war überhaupt nicht schwierig, Befragte zu finden, da es im Internet eine große Anzahl von LGBTQI+-Communities gibt, deren Mitglieder sehr offen und kommunikationsbereit sind. Wir haben eine kleine Nachricht mit einem solchen Vorschlag in der Gruppe „Queer Berlin“ auf Facebook gepostet, woraufhin wir gleich mehrere Rückmeldungen erhalten haben. Dies liegt vermutlich sowohl am Thema der Studie – relevant und interessant – als auch an der Dauer und dem Format des Interviews – 20 Minuten ungezwungenes Gespräch. In einem unserer Emotionstagebücher schreiben wir zum Beispiel:

„Ich war überrascht von der großen Menschenmenge und der angenehmen Atmosphäre in der Gruppe“. (Fragment aus einem Emotionstagebuch, 07.12.2021)

Es sollte beachtet werden, dass wir während der Forschung ein Emotionstagebuch geführt haben, in dem wir unsere Sorgen mit dem Eintauchen in das Feld und der Suche nach Gesprächspartner*innen geteilt haben. Wir verwenden bewusst das Wort Sorge, denn tatsächlich waren praktisch alle Emotionen, die wir vor dem ersten Interview beschrieben haben, genau die Emotionen der Sorgen. Das Emotionstagebuch ist ein methodischer Zugang zu Erfahrungen im Prozess der Feldforschung und das hat uns als Forscher*innen sehr geholfen, während der Analyse zu reflektieren, welche Emotionen wir zu unterschiedlichen Zeiten hatten (vgl. Lubrich / Stodulka 2019).

Die queere Gruppe stellte sich als sehr offen und gesprächsbereit heraus, wir haben keine einzige Absage eines Interviews erhalten, und auch kein einziges Interview ist ausgefallen. Obwohl solche Beispiele oft andere Forschungsgruppen begleiten, werden wir diese Idee nicht weiter ausführen, da dies nicht der Zweck unserer Forschung ist.

Bei der Vorbereitung auf die Interviews haben wir uns eine Reihe von Themen skizziert, die uns interessieren könnten. Wir haben einige der wichtigsten Fragen benannt, die jedem/r Gesprächspartner*innen gestellt wurden, aber gleichzeitig haben wir unseren Gesprächspartner*innen im Rahmen unserer kulturanthropologischen Forschung maximale Freiheit gelassen, über sich selbst und ihre Praktiken zu sprechen. Wir selbst als Interviewer*innen erlaubten uns, unsere Meinung mit unseren Gesprächspartner*innen zu teilen, da wir teilweise einen großen Bedarf an Unterstützung durch unsere Gesprächspartner*innen bemerkt haben.

Eine wichtige Rolle spielt nicht nur das Bewusstsein für die Probleme des Klimawandels und der Ökologie, sondern auch die allgemeine Einstellung zur Natur, der Grad der Verbundenheit mit ihr. Daher wurden den Befragten nicht nur Fragen zu Umweltthemen gestellt, sondern auch zu ihrer Beziehung zur Natur, Outdoor-Aktivitäten und möglichen Hobbys. Es war auch sehr wichtig zu hören, welche Möglichkeiten junge Menschen zur Lösung des Klimaproblems bieten können, sowie alltägliche Praktiken und ihren Beitrag zur Lösung dieses Problems festzuhalten. Als Einwohnerinnen und Einwohner Berlins tragen sie alle zum Leben der Stadt, ihrem Funktionieren und Wandel bei. Interessant ist auch ihre Sicht auf die Stadt in Bezug auf Stadtplanung, Komfort und Umweltfreundlichkeit.

Das Gespräch selbst wurde auf einem Diktiergerät aufgezeichnet, damit es später transkribiert und analysiert werden konnte. Offene Fragen wurden aus einem vorbereiteten leitfadengeführten Interview gestellt, um die Konsistenz zwischen den Interviews zu bewahren. Das Hauptziel bestand darin, den Befragten zu ermöglichen, ihre Meinung vollständig zu äußern. Insgesamt wurden über einen Zeitraum von etwa zwei Wochen drei Interviews geführt, auf deren Grundlage es möglich ist, erste Einblicke über die Wahrnehmung von LGBTQI+-Mitgliedern der Natur, das Problem der Lösung der Krise und ihre täglichen Umweltschutzpraktiken zu treffen. Am 30.11.2021 haben wir in unserer Gruppe diskutiert, wo und wie wir unsere Gesprächspartner*innen suchen wollen und haben es im Emotionstagebuch beschrieben:

„Ich werde anfangen, nach Interviewpartnern für unsere Interviews zu suchen. In anderen Forschungen war das einer der schwierigsten Momente, weil viele Gruppen einfach nicht kommunizieren wollen. Ich hoffe, dass unsere Suche erfolgreich sein wird.“. (Fragment aus einem Emotionstagebuch, Berlin, 30.11.2021)

Schon am 14.12.2021 haben wir das erste Interview geführt und haben sofort ein gutes Gefühl. Im Tagebuch schreiben wir:

„Welches Gefühl beschreibt mich heute am besten? Freude und Zuversicht“. (Fragment aus einem Emotionstagebuch, Berlin, 14.12.2021)

Insgesamt haben wir drei recht erfolgreiche Interviews geführt, bei denen wir viel Unerwartetes und Interessantes gehört haben. Wir tauchten durch eine kulturanthropologische Feldforschung in die Lebenswelt der untersuchten Gruppe ein und werden weiter versuchen, den Leser*innen mit unseren Gesprächspartner*innen und ihren Ansichten vertraut zu machen.


Einführung in die Fälle: Drei Interviews

Die Informanten*innen für unsere Forschung waren 3 Berlinerinnen und Berliner mit völlig unterschiedlichen Hintergründen: Eine Person hat ihr ganzes Leben in Deutschland gelebt, jemand kam aus einem EU-Land und die dritte interviewte Person aus Russland. Natürlich sind alle Lebensbereiche für die Befragten unterschiedlich. Vereint sind sie in ihrem Wohnort – Berlin – sowie die Zugehörigkeit zur LGBTQI+-Gruppe.

Interview 1: Frau, Mitte 20er Jahre, kommt aus Nürnberg und wohnt seit 2020 in Berlin.

Interview 2: Mann, Mitte 20er Jahre, kommt aus Portugal und wohnt schon für mehr als drei Jahren in Berlin.

Interview 3: Frau, Mitte 30, hat seit langer Zeit in Berlin gewohnt, jetzt wohnt sie in Essen, arbeitet in einem Beratungsunternehmen, das sich mit Polymeren beschäftigt.

Das erste Gespräch fand bei einem persönlichen Treffen in der Wohnung der Gesprächspartnerin statt. Das zweite und dritte Interview wurden jeweils auf Zoom durchgeführt. Natürlich könnte die kulturanthropologische Feldforschung bei einem persönlichen Treffen mit den jeweiligen Gesprächspartner*innen zu einem Interview bei ihr oder ihm zu Hause vollständiger sein, was Raum für Beobachtungen lässt. Aufgrund der steigenden Zahl von Covid-19-Fällen wurde jedoch entschieden, weitere Interviews online durchzuführen; nämlich das zweite und dritte, Interview.


Natur und Klima als Hauptprobleme für unsere Gesellschaft

Wir beschlossen, unser Gespräch mit den Gesprächspartner*innen mit einer allgemeinen Frage zu den schwerwiegendsten Herausforderungen der Menschheit zu beginnen. Das Gespräch über die Probleme, mit denen die moderne Gesellschaft konfrontiert ist, hat eine Reihe von Fragen aufgeworfen, darunter natürlich die Pandemie und die soziale Ungleichheit. Die Hauptsorge, so die Gesprächspartner*innen, sei die mangelnde Bereitschaft der Gesellschaft, wirklich etwas für die Umwelt zu tun und die gewohnte Lebensweise zu ändern:

„Alle Menschen haben ein Bewusstsein darüber, dass wir alle mehr für den Klimaschutz tun sollten. Aber niemand will bei sich selbst anfangen“. (Interview 1)

Das öffentliche Bewusstsein, dass Klimaprobleme unvermeidlich sind, lässt seine Mitglieder immer mehr darüber nachdenken, was zu tun ist:

„I think lately people have been a little bit or getting a little bit more familiar with topics such as climate change, for example, and understanding the actual, you know, the actual danger there is there as opposed to think about it in a very abstract way <…> And now it’s I think people are getting a little bit more familiar with it and it becomes more real because of it.“ (Interview 2)

Gleichzeitig stellen die Gesprächspartner*innen fest, dass sie selbst versuchen, Verantwortung zu übernehmen und vorsichtig mit dem „ökologischen Fußabdruck“ umzugehen, den sie persönlich hinterlassen. Wie viele Menschen betrachtet die Gesprächspartnerin aus dem Interview 3 das Problem des Klimawandels und der Umweltverschmutzung als eines der Hauptprobleme unserer Gesellschaft. Dieses Problem hat ihrer Meinung nach zwei charakteristische Merkmale, die seine Lösung verlangsamen können. Der erste ist das mangelnde Bewusstsein der Menschen dafür, was wirklich nachhaltig ist, was wirklich Umweltschäden reduziert und was nicht:

„It seems to me that all this is somehow not enough, that society lacks knowledge on how to properly help the environment. <…> What is really green energy, what is the reduction of CO2 emissions, and so on.” (Interview 3)

So plädieren beispielsweise viele für einen kompletten Verzicht auf Plastik, berücksichtigen dabei aber nicht, dass Produkte ohne Plastikverpackung im Handel sehr schnell verderben, was ebenfalls falsch ist. Als zweiten Aspekt hebt sie die rasante Entwicklung der Konsumgesellschaft hervor. Sie betont auch, dass dieser Mangel an Wissen zu vielen Gerüchten und zu einer populistischen Politik in Bezug auf diese Probleme führt. Unter diesen Bedingungen sind alle gleich, sowohl Tiere als auch Menschen, da alles in der Natur miteinander verbunden ist: “ Everyone who lives on this planet, we are all connected in one way or another, you won’t get anywhere“.

Während des Gesprächs brachten queere Menschen eine Vielzahl von Themen zur Sprache, die für die Menschen heute wichtig sind. Sie sind zuversichtlich, dass sie zur Lösung dieser Probleme beitragen können. Im nächsten Teil unseres Blogbeitrages werden wir versuchen, darüber zu sprechen, was unsere Gesprächspartner*innen für die Umwelt tun, was die Gründe dafür sind und wie sie selbst zu ihren Praktiken stehen.


Der eigene Fußabdruck: Ernährung, Einkaufen und Sortieren

Machen queere Menschen etwas anders? Diese Frage stellen wir uns ganz am Anfang unserer Forschung. Und natürlich ist es eine gute Gelegenheit, eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, der Vergleich der Gewohnheiten der Menschen in diesem Feld und der Gewohnheiten im Allgemeinen zu machen. Die Methodik unserer Forschung war ein semistrukturiertes Interview auf Basis eines vorgefertigten Fragebogens, das durch die Beobachtung der Gesprächspartner*innen sowie das Führen eines Emotionstagebuchs ergänzt wurde.

Die Gesprächspartner*innen listen während des Interviews eine Reihe von Alltagspraktiken auf, die sie anwenden, um dazu beizutragen, die Schäden, die Menschen der Umwelt zufügen, zu ändern. Es ist merkwürdig, dass sie sich vegetarisch oder vegan ernähren und dabei feststellen, dass sie dies genau zum Schutz der Umwelt tun. Darüber hinaus sind sie mit dem Sortieren von Müll beschäftigt und versuchen, ihre Einkäufe bewusst zu machen.

„Ich versuche schon meinen Teil zu leisten. <…> Na ja, ich meine, ich esse kein Fleisch, esse keine tierischen Produkte, dadurch verhalte ich mich auch in meiner Ernährung umweltbewusster als andere. <…> Und ja, ich glaube, mein individueller persönlicher Fußabdruck ist relativ okay noch so“. (Interview 1)

„I have been a vegetarian ever since I was like a teenager. <…> , I’ve also tried to be a vegan for a period of time successfully. But then but then I realized that it was a bit too restrictive for myself in terms of eating habits. <…> . I also recycle <…> And I guess one thing which is a little bit more recent has to do with being conscious about flying”. (Interview 2)

Die Gesprächspartner*innen stellen fest, dass sie keine scharfen Umweltschützer*innen sind und sich nicht in allem einschränken wollen. Was jedoch die Praktiken betrifft, die von ihnen abhängen und ihr Leben nicht beeinträchtigen, fahren sie mit sich selbst zufrieden damit fort, sie zu praktizieren.

Umweltprobleme werfen eine Reihe von Fragen auf, von denen einige durch menschliches Verschulden, andere durch natürliche Veränderungen entstanden sind. Als eines der Probleme, die durch das Verschulden der Menschen aufgetreten sind, betrachten die Gesprächspartner*innen das Problem des Plastikkonsums. Gleichzeitig nähern sie sich diesem Problem aufgrund unterschiedlicher Hintergründe aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Der Gesprächspartner aus dem zweiten Interview sagt dazu:

“One of the main ones maybe would be the kind of like microplastics in the oceans, for example, and how that will endanger a lot of species and how that will actually affect our own lives <…>”. (Interview 2)

Seine Meinung über die Gefahren von Plastik und zusätzliche Praktiken zur Vermeidung der Verwendung von Plastik werden von der Gesprächspartnerin aus dem ersten Interview beschrieben:

„Aber ansonsten ich versuche wenig Kosmetik mit Mikroplastik zu kaufen. Ich versuche allgemein plastikfrei so ein bisschen. Also ich versuche nicht unnötig viel Plastik Zeug zu kaufen. <…> Aber ich habe auch kein schlechtes Gewissen, wenn ich mal irgendwie Einweg Produkte verwende oder so und das dann mal mit Plastikgeschirr in den Park gehe, wenn ich ein Picknick habe oder so. Also da sehe ich. Sehe ich nicht so das Problem.“ (Interview 1)

Da die Gesprächspartnerin aus dem dritten Interview in der Kunststoffindustrie arbeitet, hat sie eine interessante Sicht auf das Thema Plastik und die Notwendigkeit, Plastikverpackungen radikal abzuschaffen. Sie betont die Doppeldeutigkeit solcher Denkweisen, wenn Menschen zum Beispiel auf Lebensmittelverpackungen aus Plastik verzichten wollen, aber andere völlig unnötige Dinge aus Plastik machen wollen. So erzählt sie ein Beispiel aus dem Leben, das sich unmittelbar nach dem Umzug nach Essen ereignete. Diese Stadt ist eine der grünsten in Europa oder in Deutschland, und nach der Registrierung bekam sie ein Paket mit Souvenirs und Informationen über die „grüne Stadt“. Was drin war, traf sie aus negativer Sicht:

There was also a disk with some information about the city. A pen, a notepad, some other garbage, and the thing that struck me the most was a keychain, such a piece of plastic in the form of a house. It shocked me so much, because you have a green city, and you give me a full bag of plastic”. (Interview 3)

Diese irrationale Verwendung von Plastik hängt auch mit dem Problem des mangelnden Umweltbewusstseins der Gesellschaft zusammen.

Für die queere Ökologie ist der Mensch untrennbar mit der Natur und den Naturereignissen verbunden. Es wird postuliert, dass „natürlich“ und „unnatürlich“ nicht entgegengesetzt werden können (vgl. Sandilands 2010:1-48). Da die Menschen in dieser Theorie sowohl untereinander als auch mit der Natur sehr eng verbunden sind, gehen wir zum nächsten Teil des Blogbeitrages über, wo wir uns mit dem Thema der gesellschaftlichen Beziehungen untereinander und mit der Natur befassen.


Menschenbezogenes Bild, Ungleichheit und Informationsmangel: Gesellschaftliches Verhältnis zum Klimaschutzproblem

Wie sollte sich die Gesellschaft nach Meinung der Gesprächspartner*innen verhalten? Welche Lösungen können verwendet werden, um die Bewegung in Richtung einer Verbesserung der Umweltsituation zu ändern?

Als einen weiteren Aspekt der Plastikthematik und Umweltschutz stellt die dritte Interviewpartnerin die soziale Schichtung fest, die den Übergang zu einer Gesellschaft mit weniger Plastik erschwert. Produkte ohne Plastikverpackung oder mit umweltfreundlichen Inhaltsstoffen seien ihrer Meinung nach deutlich teurer, und viele Menschen könnten sich diese nicht leisten.

In general it is a difficult problem that not all people can afford to be ecological. Naturally people who count every euro in their shopping cart, naturally they will buy the cheapest, the cheapest are plastic ones, because plastic is still very cheap compared to any wood”. (Interview 3)

Solche unterschiedlichen Meinungen können gleichzeitig im öffentlichen Diskurs existieren. Und daran ist die Menschheit durchaus gewöhnt. Eine allgemeine Beachtung von Informationen und nicht nur eine oberflächliche Bekanntschaft mit den Schlagzeilen auf Nachrichtenseiten kann der Menschheit helfen, Umweltprobleme weiter voranzutreiben.

Die Gesprächspartner*innen selbst haben wiederholt erklärt, sie seien keine Umweltaktivist*innen, sondern bereit, umweltneutral zu leben, sofern ihre Grenzen nicht verletzt werden. Obwohl die Gesprächspartnerin aus dem ersten Interview viele Praktiken auflistet, die sie der Umwelt zuliebe tut, einschließlich einer veganen Ernährung, tut sie dies nicht nur der Umwelt zuliebe. Sie erklärt ihr Weltbild wie folgt:

„Ich sehe es aber schon so, dass der Mensch wichtiger ist. Für mich ist auch Klimaschutz kein Zweck an sich, sondern Klimaschutz ist sinnvoll, weil Menschen in Gefahr sind und nicht, weil Tiere in Gefahr sind. Mir persönlich ist es egal, wenn eine Tierart ausstirbt. <…> Das Problem ist, dass der ökologische Kreislauf dadurch gestört wird und wieder der Mensch darunter leidet. Ich habe ein… mein Weltbild… ist einen Menschen geführtes Bild“.

Gleichzeitig sieht der Gesprächspartner aus dem zweiten Interview einen der Möglichkeiten, das Umweltproblem in der Gesellschaft zu lösen, in einem größeren öffentlichen Bewusstsein. Er sagt dazu: „You know, knowledge is key”. Und auch: “the more freedom of speech that is given about topics like this, the better”. (Interview 2). Und wenn Informationen der Schlüssel zur Lösung der Umweltprobleme sind, wer sollte dann nach Meinung der Gesprächspartner diese Informationen verbreiten und wer sollte sie erhalten? Die Gesprächspartner*innen glauben, dass der Schwerpunkt auf der jüngeren Generation liegen sollte. Die jüngere Generation ist offen und bereit, ihre Gewohnheiten zu ändern.

„Die junge Generation ist wichtig für den Umweltschutz, weil Menschen, die über 40-50 sind… Denen jetzt klar zu machen, ihr Konsumverhalten nachhaltig zu verändern, ist glaube ich deutlich schwieriger, als ein Bewusstsein dafür bei jungen Menschen zu schaffen“. (Interview 1)

Der Gesprächspartner aus dem zweiten Interview stellt fest, dass Greta Thunberg die Meinungsführerin in der Umweltbewegung ist:

“I mean, obviously, obviously, Greta Thunberg has a huge visibility also because of her age and how she articulates herself and whatnot. So she has a huge visibility, and I think it’s very important to have someone like that who’s very young but very conscious at the same time and also having a certain speech that caters to people that are younger and that can still make a difference”. (Interview 2)

Wir sehen, dass die Gesprächspartner*innen die jüngere Generation als die Hoffnung für die Zukunft betrachten. Wenn wir uns die Gründe anschauen, sehen wir, dass es vor allem um die Offenheit für sich ändernde Gewohnheiten und Weltanschauungen geht, sowie um die Bereitschaft, das Gewohnte irgendwo zugunsten einer allgemeinen Verbesserung der Klimasituation aufzugeben.

Es sei darauf hingewiesen, dass die Gesprächspartner*innen die aktuelle Umweltsituation als Krise und nicht nur als Problem bezeichnen. Dies gilt es zu beachten und zu erfassen, wie wichtig Klimathemen für Vertreterinnen und Vertreter der queeren Gruppe sind. Diese Beobachtung kann sicherlich nicht die Einzigartigkeit der Erfahrung der untersuchten Gruppe postulieren. Es kann jedoch eine bestimmte Denk- und Handlungsrichtung seiner Mitglieder zeigen. Im nächsten Teil sprechen wir weiter über die Einstellungen unserer Gesprächspartner*innen aus der Sicht des Ortes, in dem sie leben und mit dem sie in Kontakt kommen, nämlich der Hauptstadt Deutschlands, Berlin.


Ist Berlin eine grüne Stadt?

Im Zusammenhang mit dem Leben in der Stadt verstehen sich alle Gesprächspartner*innen als „urbane“ Menschen, die sich ein Leben außerhalb der Hektik der Stadt nicht vorstellen können.

„Ich bin ein Stadtmensch und ich will niemals auf dem Dorf leben, ich will niemals irgendwo leben, wo ich aus dem Haus gehe und hinter mir ist Wald oder so“. (Interview 1)

Während des Interviews stellen sie jedoch fest, dass sie auch oft Zeit in der Natur verbringen, was ihnen hilft, sich zu beruhigen, neu zu starten und sich vom Lärm der Stadt fernzuhalten. Wenn es darum geht, ob Berlin eine grüne Stadt ist, stimmen die Gesprächspartner*innen der Aussage eher zu und äußern ihre Meinung dazu, was eine „grüne Stadt“ ist.

“In comparison to what? So I mean, I think yes. If you take it from the point of view of like a European capital, I think it’s quite green. <…> But then there is… other cities that are also in European capitals that I think from my perspective, are doing a better improvement there. Like, for example, Copenhagen, where everyone just rides their bike <…>”. (Interview 2)

Und auch:

“Berlin ist dafür, dass es eine große Stadt ist, auf jeden Fall sehr grün. Gerade so hier die Ecke Volkspark Wilmersdorf, Preußenpark. Das ist nicht besonders naturbelassen, sondern relativ plan, man hat vor allem eine große Wiese, aber auch da hat man irgendwie einen Entspannungs- und Rückzugsort aus dem städtischen Leben so gut wie es eben geht in so einer Großstadt“. (Interview 1)

Abbildung 3. Volkspark Wilmersdorf

Die dritte Interviewpartnerin ist ziemlich skeptisch gegenüber dem Konzept einer grünen Stadt, weil sie nicht wirklich versteht, was die Leute dort investieren. Oft bedeutet dies das Vorhandensein einer großen Anzahl von Parks und Wäldern in der Stadt und nicht einige Maßnahmen zur Verbesserung der Umwelt. So gesehen ist Berlin eine grüne Stadt, aber:

If you dig deeper and look again at all this garbage, plastic consumption, all these CO2 and other exhaust gases, then it’s like no. Everything that lies on the floor, that is, on the pavement, sooner or later, if not picked up, then definitely water into the sewer and forward into the oceans”. (Interview 3)

Nur Bäume und Grün reichen ihrer Meinung nach nicht aus, um die Stadt „grün“ zu machen. Eine grüne Stadt ist Natur, Grünflächen und eine Möglichkeit für eine Person, sich vom Trubel der Stadt zu erholen, glauben die Gesprächspartner*innen. Eine grüne Stadt ist jedoch ein sehr relativer Begriff. Berlin als große Entwicklungsstadt und Hauptstadt ist eine grüne Stadt, die jedoch noch viel zu erreichen hat (vgl. Breuste 2019:373, Grüne Hauptstadt Europas 2012).


Lösung des Klimaproblems

Zum Fazit unserer kulturanthropologischen Feldforschung möchten wir anmerken, dass queere Ökologie und die Sichtweisen von Vertreterinnen und Vertretern einer großen und heterogenen queeren Gruppe durchaus unterschiedlich sind. Dass unsere Gesprächspartner*innen Apologet*innen der queeren Ökologie sind, hatten wir nicht erwartet und wären über diesen Zufall sogar sehr überrascht. Fakt ist, dass queere Menschen eine riesige Gruppe sind, die aus völlig unterschiedlichen Menschen besteht, die durch ihre Einstellung zur Natur überhaupt nicht vereint sind.

Die Hypothese unserer Studie war eine genauere Beobachtung von Umweltproblemen durch die Vertreter*innen der Gruppe und eine progressivere Sicht auf Umweltfragen. Ausgehend von der Forschung des Themas der grünen Stadt erwarteten wir eine Vielzahl von Aktivitäten, mit denen sich die Befragten zum Schutz der ökologischen Vielfalt und der Menschheit insgesamt engagieren. Das damit verknüpfte Thema ist das der Gerechtigkeit, das für queere Menschen eine große Bedeutung ausmacht.

“The economy counterposes male and female, black and white, human and nature. But we are everywhere.

Homosexual oppression might be the matrix of all oppressions. Revealing the preposterous quality of sexual difference, we show the coercion masked by it. And we show the lie inside the heterosexual fact at the core of nature: the one that lends credence to the vilest institutions of humanity, from motherhood to the cutting down of thousand-year-old trees for apple crates.” (Caffyn Kelly 2013:44)

Als Vertreter*innen der LGBTQI+-Community haben unsere Gesprächspartner*innen sicherlich den großen Wunsch, sich und der Gesellschaft beim Umweltschutz zu helfen. Sie ändern ihr Essverhalten, geben Gewohntes auf und ändern ihre Bedürfnisse. Die Hauptlösung für das Problem des Klimawandels und der Umweltverschmutzung besteht darin, die Lebensweise der Menschen zu ändern und eine Lösung zur Anpassung an neue Bedingungen zu entwickeln:

“That is, we can see that over the past 100 years there has been a huge leap, over the past 50 years there has also been even more, over the past 30 it’s scary to talk at all, and it’s just that this whole society, this whole system was not ready for this“ (Interview 3)

In dieser Sichtweise sehen wir eine Parallele zur queeren Ökologie und zum Verständnis des Menschen als Teil der Gesellschaft und der Natur. Wir sehen, dass die Befragten keine Aktivist*innen der Umweltbewegung sind, aber sie waren sehr offen für das Gespräch und daran interessiert, ihre Meinung zu äußern. Diese Offenheit der queeren Gruppe und der Wunsch. zur Bewältigung der Umweltkrise beizutragen, verdienen Aufmerksamkeit. Wir freuen uns jedenfalls sehr, dass wir gerade ein solches Untersuchungs- und Fragestellungsthema für unsere Feldforschung ausgewählt haben. Die weitere Erforschung des Themas kann durch weitere teilnehmende Beobachtung im Rahmen einer längeren Feldforschung über das Leben queerer Menschen in Berlin sowie durch zusätzliche Interviews ergänzt werden.


Literatur:

ABQUEER VEREIN (11.02.2022): Begriffe. In: https://abqueer.de/informieren/begriffe/#6.AHRENS, Jörn (2020): „Der Mensch im Klima: Klimawandel und Kultur„. In: Paragrana, vol. 29, no. 1, 2020, pp. 36-49. https://doi.org/10.1515/para-2020-0002.

BISCHOFF, Christine (2014): Methoden der Kulturanthropologie. Bern: Haupt.

BREUSTE, Jürgen (2019): Was Stadtnatur im Konzept der Grünen Stadt ausmacht. Berlin: Springer, 245-98.

DALY, Mary (2001): Pure Lust: Elemental Feminist Philosophy. London.

Grüne Hauptstadt Europas (2012): Luxembourg.Publications Office.

KELLY, Caffyn (2013): Queer / Nature (Be Like Water). UnderCurrents: Journal of Critical Environmental Studies, 6, 43–44, https://currents.journals.yorku.ca/index.php/currents/article/view/37700.

MORTON, Timothy (2010): Queer Ecology. PMLA, 125(2), 273–282. http://www.jstor.org/stable/25704424.

Queere Ökologie. In: http://de.knowledgr.com/22130967/QueereOekologie (29.12.2021)

SANDILANDS, Catriona (2010): Queer Ecologies Sex, Nature, Politics, Desire. Bloomington, Ind.: Indiana UP, S. 1-48.

LUBRICH, Oliver / STODULKA, Thomas (2019): Emotionen auf Expeditionen. Ein Taschenhandbuch für die ethnographische Praxis. Bielefeld: Transcript.


[1] Yulia Yurchenko und Veronika Peil studieren beide Sozialwissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin.

17. Februar 2022 | Veröffentlicht von silvaing | Kein Kommentar »
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Wicca, Druiden und Co – Vom Scheitern einer Feldforschung?

Franz Schorr[1]

For those of you who think that witchcraft and druids are a thing of the past, this essay might be of interest to you. I would like to share my experience regarding my attempts to contact modern witches and druids. But I must warn you, even today, with our advanced technology this is more difficult than one could imagine.

So, let’s get started and I hope you enjoy my brief excursion into the realm of (modern) magic.


Eins noch vorweg, ich erhebe mit meinem Essay keinen Anspruch auf wissenschaftliche Genauigkeit, vielmehr möchte ich einen unterhaltsamen Einblick in meinen Feldforschungsversuch geben und nachfolgenden Feldforscher*innen einen Eindruck vermitteln, woran eine Feldforschung eventuell scheitern kann, sodass sie nicht die gleichen Fehler wie ich machen.

Wer sich intensiver und vor allem wissenschaftlicher mit dem Thema auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich einen Blick in mein Quellenverzeichnis am Ende dieses Textes (vgl. Von Stuckrad 2019, White 2016). Das soll aber nicht heißen, dass dieser Essay gänzlich unwissenschaftlich entstanden ist, so orientiert sich der Aufbau meiner Feldforschung an dem Text von Simone Eggert, die sich intensiv mit der „Dichten Beschreibung“ beschäftigt und darlegt, inwiefern diese ein wichtiges Instrument der Kulturanthropologie sein kann (vgl. Eggert 2014).


Ich gehöre zu der glücklichen Generation von Kindern, die mit Harry Potter großwerden durfte, und ich habe bis zu meinem zwölften Lebensjahr darauf gehofft, dass eine der Eulen mir den ersehnten Brief liefert, sodass ich meine Ausbildung zu einem Zauberer antreten könne. Leider klopfte keine Eule an mein Fenster und auch sonst wollte sich kein Brief mit sehr genauer Adressierung bei mir einfinden. Und wie die Jahre so voranschritten, musste ich feststellen, dass ich entweder nicht geeignet war, um mich zum Zauberer ausbilden zu lassen, einfach weil es an der dafür nötigen magischen Begabung mangelte, oder weil es so etwas wie Magie, zumindest wie sie in „Harry Potter“ geschildert wird, nicht gibt.

Aber so ganz wollte ich von dieser Vorstellung nicht lassen, zumal ja die Welt von Harry Potter in einer unserer Welt sehr ähnlichen angesiedelt ist und dort als Parallelwelt unbemerkt von den Menschen existiert. Unbemerkt nicht etwa, weil sie sich sonderlich viel Mühe gibt, sich vor ihnen zu verbergen, sondern weil der Mensch die Angewohnheit hat, Dinge, die er nicht versteht, einfach auszublenden und das auf seine etwas lebhafte Fantasie oder eine zu kurz geratene Nacht zu schieben.

Ich habe bemerkt, dass sich dieses Nicht-Sehen-Wollen sehr gut auf unsere reale menschliche Gesellschaft übertragen lässt. Dem gegenüber stehen Menschen, die ihrerseits davon überzeugt sind, dass es mehr gibt, als wir mit unserem beschränkten Verständnis der Natur zu verstehen glauben. Für diese Menschen ist Magie, wie auch immer man diese definiert, genauso Teil der Natur wie die Naturgesetze. Sie behalten ihren Glauben an Magie nicht nur nicht für sich und freuen sich still an ihm, sondern sie finden sich vielmehr in Gruppen zusammen und praktizieren ihn auf unterschiedlichste Weise.

Mit zwei dieser Gruppierung möchte ich mich im Zuge meiner Feldforschung intensiver beschäftigen: mit den Wicca und den Druiden. Beide Gruppierungen haben sich freundlicherweise bereit erklärt, mich bei meinem Projekt zu unterstützen. Ich möchte nämlich herausfinden, inwiefern sich diese spirituellen Glaubensrichtungen, die im Gegensatz zu den monotheistischen Religionen die Natur als Kern ihrer Religion empfinden, mit den unterschiedlichen Fragen, die der Klimawandel uns stellt, auseinandersetzen und ob sich dies auf ihren Glauben direkt auswirkt.

So sah coronabedingt mein Arbeitsplatz während meiner Recherche aus; Foto: Franz Schorr.

Eigentlich wollte ich so meinen Blogbeitrag einleiten, musste dann aber erkennen, dass das nicht sehr angebracht ist, da es sich bei „Harry Potter“ um eine fiktive Geschichte handelt, wohingegen der Glaube der Wicca-Anhänger oder der modernen Druiden nichts mit Fiktion zu tun hat, sondern für sie – wie für jede andere Religion – ein Teil der Realität ist.

Teil der Realität ist leider auch, dass Pläne oftmals an ihrer Umsetzung scheitern, und die Frage, die ich eigentlich beantworten wollte, nicht beantwortet werden kann, einfach weil mir dafür die nötigen Informationen, die ich gerne in diversen Interviews sammeln wollte, fehlen. Insofern habe ich mich entschlossen, nicht die Frage an sich zu beantworten, sondern vielmehr meinen Weg des Scheiterns aufzuzeichnen, dazu habe ich nämlich ausreichend Informationen sammeln dürfen.

Dabei hat das alles so schön angefangen, denn wie ich eingangs schon erwähnte, hat mich das Thema Magie schon immer sehr interessiert und habe mich darauf gefreut, mich mit diesen Vorstellungen intensiver zu beschäftigen.

Durch eine ehemalige Arbeitskollegin wurde ich auf die richtige Spur gebracht, nämlich der Internetseite des deutschsprachigen Ablegers des OBODs (Order of Bards, Ovates and Druids), sodass ich gleich eine Mail mit meiner Anfrage verfassen konnte. Die Antwort kam recht schnell, ich wurde an zwei Berliner Ableger verwiesen, die mir bei meiner Recherche sicher hilfreicher sein konnten, einfach schon deshalb, weil sie in der Nähe waren und wir uns gegebenenfalls hätten treffen können. So dachte ich zumindest…

Der eine Ableger reagierte gar nicht erst auf meine Anfrage, der andere zeigte durchaus Interesse, meinte aber, dass ein Treffen momentan eher nicht möglich sei, was nicht nur an der wieder an Fahrt aufnehmenden Pandemie lag. Vielmehr nutzte dieser Ableger des OBOD die Zeit der immer kürzer werdenden Tage zur inneren Einkehr, sodass sich Treffen innerhalb der Gruppe auf ein Minimum reduzierten. Sobald aber die Tage wieder länger werden, also nach dem 21. Dezember, der Wintersonnenwende, würden sie auch wieder aktiver werden und einem Treffen stünde nichts im Wege. Das war für mich kein Problem, begann doch gerade die Vorweihnachtszeit und ich war auch mit unterschiedlichen, vorweihnachtlichen Projekten beschäftigt. Im Übrigen hatte ich noch viel Zeit, denn der Zeitraum der Feldforschung sollte noch bis in den Januar reichen.

Ich nutzte die so gewonnene Zeit, um mich mit dem zweiten Teil meiner Forschung auseinanderzusetzen, den Wicca. Auch hier half das Internet weiter und ich landete bei dem Internetauftritt der „Paganen Wege und Gemeinschaften“. Dabei handelt es sich um eine Website, die den unterschiedlichen paganen Strömungen eine Plattform bietet und den eventuell Interessierten ermöglicht, die für sie passende Strömung zu finden. Und es gibt sehr, sehr, sehr viele Strömungen, aus denen gewählt werden kann. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass auch der OBOD hier als möglicher Ansprechpartner gelistet war, was, wenn ich darüber nachdenke, logisch ist, da die Druiden ja auch heidnischen Ursprungs sind.

Doch eines haben diese unterschiedlichen Ausrichtungen, die sich hier auf der Website präsentieren, gemein, sie alle verpflichten sich, den hier aufgelisteten Grundsätzen zu entsprechen und diesen auch zu folgen. Was sie massiv von den klassischen Religionen unterscheidet, ist ihr expliziter Aufruf zu Toleranz, keine der hier aufgeführten paganen und heidnischen Glaubensrichtungen beansprucht für sich, absolut zu sein und die Wahrheit gepachtet zu haben. Vielmehr wird darauf Wert gelegt hervorzuheben, dass es viele unterschiedliche Wege gibt, seinen Glauben zu leben und dass jeder dieser Wege gleichberechtigt ist, solange er die anderen nicht einschränkt.

Dabei wird unterstrichen, dass sämtliche paganen Religionen, zumindest die auf dieser Plattform repräsentierten, sich im Rahmen des Grundgesetzes Deutschlands bewegen und jeglicher Extremismus abgelehnt wird. Hier lässt sich deutlich auch der Anspruch gerade der germanischen Religionen erkennen, dass sie sich nicht mit den rassistischen Vorstellungen rechter Gruppierungen gemein machen wollen und diese auch keinen Platz in der Gemeinschaft der paganen Religionen haben. Die paganen Glaubensrichtungen diskriminieren auch nicht. Es wird explizit darauf hingewiesen, das Rituale und die Plätze, an denen diese stattfinden, so gewählt werden sollten, dass auch körperlich eingeschränkte Menschen problemlos teilnehmen können. Inklusion scheint ein wichtiger Grundpfeiler zu sein. Auch was die Toleranz angeht, sind sie den klassischen Religionen um einiges voraus.

Doch zurück zu meiner Feldforschung: Zwar hatte ich viele Feierlichkeiten verpasst, von denen viele sogar online übertragen wurden, jedoch wurde für Interessierte ein virtuelles Lagerfeuer angeboten. Bei dieser Online-Veranstaltung wird Anhängern der verschiedenen paganen Glaubensrichtungen und Personen, die es vielleicht werden wollen, die Möglichkeit gegeben, sich in einem entspannten Umfeld online zu begegnen und sich miteinander austauschen zu können. Das Beste daran war, dass diese Einladung deutschlandweit galt, ich also, wenn ich teilnehmen durfte, vielleicht nicht nur Berliner*innen kennen lernen konnte, sondern Praktizierende aus ganz Deutschland. Einzig um eine Anmeldung wurde gebeten, was ich auch prompt tat.

Am Freitag, dem 10. Dezember, war es dann endlich so weit, ich schaltete mich um 20:30 Uhr dazu; die Gruppe erwartete mich schon gespannt. Ich hatte anfangs noch überlegt, ob ich mir Fragen zurechtlegen wollte, habe dann aber befunden, dass es zielführender ist, wenn ich einfach zuhöre und nur wenn nötig eingreife, wenn wir uns zum Beispiel zu weit von meiner eigentlichen Frage entfernt hätten. Wie sich aber herausstellte, war das nicht nötig, die Gruppe war deutlich disziplinierter als ich.

Mich hat besonders interessiert, inwiefern Religionen – die ein besonderes Verhältnis zur Natur haben, was sowohl bei Wicca als auch bei Druiden der Fall ist – es mit dem Naturschutz und der Nachhaltigkeit halten, Themen, die im Zuge des Klimawandels und der zunehmenden Zerstörung unseres Planeten immer mehr an Bedeutung gewinnen. Es dürfte jetzt niemanden überraschen, dass die einhellige Meinung der Teilnehmer*innen am virtuellen Lagerfeuer war, dass Wicca und Naturschutz natürlich Hand in Hand gehen und jeder, der ernsthaft von sich behauptet, Hexerei zu betreiben, diese natürlich im Einklang mit der Natur praktiziert. Überrascht hat mich tatsächlich, dass es innerhalb Gruppierungen Überlegungen gibt, ob sie sich nicht auch politisch engagieren sollten. Jedoch gehen da die Meinung stark auseinander, weil eine Grundregel der paganen Lebensweisen besagt, dass sie sich von keiner politischen Strömung vereinnahmen lassen wollen.

Unabhängig davon gehören die Prinzipien der Nachhaltigkeit und des Naturschutzes schon seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zur DNS der Wicca, der Tenor damals wie heute, man könne nicht einer Naturreligion folgen, ohne die Natur zu respektieren. Erfrischend ist dabei, dass es im Gegensatz zu den monotheistischen Weltreligionen nicht reicht, für die Natur zu beten, sondern die Rituale und Gebete nur etwas nutzen, wenn auch aktiv was gegen die Missstände getan wird. So muss die Pflanze, die unter anhaltender Trockenheit leidet, natürlich in erster Linie gegossen werden und wenn dieses Grundbedürfnis gestillt ist, dann kann man der Pflanze mit einem Ritual oder einem Gebet helfend zu Seite stehen. Dieser Ansatz hat mir in seiner Einfachheit imponiert, weil er hervorhebt, dass die Wicca nicht darauf vertrauen, dass eine höhere Entität ihr Problem löst, sondern sie sich die Mühe machen müssen, es selbst lösen, die dafür nötige Kraft aber aus ihrem Glauben schöpfen.

Generell scheint Wicca einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen, zumindest habe ich diesen Eindruck während meines Treffens bekommen, denn wie schon erwähnt, sind allgemeine Aussagen bei Wicca-Praktizierenden schwer zu treffen. Ich gewann den Eindruck, dass sie sich da einig sind, dass in der Natur alles mit allem zusammenhängt und alles miteinander in Wechselwirkung steht. Das gelte auch für den Menschen, der sich zwar gern aus dieser Gleichung herausnehmen würde, er die Natur jedoch genauso beeinflusse, wie er auch von der Natur beeinflusst werde. Das bedeute im Umkehrschluss natürlich, dass sich der Mensch über kurz oder lang selbst zerstöre, wenn er nicht aufhöre, der Natur so zuzusetzen. Dies beziehe sich tatsächlich weniger auf den Raubbau, als vielmehr darauf, dass der Mensch sich immer mehr von der Natur entfremde, bis er irgendwann keinen Anschluss mehr habe und einfach auf der Strecke bleibe.

Während des Gesprächs beeindruckte mich die Ruhe, die alle ausgestrahlt haben, was nicht mit Naivität verwechselt werden sollte. Es ist eher ein Urvertrauen in die Resilienz – sowohl der Natur als auch des Menschen und das Wissen darum, dass die Menschheit schon mehrmals am Scheidepunkt gestanden und bisher die absolute Katastrophe erfolgreich abgewendet habe. So ganz erklären, woher sie dieses Wissen ziehen, kann ich mir nicht, ich vermute aber, dass es mit dem schon erwähnten Glauben daran zusammenhängt, dass alles miteinander verbunden sei und der Mensch, der ein Teil dieses Ganzen ist, Interesse daran habe, zu überleben und das System nicht irreparabel zu beschädigen.

So verbrachte ich eine vergnügliche Stunde mit den Wicca-Praktizierenden, die alle unterschiedlichen Strömungen angehörten und die ihren Glauben auch dementsprechend jeweils ein bisschen anders praktizierten: Bei der Frage des Hellsehens gingen die Meinungen bspw. sehr stark auseinander, für einige gehörte das auf jeden Fall zum Wicca-Handwerk dazu, für andere war das nichts als Küchenpsychologie, mit der sie nichts anfangen konnten. Hier konnte ich feststellen, dass die geforderte Toleranz eben nicht nur auf dem „Papier“ steht, sondern tatsächlich gelebt wird. Es wurde nicht versucht, zu missionieren und einander davon zu überzeugen, dass ein Wicca-Weg, der einzig wahre ist, sondern die andere Meinung wurde gehört, diskutiert und akzeptiert.

In dieser guten Stunde wurden meine Fragen umfassend beantwortet und ich fand, dass es nun an der Zeit war, meine sehr freundlichen Gastgeber*innen allein zu lassen, sodass sie ihr virtuelles Lagerfeuer noch weiter, aber ohne den Einfluss eines Fremden genießen konnten. Ich war nach diesem Treffen euphorisch, dass meine Feldforschung so einen guten Start hingelegt hatte und freute mich sehr auf die Begegnung mit den Vertreter*innen des OBODs. Doch zunächst konnte ich mich vollkommen auf die vielen Freuden der Vorweihnachtszeit einlassen, denn das Treffen sollte erst im neuen Jahr stattfinden, wenn die Druiden aus ihrer Winter-Einkehr zurückkehrten.

Das neue Jahr hatte begonnen, hinter mir lagen sehr vergnügliche, wenn auch etwas anstrengende Feiertage und ich wartete darauf, dass sich die Vertreter*innen der Druiden, mit denen ich im alten Jahr Kontakt aufgenommen hatte, bei mir meldeten, was leider auch nach zwei Wochen nicht geschah. Also wendete ich mich noch einmal per Mail an sie, und fragte nach, wann wir denn unser Gespräch führen könnten, doch leider erhielt ich auch darauf keine Antwort mehr, offensichtlich wurde ich gerade von den Druiden geghostet.

Aber noch wollte ich nicht aufgeben, die ehemalige Arbeitskollegin, die mich schon zu Beginn auf die richtige Spur brachte, könnte mir sicher zu den OBODs auch etwas erzählen, also fragte ich bei ihr noch einmal nach, ob sie sich auf ein Gespräch mit mir einlassen würde. Die Antwort kam schnell, dass sie gerne bereit war, Rede und Antwort zu stehen, momentan hätte sie aber noch zu tun, aber an einem Freitag im Januar Zeit für ein kurzes Zoomgespräch. Der Freitag kam und ging und es folgte Funkstille.

Ich möchte nicht von diesen zwei Erfahrungen auf alle Vertreter*innen der Druiden schließen, doch finde ich es schon bezeichnend, dass von vier Parteien, die ich angeschrieben habe, eine gar nicht antwortet und zwei erst Interesse haben und sich dann nicht mehr melden. Ich hätte es nicht schlimm gefunden, wenn den Leuten das unangenehm gewesen wäre und sie sich für das Interesse bedankt hätten, aber keine Lust darauf haben, sich von Fremden befragen zu lassen. Die Erfahrung haben auch andere Feldforscher*innen in ihren Bereichen machen müssen, dass man sich gerne mit ihnen unterhält, sie aber nicht wünschen, dass die Ergebnisse dieser Unterhaltung veröffentlich werden. Diese Skepsis kann ich nachvollziehen, denn gerade in der Medienlandschaft kommt es viel zu häufig vor, dass Fakten und Zitate aus dem Zusammenhang gerissen werden, um die eigenen Vorstellungen bestätigt zu sehen. Nichtsdestotrotz wäre es nur fair gewesen, gleich mit offenen Karten zu spielen, ich habe mich schließlich auch dafür entschieden, ehrlich zu sein. Ich hätte sicher auch interessante Erfahrungen machen können, wenn ich mich als interessierten Eleven ausgegeben hätte.


Während ich das hier schreibe, komme ich aber nicht umhin festzustellen, dass meine Feldforschung gar nicht so gescheitert ist, wie ursprünglich angenommen. Sicher, ich habe bei weitem nicht mit so vielen Vertreter*innen sprechen können, wie ursprünglich geplant, jedoch habe ich mich intensiv mit einem Thema beschäftigt, von dem ich anfangs nur rudimentäre Vorstellungen hatte und durfte sogar Menschen kennen lernen, die diesen Glauben praktizieren. Ich habe also mein Wissen deutlich vermehren können.

Hinzu kommt, dass ich vorher noch nie eine Feldforschung machen durfte und nun weiß, mit welchen Widrigkeiten man zu kämpfen hat: Dass es wirklich schwierig ist, eine Feldforschung mit einem Zeitlimit durchzuführen. Zwei Monate sind dafür definitiv zu wenig, vor allem, wenn man von Interviewpartner*innen abhängig ist. Abgesehen davon, ist die Feldforschung ein hervorragendes Mittel, andere Lebensrealitäten kennen zu lernen und der ansonsten eher trockenen Forschungsarbeit zu einer größeren Lebendigkeit zu verhelfen. Mich persönlich hat ein Glauben beeindruckt, dessen Pragmatismus und Toleranz gelebt werden und nicht nur propagiert. Insofern muss ich diese Feldforschung doch als Gewinn werten.


Literatur

Egger, Simone (2014): Kulturanalyse als Dichte Beschreibung. In: Bischoff / Oehme-Jüngling / Leimgruber (Hg): Methoden der Kulturanthropologie. Bern.

Von Stuckrad, Kocku (2019): „Neopaganismus und Magie“. In: Die Seele im 20. Jahrhundert: Eine Kulturgeschichte. Paderborn.

White, Doyle (2016): Wicca : history, belief, and community in modern pagan witchcraft. Chicago.

Quellen:

http://paganes-leben-berlin.de/lexikon/wicca/

https://www.druidry.info/

https://ruhrgur.jimdofree.com


[1] Franz Schorr studiert Europäische Literaturen an der Humboldt Universität zu Berlin.

5. Mai 2022 | Veröffentlicht von silvaing | Kein Kommentar »
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Schamanismus

Kind der Natur

“Ich bin natürlich nie wirklich auf Augenhöhe mit dem Naturraum.

Ich bin ihm sozusagen Kind.”

Linda Driemel und Charlotte Munk[1]

Abb. 1: Mondtrommel mit Spiegel, Berlin. Foto: Charlotte Munk, Linda Driemel, 2022.

This blog entry summarizes an ethnological field study of a shaman’s imagination of nature and climate, including quotes of a semi structured guided interview as well as an extract of a participating observation. Furthermore, the blog entry frames its content by discussing the methodical approach of the study. The key messages of the interviewed shaman will be highlighted.


Einblick in die schamanistische Weltanschauung

“Das ist letztendlich das Resultat davon, wenn ich alles für entseelt und tot erkläre, kann ich auch alles beliebig zerstören, benutzen, missbrauchen, mir einverleiben, ohne Scham, ohne Reue, ohne Gewissen, um dann im Endeffekt bei mir selbst anzukommen und zu merken: oh, ich lebe noch drei Tage. […] Also das ist das, wo wir als Menschheit uns immer mehr annähern an diesem Punkt – point of no return“ (Saskia Baumgart im Interview mit Linda Driemel und Charlotte Munk, Berlin, 22.01.2022)

Das Zitat erläutert den gravierenden Unterschied zu einer schamanischen Weltanschauung. Im Schamanismus wird jeder Gegenstand oder jedes Wesen als lebendig gesehen. Alles besitzt eine Energie. Saskia schildert, dass genau das häufig in der heutigen Gesellschaft vergessen wird. Viele Dinge werden als leblos bezeichnet, und somit nicht genügend wertgeschätzt. Das führt dazu, dass man eher dazu im Stande ist, es nicht zu beachten oder gar zu zerstören.


Natur ist Lebensraum

“(…) Der Naturraum ist ja keine Person in diesem Sinne, also ist er wirklich, ein Lebensraum, der Lebensraum schlechthin! Und, wenn ich merke, der ist mir übergeordnet [kann] ich [mich] da (…) maximal verneigen und dankbar sein und mich dem auch hingeben, was mir da so gegeben wird. Dann kann ich mich tatsächlich auch (…) aufgefangen und getragen fühlen.” (Saskia Baumgart im Interview mit Linda Driemel und Charlotte Munk, Berlin, 22.01.2022)

Durch dieses Zitat aus dem semistrukturierten Leitfadeninterview mit der schamanischen Heilerin, Saskia Baumgart, kann ein erster Eindruck über die Vorstellung gewonnen werden, in welcher Beziehung der Mensch im Schamanismus zur Natur steht. Im dem aktuellen Q-Team „Vorstellungen von Natur und Klima in spirituellen, sozialen und religiösen Gruppen“ konnte eine Gruppierung von den Seminarteilnehmer*innen selbstverantwortlich ausgewählt werden. Warum also Schamanismus? Grundsätzlich ging dieser Entscheidung das begrenzte Vorwissen voraus, dass Natur und Schaman*innen auf eine Art und Weise eng verbunden sind. Doch welche Bedeutung hat die Natur im Schamanismus und welche Perspektiven werfen diese Naturvorstellungen auf die Klimakrise?


Ethnografie und Schamanismus

Auch viele andere ethnographische Forschungen beschäftigen sich mit dem Weltbild des Schamanismus. Zum Beispiel setzte sich Mirko Uhlig (2016) mit den praktizierten Kulturtechniken des Schamanismus im Gebiet der Eifel auseinander. Er versuchte anhand einer qualitativen Kulturanalyse die Beweggründe und die inneren Logiken der Erforschten darzustellen (vgl. Uhlig, 2016, S. 63). In seinem Buch “Schamanische Sinnentwürfe” (2016, S. 63f.) präsentierte Uhlig die Erzählungen der Informant*innen und seine eigenen Erfahrungen im Feld durch 21 verschiedene Fallvignetten. Einblicke in das schamanische Weltbild durch Feldforschung sind somit auch in der Literatur gehäuft wiederzufinden und von aktuellem Interesse.


Feldforschung als methodische Vorgehensweise

Bei der Feldforschung geht es darum, in Felder einzutauchen und nicht nur von außen zu betrachten. Eine Teilnehmende Beobachtung ist von Nöten, welche aus einer aktiven Teilnahme am Geschehen und einer exakten Beobachtung der Vorkommnisse und Umstände besteht (vgl. Thomas, 2019, S. 69). Das Zusammenspiel aus distanzierter und objektiver Beobachtung und gleichzeitig empathischer Teilnahme an dem Forschungsfeld kann zu Widersprüchen führen (vgl. ebd.).

Forschung ist häufig eher aus distanzierter, wissenschaftlicher Sicht bekannt und es wird oft davon ausgegangen, dass alles, was „zu nah“ am Forschungsgegenstand ist, nicht mehr wissenschaftlich ist. Durch diesen Vorgedanken entsteht häufig eine innere Distanz zum Forschungsfeld. Diese Gedanken galt es bei unserer Forschung abzulegen, da es dieses Mal viel eher darum ging, sich auf das Feld einzulassen, um aus der Perspektive der Erforschten wahrzunehmen. Eigene Gedanken aus einem Emotionstagebuch vom 04.01.2022 reflektieren diesen Umstand folgendermaßen:

“Ich glaube bei unserem Forschungsthema ist häufig die Schwierigkeit da, sich nicht so richtig darauf einlassen zu können. Viele der Dinge, die unsere Kontaktperson uns erzählt hat, wirken beim ersten Hören sehr abstrakt. Ich habe gemerkt, dass ich auch häufig eine innerliche Distanz zu dem Thema aufbaue, einfach weil ich es einfach nicht komplett nachvollziehen kann. Dieser Prozess ist jedoch sehr interessant. Sich versuchen auf etwas einzulassen, dem man vielleicht auch etwas skeptisch gegenüber steht.” (Linda Driemel, Emotionstagebuch, Berlin, 04.01.2022)


Was ist Schamanismus?

Schamanismus kann als kulturübergreifendes Phänomen verstanden werden, „das sich qua seines Selbstverständnisses universalisiert und globale Wirkungen verzeichnet” (Grünwedel, 2015, S. 28). Dabei gibt es eine Vielzahl an verschiedenen schamanischen Strömungen bspw. den westeuropäisch-amerikanischen, sibirischen oder auch den Neoschamanismus (ebd.).


Feldforschung/ Interview

Ein Ausschnitt aus einem Beobachtungsprotokoll vom 22.01.2022:

“Saskia erklärte die Krafttiersuche: Es geht um das Treffen eines Tieres in der Natur. Die Begegnung kann kurz (bspw. Blickkontakt mit einem Vogel, der dann schnell weiterfliegt) oder länger und auch wiederholend sein (bspw. eine Libelle, die neben einem Platz nimmt, wegfliegt und wiederkehrt). Saskia erklärt dann die Trommelreise: Sie sagt, wenn sie anfängt zu Trommeln, sollen wir uns einen Fluss vorstellen, auf dem ein Schiff fährt. Wir stehen vorne auf dem Schiff und blicken in Fahrtrichtung. Links und rechts am Ufer ist alles wild bewachsen. Dann sehen wir am Ufer ein Tier stehen. Sie trommelt schneller. Wir fahren zu dem Tier und bauen Kontakt auf. (Beobachtungsprotokoll, Charlotte Munk, Berlin, 22.01.2022)

Wir hatten Saskia vorab gebeten, eine praktische Erfahrung mit uns durchzuführen. Sie wählte die Trommelreise mit Krafttiersuche aus. Saskia arbeitet hierfür mit einer runden Trommel, die mit einem Mondmotiv bedruckt ist. Bei Trommelreisen handelt es sich um eine Technik des „core shamanism“, was als „Kern-Schamanismus“ übersetzt werden kann (vgl. von Stuckard, 2019, S. 170). Dieser soll so etwas wie den kleinsten gemeinsamen Nenner aller schamanischen Kulturen bilden (ebd.). Im core shamanism wird mithilfe von musikalischer Begleitung wie bspw. einer Trommel oder auch einer Rassel, ein Zustand der erweiterten Wahrnehmung geschaffen (ebd.). Dies ist jedoch nicht notwendigerweise ein Trancezustand, sondern eine Reise in das Unter- und Oberbewusstsein der Praktizierenden (ebd.). Bevor wir mit der Trommelreise begonnen hatten, wies uns Saskia an, auf einem Blatt eine uns derzeit beschäftigende Frage aufzuschreiben. Durch Reisen in das Unter- und Oberbewusstsein können Praktizierende nämlich auch mit Weisheiten in Berührung kommen, die dem Bewusstsein verborgen bleiben (ebd.). Dabei ist es bei diesen Reisen möglich, Hilfsgeister, Lehrer oder Krafttiere kennenzulernen (ebd.). Krafttiere sind Helfer aus einer anderen Wirklichkeit und können bei der Klärung der vorab gestellten Frage behilflich sein (ebd.). Die Verbindung zu ihnen ist Grundlage für die weitere schamanisch-therapeutische Arbeit (ebd.).


Wer ist die schamanische Heilerin?

Mit Bezug auf den Titel des Q-Teams “Vorstellungen von Natur und Klima in religiösen, sozialen und spirituellen Gruppen” zählt die schamanische Heilerin zu einer religiös-spirituellen Gruppierung. Saskia Baumgart ist Sängerin, Vocal Artistin und Klangheilerin (vgl. Gesellschaft und Spiritualität, o.J.). Sie ist in Gesang, Musiktherapie und Somatic Movement Arts (Tanz/ Performance & heilende Bewegungskunst) ausgebildet. Außerdem arbeitet sie schamanisch-heilerisch (ebd.).


Frage nach Natur und Nachhaltigkeit, Ontologie und Handlungsmuster

Durch die nachfolgenden Ausschnitte des Interviews soll die Haltung der schamanischen Heilerin gegenüber der Natur deutlich werden. Um eine Beziehung zur Natur zu erhalten, spricht Saskia von dem „Rückzug ins Alleinsein.“ Einen Rückzug in die unberührte Natur fern von jeglichen Sicherheiten und Gewohnheiten aus dem Alltag.


„Also sprich diese verschiedenen Punkte sind wichtig: Rückzug ins Alleinsein, raus aus den Komfortzonen und den Sicherheitsvorkehrungen des zivilisierten Lebens, was uns ja ständig eine bestimmte Erleichterung oder Vereinfachung beschert. (…) eine gewisse Sicherheit und ganz wichtig natürlich die direkte Berührung mit der Natur – mit dem Naturraum und dieser Art der Intelligenz und Logik, die da vorherrscht, die ja tatsächlich vom Menschen in dieser Form ziemlich unberührt ist.“(Saskia Baumgart im Interview mit Linda Driemel und Charlotte Munk, Berlin, 22.01.2022)

Die unberührte Natur soll erkundet werden. Was sich jedoch als sehr schwierig gestaltet, da vieles bereits von den Menschen verändert wurde. Saskia schildert inwiefern sich Naturräume und dessen Energie durch den Einfluss der Menschen verändern und welche negativen Konsequenzen dadurch ausgelöst werden.

 „(…) und scheinbar natürlichen Räume sind ja total behandelt sozusagen. Da ist ja kaum noch irgendwas ursprünglich und wild und natürlich. Fast alles ist durch die Hand des Menschen gegangen und wurde dementsprechend verformt. (…) dadurch verändert sich es ja immer auf eine Art, oder dadurch hat es auch nicht mehr die Kraft, die es hat, wenn es wirklich sich selbst überlassen ist und bleibt und der Mensch sich da nicht ständig überall reinhängt und meint irgendwas machen, verändern, optimieren zu müssen. Womit er es oft eben nicht zum Besseren hin verändert, sondern oft auch wirklich sehr negative Effekte in Gang setzt und seine begrenzte Intelligenz für übergeordnet hält. Was in Wirklichkeit natürlich genau andersrum ist. Aber, da kommen wir ja so langsam dahinter, da sind wir ja gerade schmerzhaft darauf gestoßen, dass die Krone der Schöpfung dann doch anders aussehen muss, als das, was wir gerade an menschlicher Intelligenz so vorherrschen haben.“ (Saskia Baumgart im Interview mit Linda Driemel und Charlotte Munk, Berlin, 22.01.2022)

Saskia erklärt den Gedanken, dass eine neue Beziehung und Perspektive zu der Natur, die Menschen davon abhalten könnte, sie weiter als etwas niederes zu behandeln.

„Und für mich war natürlich auch immer interessant (…)  wie ist es, wenn ich mir eben nicht den Naturraum Untertan mache und die Spinne bekämpfe und (…) den Dschungel abbrenne, damit ich da irgendwie im sicheren Bereich sitze. Sondern wie kann ich auf Augenhöhe, quasi partnerschaftlich, maximal, weil ich bin natürlich nie wirklich auf Augenhöhe mit dem Naturraum. Ich bin ihm (…) sozusagen Kind. (…)  Das ist eher so die hierarchische Verknüpfung. Ich kann es mir höchstens einbilden, dass ich (…) damit auf Augenhöhe (…)  bin.”(Saskia Baumgart im Interview mit Linda Driemel und Charlotte Munk, Berlin, 22.01.2022)

Für uns war diese Feldforschungserfahrung sehr spannend und neu. Wir hatten beide vorher noch nichts davon gehört und haben daher vor allem methodisch viel aus diesem Projekt gelernt. Vor allem den Aspekt, sich wissenschaftlich auf etwas einzulassen und nicht nur von außen anhand von der Literatur zu beobachten, hat uns sehr bereichert. Ein großer Dank geht natürlich auch an Saskia, die bei all unseren Ideen mitgemacht hat, und uns für uns sehr neue Gedanken mitgeben konnte.


Referenzen

Literaturverzeichnis

Gesellschaft und Spiritualität (o.J.). Saskia Baumgart. Zugriff am 08.02.2022 unter https://www.gesellschaft-und-spiritualitaet.de/slp/saskia-baumgart/.

Grünwedell, Heiko (2015). Schamanismus zwischen Sibirien und Deutschland. Kulturelle Austauschprozesse in globalen religiösen Diskursfeldern. Bielefeld: Transcript Verlag.

Thomas, Stefan (2019). Ethnografie. Eine Einführung. Potsdam: Springer VS.

Uhlig, Mirko (2016). Schamanische Sinnentwürfe? Empirische Annäherungen an eine alternative Kulturtechnik in der Eifel der Gegenwart. Münster, New York: Waxmann.

Quellenverzeichnis

Driemel, Linda / Munk, Charlotte (22.01.2022): „Vorstellungen von Natur und Klima einer schamanischen Heilerin“. Saskia Baumgart im Interview mit Linda Driemel und Charlotte Munk. Berlin, 45 min.

Munk, Charlotte (22.01.2022): Beobachtungsprotokoll. Berlin.

Linda, Driemel (04.01.2022): Emotionstagebuch. Berlin.


[1] Linda Driemel und Charlotte Munk studieren beide Rehabilitationspädagogik an der Humboldt Universität zu Berlin.

22. Februar 2022 | Veröffentlicht von silvaing | Kein Kommentar »
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Urban Gardening

Mitgärtnern im urbanen Grünraum

Die vielschichtigen Temporalitäten des Gemeinschaftsgartens Prinzessinnen Kollektiv in Berlin

Annabelle von Moltke[1]


Ein Ackerfeld des Prinzessinnengarten Kollektiv im St Jacobi Friedhof, sichtbar hinter einem Grabstein, Berlin, Foto: Annabelle von Moltke, 2022.

Ein Eichhörnchen rannte über die ‚Bildungswiese‘ und kletterte geschwind einen Baum hoch. Ein paar Minuten davor hatten wir es oder ein anderes Eichhörnchen schon bemerkt und kurz beobachtet. Wir unterbrachen nochmals das Gespräch, um auf das Eichhörnchen hochzuschauen, welches von oben inmitten der blattlosen Äste auf uns hinunterguckte. Da sagte Leticia freudig: „Ich habe einen Funfact über Eichhörnchen! Sie vergessen die Lage in 80 % der Samen, die sie verbuddeln. Damit machen sie Pflanzarbeit – sie pflanzen Bäume!“ Damit sprang das Eichhörnchen auf den nächsten Baum und wir gingen weiter… (Ethnographische Vignette, Annabelle von Moltke, Berlin, Januar 2022)

 Gemeinschaftsgärten sind ein facettenreiches, globales Phänomen, die an manchen Orten der Welt – wie auch in Berlin – als soziale und politische Bewegung bezeichnet werden können (Müller 2011:31). Als Berlinerisch Neu-Zugezogene, die sich selbst in Gemeinschaftsgärten engagieren möchte, habe ich durch diesen Forschungskurs die Möglichkeit ergriffen, die Berliner Gemeinschaftsgartenszene zu erkunden. Das Timing war nicht ideal – das Universitätssemester lief von Mitte Oktober 2021 bis Mitte Februar 2022, welches genau den Zeitraum abdeckt, in dem viele Gemeinschaftsgärten wegen des Winters still liegen. So bestand der Großteil meiner Forschungsbesuche aus dem eigenständigen Herumstreichen durch die leeren oder überwachsenen Hochbeete verschiedener Gärten. Doch ganz am Ende meiner Forschungsphase hatte ich einen Glücksfall und zwei ehrenamtlich Tätige aus dem Prinzessinnengarten Kollektiv erklärten sich dazu bereit, ein Interview und einen begleitenden Rundgang durch den Garten mit mir zu machen.

Unser Gespräch und der Rundgang fanden gemeinsam statt und können methodologisch daher als Kombination des semi-strukturierten Interviews und von sogenannten „Narrativen Walks“ beschrieben werden. Semi-strukturiert sind sie in der Hinsicht, dass ich mir schon bestimmte forschungsrelevante Fragen überlegt hatte, aber dennoch Raum für den natürlichen Fluss des Gesprächs gelassen habe. Dieser gesprächliche Freiraum wurde stark durch die Gartenführung sowie die darin enthaltene multi-sensorischen Erlebnisse und auch die Begegnung mit nicht-menschlichen Akteur*innen (wie des Eichhörnchens) geprägt. Diese Methode lehnt sich an die höchst relevante Arbeit von Hitchens und Jones (2004) an, die auch mit ihren Partizipierenden in einem Garten spaziert sind, um zu verstehen, wie sie mit der Umwelt interagierten (Evans und Jones 2011: 850). Hitchens und Jones stellten fest, dass „die Befragten es einfacher fanden, ihre Einstellungen und Gefühle zu verbalisieren, wenn sie „vor Ort“ waren, was zu reichhaltigeren Daten führte“ (Evans und Jones 2011:850).

Um aber die Existenz und Praktiken des Prinzessinnengarten am St. Jacobi Friedhof und die Vorstellungen von Natur und Klima, die sich dort zeigt, zu verstehen, dient es erst ein Schritt zurückzumachen und Gemeinschaftsgärten als Phänomen und ihre geschichtliche Entwicklung in Berlin zu konzipieren.


Bei den Wurzeln beginnen

Gemeinschaftsgärten sind nur eine von vielen Formen der urbanen Gärtnerei, zu dem Balkon- und Schrebergärten auch gehören. Auch innerhalb der Kategorie der Gemeinschaftsgärten gibt es Unterschiede, zum Beispiel bei den landwirtschaftlichen Praktiken. Während alle von mir besuchten Gärten ökologischen Anbau betrieben, umfassten einige auch Ackerbau neben ihren Hochbeeten, andere spezialisierten sich auf Komposttechniken und wiederum andere auf Permakultur. Was heutige Gemeinschaftsgärten in all ihrer Vielfältigkeit (zumindest in Berlin) von anderen Formen der urbanen Gärtnerei unterscheidet, ist ihr Ziel, einen öffentlichen Ort gemeinschaftlich zu gestalten. Auch wenn in manchen Gärten bestimmte Beete von Einzelpersonen bewirtschaftet werden und teilweise auch finanzielle Strukturen existieren, um die Mitgliedschaften zu regulieren, ist das gemeinsame tätig sein ein zentrales Anliegen der Projekte.

Dies ist jedoch nicht immer der Fall gewesen. Im 19. Jahrhundert waren urbane Gärten für das Überleben eines verelenden Industrieproletariats wichtig (Kropp 2011:78). Der Hunger und die fehlenden Unterkunftsmöglichkeiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder weit verbreitet waren, sorgten für die Ausbreitung der Kleingartenanlagen – geholfen auch durch die vielen kriegsverursachten Brachflächen (ebd.). Mit dem wieder steigenden Wohlstand der deutschen Bevölkerung in den Nachkriegsjahren wurden diese oft genannten Schrebergärten, die privat von einem Verein an seine Mitglieder verpachtet werden, zunehmend für Freizeitzwecke anstatt Subsistenz genutzt (ebd.). Die 1990er-Jahre erfuhren ein Wiederaufblühen des gemeinnützigen Gartens anhand von ‚Interkulturellen‘ Gärten, die die Inklusion von Menschen mit Zuwanderungsgeschichten in den Mittelpunkt stellten (Müller 2011:32). Die mir bekannten Gemeinschaftsgärten des 21sten Jahrhunderts in Berlin haben diese inklusiven Grundprinzipien und die selbst erstellte Aufgabe, zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beizutragen, der Gärten der 1990er-Jahre fortgeführt. Es geht in diesen Gärten um viel mehr als um Lebensmittelproduktion an sich:

„Die neuen Gärten stehen vielmehr für Teilhabe und Partizipation in einer grünen und produktiven Stadt, für die Wiederaneignung von Kulturtechniken der Kooperation, für die Wertschätzung von Landwirtschaft und Ernährung, von den Grundlagen des Seins.“ (Müller 2011:50f.).

Es geht schlicht um ein selbstbewusstes, utopisches und kreatives Neugestalten der Stadtlandschaft und den zwischen-menschlichen und menschlich-nicht menschlichen Beziehungen, die in ihr ausgelebt werden (Kropp 2011:81).



Der – besser gesagt die – Prinzessinnengärten

So kommen wir zu dem Prinzessinnengarten, eines der bekanntesten und – wie sich herausstellt – schon stark erforschten Gartens Berlins. Der 2009 am Moritzplatz gegründeter Garten wurde abwechseln als „gute Geschäftsidee“ (Dams 2011:164), Anbieter der „Erlebniskultur“ (Lange 2011:112) und „spirituelles Zentrum“ (Richard 2011:226) theoretisiert. Müller (2011:38) beschreibt wie „das Gemüse, vorwiegend alte Sorten und seltene Kulturpflanzen in lebensmittelechten Reissäcken, Bäckerkisten und aufgeschlitzten Tetrapacks angebaut“ wird. „Im Garten ist alles mobil: das Café und die Küche befinden sich in (geschenkten) Containern“. Ein von Mitgründer Robert Schaw hervorgehobener Vorteil dieser Strategie sei, jegliche Arte von Flächen erschließen zu können, ob verseucht, versiegelt oder klein (Müller 2011:38f.).

Die am Hofladen angebrachte Tafel des Prinzessinnengarten Kollektivs mit Öffnungszeiten und weitere Informationen, Foto: Annabelle von Moltke, Berlin, Januar 2022.

Gehst Du aber heute zum Moritzplatz, findest Du wenig von dem wieder, was gerade geschildert wurde. 2019, kurz vor Beginn der Pandemie, gab es eine Auseinandersetzung und der Garten teilte sich in zwei. Nomadisch Grün, die 2009 gegründete Trägerorganisation des Prinzessinnengartens, zog mit seinen Hochbeetkisten in den St Jacobi Friedhof an der Hermannstraße um, und die offizielle Unterstützung des Gartens am Moritzplatz wurde von „Common Grounds“ – ein „aus der Nachbarschafts-, Bildungs- und Vernetzungsarbeit des Prinzessinnengarten hervorgegangen“ Verein – übernommen (Prinzessinengarten Kollektiv; Commons Grounds). Auf der Fläche am Moritzplatz ist weit und breit kein Hochbeet mehr zu sehen, sondern große Haufen von selbsterstelltem Kompost. Da aber in einem Gespräch mit einem am Moritzplatz Engagierten klar wurde, das der Garten nicht gerne von durchziehenden Forscher*innen erfasst wird, werde ich nichts weiter zu ihm sagen.

Hochbeetbereich vom Prinzessinnengarten Kollektiv im St Jacobi Friedhof, Foto: Annabelle von Moltke, Berlin 2022.

Gemüse im Friedhof

Ich wende mich stattdessen an den Prinzessinnengarten Kollektiv im St Jacobi Friedhof, welches auch besser mit vorheriger Forschung über den Prinzessinnengarten zu verknüpfen ist, da die Trägerorganisation dieselbe ist. Dennoch ist es nach nur einem Gespräch und zwei Rundgängen schwer zu sagen, wie viel an Praktiken und Logiken von dem alten Moritzplatzgarten in den neuen Garten übernommen wurden. Der Hofladen und das Café im Container sowie die Hochbeete existieren noch, dazu gekommen sind mehrere Ackerfelder und eine sogenannte „Bildungswiese“-, ein Ort von Wildblumen und Hochbeeten, die ausschließlich von Schulkindern betreut werden. Der ganze Friedhof steht ihnen zu Verfügung – seit 2016 fand dort keine Bestattung mehr statt – solange sich die Gärtner*innen auch um die bestehenden Gräber kümmern.

Der Friedhofseingang mit Bänken und leeren Hochbeeten, die vor dem Hofladen des Prinzessinnengarten Kollektiv stehen (nicht abgebildet). Auf der rechten Seite steht die Kiezkappelle. Foto: Annabelle von Moltke, Berlin 2022.

Ich habe mich mit Leticia und Rike vor dem ‚Nagelneu Studio‘ getroffen, ein vom Kollektiv verwalteter ‚Kiezraum‘, wo sich Gruppen mit gemeinschaftlichen Zwecken kostenlos treffen können. Von dort betraten wir gemeinsam den Friedhof, wo wir sofort auf Hochbeete, einer kleinen hölzernen Hütte – den Hofladen – und die ihr gegenüberstehende Kirche trafen. Der Prinzessinnengarten – Café, Acker, Bildungswiese, Hochbeete – ist über mehrere Flächen im Friedhof verteilt und von Spazierwegen oder Grabsteinstrecken eingegrenzt. Desto länger man hinschaut, desto mehr sieht man – denn der Raum wird nicht nur vom Prinzessinnengarten Kollektiv und von Gräbern besetzt, sondern wird mit anderen Initiativen, die sich mit Bienenvölkern, Permakultur oder Würmern und Insektenzüchtung beschäftigen, geteilt. Zudem kommen noch die zahlreichen Vögel, Ratten, Insekten, Eichhörnchen und alle Menge anderer Lebewesen, die es sich auch dort in den Bäumen, Laubhaufen und Grasen gemütlich machen.

Der Gemeinschaftsgarten scheint auf mehreren temporalen Ebenen persönliche sowie gesellschaftliche Bedeutung zu haben. Das Projekt stellt persönliche und imaginierte Vergangenheiten dar, gestaltet die Gegenwart mit und verkörpert gleichzeitig damit die „lokale Vision einer zukunftsfähigen Gesellschaft“ (Kropp 2011:82). Der Garten hat symbolischen Wert als utopisches Projekt und gleichzeitig sehr praktische Zwecke, nämlich die Herstellung der Verbindungen zwischen Menschen sowie zwischen Menschen und der mehr-als-menschlichen Welt und die Bereitstellung von emotional erfüllenden Lebensmitteln.


Vergangenheiten zurückholen

Der Akt, einen Gemeinschaftsgarten in dem Friedhof aufzubauen, ist an sich schon als Berufung auf die Vergangenheit zu verstehen.

„Früher, bevor hier ein Friedhof war und bevor die Stadt so groß gewachsen war, war dies Ackerland, also schließt sich mit dem Gemeinschaftsgarten der Kreis“

erzählte Rike mit Freude. Auf meine Frage, warum es wichtig sei, Projekte wie den Prinzessinnengarten zu haben, nannten beide Interviewpartnerinnen „den Bezug zu Nahrungsmitteln wieder herzustellen“ als einen der Gründe. Es geht darum, ein früheres Verhältnis zur Lebensmittelproduktion und damit auch zur Natur wiederherzustellen, das sich durch das Aufkommen von Supermärkten und der Erfahrung eines stark urbanisierten Lebens entfremdet hat. Interessanterweise schilderten jedoch beide Befragten, dass sie bereits vor ihrem Beitritt zum Prinzessinnengarten eine starke Beziehung zur Natur und zur Lebensmittelproduktion hatten. Leticia ist in einer kleinen Stadt in Brasilien aufgewachsen wo „jeder Haushalt im Garten Gemüse anbaut oder Obst gehabt hat. Clementinen wurden nicht verkauft, denn es gab überall in der Stadt so viele von denen.“ Und Rike, die am Rande der Stadt in Brandgenburg aufgewachsen ist, erzählte von dem Acker ihres Grossvaters, welches sie als Kind geliebt hatte. Beide empfanden den Kontakt zur Natur, die der Gemeinschaftsgarten bot, als „ein Bedürfnis“ – Rike sagte, „ich habe nicht gemerkt, dass ich das brauche, bis ich nach Berlin gezogen bin“.


Gemeinsam die Gegenwart gestalten

In unserem Gespräch wurde deutlich, dass es bei dem Projekt nicht (nur) um die Lebensmittelproduktion um des Produktes willen geht, sondern um den Prozess und die aktive Teilnahme daran (welches auch dem Aufbau von zwischenmenschlichen Beziehungen als auch von mehr-als-menschlichen Beziehungen abzielt). Die Tatsache, dass die Gärtner*innen nicht darauf angewiesen sind, dass die produzierten Lebensmittel ihr Überleben sichern (anders als in weiten Teilen des 19. und 20. Jahrhunderts), wird dadurch demonstriert, dass, wie Leticia sagte, „nach der Verteilung immer etwas übrig [bleibt]“. Und auch wenn sie den Zugang zu Bio-Gemüse aus dem Garten schätze, da der Kauf im Bio-Supermarkt ihr Budget sprengte, standen für sie die sozialen Elemente im Vordergrund:

„Der Prinzessinnengarten ist ein Raum, wo ich mich wilkommengeheissen fühle. Es gibt nicht so viele offene Orte in der Stadt, vor allem wenn man neu ist.“

Der Garten schafft einen Raum, nicht nur für Neuzugezogene, sondern auch für alle die, die „nicht einfach in die Gesellschaft reinpassen“, sowie „ehemalig Drogenabhängige und Flüchtlinge usw.“. Es wird auch bewusst auf das Engagement verschiedener Generationen geachtet – Schulgruppen werden auf der Bildungswiese Hochbeete zugeteilt und gezielte Workshops für ältere Menschen werden organisiert. Die Logik des Teilens und des (ehrenamtlichen) Zusammenarbeitens hinterliegt allem, was im Prinzessinnengarten gemacht wird, und ermöglicht überhaupt seine Existenz.


Die Saat der Zukunft pflanzen

Als wir im Acker standen und zusammen Rosenkohl ernteten, sprachen wir über die Klimakrise.

Frisch geernteter Rosenkohl aus dem Prinzessinengarten am St Jacobi Friedhof, Foto: Annabelle von Moltke, Berlin 2022.

Leticia war der Überzeugung, dass der Gemeinschaftsgarten an sich nicht den Klimawandel direkt beeinflussen könne, sondern dass die Bildung und Erfahrungen, die durch ihn stattfanden, in der Hinsicht wichtiger waren. Umweltbildung erwies sich als zentrales Thema für den Prinzessinnengarten, und die Ziele von Umweltbildung sind sowohl auf einer unmittelbaren praktischen und handlungsorientierten Ebene als auch auf einer gesellschaftlichen, ideellen Ebene zu verstehen. Leticia und Rike stimmten überein, dass es wichtig sei, dass „die Leute sehen, wie lange es dauert, Gemüse anzubauen, wie eine Tomatenpflanze aussieht, wenn sie klein ist“. Dadurch konnte das Wertschätzen von Gemüse in der Gegenwart verstärkt werden. Auch wenn es derzeit nicht der Fall war, dass Menschen sich auf den Garten als Hauptnahrungsquelle stützten, waren beide von dem Potenzial von Gemeinschaftsgärten, Städte zu ernähren, überzeugt. Als wir über die Vorteile von Hochbeeten gegenüber dem Ackerbau diskutierten, hob Rike hervor, dass Hochbeete den zusätzlichen Wert hätten, demonstrieren zu können, dass auf jeder urbanen Fläche angebaut werden kann. So hat der Garten und gewisse Praktiken auch einen symbolischen Wert und dienen den Menschen durch Praxis zu demonstrieren, wie die Gesellschaft anders gestaltet werden könne.


Emotional befriedigendes Essen

Neben der bewusst kultivierten symbolischen, bildenden und sozialen Dimension des Gartens hatte die Teilnahme am Anbau von Lebensmitteln auch eine auffallend emotionale Dimension. Die Teilnahme am Prozess des Anbaus von Lebensmitteln und die Möglichkeit, die Früchte der eigenen Arbeit (im wahrsten Sinne des Wortes) zu genießen, wurden als sehr befriedigende Erfahrungen empfunden. Ich selbst habe es sehr genossen, den Rosenkohl zu ernten, und war sehr dankbar dafür, dass ich ihn als Geschenk erhalten habe, da ich mich nicht am Anbau beteiligt hatte. Mit prall gefüllten Jackentaschen und einem Notizbuch voller Notizen verwandelte sich meine Neugier in die Gewissheit, dass ich selbst am urbanen Gärtnern teilnehmen und mich an der Vergangenheits-, der Gegenwarts- und der Zukunftsgestaltung beteiligen muss, die dort wächst.

*Mit Dank an Leticia und Rike.


Literatur

Hitchens, R. & Jones, V. (2004): Living with plants and the exploration of botanical encounter with human geographic research practice. Ethics, Place and Environment, 7, pp.3-18.

Evan, J. & Jones, P. (2011): ‘The Walking interview: Methodology, mobility and place’, Applied Geography, 31, pp.849-858.

Müller, C. (2011): „Urban Gardening. Grüne Signaturen neuer urbaner Zivilisation“. In (eds) Müller, C. (2011): Urban Gardening: Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. München: Oekom

Kropp, C. (2011): „Gärter(n) ohne Grenzen: Eine neue Politik des „Sowohl-als-auch“ urbaner Gaerten?“. In: Müller, C. (Hg.) (2011) Urban Gardening: Über die üeckkehr der Gärten in die Stadt. München: Oekom.

Lange, B. (2011): „Koop Stadt? Was ist von der „kreativen Stadt“ zukünftig zu erwarten“. In Müller, C. (Hg.): Urban Gardening: Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. München:Oekom.

Dams, C. (2011): „Gärten gehören zur Stadt! Zur städtebaulichen Relevanz der urbanen Landwirtschaft“. In Müller, C. (Hg.): Urban Gardening: Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. München: Oekom.

Richard, U. ‚(2011): „Urbane Gärten als Orte spirituelle Erfahrung“. In Müller, C. (Hg.): Urban Gardening: Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. München: Oekom.

Über uns. Commons Grounds. Verfügbar unter: https://common-grounds.net/uber-uns/, abgerufen am 20.02.2022.

Wir. Prinzessinengarten Kollektiv. Verfügbar unter: https://prinzessinnengarten-kollektiv.net/wir/, abgerufen 20.02.2022.


[1] Annabelle von Moltke studiert Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin.

21. Februar 2022 | Veröffentlicht von silvaing | Kein Kommentar »
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Social Media

Mit Instagram gegen Umweltzerstörung und

Social Media als Quelle der Bildung

Ein Beitrag zum Thema Umweltbewusstsein und die Nutzung sozialer Medien 2022

Von Cathleen Storbeck[1]

Social media like Instagram has become a significant tool for climate change and environmental activism. Environmental organizations are increasingly using social media to make their voices heard on environmental issues and to draw attention to global problems. The common goal is to reach many people in a short time, to educate and to encourage direct action.

Umweltthemen wie die Abholzung des Regenwaldes, Schutz der Artenvielfalt oder Wasserknappheit stehen immer wieder im Mittelpunkt öffentlicher Diskurse, wobei Massenmedien die mit Abstand am häufigsten genutzte Quelle für Informationen sind (Schulz 2003). Durch die klassische Umweltkommunikation über Medien wie Zeitungen oder Fernsehen werden vor allem junge Zielgruppen gegenwärtig nur noch schwer erreicht. Da ein großer Anteil des Alltags der jungen Menschen heutzutage im Internet stattfindet, muss auch die Umweltkommunikation sich dieser Entwicklung anpassen. Über Social Media wie Instagram sind neue Möglichkeiten für Umweltakteur*innen entstanden, um jungen Zielgruppen Themen wie Umweltschutz, Nachhaltigkeit und einen umweltgerechten Lebensstil näherzubringen. Der Instagram- Hashtag #climatechange hat mehr als 6,3 Mio. Beiträge (Stand Februar 2022). Unter dem Hashtag findet man Beiträge mit Inhalten wie: „The World is a fine place and worth fighting for” (Quelle: Greenpeace International) oder „The earth can’t afford to wait for everyone to care” (Quelle: climatesavemovement). Besorgnis über die globale Umwelt- und Klimakrise wird somit auf Social Media zum Ausdruck gebracht.

Wer Social Media Plattformen wie Instagram nutzt und sich für umweltbewusste Themen interessiert, wird wohlmöglich früher oder später auf Instagram-Profile wie greenpeace.de oder fridaysforfuture aufmerksam. Sei es durch die aktive Suche, thematisch gefolgter Hashtags oder einen Klick auf geteilte Beiträge von anderen. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace erreicht mit ihrem deutschen Instagram Account aktuell 378.000 Follower*innen. Bei Ihren Beiträgen setzen sie auf visuelle Kommunikation und prägnante Inhalte.

Screenshot des Instagram-Accounts von Greenpeace, 2022.

Einer der letzten Beiträge von Greenpeace macht auf die Zerstörung des zweitgrößten Regenwaldes der Welt aufmerksam. Der Regenwald des Kongobeckens ist durch den Anbau von Kautschukplantagen stark bedroht. Er wird nach und nach abgeholzt und zerstört somit die Heimat der dort lebenden Menschen, Tiere und Pflanzen. Die Zerstörung dieser Heimat ist nicht das einzige Problem was daraus resultiert. Greenpeace zufolge speichern Regenwälder jedes Jahr mehrere Milliarden Tonnen CO2. Dadurch sind Sie essenziell für ein stabiles Klima. Die Message wird schnell klar: Regenwaldschutz ist Klimaschutz.

Um sich dafür einzusetzen, hat Greenpeace eine Petition zum Schutz der Wälder und der Artenvielfalt gegründet, welche man, nachdem man einem Link folgt, direkt unterschreiben kann. Diese Art von Beiträgen machen nicht nur auf weltweite Umweltprobleme aufmerksam, sondern animieren, sich aktiv für den Umweltschutz einzusetzen. Man kann die Beiträge ebenfalls direkt mit seinen Freund*innen teilen und somit mehr Menschen darauf aufmerksam machen.  Unter dem Beitrag gesetzte Hashtags sprechen die Probleme und die Nutzer*innen direkt an: #wälderweltweit #forestareawesome #klimaschutz #klimakrise #naturelovers.

Der Trend zum grünen Aktivismus im Internet erreicht immer mehr Menschen; vor allem die jüngeren Generationen nutzen soziale Medien zum Kommunikationsaustausch und als eine neue Form von Bildung. Sie teilen Informationen von Umweltproblemen und diskutieren über mögliche Lösungen. Das Internet ist zu einem Bereich sozialen Handelns geworden und fungiert als ein wichtiger Treiber sozialen und kulturellen Wandels (Koch 2014).

Aber was genau steckt hinter dem Online-Aktivismus und dessen Teilnehmer*innen? Um dieser Frage näher zu kommen, wurde im Rahmen des Q- Teams: „Vorstellungen von Natur und Klima in religiösen, spirituellen und sozialen Bewegungen“ der Frage nachgegangen, welchen Einfluss soziale Medien wie Instagram auf das eigene Umweltengagement haben und wie mit umweltpolitischen Inhalten umgegangen wird.

Die Social Media Plattform Instagram wurde im Jahr 2010 gegründet und hat heute über eine Milliarden Nutzer*innen (Bundesamt 2021). Instagram kann als eine Mischung aus Microblog und audiovisueller Plattform verstanden werden. Die Nutzer*innen können ihre erstellten Beiträge mit Freund*innen oder einer breiteren Öffentlichkeit teilen. Somit gehört Instagram zu den so genannten Media Sharing Networks (Hand 2016). Das Zielpublikum sind vor allem junge Leute, die zur Generation der Digital Natives gehören. Instagram hebt sich von anderen sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook darin ab, dass Texte sich nicht ohne ein visuelles Element hochladen lassen. Des Weiteren kann Instagram nur als App auf dem Smartphone als mobile Version genutzt werden. Die Desktop Version auf dem PC ist stark in ihren Funktionen eingegrenzt und somit ist die mobile Version unumgänglich.

Bei der qualitativen Forschung im Internet gelangt man schnell zu den Methoden der Ethnographie. Die Auseinandersetzung mit kulturanthropologischer Feldforschung war für mich als Agrarwissenschaftlerin eine ganz neue Erfahrung. Aus meiner Fachrichtung heraus hatte ich noch keinerlei Kontakt mit Methoden aus diesem Fachgebiet. Durch das Q-Team bot sich mir damit einerseits die Möglichkeit, mich den Problemstellungen des zu untersuchenden Feldes mit meinem fachlichen Hintergrund als Agrarwissenschaftlerin zu nähern und andererseits, mich in einen neuen Wissenschaftsbereich einzuarbeiten, um mein ökologisches und interdisziplinäres Wissen zu vertiefen. Einen methodischen Rahmen für diese Feldforschung bietet das „Ethnografieren im Internet“. Gertrud Koch fasst prägnant zusammen:

„Gemessen an der Vielfalt und der Intensität, mit der das Internet im Alltag präsent ist, werden die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten in der ethnografischen Forschung noch zu selten als eigenständiger Gegenstand und auch in ihrer Einwirkung auf das jeweils untersuchte Forschungsfeld berücksichtigt. Dabei ist das Internet zu einem Bereich sozialen Handelns geworden, der in vielen kulturanthropologischen Forschungsgebieten als ein wichtiger Treiber sozialen und kulturellen Wandels fungiert.“ (Gertrud Koch 2013:367)

Seit Mitte der 1990er Jahren wurden mehrfach und unabhängig voneinander Begriffe wie zum Beispiel Netnography oder Virtual Ethnography und Konzepte zum ethnographischen Forschen im Internet entwickelt (Janowitz 2009). Der Begriff Netnography wurde erstmalig vom kanadischen Marketingprofessor Robert Kozinets geprägt und versteht sich als qualitative, interpretative Forschungsmethode, die traditionelle, ethnographische Forschungstechniken der Anthropologie auf die Studie von Online-Kulturen und Communities anwendet (Kozinets and Gambetti 2021).

Im Zusammenhang mit der Globalisierung und der damit zunehmenden Bedeutung von Medien wurde auch der ethnografische Zugang zum Feld in den 1980er Jahren durch George E. Marcus neu definiert. Um den globalen Kräften gerecht zu werden, entwickelte er die multi-sited ethnography mit der Annahme, dass

„any ethnography of a cultural formation in the world system is also an ethnography of the system, and therefore cannot be understood only in terms of the conventional single site mise-en-scène of ethnographic research[…].“ (George Marcus 1995)

Man konzentriert sich somit bei der Erforschung menschlicher Kulturen und Gruppierungen nicht mehr auf einen Ort oder Region, sondern vielmehr auf die transnationale Vernetzung. Diese Erkenntnis ist gerade auch im Bereich Ethnografieren im Internet von großer Bedeutung:

„In anthropological work within the field of cultural studies of science and technology, the tendency toward multi-sited research is most prevalent in the following topical areas: the study of issues concerning reproduction and reproductive technologie […]; studies of new modes of electronic communication such as the Internet; and studies concerned with environmentalism and toxic disasters.” (George Marcus 1995)

Beim Betreten des virtuellen Raumes ist die Präsenz der Forscher*in eine andere als im realen Leben. Aber dies entmutige nicht, sondern wurde vielmehr als ein schon bestehendes Element der gegenwärtigen Forschung genutzt. Die Protagonisten führen ihr Handeln in diesem virtuellen Raum aus und somit sollte dieser Ort genutzt werden.

Eine der Herausforderungen war es, wie man als Forschende mit dem fehlenden persönlichen Gegenüber sein umgeht. Im persönlichen Interview verarbeitet man untern anderem aus den sichtbaren Emotionen des Gegenübers Informationen.

Die methodische Herangehensweise war zunächst die Suche nach Nutzer*innen auf Instagram, welche sich für umweltpolitische Themen interessieren. Es wurden zwei Nutzerinnen herausgesucht und jeweils zu einem virtuellen Chat-Interview eingeladen. Es wurden vorab Leitfragen erarbeitet, welche inhaltlich einen Überblick über die aktive und passive Teilnahme am Geschehen beantworten sollten.

Screenshot eines Chat-Interview auf Instagram, Cathleen Storbeck, Berlin, Dezember 2021

Die erste Frage im Interview lautete: „Informierst du dich auf Instagram über Umweltthemen?“ und sollte somit zunächst einen Bezug zum Interviewthema schaffen. Darauffolgend kamen Fragen, die die bewusste Wahrnehmung von umweltpolitischen Beträgen und dessen Reflektion erörtern sollten, überleitend zur aktiven und passiven Teilnahme am Geschehen.

Eine Herausforderung in einem virtuellen Interview ist die Wahrnehmung von Emotionen. Um sich dieser Herausforderung zu stellen, wurden ebenfalls Fragen zu Gefühlzuständen gestellt. Eine Frage davon lautetet: „Hast du schon mal bemerkt, dass dabei in dir ein bestimmtes Gefühl ausgelöst wird, wenn du einen Beitrag mit einer umweltpolitischen Message teilst?“ Die Antwort umfasste mehrere beschreibende Gefühlszustände, wie „geschockt“, „Wut“ oder „Enttäuschung“. Das auch in einem virtuellen Raum viele Emotionen stecken können und auch wahrgenommen werden können, wurde somit ersichtlich.

Emotionen, die im Bezug zu umweltpolitischen Themen entstehen sind keine Seltenheit mehr und können sogar einem neuartigen Phänomen zugeordnet werden. Nach neuesten Erkenntnissen werden diese Emotionen zur so genannten Klimaangst zugeordnet und vor allem bei denjenigen beobachtet, welche sich intensiv mit der Klimakrise und dessen Folgen beschäftigen (vgl. psychologistsforfuture.org).

Aus dieser Angst heraus kann aber auch ein positiver Aktionismus entstehen, welcher aus einer eigenen Apathie gegenüber dem Klimawandel entsteht. Die wohl gängigste und bekannteste Form davon sind Demonstrationen auf der Straße. Diesen Aktionismus kann man auch bei Nutzer*innen in der virtuellen Welt wiederfinden. Durch soziale Netzwerke wie Instagram kann man mit einem Fokus auf visuelle Kommunikation, prägnante Inhalte teilen und wenn nötig Emotionen vermitteln oder auslösen.

Den Interviewpartnerinnen wurden Fragen zu ihren eigenen Aktivitäten auf Instagram gestellt und zu den Aktivitäten von Freund*innen und Bekannten. Es ergab sich bei einer Interviewpartnerin die Frage, wie ihre Wahrnehmungen und Gefühle sind, wenn umweltpolitische Beiträge von anderen geteilt werden. Ihre Antwort lautete:

„Wenn die Freunde wirklich für das Thema stehen und oft engagiert sind, dann finde ich das gut und supporte es auch. Aber wenn es nur so alibimäßig geteilt wird, z.B. von Models, die aber auch viele Jobs annehmen und durch die halbe Welt düsen, dann ist das einfach mehr Marketing als echt. Es muss für mich einfach authentisch sein, damit ich das gut finde. Sonst ist es nur cringe.“

Aus der Antwort heraus ergaben sich viele weitere spannende Punkte, an die man hätte weiter anknüpfen können, dies hätte aber den Umfang des Interviews überschritten. In dieser Antwort sind einige eingedeutschte englische Wörter herauszulesen, welche in einem angehängten Glossar näher beschrieben werden.

Zum Thema Verantwortungsbewusstsein wurden die Interviewpartnerinnen ebenfalls befragt: „Hast du manchmal das Gefühl der Verantwortung, über umweltpolitische Themen im Internet aufmerksam zu machen und würdest du sozusagen ein schlechtes Gefühl haben, wenn du es nicht tun würdest?“ Die erste Antwort war kurz und knapp: „Nein. Null, ist nicht meine Verantwortung, Menschen zu belehren.“ und die zweite Antwort lautete:

„Hm… ne und ja ich glaube schon, dass ich eine bestimmte Verantwortung habe, aber die habe ich nicht allein. Jede Person sollte seine Reichweite nutzen, um auf umweltpolitische Themen aufmerksam zu machen. Es betrifft uns ja alle.“

Diese Aussagen könnte man so interpretieren, dass es vor allem eine individuelle Sache ist, über umweltpolitische Themen aufmerksam zu machen.

Zusammenfassend lässt sich aus den Interviews schließen, dass soziale Medien wie Instagram ein Instrument sein können, welches das Umweltengagement anregt. Allerdings ist ein Misstrauen gegenüber den Beiträgen stets vorhanden. Die visuellen und prägnanten Informationen können als Vorteil aber auch als Nachteil gesehen werden. Demgegenüber enthalten wissenschaftliche Beiträge mehr Informationen und seriöse Quellen.

Quellen

CLIMATESAVEMOVEMENT[Instagram] (2022): Instagram-Account von Climatesavemovement, veröffentlicht am 02.02.2022, online unter: https://www.instagram.com/p/CZdOKkHqPz9/ (letzter Zugriff 21.02.2022).

FRIDAYS FOR FUTURE, International [Instagram] (2022): Instagram-Account von Fridays For Future International Deutschland, online unter: https://www.instagram.com/fridaysforfuture/?hl=de (letzter Zugriff 21.02.2022).

GREENPEACE Deutschland [Instagram] (2022): Instagram-Account von Greenpeace Deutschland, veröffentlicht am 02.02.2022, online unter: https://www.instagram.com/p/CZeInIqNQzp/ (letzter Zugriff 21.02.2022).

GREENPEACE International [Instagram] (2022): Instagram-Account von Greenpeace International, eröffentlicht am 30.12.2021, online unter: https://www.instagram.com/p/CYF1NEUFKFN/ (letzter Zugriff 21.02.2022).

HAND, Martin (2016): „Visuality in Social Media: Researching Images, Circulations and Practices“. In L. Sloan & A. Quan-Haase, The SAGE Handbook of Social Media Research Methods, S. 215-231.

JANNOWITZ, Klaus. M. (2009): Netnographie –  Ethnographische Methoden im Internet und posttraditionelle Vergemeinschaftungen. In Peter Ohly (Hrsg.), Tagungsband zur Wissensorganisation ’09 „Wissen – Wissenschaft – Organisation“, 12. Tagung der Deutschen ISKO International Society for Knowledge Organization), 19. – 21.10.2009, Bonn, S. 1-9.

KOCH, Gertraud (2014): Ethnographieren im Internet. In: Bischoff, Christine / Oehme-Jüngling, Karoline / Leimgruber, Walter: Methoden der Kulturanthropologie. Bern: Haupt Verlag, S. 367-382.

KOZINETS, Robert V., Rosella Gambetti (2021): Netnography Unlimited: Understanding Technoculture Using Qualitative Social Media Research. Milton: Taylor & Francis Group.

MARCUS, George E. (1995): Ethnography in/of the World System: The Emergence of Multi-Sited Ethnography. Annual Review of Anthropology, 24, S. 95-117.

SCHULZ, Winfried (2003): Mediennutzung und Umweltbewusstsein: Dependenz- und Priming-Effekte. Publizistik, Vol.48 (4), Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschafte, S. 387-413.

STATISTISCHES BUNDESAMT (2021): Statistiken zu Instagram, Zitiert nach de.statista.com. Veröffentlicht von L. Rabe, 12.07.2021, online unter: https://de.statista.com/themen/2506/instagram/#topicHeader__wrapper (letzter Zugriff: 21.02.2022).

PSYCHOLOGISTS FOR FUTURE [Blog] (2021): Klimaangst. Anmerkungen zu einem aktuellen Schlagwort der Klimakrise, online unter: https://www.psychologistsforfuture.org/klimaangst/ (letzter Zugriff: 21.02.2022).

Glossar

hashtag: Ein mit Doppelkreuz versehenes Schlagwort, das dazu dient, bestimmte Inhalte oder Themen in sozialen Netzwerken auffindbar zu machen

cringe: Bedeutet übersetzt schaudern und wird als eine Gefühlsbeschreibung des Fremdschämens benutzt  feed: Sind fortlaufende Beiträge in sozialen Medien


[1] Cathleen Storbeck studiert Agrarwissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin.

21. Februar 2022 | Veröffentlicht von silvaing | Kein Kommentar »
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Katholische Jugend

Katholizismus als Hoffnung?

Die Einstellungen eines Mitgliedes der katholischen Jugend zu Klima, Natur und Umwelt unterstützt durch auto-ethnographische Überlegungen

Hanna Schwarz[1]

Abbildung 1: Katholische Marienkirche Cottbus, Foto: Hanna Schwarz 2022

Based on an interview conducted with a member of the Catholic youth community from the Marienkirche Cottbus, an attempt was made to address the questions of what attitudes this member of the Catholic youth community has towards climate, nature and the environment. In addition, auto-ethnographic considerations were conducted, since I have personal experiences in this field.

„Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“

Die Bibel, Altes Testament, Genesis, 1.Mose 1,26

Dieses Bibelzitat zur Gottesebenbildlichkeit des Menschen hörte ich persönlich schon als Kind im Gottesdienst. Erst viel später wurde mir bewusst, worum es dabei überhaupt ging. Ich bin in einer katholischen Familie aufgewachsen und regelmäßig sonntags in die Kirche gegangen. Dabei wurde viel gepredigt, wovon ich das meiste nicht verstand. Als ich älter wurde, interessierte ich mich sehr für Klimaschutz und Umweltbewusstsein und bezog dieses Interesse aber nie auf meine katholische Erziehung. Erst in dem Seminar „Vorstellungen von Natur und Klima in religiösen, spirituellen und sozialen Bewegungen“ der Berliner (Europäischen) Ethnologin Inga Scharf da Silva stellte ich mir die Frage, ob mein Interesse nicht doch auf Grund meines religiösen Hintergrundes ausgelöst oder zumindest unterstützt wurde, denn Bibelstellen wie 1 Mose 1:26 liefen mir im Laufe von Religionsstunden und Themenabenden immer wieder über den Weg. Um dieser Frage genauer auf den Grund zu gehen, wollte ich auch andere junge Menschen befragen, die der katholischen Kirche angehören.

Die Eingliederung dieser Thematik in die vorhandene wissenschaftliche Forschung fällt schwer, da kaum passende Forschung dazu vorhanden ist. Christine Aka begründet dies damit, „dass Religiosität in der Volkskunde bisher ein Dasein als Nischenthema gefristet habe und erst durch das gestiegene Medieninteresse wieder in den Fokus gerückt sei“ (Radermacher 2014:387). Diese Lücke in der Forschung entstand laut Rademacher durch die Skepsis, ob Spiritualität Auswirkungen für kulturelle oder soziale Verhaltensweisen mit sich bringt (ebd.). Genau diese Aussage wird versucht in diesem Beitrag zu behandeln und somit zu der Forschung beizutragen.

Meine Vorgehensweise, um diesem Thema zu begegnen, setzt sich aus einer autoethnographischen Herangehensweise im Rahmen einer kulturanthropologischen Feldforschung und einem geführten Interview mit einem Mitglied der katholischen Jugend, in dem die Methode des öffentlichen Bilder Analysierens angewandt wurde, zusammen (vgl. Falk 2014:212 ff.).

Bilder sind für die Forschung im Allgemeinen ein sehr ergiebiges Untersuchungsfeld. Dabei gibt es vor allem zwei Wege, anhand von Bildern Forschung zu betreiben: Entweder können eigene Bilder zum Forschungszweck hergestellt werden oder bereits vorhandene Bilder analysiert bzw. sie von Proband*innen analysiert werden lassen (ebd.:212). In meiner hier beschriebenen Feldforschung wird die zweite Methode verwendet. Demnach habe ich einer Probandin Bilder gezeigt und sie diese in einem bestimmten Kontext interpretieren lassen. Die Forschung mit Hilfe von Bildern kann sowohl qualitativ als auch quantitativ geschehen. Ich habe mich für die qualitative Form entschieden, da diese mir für meine kulturanthropologische Feldforschung und mein Thema passender erschien. Die Auswahl der Methode sollte immer nach dem Erkenntnisinteresse an dem jeweiligen Forschungsthema gewählt werden (ebd.). Eine Methode der Bildanalyse ist die Ikonologie.

„Bei der ikonologischen Analyse stellt sich die Frage, vor welchem Hintergrund und mit welchem Erkenntnisinteresse etwas verglichen wird, ob dieser vergleichende Blick berechtigt ist und was für Gefahren sich dabei ergeben können. Sie kann aber auch das Auge schärfen für wirkmächtige Bildtraditionen, welche die Wahrnehmung eines Bildes oft unbewusst prägen.“ (Francesca Falk 2014:214)

Dabei ist zu beachten, dass unsere Wahrnehmung immer kulturell und sozial geprägt ist. In meiner Forschung wird einem Mitglied der katholischen Jugend Bildern des Klimawandels und der Zerstörung der Natur gezeigt. Die Interpretation bzw. die Reaktion auf diese Bilder ist durch ihr Aufwachsen, ihr Umfeld und ihre im Laufe des Lebens gesammelten Erfahrungen geprägt. Dies muss der interviewenden Person bewusst sein. Dabei gilt dies nicht nur für bildliche Quellen. Auch schriftliche Quellen können von jeder Person auf Grundlage ihres Hintergrundes unterschiedlich interpretiert werden (ebd.:216).

Außerdem sollte die Intention der Produzent*innen solcher Bilder beachtet werden. In meinem Fall kann gegebenenfalls Mitleid durch ein Bild mit einem Eisbären bei der betrachtenden Person für die Tiere und ihre Situation ausgelöst werden. Dabei ist es jedoch wichtig, welchen Wissensbestand die Rezipient*innen besitzen, um dieses Bild nach der Intention der Produzent*innen interpretieren zu können. Wenn in meinem Fall die interviewte Person noch nie etwas vom menschengemachten Klimawandel gehört hat, würde diese das Bild ganz anders interpretieren als es die Intention der Produzent*innen und meiner im Interview war. Somit muss man sich in der Forschung immer auf das gegenüber einlassen und flexibel in den verwendeten Methoden bleiben (ebd.)

Interview

Abbildung 2: Gemeinde, Foto: Hanna Schwarz, Cottbus 2022.

Das Interview wurde am 24. Januar 2022 mit einem Mitglied der katholischen Jugend der Gemeinde zum Guten Hirten in Cottbus geführt. Dabei wurde zunächst zur Einleitung das Bibelzitat 1 Mose 1:26 vorgelesen und damit zur Frage hingeführt, was das Herrschen über die Welt für den Menschen mit sich bringt.

„Naja, also zum Beispiel manchmal bringt es gute Sachen mit sich, aber manchmal finde ich es auch ein bisschen…naja blöd, dass wir über die Tiere bestimmen und sie manchmal nicht so gut behandeln wie auch die Natur und so.“ (Teilnehmer 1, Cottbus, 24.1.2022)

Diese Äquivalenz der Rolle des Menschen für die Welt zieht sich durch das gesamte Interview. Mit Hilfe von drei Abbildungen, welche die interviewte Person zuerst beschreiben und dann ihren Stadtpunkt zu den Bildern darstellen sollte, wurde das Interview geführt, in dem sich Beschreibungen für die drei Bilder von der interviewten Person ergaben:

1. Bild

„Also im gesamten sieht man erstmal einen Berg und einen Baum und dann den Himmel; aber auf der linken Seite des Bildes. Also das Bild ist so ein bisschen getrennt, sieht man den Baum, der ganz verdorrt ist und der Berg, wo auch keine Wiese ist, wo alles ausgetrocknet ist und schlechtes Wetter so, mit Wolken und dann auch so Gewitter oder so was könnte ich mir vorstellen. Auf der rechten Seite ist halt die schöne Wiese, ein schöner Baum, der gesund aussieht und schöne strahlende Sonne.“ (Teilnehmer 1, Cottbus, 24.1.2022)

2. Bild

„Also man sieht: Der im Vordergrund hat sehr viel Eis und auch im Hintergrund man sieht das Wasser. Man sieht halt drei Eisbären. Eine Mama, denke ich mal. Und zwei kleine.“ (Teilnehmer 1, Cottbus, 24.1.2022)

3. Bild

„Also hier sieht man erst mal den Ozean, denke ich mal, wie der voller Plastikmüll und sowas ist.“ (Teilnehmer 1, Cottbus, 24.1.2022)

Nach dem Betrachten dieser Bilder reflektiert die interviewte Person die Rolle des Menschen in diesen Szenarien. Dabei wird klar, dass die Menschen außer durch die Regulierung des Wildbestandes nach der Meinung der interviewten Person negative Auswirkungen auf Umwelt und Klima haben. Dabei wird die Massentierhaltung, die Ausrottung und das Aussterben von verschieden Tierarten angesprochen, genauso wie die Abholzung der Wälder, der menschengemachte Klimawandel und die Verschmutzung der Meere durch Plastikproduktion. Die interviewte Person stellt sich eine Welt ohne Menschen wie folgt vor:

„Wenn keine Menschen auf der Welt gelebt hätten, würde halt die Welt den Tieren gehören und der Natur und nichts würde kaputt gehen, nichts wäre der Klimawandel. Den Klimawandel würde es nicht wirklich geben. Irgendwie, alles wäre, alles würde wuchern und schön aussehen. Die Wälder wären nicht abgeholzt, da könnten noch Tiere leben und so.“ (Teilnehmer 1, Cottbus, 24.1.2022)

Diese Einstellungen und Aussagen wurden immer in Bezug auf alle Menschen getätigt. Die Beeinflussung dieser Einstellung mit Hinblick auf die Mitgliedschaft in der katholischen Jugend wurde dadurch noch nicht ermittelt.

Auf die Frage, ob katholische Menschen auf Grundlage ihrer Religion umweltbewusster oder klimafreundlicher leben, wurde von der interviewten Person zum einen geantwortet, dass durch die Regeln in der Kirche die Menschen noch einmal darauf hingewiesen werden, wie die Natur behandelt werden soll, was bei den Atheist*innen nicht der Fall ist. Zum anderen war die interviewte Person der Meinung, dass trotz Mitgliedschaft in der katholischen Kirche die Menschen nicht grundsätzlich umweltfreundlicher sind.

„Ich finde Menschen sind Menschen. Das hat doch nicht so viel mit der Religion zu tun. […] Es gibt Menschen, die das halt machen. Menschen, die das halt nicht machen. Das ist dann egal, ob sie Atheisten oder Katholiken sind. Auch wenn es in der Bibel steht, dass das so ist. Es ist vom Menschen abhängig, was die für Richtungen haben und so, wie sie es finden.“ (Teilnehmer 1, Cottbus, 24.1.2022)

Abbildung 3: Wortwolke Interview. Urheberin: Hanna Schwarz, Cottbus 2022.

Diese Wortwolke entstand aus den Antworten der interviewten Person nach dem Ausblenden von Binnenwörtern wie „und“ oder Artikeln wie „die“. Dabei fällt auf, dass das Personalpronomen „ich“ am häufigsten verwendet wurde. Dies kann der Tatsache geschuldet sein, dass bei dem Interview vor allem nach der persönlichen Meinung der Probandin gefragt wurde. Im Hinblick auf die behandelte Beziehung zwischen Menschen und Natur bzw. Umwelt kann das Personalpronomen „ich“ auch als Symbol gesehen werden, dass der Mensch sich selbst im Mittelpunkt der Welt sieht.

Persönlicher Kommentar

Auf Grund meiner eigenen katholischen Erziehung setzte ich mich gleichfalls mit den im Interview gestellten Fragen auseinander und versuchte meine persönliche Einordung in einem Kommentar darzustellen.

Ich denke, dass es zwischen unterschiedlichen religiösen/spirituellen und sozialen Gruppen sowohl Unterschiede als auch Ähnlichkeiten in den Vorstellungen über Natur und Klima gibt.

Durch eine Erziehung in den unterschiedlichen religiösen/spirituellen und sozialen Gruppen kann das Verhältnis zu Natur und Klima früh geprägt werden. Meist glauben religiöse/spirituelle Gruppen an eine Verbundenheit mit der Erde oder daran, dass ihnen aufgetragen wurde, über die Erde zu herrschen und sie zu pflegen. Dadurch müssten eigentlich viele Menschen, die diesen Gruppen angehören, sich für die Erde und was mit ihr geschieht verantwortlich fühlen und sich somit auch umwelt- bzw. klimafreundlich verhalten. Ich denke, dass es bei vielen Menschen auch der Fall ist. Andererseits sind Mitglieder solcher Gruppen auch normale Mitglieder der allgemeinen Gesellschaft und sind somit wie alle anderen auch allen vorhandenen Reizen ausgesetzt. Daher gibt es meiner Meinung nach auch Menschen dieser Gruppen, die sich nicht umwelt- bzw. klimafreundlich verhalten. Ich denke, dass verschiedene Gruppen eine Richtung in Bezug auf Ansichten und Verhaltensweisen zu verschiedenen Themen weisen können, die Mitglieder entscheiden aber immer noch selbstständig wie ausgeprägt sie dieser Richtung folgen.

(Hanna Schwarz, 12.12.2021. Dieser Text wurde im Hinblick auf die im Folgenden dargestellten Fragen als erste Hypothese verfasst, die am Anfang des Seminars „Vorstellungen von Natur und Klima in religiösen, spirituellen und sozialen Bewegungen“ gestellt wurde: Gibt es Ähnlichkeiten oder gibt es Unterschiede in den Vorstellungen über Natur und Klima in religiösen/spirituellen und sozialen Gruppen im zeitgenössischen Kontext in Berlin? Oder gibt es Überschneidungen in den Imaginationen? Was für Argumente könnte es dafür geben? Berufen sie sich auf gleiche oder ähnliche oder gänzlich unterschiedliche Quellen?)

Fazit

In diesem Beitrag wurde versucht, eine Variante darzustellen, wie sich die katholische Religion auf Einstellungen bezüglich des Klimas, Natur und Umwelt auswirken kann. Dabei wurde festgestellt, dass es auf den einzelnen Menschen ankommt und wie dieser sich in welchem Ausmaße beeinflussen lässt unabhängig von der Religion.

Selbstverständlich ist dies nur eine kleine Forschung, die keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit hat. Dennoch wurde eine legitime Auffassung eines Mitgliedes der katholischen Kirche zu Klima, Natur und Umwelt dargestellt und versucht einzuordnen. Die Utopievorstellung der Probandin, von einer Welt ohne Menschen, in der alles wuchern und schön aussehen würde, erinnert an das christliche Paradies und ist vielleicht wieder die Zukunft der Welt, wenn der Mensch sich selbst auf Grund von umwelt- und klimaschädigenden Verhalten von der Welt vertreibt.

Literatur:

Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. (2017). Deutsche Bibelgesellschaft.

FALK, Francesca (2014): „Öffentliche Bilder analysieren“. In: Bischoff, Christine / Oehme-Jüngling, Karoline / Leimgruber, Walter (Hg.): Methoden der Kulturanthropologie. Bern: Haupt, Seite 212-222.

RADERMACHER, Martin (2014): „Volksfrömmigkeit im Gewand moderner Esoterik? Problematisierung volkskundlicher und religionswissenschaftlicher Begriffsfelder“. In: Schöne, Anja / Groschwitz, Helmut (Hg.): Religiosität und Spiritualität. Fragen, Kompetenzen, Ergebnisse. Münster: Waxmann, S. 387–403.


[1][1] Hanna Schwarz studiert Sachkunde, Deutsch und Mathematik auf Lehramt für Grundschulen an der Humboldt Universität zu Berlin.

18. Februar 2022 | Veröffentlicht von silvaing | Kein Kommentar »
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Ankündigung

Vorstellungen von Natur und Klima in spirituellen, religiösen und sozialen Bewegungen

In unserem Q-Team widmen wir uns in einer kollaborativen Arbeitsgruppe den Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Konzepten und Vorstellungen von Natur und Klimawandel in ausgesuchten religiösen, spirituellen und sozialen Bewegungen bzw. zeitgenössischen Gruppen in Berlin und Cottbus wie Urban Gardening, Wicca und Druiden (Pagane Gemeinschaften), Waldbaden, Instagram (soziale Medien), Schamanismus, jungem Katholizismus und LGBTQI+ auf der Grundlage eigener ethnographischer Feldforschungen im Wintersemester 2021/22. Die Studierenden kommen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen der Sozial-, Agrar- und Politikwissenschaften, Rehabilitationspädagogik, Europäischen Literaturen und dem Lehramt Sachkunde, Deutsch und Mathematik für Grundschulen und lernen methodisch die kulturanthropologischen Feldforschung auf ihre Fragestellungen anzuwenden, indem sie sich in das Feld der Europäischen Ethnologie begeben.

Folgende Forschungsfragen können sich dabei ergeben:

  • Befördert die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe den Gedanken der Nachhaltigkeit für den Planeten bzw. wirken Religionen, Spiritualität und soziales Engagement auf einen gesellschaftspolitischen Aktivismus ein?
  • Gibt es einen Unterschied zwischen umweltschützerischem Aktivismus und strukturellem Wandel?
  • Auf welche Konzepte von Natur und Klima beziehen sich die jeweiligen Gruppen? Bilden sie eigene Ideen aus, was Natur ist? Sind diese Vorstellungen europäisch oder außereuropäisch geprägt?
  • Inwiefern ist die Wahrnehmung von Natur als gleichwertiges Gegenüber und zu schützende Sphäre durch die Sars-Covid-19-Pandemie beeinflusst worden?

4. November 2021 | Veröffentlicht von silvaing | Kein Kommentar »
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