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„Das war eine uncoole Straße”

Ein Beispiel aus der Baerwaldstraße, Friedrichshain-Kreuzberg, 2005

Verfasst von Luis Zappe, 26.01.2021

Beispielhafte Häuser in der Baerwaldstraße. Foto von Valeria Farina

Im Rahmen des Seminars interessierte mich, wie die Lage am Berliner Mietmarkt und speziell in Kreuzberg, wo ich geboren und aufgewachsen bin, früher zur Zeit, als ich mich noch recht wenig mit diesem beschäftigt habe, war. Um neben der Literaturrecherche auch tiefer gehende Einblicke in diese Zeit zu erhalten, habe ich mich dazu entschlossen, Marko und Mariam im Format eines qualitativen Interviews zu ihren Erfahrungen bei der Wohnungssuche zu befragen. Die beiden sind die Eltern eines Freundes und wohnen seit 2005 in einer Dreizimmerwohnung in Kreuzberg. Um vorab einen Überblick über die allgemeine Situation am Berliner Mietmarkt und speziell in Friedrichshain-Kreuzberg im Jahr 2005 zu bekommen, folgt zunächst eine kurze Einführung mit den wichtigsten aus Wohnungsmarktsicht relevanten und charakteristischen Merkmalen. Anschließend ergänze ich diese Informationen mit den aus dem qualitativen Interview hervorgegangen Erkenntnissen und Einblicken.

Die Gesamtbevölkerung Berlins veränderte sich 2005 im Vergleich zu den Vorjahren kaum. Sie stieg leicht auf ein Niveau von knapp 3,4 Mio. wobei die Zu- und Abwanderung hierbei räumlich sehr differenziert ausgeprägt war. Den stärksten Zuwachs verzeichnete der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg mit 4 % gefolgt von Pankow mit 3,6 %. Alle anderen Bezirke zeigten kaum Veränderungen oder Abwanderung auf. Ein ebenfalls charakteristisches Merkmal war die in 2005 hohe, aus Wohnungsmarktsicht kritische Leerstandsquote von 5,6 % (Leerstand > sechs Monate) in Berlin, wobei davon ausgegangen wird, dass für ein reibungsloses Funktionieren des Wohnungsmarktes Leerstandsquoten in Höhe von 2,0 bis 3,0 % gegeben sein sollten. Diese werden in Berlin aktuell unterschritten. Friedrichshain-Kreuzberg wies 2005 mit 6,48 % die dritthöchste längerfristige Leerstandsquote unter den 12 Bezirken auf. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage im Internet für Mietwohnungen im mittleren Preissegment (4 – 6 €/m2 Nettokaltmiete) lag 2005 bei 2:1 im unteren Preissegment dagegen (< 4 €/m2 Nettokaltmiete) ist das Verhältnis mit etwa 1:2 genau umgekehrt, was auf eine zunehmende Anspannung des Marktes in dieser Preisklasse schließen lässt. Die Mietbelastungsquote, also der Anteil des Haushaltsnettoeinkommens, der im Durchschnitt für die Bruttokaltmiete aufgebracht werden muss, wird alle vier Jahre im Rahmen der Mikrozensus-Zusatzerhebung ermittelt und stieg zwischen 2002 und 2006 im Vergleich zur letzten Erhebung wieder merklich an. 2006 lag die Belastung in Berlin bei 28 % für alle Haushalte und bei über 32 % für Einpersonenhaushalte, wobei eine Quote ab 30 % von Sozialwissenschaftler*innen und Immobilienexperten*innen als problematisch angesehen wird. Diese Entwicklung ist auf steigende Nettokaltmieten, stark steigende Wohnungsnebenkosten und im Verhältnis nur geringfügig steigende Einkommen zurückzuführen. Das Jahr 2005 zeichnete sich darüber hinaus durch nur sehr geringe Neubauaktivität aus. So wurden im Jahr 2005 lediglich 3299 Wohnungen maßgeblich im Bereich der Ein- und Zweifamilienhäuser fertiggestellt. Zum Vergleich: In den 90er-Jahren wurden jährlich zum Teil bis zu 33000 Wohnungen neu errichtet. 2018 wurde mit 16706 Wohnungen wieder ca. die Hälfte des Neubauniveaus von 1997 erreicht. Darüber hinaus hielt der Trend der Haushaltsverkleinerung bzw. “Singularisierung” auch 2005 an. Friedrichshain-Kreuzberg wies hierbei den mit 64 % größten Anteil an Singlehaushalte auf. Mit der zunehmenden Bedeutung von maßgeblich Kultur- und Medienwirtschaft sowie des IT-Bereichs in Berlin kam es 2005 vermehrt auch zu gesteigerter Nachfrage von neuen Formen des Wohnens wie “Loft-Living”. Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte waren 2005 die meisten Loft-Angebote zu finden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Lage am berliner Mietmarkt im Jahr 2005 und im Vergleich zur heutigen Situation eine recht entspannte war. Wie die damalige Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer und Prof. Dr. Dieter Puchta, der Vorsitzende der IBB, in den Wohnungsmarktbericht 2005 einleiten, stand “Berlin […] vor der günstigen Situation, dass ein in quantitativer Hinsicht ausreichendes und qualitativ verbessertes Wohnungsangebot vorhanden [war]”. Gerade im Stadtkern und im unteren Preissegment lassen sich allerdings sehr dynamische Veränderungen ausmachen und Experten gehen von einer zukünftigen Anspannung der Marktlage aus.

Der zu der Zeit Anfang 40-jährige Marko und die Mitte 30-jährige Mariam haben diese Veränderungen seit ihrem Umzug im Jahr 2005 selber erfahren. Marko arbeitete bereits als Architekt, Mariam befand sich noch im Architekturstudium und die beiden suchten eine größere Wohnung für sich und ihre zwei Kinder. Der ältere Sohn sollte bald eingeschult werden, die Wunschschule stand auch schon fest, allerdings befand sich ihre zu der Zeit aktuelle Wohnung nicht im Einzugsgebiet. So war es den beiden auch wichtig, dass die zukünftige Wohnung nahe der Schule gelegen ist. Die eigentliche Wohnungssuche gestaltete sich für Marko und Mariam letztendlich als recht kurz und unkompliziert. Im frühen Sommer 2005 fanden sie eine ca. 140 m2 große Altbauwohnung mit Dielenboden und Balkon in der Baerwaldstraße in Kreuzberg, fast direkt gegenüber der gewünschten Grundschule. “Da hatten wir ja noch nicht mal irgendwas in Aussicht, also noch nicht mal […] eine andere Wohnung gesehen.” Die Wohnung wurde ihnen letztendlich durch eine zufällige Spielplatz-Bekanntschaft vermittelt, erinnert sich Mariam: “Wir waren auf dem Spielplatz. Sie mit ihren zwei Kindern, ich mit den zwei Kindern. Und wir haben gesagt, wir […] wissen nicht, wie wir an die Schule rankommen. […] Ja und außerdem suchen wir eine Wohnung. Und sie sagte mir: ‘Wir ziehen bald nach Hamburg, aber es dauert noch ein halbes Jahr und wenn ihr noch so lange warten könnt, vielleicht könnt ihr ja dann in unsere Wohnung ziehen’.” Mariam fährt fort: “Es ging tatsächlich. Wir haben die Wohnung und den Schulplatz von der Familie quasi übernommen.” Die neue Wohnung war also sicher, auch wenn die Familie erst ein halbes Jahr später einziehen konnte und der Vermieterin zur Überzeugung drei statt den sonst üblichen zwei Monatsmieten als Kaution zahlen mussten. Mit knapp doppelt so viel Fläche wie die alte Wohnung war die in der Baerwaldstraße aber nun auch etwa doppelt so teuer. Die ca. 4,50 €/m2 Kaltmiete entsprechen zwar ziemlich exakt dem damaligen Mietspiegel, 4,49 €/m2 Kaltmiete im Jahr 2004, mit 800 € Warmmiete mussten Marko und Mariam aber plötzlich mehr als 30 % ihres damaligen Haushaltseinkommens für die Miete aufbringen. Somit lagen sie oberhalb der als kritisch angesehenen Mietbelastungsquote und dies, obwohl die Gegend 2005 noch als verhältnismäßig unattraktiv galt. “Diese Straße hier […] war noch eine […] wo man eigentlich nicht hinzog. Die ist verkehrsstark, die ist laut. Und hier ist nichts los, hier gibts keine Geschäfte, hier geht man nicht bummeln […] Das war eine uncoole Straße, total! Und dann danach hat man erst gemerkt, wie schwierig das wurde, Wohnungen zu finden. Also sukzessive zog das hier an.” Dass die nähere Umgebung so “ausgestorben” war, führt Mariam zum Teil auf das Wegfallen einer Tramverbindung zurück. Zuvor hätte die Straßenbahnstrecke für deutlich mehr Publikumsverkehr in und um die Baerwaldstraße gesorgt. Den angrenzenden Bergmann- und Graefekiez dagegen beschreibt Marko als schon damals “sehr attraktiv”. Auch die zu der Zeit sehr hohe längerfristige Leerstandsquote von 6,48 % in Friedrichshain-Kreuzberg machte sich in der neuen Nachbarschaft um die Baerwaldstraße bemerkbar. So erinnert sich Marko: “Es gab Leerstand, also hier die ganzen Höfe, die jetzt hier hinter sind, also diese Gewerbehöfe sind erst danach vor vielleicht 5 Jahren ausgebaut worden. […] Wie nach dem Krieg sah das hier teilweise aus und da hingen auch Schilder, dass man mit der Telefonnummer von irgendjemanden, dass man da anrufen konnte, wenn man noch eine Wohnung brauchte.” Dennoch berichten die beiden, dass die Suche nach einer bezahlbaren großen Wohnung in der Regel schon damals langwierig war, was sich mit den Beobachtungen zu zunehmend angespannten Verhältnissen bei günstigeren Wohnungen im Wohnungsmarktbericht von 2005 deckt. “Es gab einfach nicht so viele Wohnungen mit so vielen Zimmern, das war so das Thema. […] Doch ja, da hat man schon mal ein Jahr gesucht oder eineinhalb, zwei.” Brachen in der näheren Umgebung gibt es mittlerweile keine mehr. Auf manchen der ehemals freien Flächen entstanden soziale Einrichtungen, auf anderen wiederum teure Eigentumswohnungen mit Tiefgarage. Auch an Kräne in den Straßen, mit denen die Dachgeschosse der umliegenden Häuser ausgebaut wurden, erinnert sich Mariam. Ihre Vermieterin bzw. neuerdings der Schwiegersohn der Vermieterin habe jedoch auch während dieser Veränderungen stets auf ein gutes Wohnklima für alle Mieterinnen und Mieter geachtet und nie wirklich Profit aus der Immobilie geschlagen. “Und das ist sehr sehr angenehm, muss man wirklich sagen, ich glaube, da gehören wir zu den ganz wenigen, die noch einen guten Vermieter haben.” Doch auch Marko und Mariam blieben von den steigenden Mieten in Berlin nicht verschont, wenn auch die Mietsteigerung bei ihnen bisher recht gemäßigt ausfiel: “Ja, ja also unsere Mieten sind auch angestiegen. Auf jeden Fall. Wir haben allerdings auch ein neues Badezimmer bekommen, das wurde umgelegt, deshalb ist die Miete gestiegen. Dann wurde die Miete mal angepasst, weil sie viel zu weit entfernt […] war von dem Mindestmietspiegel-Preis. Die lag weit darunter.” Heute zahlen die beiden statt ehemals 800 €, 1100 € Warmmiete im Monat. Da aber nun auch Mariam mit dem Studium fertig ist und arbeitet, fällt die Mietbelastungsquote heute deutlich geringer aus als bei ihrem Einzug. Was Marko und Mariam aber dennoch aufgefallen ist, ist dass viele der Wohnungen in ihrem Haus vor einem Neubezug mit einem zweiten Bad und einer Einbauküche aufgewertet werden. Besonders das zweite Bad soll laut Mariam selten wirklich sinnvoll gewesen sein: “Das kriegen die nicht, weil das unheimlich toll ist, sondern weil du automatisch mit dem zweiten Badezimmer in die nächsthöhere [Preis-] Kategorie […] gehst. […] Dann ist in der Speisekammer plötzlich ein Badezimmer drin” ergänzt Marko. Mit dem Blick auf die heutige Situation am berliner Mietmarkt fällt Mariam auf, dass die beiden bei ihrem Einzug in die Wohnung im Jahr 2005 noch darüber nachgedacht haben, sich, wenn die Kinder ausgezogen sind, wieder eine kleinere Wohnung zu suchen. Heute kommt ihnen diese Alternative vor dem Hintergrund der angespannten Lage am Wohnungsmarkt zunehmend unrealistisch vor. “Das ist so was sich tatsächlich geändert hat, das war vorher nicht so.“

Marko und Mariam gelang es im Jahr 2005 also ohne größeren Aufwand eine Wohnung ganz nach ihren Vorstellungen zu finden. Dass das “am Ende […] ein totaler Zufall” war und nicht unbedingt repräsentativ für die allgemeine Situation zu der Zeit ist, ist den beiden sehr wohl bewusst. Marko und Mariam beschreiben so bereits 2005 schon gewisse Spannungen auf dem Wohnungsmarkt empfunden zu haben, auch wenn ihr Weg zur neuen Wohnung recht unkompliziert war. So sei schon damals das Angebot von bezahlbaren, großen Wohnung grundsätzlich begrenzt gewesen, was sich mit den in der Literatur auszumachenden Trends deckt. Andererseits waren auch die zur Zeit ihres Einzugs hohen längerfristigen Leerstandsquoten in ihrer damals neuen Nachbarschaft noch deutlich wahrnehmbar. Während der letzten Jahre haben Marko und Mariam sowohl in ihrem Haus als auch in der näheren Umgebung eine klare Zuspitzung der Mietmarkt-Situation miterlebt. Zu ihrem Glück blieb ihre Miete während dieser Prozesse fair und lag zeitweise sogar deutlich unter dem Mietspiegel. Bis sich die Situation entspannt, müssen wohl auch die Pläne zu einem Umzug in eine kleinere Wohnung erst einmal warten.

Literaturverzeichnis

Funke, Birgit: Lofts in Berlin – Chance für ein Nischenobjekt, in: Spars, Guido (Hrsg.),

Wohnungsmarktentwicklung Deutschland: Trends, Segmente, Instrumente, Berlin, Deutschland: Univerlag TU Berlin, 2006, S. 125-142.

Hans Böckler Stiftung: Mieten bringen viele an die Belastungsgrenze, 2017, [online] https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-mieten-bringen-viele-an-die-belastungsgrenze-3805.htm [30.11.2020].

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung / Investitionsbank Berlin: Wohnungsmarktbericht 2005, 2006.   

SenStadt / IBB: Wohnungsmarktbericht 2006, 2007.

SenStadt: Flächenentwicklung in Berlin 2010, 2011.

SenStadt / IBB: Wohnungsmarktbericht Tabellenband 2019, 2020.

Statistische Bibliothek: Fachserie / 5 / Mikrozensus-Zusatzerhebung / 1, 2019,  [online] https://www.statistischebibliothek.de/mir/receive/DESerie_mods_00000077 [30.11.2020].

Statistisches Bundesamt / Statista: Einwohnerzahl von Berlin in ausgewählten Jahren von 1600 bis 2019, 2019, [online] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1079347/umfrage/bevoelkerung-in-berlin/#professional [30.11.2020].

Interview

Marko / Mariam: Interview, 06.01.2021, Berlin.

23. Februar 2021 | Veröffentlicht von Luis Tibo Zappe | Kein Kommentar »
Veröffentlicht unter Friedrichshain-Kreuzberg

„Ich dachte schon, ich finde gar nichts mehr“

Ein Beispiel aus dem Samariterkiez in Friedrichshain-Kreuzberg, 2019

Verfasst von Anneke Lipinski

Friedrichshain-Kreuzberg zählt neben Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf zu den beliebtesten Bezirken in Berlin (1). 2019 lebten 290.386 Menschen in diesem Bezirk (2). Bei einer Gesamteinwohnerzahl von 3.669.491 Personen in Berlin beträgt dieser Anteil damit knapp 7,9% (3). Mit einer Fläche von 20,4 km2 zählt Friedrichshain-Kreuzberg zum kleinsten, aber zugleich auch bevölkerungsdichtesten Bezirk in Berlin (4)

Friedrichshain-Kreuzberg ist ein recht junger Bezirk. Zahlen von 2019 geben an, dass 16,8% der EinwohnerInnen unter 20 Jahren alt sind, der größte Teil der Bevölkerung ist zwischen 20 und unter 40 Jahren alt (41,2%). 2019 betrug das Durchschnittsalter im Bezirk 38,2 Jahre, berlinweit lag das Alter bei 42,8 Jahren (5)

Etwa 85% aller Wohnungen in Berlin sind Mietwohnungen. Berlinweit gibt es 1.906.400 Wohnungen, davon 1.638.800 zur Miete (6). 2018 lebten knapp 1,47 Mio. Haushalte zur Miete, der Großteil davon als Einpersonenhaushalt (53,0%) gefolgt von Zweipersonenhaushalten (28,3%) (1). In Friedrichshain-Kreuzberg ist der Anteil der Einzelpersonenhaushalte noch höher. Im Jahre 2019 lebten 61,2% der BezirkseinwohnerInnen alleine (4)

Die Medianmiete für ganz Berlin lag 2019 bei 10,45 EUR/m2. Die durchschnittliche Miete in Friedrichshain-Kreuzberg lag bei 13,01 EUR/m2 und war somit überdurchschnittlich hoch. Zudem stieg dieser Mietzins in Friedrichshain-Kreuzberg im Vergleich zu 2017 um 8,9% an, berlinweit um 6.9%  (1,4). Damit eine Wohnung als “leistbar” gilt, darf die Gesamtmiete maximal 30% des Netto-Haushaltseinkommens betragen. Gerade für Haushalte mit niedrigem Einkommen sind viele Wohnungen deshalb nicht leistbar und die Anzahl der verfügbaren Wohnungen wird immer geringer (7). Das mittlere monatliche Pro-Kopf-Einkommen (Netto) lag 2017 in Friedrichshain-Kreuzberg mit 1.250€ knapp über dem Berliner Durchschnittseinkommen von 1.225€. Dabei unterscheiden sich Personen mit Migrationshintergrund (875€) in ihrem Einkommen stark von den Personen ohne Migrationshintergrund (1.400€) (4). Vor allem für Einpersonenhaushalte sind die Angebote an kleinen und bezahlbaren Wohnungen sehr rar, was im starken Kontrast zu der hohen Anzahl an Einpersonenhaushalten steht (7,8).

Durch zunehmende Mietmarkt-Spekulationen, Privatisierung von Wohnungsraum und stetig steigender Nachfrage steht Berlin inzwischen vor einer “Wohnungskrise” und es wird immer schwieriger für Menschen, leistbaren Wohnraum zu finden. Durch steigende Mieten müssen MieterInnen auf immer mehr Wohnfläche verzichten oder werden in die Randbezirke verdrängt, da sie sich die Mietpreise innerhalb des Berliner S-Bahn Rings nicht mehr leisten können oder erst gar keine leistbaren Angebote finden (7).

Doch was bedeutet dies für die tatsächliche Wohnungssuche im Jahr 2019?

Im Juli 2019 begab sich die zu dem Zeitpunkt 23-jährige Studentin Luise auf die Suche nach ihrer ersten eigenen Wohnung (9). Sie studierte seit vier Jahren Psychologie in Berlin und hatte seit ihrem Zuzug in die Hauptstadt in drei WGs in verschiedenen Bezirken Berlins gewohnt und wollte nun in einer eigenen Wohnung für sich mehr Ruhe und Zeit für das Studium haben. “Irgendwann ist mir das alles zu viel geworden. Zu viel Lärm, meine Mitbewohnerin in der letzten WG war echt chaotisch und ziemlich egoistisch. Man musste sich ständig nach ihr und ihren Launen richten. Und wirklich zuhause hab’ ich mich da auch nicht mehr gefühlt. Noch eine neue WG wollte ich aber auch nicht mehr. Da hab ich mir gedacht: Warum nicht alleine wohnen, wenn ich etwas finde, das ich mir leisten kann.”Nach intensiver Suche über fast zehn Woche, vielen, oft spontanen, Besichtigungsterminen und etlichen Absagen fand die Studentin Ende Oktober schließlich eine ca. 33 m2 große Ein-Zimmer-Wohnung im Samariterkiez in Friedrichshain. Die Wohnung befand sich im Erdgeschoss eines um 1910 entstandenen Altbaus. Auch wenn die Straße ein wenig heruntergekommen wirkte, so waren das Wohnhaus und die Innenhöfe in einem gepflegten Zustand. “Ich war erstmal ein bisschen vorsichtig, als ich das Angebot gesehen habe. Die Bilder von der Wohnung sahen zwar echt super schön aus, der Preis hat gestimmt und den Samariterkiez fand ich auch toll. Witzig war, dass ich zu dem Zeitpunkt quasi um die Ecke gewohnt habe in meiner WG und den Kiez echt geliebt habe. Aber Erdgeschoss als Frau alleine war so eine Sache. Da müsste die Wohnung dann schon echt stimmen, dass mich das überzeugt. […] Als ich die Wohnung dann bei der Besichtigung gesehen hab, war ich echt begeistert. Die war zum Glück im Hinterhof und nicht nach vorne raus zur Straße. Da war Erdgeschoss also kein Problem. Es war zwar was dunkel, aber die Wohnung war schön geschnitten und hatte sogar eine Küche drin. Das hat mir wirklich gut gefallen.” Die Wohnung verfügte über ein getrenntes Schlafzimmer, sowie ein Bad mit Badewanne und einer eingebauten voll ausgestatteten Küchenzeile mitsamt Kühlschrank und Herd. Einschließlich Nebenkosten betrug der monatliche Warmmietpreis knapp 490€ und lag damit genau im Budget der Studentin von bis zu 500€ warm. Mit einem Quadratmeterpreis von ca. 11,80€ Kaltmiete lag die Wohnung für ihre Lage sowie Größe und Ausstattung im oberen Preisrahmen der Mietspiegeltabelle 2019 (6).

Foto von Valeria Farina (c)

Nach der Besichtigung reichte Luise alle entsprechenden Unterlagen bei der Hausverwaltung ein. Eine Bürgschaft ihrer Eltern konnte sie ebenfalls einreichen. “Ich bin echt dankbar für meine Eltern. Die hatten zum Glück kein Problem damit, dass sie für mich die Bürgschaft übernehmen. Ohne die beiden hätte ich mir die Wohnung sonst niemals leisten können und hätte auch niemals die Nachweise gehabt, die man so braucht.” Zwei Tage nach der Besichtigung bekam die Studentin dann den Anruf, dass sie die Wohnung anmieten könne. “Ich weiß noch, wie sehr ich mich gefreut habe, als der Anruf dann kam. Ich hab so lange gesucht und hatte nur Absagen. Und die Wohnung war genau das, was ich mir gewünscht habe. So ganz glauben konnte ich es in dem Moment dann noch nicht ganz, dass ich jetzt wirklich was gefunden habe.”

Gesucht habe die Studentin dabei ausschließlich nach Wohnungen innerhalb des S-Bahn Rings von Berlin, vor allem in Friedrichshain-Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Mitte und Neukölln. “Ich wollte unbedingt innerhalb vom Ring wohnen, am liebsten in Friedrichshain. Ich hab die ersten zwei Jahre recht weit draußen gewohnt und das wollte ich echt nicht mehr. Dann doch lieber wieder in eine neue WG ziehen, die gut liegt.” Warum Luise vor allem in Friedrichshain leben wollte, beschrieb sie wie folgt: “Ich fand Friedrichshain schon immer den tollsten Bezirk. Hier ist immer was los, meine Lieblingsrestaurants sind hier. Sonntags gibt es hier so viele Flohmärkte. Es gibt gute Clubs und Bars und ich mag einfach die Menschen und die Stimmung hier. […] Ich war schon bei der letzten WG super froh, endlich in Friedrichshain zu wohnen und wollte hier echt ungern weg. Da hab ich mich umso mehr gefreut, dass meine jetzige Wohnung genau da ist, wo ich es am schönsten finde.” 

Die Suche beschrieb die Studentin als sehr zeitintensiv und stressig. “Ich dachte schon, ich finde gar nichts mehr und muss dann doch wieder in eine WG ziehen. Ich habe die Suchportale über Wochen wirklich mehrfach in der Stunde gecheckt, weil ich so unbedingt alleine wohnen wollte. Die Angebote, die ich mir leisten konnte, die waren oft nicht mal 10 Minuten online. Da musste man echt schnell sein. Das war echt stressig und hat mich viel Zeit gekostet und dann kam fast nie eine Antwort zurück.” Für die Suche verwendete sie ausschließlich das Portal ImmobilienScout 24. “Da gab es die meisten Inserate und ich hab da mehrfach am Tag Hausverwaltungen für Besichtigungstermine angeschrieben.” 

Wie viele Wohnungen Luise schlussendlich angeschrieben habe, wisse sie nicht mehr, aber “im dreistelligen Bereich war es auf jeden Fall.” An die Besichtigungstermine und die Anzahl der Antworten könne sie sich aber noch gut erinnern. “Insgesamt hab ich mir fünf Wohnungen angeschaut. Schön fand ich die alle und hab auch bei allen eine Bewerbung eingereicht. Die letzte Wohnung ist dann meine geworden. […] Aber es ist schon echt verrückt, was man alles machen muss, um heutzutage eine Wohnung zu bekommen. Schufa, Gehaltsnachweise, Mieterauskunft, Anschreiben. Das ist mehr, als ich jemals für einen Job oder irgendwas hab abgeben müssen und ohne Unterstützung der Eltern geht als Studentin echt nichts”, erinnert sie sich. 

Und was nimmt Luise für die zukünftige Wohnungssuche an Erfahrungen mit? “Dass die Suche Zeit braucht. Und ich vorher unbedingt alle Unterlagen zusammen haben möchte, die man dann nur noch abschicken muss. Ob ich die nächste Wohnung ohne meine Eltern bekomme, wer weiß. Ist schon ein verrückter Gedanke, so mit Ende 20 noch immer nicht auf eigenen Beinen stehen zu können. […] Aber an die nächste Suche will ich gerade noch gar nicht denken (lacht). Das wird ja vielleicht noch schwerer als die letzte.” 

Rückblickend sei Luise froh, eine Wohnung gefunden zu haben, die ihren Ansprüchen und Wünschen so sehr entsprochen hat. “Am Ende war es die Suche wirklich wert”, sagt sie. Bis heute wohnt sie gerne dort.

Fazit

Luise beschreibt ihre Wohnungssuche 2019 als sehr stressig und zeitaufwendig. Sie musste mehrere Wochen bzw. Monate suchen, bis sie eine leistbare Wohnung für sich finden konnte. Ihre Erfahrung deckt sich mit den zugrundeliegenden Fakten und Statistiken, die zeigen, dass Friedrichshain-Kreuzberg ein überdurchschnittlich teurer Bezirk ist, in dem bezahlbarer Wohnraum, vor allem für Alleinlebende, sehr rar zu finden ist. Auch wenn der Mietpreis ihrer Wohnung für den Bezirk im durchschnittlichen Rahmen liegt, ist dieser mit fast 12€/m2 gemessen an Gesamtberlin überdurchschnittlich hoch. Ohne finanzielle Unterstützung ihrer Eltern hätte Luise wahrscheinlich keine Wohnung beziehen können und hätte erneut ein WG- oder Wohnheimzimmer suchen müssen. Des Weiteren zeigt sich anhand von Luises Erfahrung, dass für alleinlebende Frauen andere Kriterien bei einer Wohnungssuche gelten, wie z.B. nicht in einer Erdgeschosswohnung zur Straße weisend wohnen zu wollen, um sich in der eigenen Wohnung sicher zu fühlen. Diese Einschränkung verringert das bereits spärliche Wohnungsangebot noch weiter.

Ihre Schilderungen der intensiven Suche, raren Angebote, fehlenden Antworten seitens der Vermieter*innen und wenigen Einladungen zu Besichtigungsterminen machen deutlich, wie angespannt die Lage im Jahre 2019 auf dem Berliner Mietmarkt war. Vor allem bei geringem Budget und dem Wunsch nach einer zentralen Lage im Berliner Ring sind die Wohnungsangebote spärlich zu finden und dabei hart umkämpft. Ebenso sind es nicht nur die finanziellen sondern auch zeitliche Ressourcen sowie Flexibilität, die eine Wohnungssuche in der Hauptstadt benötigt. Geringverdiener*innen, Alleinerziehende mit Kindern oder Personen die im Schichtdienst arbeiten werden durch diese Anforderungen bei der Suche nach passendem Wohnraum strukturell benachteiligt. Es ist davon auszugehen, dass sich dieser Zustand in den kommenden Jahren noch verschärfen wird, was unter anderem an der Sorge von Luise deutlich wird, wenn sie an eine zukünftige Wohnungssuche denkt. 

Literaturverzeichnis

  1. Investitionsbank Berlin: IBB Wohnungsmarktbericht 2019 – Zusammenfassung. 2019; .
  2. Einwohnerzahl der Bezirke in Berlin 2019. Statista. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1109841/umfrage/einwohnerzahl-bezirke-berlin/ (zugegriffen 24. November 2020)
  3. Einwohnerzahl in Berlin bis 2019. Statista. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/154880/umfrage/entwicklung-der-bevoelkerung-von-berlin-seit-1961/ (zugegriffen 24. November 2020)
  4. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg: Friedrichshain-Kreuzberg in Zahlen. 2020. https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/ueber-den-bezirk/zahlen-und-fakten/ (zugegriffen 24. November 2020)
  5. Einwohnerinnen und Einwohner im Land Berlin am 31. Dezember  2019. : 38.
  6. Berliner Mietspiegel / Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin / Broschüre. https://www.stadtentwicklung.berlin.de/wohnen/mietspiegel/de/broschuere.shtml (zugegriffen 24. November 2020)
  7. Mietenwatch — Berlins Mietmarkt unter der Lupe. https://www.mietenwatch.de/ (zugegriffen 25. Januar 2021)
  8. Amt für Statistik Berlin Brandenburg – Statistiken. https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/BasisZeitreiheGrafik/Bas-Mikrozensus.asp?Sageb=12002&creg=BBB (zugegriffen 25. Januar 2021)
  9. S. Luise, persönliches Interview, Berlin, 29.12.2020, durchgeführt von Anneke Lipinski

15. Februar 2021 | Veröffentlicht von Anneke Christine Lipinski | Kein Kommentar »
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