Mikrogeschichtliche Studie zur Positionierung und Entnazifizierung der evangelischen Kirche Berlins – am Beispiel der Kirchengemeinde Lichtenrade

verfasst von Raphael Wöstmann & Nadja Martin

Anhand der folgenden Arbeit soll ein Einblick ermöglicht werden, welche Position die evangelische Kirche in der NS-Zeit einnahm und warum die Entnazifizierung dort nur teilweise funktioniert hat. Dazu wird diese Studie auf die Allgemeinsituation der evangelischen Kirche während der Zeit des NS eingehen und sich anschließend mit den grundsätzlichen Schwierigkeiten der Entnazifizierung befassen. Dies soll durch ein Beispiel, der willkürlich ausgesuchten Dorfkirche der Gemeinde Lichtenrade, veranschaulicht werden.

Allgemeines

Im Zuge der Entnazifizierung durch die Alliierten sollten Personen festgestellt werden, die während des NS Regimes eine Funktion im politischen oder öffentlichen Dienst bekleidet haben. Indem diese Personen ihre Position aufgeben mussten beziehungsweise eine derartige nicht mehr wiedererlangen konnten, sollte Deutschland von der nationalsozialistischen und militaristischen Gesinnung befreit werden. Dieser Vorgang wurde jedoch deutlich erschwert, da sich die Alliierten zuerst darauf konzentrieren mussten, die wichtigsten Versorgungseinrichtungen wieder aufzubauen, um somit eine gewisse Stabilität im Land zu schaffen. Da die Besatzungsmächte vorerst eigenständig über die Kompetenzen der einzustellenden Personen urteilen mussten, kam es zu Beginn des Entnazifizierungsprozesses aber oftmals zu Fehlentscheidungen oder wiederholten Änderungen. So wurden schließlich umfangreiche Fragebögen erstellt, die den Alliierten eine erleichterte Auswahl ermöglichte. Sobald nachgewiesen wurde, dass eine Person mehr als nur Mitläufer des nationalsozialistischen Systems war, wurde diese ohne Rücksicht auf etwaige monetäre oder rechtliche Ansprüche aus ihrem Amt entlassen. Ein wichtiges Kriterium, welches zur direkten Entlassung führte, war der Beitritt der NSDAP vor dem ersten Mai 1937. Hinzu kamen viele weitere Merkmale, die sich zusätzlich zur Politik und Verwaltung auf die Bereiche der Wirtschaft, Militär sowie Einzeltaten bezogen. 
Die Zugehörigkeit zu den Deutschen Christen zählte ebenfalls zu diesen Merkmalen, wurde jedoch in der Regel nicht wirklich schwer gewichtet, sodass es zumeist höchstens zu einer Entlassungsempfehlung kam. (vgl. Vollnhals S.45 ff.) Die Evangelische Kirche lehnte diesen staatlichen Eingriff seit 1946 auch öffentlich ab.

Die Alliierten verließen sich darauf, dass die Kirchen selbständig dafür Sorge tragen würden, ehemalige Nazis nicht weiterhin zu beschäftigen, da sie die Evangelische Kirche zu Beginn der Besetzung unter dem Deckmantel der bekennenden Kirche als anti-nationalsozialistisch und als moralisch unangetastete Autorität des Widerstands sahen. (vgl. Vollnhals S.13) Die Im Verlauf der Neubesetzung stellte sich zwar heraus, dass die Bekennende Kirche nicht per se gegen den Nationalsozialismus und Militarismus gewesen ist, dennoch wurde es in den meisten Fällen nicht ausführlich überprüft. (vgl. Weitzel S.156)

Die evangelischen Kirchen Berlins in Zeiten des Nationalsozialismus: 

In mehr als der Hälfte aller Gemeinden Berlins kam es während der NS-Zeit zu internen Spaltungen. Grund hierfür waren in der Regel die unterschiedlichen Auffassungen der Gemeindemitglieder, bezüglich der kirchlichen Autonomie. Die Deutschen Christen wollten eine völkisch kompatible Reichs-und Führerkirche. Den Anhängern der Bekennenden Kirche ging es hauptsächlich um die Bewahrung der Bekenntnisgrundlagen und Selbstständigkeit der Kirche.
In Kirchen, in denen die Deutschen Christen die Oberhand gewonnen hatten, konnte es durchaus vorkommen, dass Politik und Kirche fast untrennbar wurden und während der Gottesdienste sogar das Horst-Wessel-Lied mit erhobenem rechtem Arm gesungen wurde oder anstelle der Bibel eine Ausgabe von Adolf Hitlers “Mein Kampf” zu Hochzeiten oder Konfirmationen verschenkt wurde.

Dorfkirche Lichtenrade im Nationalsozialismus

Diese Spaltung wird auch am Beispiel der evangelischen Kirchengemeinde Lichtenrade deutlich. Im Zuge der Kirchenwahlen im Jahr 1932 traten drei Listen an. Die christlich unpolitische Liste, welche die Mehrheitsmeinung des ansässigen Bürgertums vertrat und durchaus mit der politischen Agenda der Nationalsozialisten sympathisierte, aber die Bereiche der Politik und Kirche getrennt voneinander wollte. Zusätzlich gab es die Liste des evangelischen Gemeinschaftsbundes, der großen Wert auf Gemeindeaktivitäten außerhalb des Gottesdienstes legte und eine pietistische Einstellung vertrat. Als dritte Liste gab es die Liste der Deutschen Christen, auf der die gesamte Führung der NSDAP-Ortsgruppe gelistet war. 


Bei der Wahl erreichten die Deutschen Christen nur circa ein Drittel der Stimmen. Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 wurde allerdings schließlich die Umwandlung der evangelischen Kirche in eine ins Führersystem passende Reichskirche angestrebt.  So kam es nach Änderung der Kirchenverfassung im Juli 1933 vermehrt zu Differenzen zwischen Evangelischen, die den Nationalsozialismus zwar befürworten, sich aber gegen eine Politisierung der Kirche wehrten und den Deutschen Christen, die versuchten eine gemeinsame Reichskirche zu schaffen, um die politische Agenda auch im Gotteshaus durchzusetzen. Die Oberhand gewannen schließlich die Deutschen Christen durch Einheitslisten, in denen sie selbst in der Regel mindestens zwei Drittel der Sitze einnahmen. 
Eine derartige Einheitsliste gab es auch in der Gemeinde Lichtenrade. Hier wurde keine Gegenliste aufgestellt und so kam es auch dort, ohne eine wirkliche Wahl, zu einer Neubesetzung der Kirchengemeinde. (vgl. Weitzel S.128 ff.) Der zu diesem Zeitpunkt amtierende Pfarrer Willy Röglin war zwar ein großer Befürworter der NS-Politik (Mitglied NSDAP seit 1933), sprach sich aber deutlich gegen die Politisierung der Kirche aus. So wurde er nach Änderung der Kirchenverfassung darüber in Kenntnis gesetzt, dass eine bisher von ihm eingesetzte kommissarische Gemeindeleitung durch Mitglieder der Deutschen Christen abgelöst werden würden.


Da ihm eine Neuordnung befohlen wurde, entwarf Pfarrer Röglin einen Fragebogen, um die politischen Ansichten der Bewerbenden im Vorfeld zu erkennen. So versuchte er auf Grundlage des Fragebogens ein Mitglied der Deutschen Christen und überzeugten Nationalsozialisten für die zweiter Pfarrerstelle ausfindig zu machen. Der Fragebogen enthielt neben allgemeinen Fragen zur Person, die Frage der „arischen“ Abstammung sowie eine Befragung zur Ehefrau. Nach politischer Tätigkeit und Beschäftigung seit 1919 wurde ebenfalls gefragt. Dieses Vorgehen bestätigt deutlich die nationalsozialistische Gesinnung Röglins, da dieser Fragebogen noch vor der Eingliederung des Arierparagraphen in den Kirchen die Frage der „arischen“ Herkunft anführte. 
Schließlich wurde Heinrich Müller (Mitglied der NSDAP seit 1928) zum zweiten Pfarrer der Kirchengemeinde auserwählt. Müller, selbst ein begeisterter Nationalsozialist, befasste sich in der Gemeinde hauptsächlich mit der Parteiarbeit. Gottesdienste und Gemeindearbeit waren für ihn eher nebensächlich und uninteressant. So verbrachte er viel Zeit damit, bei SA-Veranstaltungen zu predigen. Es wird sogar berichtet, dass er seine SA-Uniform in der Kirche unter seinem Talar trug und die begehrten alten Kirchenlieder durch neue politisch geprägte Versionen ersetze. (vgl. Weitzel S.133 ff.) Seine Predigten waren ebenfalls sehr politisiert.

In einem Beispiel einer Predigt wird Adolf Hitler direkt zitiert:
„Der deutsche Führer sagt: mein christliches Gefühl weist mich hin auf meinen Herrn und Heiland als Kämpfer. Es weist mich hin auf den Mann der einst einsam, von wenigen umgeben diese Juden erkannte und zum Kampf gegen sie aufrief und der wahrhaftige Gott, nicht der Größte war als Dulder, sondern als Streiter.“  ( Weitzel S.140)


Müllers radikaler Versuch die Lichtenrader Kirchengemeinde zu Politisieren, führte schließlich zu ausgeprägten Differenzen zwischen ihm und Röglin. Da Röglin vehement eine Trennung zwischen Kirche und Politik forderte, entstand im Laufe der Zeit eine immer tiefer werdende Feindschaft zwischen ihnen. Diese wurde sogar so groß, dass Müller versuchte, Röglin aus der Kirchengemeinde zu vertreiben. 
Im Jahr 1940 wurde Müller schließlich zur Wahrnehmung seiner Wehrpflicht einberufen, woraufhin er die Kirchengemeinde Lichtenrade verließ, um dieser nachzukommen. Sein Pfarrdienst hätte ihn eventuell davon befreien können, jedoch entschied er sich aus freien Zügen den Dienst wahrzunehmen. Pfarrer Röglin hingegen blieb für den gesamten Kriegsverlauf in seiner Funktion als Pfarrer in der Lichtenrader Kirchengemeinde. (vgl. Weitzel S.146)

Doch was passierte nach 1945 mit den beiden Pfarrern?

Müller gab schließlich im Jahr 1944 seine Rolle als Pfarrer mit Aussicht auf eine Anstellung als Regierungsrat in der Finanzverwaltung im Reichsprotektorat Böhmen Mähren von der Front aus auf. Nachdem der Krieg schließlich endete und ihm diese Position nicht mehr zur Verfügung stand, ließ er nichts unversucht, um seine Rechte des Geistlichen Standes wiederzuerlangen. So machte er ab 1945 erst selbst den Versuch und anschließend über die Landeskirche Hannover seinen Geistlichen Stand zurückzuerhalten. Das Konsistorium in Berlin erwiderte jedoch, dass Müllers Personalakten zwar durch ein Feuer im Februar 1945 zerstört worden seien, sie eine Wiedereingliederung aber auf Grund von Müllers Gesinnung sowie Verhaltens nicht befürworten könnten. Im Jahr 1949 versuchte es Müller erneut, dieses Mal sogar mit Hilfe der Landeskirche Sachsens, um erneut als Pfarrer arbeiten zu können. Müllers finanzielle Lage war mittlerweile so miserabel, dass er zwischenzeitlich sogar als Straßenarbeiter sein Geld zu verdiente. Da die Personalakten nicht mehr vorhanden waren, schickte das Berliner Konsistorium zu ihrer vorangegangenen Antwort, ein antisemitisches Flugblatt Müllers aus der NS-Zeit, um seine Gesinnung zu verdeutlichen und somit die im Vorfeld getroffene Entscheidung zu bestärken.
Im November 1956 erhielt das Konsistorium Berlin auf Anfrage jedoch schließlich die Benachrichtigung, dass Pfarrer Müller Inhaber der Pfarrstelle in der Nähe von Zittau in Sachsen sei. Unterschrieben wurde diese Erklärung vom ehemaligen HJ-Justiziar Dr. Herzog, welcher im Zuge der Entnazifizierung seine Position im Staatsdienst verloren hatte. ( Online-Quelle Sächsiche Biografie zu Gustav Wilhelm Heinrich Herzog)

Röglin hingegen bekleidete auch noch nach 1945 die erste Pfarrstelle der Gemeinde Lichtenrade. Schnell wurden allerdings innerhalb der Kirchengemeinde Stimmen laut, die seine nationalsozialistischen Ansichten verurteilten, woraufhin Röglin Lichtenrade schließlich verließ. Zu seinem Verlassen der Gemeinde finden sich nur noch widersprüchliche Informationen. Entweder wurde er dauerhaft beurlaubt oder er ist eigenständig gegangen – ohne seine Amtsgeschäfte ordentlich zu übergeben. Laut Konsistorium der Mark Brandenburg versuchte er vor Eintreffen der Roten Armee die Gemeinde zu verlassen, was ihm jedoch scheinbar nicht gelang, da er anschließend wieder zurückkehrte. Darüber hinaus sollte er kein Pfarramt mehr in Berlin oder Umgebung bekleiden, könne dies aber durchaus anderenorts tun. Ab April 1947 erhielt Röglin schließlich Unterstützung als nicht beschäftigter aktiver Geistlicher durch die Landeskirchenkasse zu Darmstadt.

Fazit

Diese mikrogeschichtliche Miniatur über die Kirchengemeinde Lichtenrade verdeutlicht gut, dass in der evangelischen Kirche keine lückenlose Entnazifizierung stattgefunden hat. Die Tatsache, dass sowohl Pfarrer Röglin als auch Pfarrer Müller trotz Angehörigkeit der NSDAP erneut Zuwendungen der Kirche erhielten, ist nicht nur äußerst bedenklich sondern wiederspricht auch dem Grundgedanken der Entnazifizierung. Es kann demnach davon ausgegangen werden, dass auch viele andere nationalsozialistische Pfarrer in den Nachkriegsjahren weiterhin geistliche Positionen besetzen durften und sich ihrer Schuld nicht stellen mussten. Macht man sich bewusst, welche dramatischen Taten auf den Nationalsozialismus zurürckzuführen sind und wie viele unschuldige Opfer dieser forderte, ist es schlichtweg inakzeptabel, überzeugte Nationalsozialisten ungestraft davon kommen oder sie gar weiterhin predigen zu lassen. Hier hätte die Kirche ihre Pflichten besser wahrnehmen und für eine lückenlose Aufklärung Sorge tragen müssen. Allein die Vorstellung, dass ehemalige Nationalsozialisten noch für lange Zeit hauptamtlich für die Kirche tätig waren, ist inakzeptabel und sollte nicht toleriert werden.

Literaturnachweise

https://saebi.isgv.de/biografie/Heinrich_Herzog_(1909-1984), letzter Zugriff: 28.4.2021.
Vollnhals C. R. Oldenbourg Verlag München (1989): Evangelische Kirche und Entnazifizierung 1945-1949. Die Last der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Weitzel R., Evangelisches Leben in Lichtenrade, in: Bräutigam A., Fenzau M., Quilitzsch T., Sand L., Schneider D., Schneidewind S., Weitzel R., Zantow R. Geschichtswerkstatt Berlin Lichtenrade (1990): Direkt vor der Haustür. Berlin Lichtenrade im Nationalsozialismus.

Herr Dr. Hansjörg Buss hat in einem Entwurfsstadium wissenschaftliche Beratung für diesen Blogbeitrag geleistet.

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