Archiv für Schlagwort NS-Zeit

Baptisten im „Dritten Reich“

Baptisten gehören zu den evangelischen Freikirchen und haben als wohl größten Unterschied zu anderen evangelischen Konfessionen die Glaubenstaufe, d.h. es werden keine Babys oder kleine Kinder, sondern nur Jugendliche und Erwachsene, die sich bewusst dafür entscheiden, getauft.

Als zwei Baptistinnen haben wir, Cora und Lea, im Rahmen dieses Projektes in unserer eigenen Vergangenheit nachgeforscht. Uns hat die Frage beschäftigt, wie sich unsere Glaubensgeschwister in der NS-Zeit verhalten haben und wie sich unsere wie auch andere Baptistengemeinden positioniert haben. Die Ergebnisse unserer Nachforschungen wollen wir allen Interessierten in drei Podcast-Folgen vorstellen. Für jede unserer Folgen haben wir uns Interviewpartner eingeladen, die uns von ihren eigenen Nachforschungen berichten.

Natürlich liegt es bei unserem Thema nahe, Zeitzeugen zu befragen, die damals in Baptistengemeinden waren. In den Vorbereitungen für unsere erste Folge sind wir jedoch schnell auf das Problem gestoßen, dass Zeitzeugen kaum noch anzutreffen sind. Deswegen führen wir ein Zeitzeugengespräch aus zweiter Hand – wir haben uns Thilo Maußer eingeladen, Pastor der Baptistengemeinde in Brandenburg an der Havel, der uns von einem Zeitzeugengespräch berichtet, dass er selbst vor über zwanzig Jahren geführt hat. Mit ihm sprechen wir über Widerstand und Akzeptanz gegenüber der NS-Politik – wie war die allgemeine Haltung der Baptisten in Berlin und Brandenburg im Allgemeinen zum NS-Regime?

Podcast 1: Die Haltung der Baptistengemeinden zum Nationalsozialismus


Thema unserer zweiten Folge ist die vorherrschende Einstellung der Baptisten ihren jüdischen Mitmenschen sowie auch ihrer Glaubensgeschwister jüdische Abstammung gegenüber. Mit dem Pastor i.R. Roland Fleischer reden wir über die vorherrschende Einstellung der Baptisten ihren jüdischen Mitmenschen und auch ihrer Glaubensgeschwister jüdischer Abstammung gegenüber. Hierfür betrachten wir Einzelbiografien von Gemeindemitgliedern. Unser Gast forscht seit einigen Jahren zum Verhältnis von Baptisten und Juden und untersucht den Antisemitismus innerhalb der Baptistengemeinden. Wir benutzen in dieser Folge die Begriffe „Judenchristen“ und „Judenmission“, die auch in der NS-Zeit seitens der Nazis gebraucht wurden. Die NS-Bewertungen wollen wir damit aber natürlich nicht zum Ausdruck bringen, denkt euch die Begriffe beim Hören also bitte mit Anführungszeichen.

Rolands Zusammenstellung von Einzelbiografien findet ihr hier: Judenchristliche Mitglieder in Baptistengemeinden (theologisches-gespraech.de)

Podcast 2: Das Verhältnis von Juden und Christen in den Baptistengemeinden


In der dritten und damit letzten Folge unseres Podcasts betrachten wir den Prozess der Aufarbeitung der NS-Zeit und wie sich die Kirche und damit auch die Baptistengemeinden nach 1945 ihrer Vergangenheit stellten. Mit unserem Gast Prof. Dr. Andrea Strübind, die ihre Dissertation über den Bund der Baptistengemeinden im „Dritten Reich“ verfasste, sprechen wir über die Fragen nach der Verantwortung, der Schuld und dem Verständnis von Opfern und Tätern. Und vor allem: wie geht Aufarbeitung in unserer heutigen Zeit, und was bedeutet sie für unsere Generation?

Podcast 3: Die Aufarbeitung der NS-Zeit in den Baptistengemeinden

Wir wollen an dieser Stelle all unseren engagierten Interviewpartnern danken und auch unseren Dozenten, die uns beim Projekt stetig unterstützt und beraten haben. Dank geht auch an Herr Dr. Hansjörg Buss, der im Entwurfsstadium wissenschaftliche Beratung für diese Podcast-Reihe geleistet hat.

Wir hoffen, die Podcast-Reihe hat euch gefallen und vielleicht auch ermutigt selbst nachzuforschen und eure Familien- und auch Kirchengeschichten zu untersuchen und aufzuarbeiten.

„Neue Anfänge nach 1945?“

Vom 13. Januar bis zum 28. Februar 2022 ist in der „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ die Wanderausstellung „Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“ zu sehen. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland hat sie erstellt. Im doppelten Sinne beispielhaft macht die Schau die Verstrickung der Kirche in den Nationalsozialismus transparent.

(c) „Neue Anfänge nach 1945“ – Ausstellung der Nordkirche

Die Ausstellung dokumentiert den sogenannten Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg. Sowohl die Institution als auch das Verhalten einzelner geraten in den Blick. Klar wird: Neben tatsächlichen Neuanfängen ist ein Ausblenden realer Schuld erkennbar, etwa durch kirchliche Unterstützung für NS-Verbrecher in der jungen Bundesrepublik oder die zögerliche Aufarbeitung eigener Verfehlungen in der NS-Zeit. Die nationalprotestantische Mentalität hatte den Nationalsozialismus gefördert, wurde jedoch nach 1945 nicht thematisiert. Wie wirkmächtig blieb der Nationalprotestantismus in der jungen Bundesrepublik? Darauf versucht die Ausstellung Antworten.

Sechs Themenfelder erwarten die Besucher:innen: Heimatvertriebene, Flüchtlinge und ‚Displaced Persons‘; Antisemitismus und neue Begegnungen; NS-Täter und Kriegsverbrecher im Schutz der Kirche; Streit um Schuld und Mitverantwortung; Haltung zu Krieg und Wiederaufrüstung; Antikommunismus und Diffamierungen.

Es gibt drei live gestreamte, ca. 45minütige, digitale Veranstaltungen jeweils donnerstags, 18 Uhr, im Beiprogramm der Ausstellung.

13. Januar, 18 Uhr: Eröffnung mit Prof. Dr. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt, Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche, per Videogrußwort), Dr. Stephan Linck, Studienleiter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit der Evangelischen Akademie der Nordkirche und Prof. Dr. Stefanie Endlich, Kuratorin der Ausstellung gemeinsam mit Monica Geyler-von Bernus und Beate Rossié

3. Februar, 18 Uhr: Die Journalistin Sigrid Hoff befragt Dr. Stephan Linck zu den Ausstellungsinhalten

10. Februar, 18 Uhr: Vorstellung der Dissertation von Beate Rossié „Kirchenbau in Berlin 1933-1945“
Im Gespräch mit Pfarrerin Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur der EKBO und Beate Rossié

Die Ausstellung ist vom 13. Januar 2022 bis zum 28. Februar 2022 zu sehen in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Stauffenbergstraße 13 – 14, 10785 Berlin-Tiergarten, 1. Etage, Sonderausstellungsbereich.
https://www.gdw-berlin.de/home/

Öffnungszeiten
Mo – Fr 9 – 18 Uhr
Sa, So und an Feiertagen 10 – 18 Uhr
Änderungen vorbehalten. Information unter Telefon: 030/26 99 50 – 00

13. Januar 2022 | Veröffentlicht von Johan Wagner | Kein Kommentar »
Veröffentlicht unter Allgemein

Verfolgtenpolitik um 1940 – Seenotrettungspolitik um 2020: Dinge ins Verhältnis setzen

von Jan Mävers und Johan Wagner

Dieser Beitrag fragt nach einem historisches Verhältnis: Wie hat sich Kirche in Berlin und Brandenburg um 1940 zur Verfolgung von Menschen unter dem NS-Regime geäußert und wie ist um 2020 die Haltung zur Seenotrettungspolitik der Europäischen Union[a]?

Foto: Johan Wagner unter Nutzung von Material von „United4Rescue – Gemeinsam Retten“ [b], Bearbeitung: Lea Maußer

Wir betrachten in diesem Blogbeitrag zwei unterschiedliche Beispiele:

  1. Die nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Erklärungen des Konsistorialpräsidenten Dr. Johannes Heinrich, die im Rahmen einer dienstrechtlichen Auseinandersetzung 1941 erfolgt sind.
  2. Die Auseinandersetzungen um einen Artikel des Pfarrers Dr. Matthias Dreher, der im Jahr 2020 in einem quasi-internen Pfarrerblatt der bayrischen Landeskirche erschien.

Worum geht es im „Fall Dreher“?

Im Kern geht es um die Zwei-Reiche/Regimente-Lehre, die auf Luther zurückzuführen ist, obwohl er selbst diesen Begriff nie genutzt hat. Vielmehr hat er mit seinen Äußerungen zu den beiden Reichen auf aktuelle Probleme reagiert. Zu einer „Lehre“ wurden sie erst später.

Versuch einer Chronologie des Falls Dreher (c) Jan Mävers

Deutlich wird das auch an folgenden Passagen aus den beiden Veröffentlichungen im Korrespondenzblatt des bayerischen Pfarrvereins:

„Im Zuge der Zwei-Reiche-Lehre, die operative Struktur-Politik dem Staat überlässt, kann ein Christenmensch, soweit er nicht wie der Samariter einen Sterbenden vor sich sieht, Verantwortung vernachlässigende Migranten ertrinken lassen. Das ist nicht zynisch, sondern traurig und ärgerlich und kontinuierlich systemisch zu verringern, aber es ist eben auch ein Kennzeichen der gefallenen Welt. Nur wer den Bau des Reiches Gottes nicht Gott überlassen kann, sondern es selbst bewerkstelligen muss, wird weiter unverantwortlich mit Rettungsschiffen mehr Migranten aufs Wasser ziehen.“

Dr. Matthias Dreher, Korrespondezblatt Nr. 10/2020, S. 199. (Hrsg.: Pfarrer- und Pfarrerinnenverein in der ev.-luth. Kirche in Bayern).[c]

„Kirche, auch protestantische Kirche in lutherischer Tradition, hat einen öffentlichen Auftrag, gerade in Anlehnung an die wichtige Denkfigur der „Zwei-Regimenten-Lehre“, die in der „Mandaten-Lehre“ Dietrich Bonhoeffers, aber auch in international-ökumenischen Verlautbarungen fruchtbar aufgenommen worden ist. Luther hat wesentlich situationsbezogener argumentiert als dies die Zwei- Reiche- oder Zwei-Regimenten-Lehre abbildet, die zudem wegen der daraus resultierenden (obrigkeits-) staatsstützenden Funktion der Kirche ein umstrittenes Erbe lutherischer Tradition ist. Doch können die damaligen Grundaussagen für das heute grundlegend veränderte Staats-, Gesellschafts- und Religions-Bild fruchtbar gemacht werden.“

Ulrich Eckert, Korrespondenzblatt Nr. 7/2020, S. 136. (Hrsg.: Pfarrer- und Pfarrerinnenverein in der ev.-luth. Kirche in Bayern.

„Wesentlich ist, dass einzelne Christenmenschen, aber auch die Kirche innerhalb ihrer Gesellschaft zu aktivem Zeugnis des Evangeliums aufgerufen sind. Luther betont in der „Freiheitsschrift“, dass ein Christenmensch angesichts des Unrechts, das andere erleiden, in Wort und Tat zu agieren hat, inkl. eventueller Konsequenzen für Leib und Leben. Somit hat er auch der ebenfalls durch Gott autorisierten weltlichen Macht (vgl. CA 16) ggf. Widerstand zu leisten, wenn diese ihrer Aufgabe nicht nachkommt, Böses zu ahnden oder im Zaum zu halten. Dies gilt m. E. auch für die Kirche.“

Ulrich Eckert, ebd.

Zwei-Reiche- und Regimente-Lehre (ZRRL) ganz kurz erklärt

Luther meint: Seit dem Kommen Jesu gibt es zwei Reiche. In einem (dem geistlichen) herrscht bereits das Evangelium, im anderem (dem weltlichen) noch die Sünde. Gott hat nun die Obrigkeit und Ordnungen eingeführt, um die Welt vor der Zerstörung durch das Böse zu bewahren. Christen müssen sich dem Gesetz anpassen, sollen dabei aber die gute Nachricht bezeugen und dadurch anderen helfen, ebenfalls Bürger des Reiches Gottes zu werden. Umgekehrt soll die weltliche Macht nicht in das Amt der Kirche eingreifen.[d]

In der Geschichte wurde diese ZRRL nun immer wieder unterschiedlich ausgelegt. Die Deutschen Christen z.B. legten sie so aus, dass der NS-Staat die von Gott eingesetzte Ordnung sei und deshalb den totalen Anspruch auf den Menschen erheben könne.

Karl Barth wiederum geht davon aus, dass es einen wahren, vollkommenen, himmlischen Staat gibt, der auf den unvollkommenen, irdischen Staat ausstrahlt. Menschliches Recht müsse sich deshalb an göttlichem Recht orientieren. Kirche sei folglich politisch, weil sie versucht, den irdischen Staat im Sinne des himmlischen Staates umzugestalten.

Worum geht es Dr. Johannes Heinrich?

Dr. Johannes Heinrich, Konsistorialpräsident von 1938 bis 1945 in Berlin und Brandenburg (Lebensdaten: 15.7.1895 bis 20.7.1945) äußert sich intern im Rahmen einer dienstrechtlichen Auseinandersetzung gegenüber der übergeordneten Kirchenbehörde, dem Evangelischen Oberkirchenrat. In seinem „Verteidigungsbrief“ aus dem Jahre 1941 gegen Gerüchte, er habe Informationen aus kircheninternen Gremien an NS-Organe verraten, heißt es:

„Vor Übernahme der Behörde im Jahre 1938 bin ich im Evang.Oberkirchenrat und Kirchenministerium mit aller Deutlichkeit auf die unerfreulichen Verhältnisse in der Behörde hingewiesen worden. Das Berliner Konsistorium wäre geradezu als ein „Abstellbahnhof“ benutzt worden und setze sich zu einem großen Anteil aus kirchenpolitisch und politisch an anderen Stellen untragbaren Theologen und Juristen zusammen. Ich sollte – gestützt auf meine verwaltungsmäßigen Erfahrungen aus meiner Sanierungs- und Reorganisationsarbeit für die Innere Mission – alles daran setzen, um die Behörde in Ordnung zu bringen und sie – so wurde mir auch bei der Einführung ausdrücklich gesagt – im nationalsozialistischen Geiste (!) zu führen.“

Brief Konsistorialpräsident Dr. Johannes Heinrich an Vizepräsident D. Ernst Loycke, 29. November 1941, EZA 7 /11044, S. 9.[e]

Ist die protestantische Organisationsform mit einem traditionellen dienstrechtlichen Gewicht von Kirchenjuristen besonders anfällig für eine Orientierung an vorherrschenden politischen Überzeugungen, wie Sie im Staatsdienst oder im Mainstream der Gesellschaft der jeweiligen Zeit üblich sind?

Ausriss Brief Konsistorialpräsident Dr. Johannes Heinrich an Vizepräsident D. Ernst Loycke, 20. November 1941, EZA 7 /11044, S. 9.

Auf das Heute angewandt, könnte man, mit Heinrich im Geiste, fragen: Ist das Beispiel von der NSDAP-Parteipolitik eines Dr. Johannes Heinrich ins Verhältnis zu setzen zu einem aus konservativen Kreisen heute oft gehörten Vorwurf: Die evangelische Kirche sei in ihren Hierarchien in eine parteipolitisch grüne, sozialdemokratisch-linke Linie eingeschwenkt und entferne sich damit vom eigentlichen Auftrag, die frohe Botschaft zu verkünden. Eben um z. B. Seenotrettungs-Kampagnen zu unterstützen.

Im oben genannten Brief heißt es beispielsweise:

„[Ich] will hier allerdings unbeachtet lassen, daß sich einige Herren Tehologen [sic] im Evang.Oberkirchenrat hin und wieder der einen oder anderen unfreundlichen Zuträgerei gegen mich aus meiner eigenen Behörde oder von außen zugänglich gezeigt haben. Dies trat stärker hinsichtlich der Angriffe der Bruderratsorganisationen gegen mich wegen der disziplinaren Behandlung der VKL-Mitglieder [VKL = „Vorläufige Kirchenleitung“ der Bekennenden Kirche] aus Anlaß ihrer Haltung gelegentlich der ersten Tscheschenkrise [sic] im Herbst 1938 zutage (Gebetsordnung der VKL aus Anlaß des bevorstehenden Kriegsausbruchs).“

Brief Konsistorialpräsident Dr. Johannes Heinrich an Vizepräsident D. Ernst Loycke, 20. November 1941, EZA 7 /11044, S. 10.

Zwei Fälle ins Verhältnis setzen

Diese Gegenüberstellung soll nicht verhehlen, dass es oft fehl am Platze erscheint, historische Bilder zu bemühen.[f] Ist die NS-Zeit nicht zu weit enfernt von unseren heutigen Lebensrealitäten, um dem Studium damaliger Verhaltensweisen und mentaler Rahmen etwas für das heutige Staat-Kirche-Verhältnis abzugewinnen? Es ist klar, dass im aktuellen „Fall Dreher“ keinerlei existentielle Folgen abweichender Meinung im Raume standen wie in gänzlich anderen Kontexten 1933 bis 1945.

Gleichzeitig sagen beide Vorgänge etwas über unsere heutigen Fragen von christlicher Verantwortung für ein politisches Gemeinwesen aus. Wir bewegen uns mit all unserem historischen Ballast und auch überlieferten Weisheiten in einem Spannungsfeld. Kirche und Staat waren und sind keine frei flottierenden Systeme, sondern stehen gerade im Fall Deutschlands in einem komplizierten Austausch miteinander.

Fragen, die es zu diskutieren lohnt

  • Ist ein theologischer Streit über die konkreten Auswirkungen der Zwei-Reiche- und Regimente-Lehre (ZRRL) legitim?
  • Welche Folgen haben die einzelnen Deutungen in praktischer Weise, jeweils in ihrer Zeit?
  • Wie geht „die Kirche“ mit jemandem um, d* eine andere Meinung als die h.M. einnimmt?
  • Wie aktiv hat sich Kirche im „Dritten Reich“ an weltlicher Politik beteiligt?[g]

[a] Ein Thema, bei dem man ethisch argumentieren kann, dass die Menschenrechte für Christenmenschen der Maßstab der Beurteilung sind, vgl. Wolfgang Huber, Ethik. Die Grundfragen unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod. München: C. H. Beck, 2013, S. 117 ff. Huber gibt zu bedenken, dass das Verhältnis zwischen „Nächstenethik“ und „Fernstenethik“ ein kontroverser Bereich in der Reflexion menschlicher Lebensführung ist. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz bekennt sich zu der Seenotrettungs-Aktion, die im weiteren Beitrag genannt wird. Gleichzeitig wird auf der entsprechenden Internetseite Verständnis für Kritik an der Aktion thematisiert. https://www.ekbo.de/themen/kirche-politik/seenotrettung.html (zuletzt aufgerufen: 15.2.2021).

[b] https://www.united4rescue.com (zuletzt aufgerufen: 15.2.2021). Die SeaWatch 4 wurde zu großen Teilen vom Bündnis „United4Rescue – Gemeinsam Retten“ finanziert, das maßgeblich durch die evangelische Kirche gegründet wurde (über einen rechtlich unabhängigen Trägerverein „Gemeinsam retten e. V.“, der auch von diesem Q-Team-Projekt unterstützt wird. Betrieben wird das Schiff allerdings vom Verein SeaWatch, unterstützt auch durch Spenden des Bündnisses. Betreibt Kirche also wirklich Seenotrettung? Und wie ist eine solche Haltung zu bewerten?

[c] Die hier zitierten Ausgaben des Korrespondenzblattes finden sich als PDF online: Ausgabe 10/2020 –> https://www.pfarrverein-bayern.de/system/files/dateien/kblatt-2010.pdf; Ausgabe 7/2020 –> https://www.pfarrverein-bayern.de/system/files/dateien/kblatt-2007.pdf (zuletzt aufgerufen: 15.2.2021)

[d] https://relilex.de/Zwei-Reiche-Lehre/ (zuletzt aufgerufen: 23.3.2021)

[e] Ev. Zentralarchiv 7/11044. Dies ist auch die Quelle für die weiteren Ausführungen zu Dr. Johannes Heinrich in diesem Beitrag

[f] So etwa der Befund, selbst für „Anspielungen“ auf die Herausforderungen in der aktuellen Migrationspolitik biete die Flüchtlingsfrage in Deutschland nach 1945 keinerlei strukturelle Voraussetzung https://zeitgeschichte-online.de/themen/die-fluechtlingsfrage-deutschland-nach-1945-und-heute (zuletzt aufgerufen: 1.2.2021).

[g] Dies sind Fragen, die in beiden Q-Teams (Sommersemester 2020 und Wintersemester 2020/21) diskutiert wurden. Zum Q-Team siehe in diesem Blog https://blogs.hu-berlin.de/kircheimns/q-team/ (zuletzt aufgerufen: 15.2.2021). Studierende und Dozierende gleichermaßen sind sich einig, dass es wichtig ist, weiterhin Fragen zu formulieren. So lohnt sich die Frage, was kirchliche „Gedächtnismale“ uns zeigen können? Sind sie wichtige Erinnerungsorte (lieux de mémoire)? https://blogs.hu-berlin.de/kircheimns/2021/04/25/trauer-ehrung-und-schuld-gedaechtnismale-fuer-opfer-der-ns-diktatur-und-des-2-weltkrieges-in-berliner-evangelischen-kirchengemeinden/ (zuletzt aufgerufen: 28.4.2021) Auch der erste Konsistorialpräsident, der in der NS-Zeit in Berlin das Ruder übernahm, war ein Beispiel für die Verstrickung von Kirchenpersonal in nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ https://blogs.hu-berlin.de/kircheimns/2020/08/24/konsistorialpraesident-paul-walzer-symptomatisch-fuer-kirche-in-berlin-und-brandenburg-in-der-zeit-1934-und-danach/ (zuletzt aufgerufen: 15.2.2021)


SFR – Selected Further Reading

  • Rainer Bookhagen, Die evangelische Kinderpflege und die Innere Mission in der Zeit des Nationalsozialismus. Mobilmachung der Gemeinden, Bd. 1: 1933 bis 1937 (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte, Serie B, Bd. 29), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1998 (Digitalisat verfügbar unter: https://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00046528_00001.html, zuletzt aufgerufen: 26.4.2021) – Monographie über einen Teil der Diakoniegeschichte im Nationalsozialismus, in dem die Vorgeschichte von Dr. Johannes Heinrich als Schatzmeister des Central-Ausschusses für die Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche skizziert wird; so seine Erlangung der Position auf ausdrücklichen Wunsch des Reichskanzlers Heinrich Brüning, der als nationalkonservativer Katholik zeitweise eine Einbindung der Nationalsozialisten in seine Politik befürwortete.
  • Evangelischer Pressedienst (Hrsg.), An Bord. Die erste Mission der „Sea-Watch 4“. powered by United4Rescue. Fotografien von Thomas Lohnes, Frankfurt a. M. 2020, als PDF verfügbar: www.united4rescue.com/download/U4R_Fotobuch_An_Bord_Die_erste_Mission_der_Sea-Watch_4_powered_by_United4Rescue.pdf (zuletzt aufgerufen: 23.3.2021) – Bildband, der sich um ein „realistisches Bild“ bemüht und „in gewisser Weise das andere Europa, eines der Solidarität und Humanität“ zeigt (Zitate aus dem Vorwort von „United4Rescue – Gemeinsam Retten“).
  • Katrin Hatzinger, Mehr als ein kritischer Gegenüber. Zur Rolle der evangelischen Kirche auf europäischer Ebene, in: Roland Herpich, Patrick R. Schnabel, Andreas Goetze (Hrsg.), Religion. Macht. Politik. Wie viel Religion verträgt der Staat? Berlin: Wichern, 2015, S. 208-226 – Aufsatz, der die unter anderem kirchliche „Advocacy“ im Bereich der Asyl- und Migrationspolitik als Beispiel für kritische Begleitung von EU-Politikfeldern unter die Lupe nimmt.
  • Katharina Körting, Die Liquidierung der Vergangenheit. Wie sich die evangelische Kirche auf den Grundlagen ihres Versagens restaurierte, Vechta: Geest-Verlag, 2021 – Persönlicher Essay, der sehr kritisch die erinnerungskulturellen blinden Flecken nachweist und immer wieder die Brücke in Herausforderungen der Gegenwart schlägt.
  • Christiane Kuller und Thomas Mittmann, „Kirchenkampf“ und „Societas perfecta“. Die christlichen Kirchen und ihre NS-Vergangenheit, in: Zeitgeschichte-online, Dezember 2014, URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/kirchenkampf-und-societas-perfecta (zuletzt aufgerufen: 26.4.2021) – Überblicksartikel, der ebenfalls ein Verhältnis eröffnet: das zwischen evangelischer und katholischer „Auftragsforschung“ zur eigenen NS-Geschichte.
  • Nadja Schlüter, Raphael Weiss, Federico Delfrati, u. a., Ein Jahr, acht Schiffe, mehr als 3500 gerettete Menschen, Online-Projekt von sueddeutsche.de/jetzt.de: https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/politik/seenotrettung-im-mittelmeer-2020-die-bilanz-e670960 (zuletzt aufgerufen: 26.4.2021) – Digitalprojekt, in dem bezeichnenderweise die vornehmliche auf kirchliche Initiative hinter dem 2020 erstmals eingesetzten Rettungsschiff „Sea-Watch 4“ nicht thematisiert wird.

Über die Autoren

Jan Mävers, Evangelischer Religions- und Gemeindepädagoge M.A., ist Vikar in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Im Rahmen seines Sondervikariats in der Dienststelle des Länderbeauftragten für die Länder Berlin und Brandenburg befasste er sich mit der politischen Rolle der Kirche – heute und in der Vergangenheit.

Dr. Johan Wagner ist Referent für Fördermittelrecht der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Er gehört zum Lehrbeauftragten-Pool des Instituts für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsinteressen und Arbeitsgebiete sind Europäische Integration, Pressegeschichte, europäische Beziehungen zur arabischen Welt, Wissenschaftsstrategie, konfessionelle Entwicklungen in Europa, europäische Konflikt- und Friedensgeschichte, siehe auch: https://www.clio-online.de/researcher/id/researcher-5652

Transparenzhinweis: Seit der Gründung des Bündnisses „United4Rescue – Gemeinsam Retten“ im Dezember 2019 ist Jan Mävers dort Fördermitglied. Im Zuge der Diskussionen in den Q-Teams ist auch das Q-Team-Projekt dort Mitglied geworden.

9. April 2021 | Veröffentlicht von jan.maevers@gemeinsam.ekbo.de | Kein Kommentar »
Veröffentlicht unter Allgemein

Mikrogeschichtliche Studie zur Positionierung und Entnazifizierung der evangelischen Kirche Berlins – am Beispiel der Kirchengemeinde Lichtenrade

verfasst von Raphael Wöstmann & Nadja Martin

Anhand der folgenden Arbeit soll ein Einblick ermöglicht werden, welche Position die evangelische Kirche in der NS-Zeit einnahm und warum die Entnazifizierung dort nur teilweise funktioniert hat. Dazu wird diese Studie auf die Allgemeinsituation der evangelischen Kirche während der Zeit des NS eingehen und sich anschließend mit den grundsätzlichen Schwierigkeiten der Entnazifizierung befassen. Dies soll durch ein Beispiel, der willkürlich ausgesuchten Dorfkirche der Gemeinde Lichtenrade, veranschaulicht werden.

Allgemeines

Im Zuge der Entnazifizierung durch die Alliierten sollten Personen festgestellt werden, die während des NS Regimes eine Funktion im politischen oder öffentlichen Dienst bekleidet haben. Indem diese Personen ihre Position aufgeben mussten beziehungsweise eine derartige nicht mehr wiedererlangen konnten, sollte Deutschland von der nationalsozialistischen und militaristischen Gesinnung befreit werden. Dieser Vorgang wurde jedoch deutlich erschwert, da sich die Alliierten zuerst darauf konzentrieren mussten, die wichtigsten Versorgungseinrichtungen wieder aufzubauen, um somit eine gewisse Stabilität im Land zu schaffen. Da die Besatzungsmächte vorerst eigenständig über die Kompetenzen der einzustellenden Personen urteilen mussten, kam es zu Beginn des Entnazifizierungsprozesses aber oftmals zu Fehlentscheidungen oder wiederholten Änderungen. So wurden schließlich umfangreiche Fragebögen erstellt, die den Alliierten eine erleichterte Auswahl ermöglichte. Sobald nachgewiesen wurde, dass eine Person mehr als nur Mitläufer des nationalsozialistischen Systems war, wurde diese ohne Rücksicht auf etwaige monetäre oder rechtliche Ansprüche aus ihrem Amt entlassen. Ein wichtiges Kriterium, welches zur direkten Entlassung führte, war der Beitritt der NSDAP vor dem ersten Mai 1937. Hinzu kamen viele weitere Merkmale, die sich zusätzlich zur Politik und Verwaltung auf die Bereiche der Wirtschaft, Militär sowie Einzeltaten bezogen. 
Die Zugehörigkeit zu den Deutschen Christen zählte ebenfalls zu diesen Merkmalen, wurde jedoch in der Regel nicht wirklich schwer gewichtet, sodass es zumeist höchstens zu einer Entlassungsempfehlung kam. (vgl. Vollnhals S.45 ff.) Die Evangelische Kirche lehnte diesen staatlichen Eingriff seit 1946 auch öffentlich ab.

Die Alliierten verließen sich darauf, dass die Kirchen selbständig dafür Sorge tragen würden, ehemalige Nazis nicht weiterhin zu beschäftigen, da sie die Evangelische Kirche zu Beginn der Besetzung unter dem Deckmantel der bekennenden Kirche als anti-nationalsozialistisch und als moralisch unangetastete Autorität des Widerstands sahen. (vgl. Vollnhals S.13) Die Im Verlauf der Neubesetzung stellte sich zwar heraus, dass die Bekennende Kirche nicht per se gegen den Nationalsozialismus und Militarismus gewesen ist, dennoch wurde es in den meisten Fällen nicht ausführlich überprüft. (vgl. Weitzel S.156)

Die evangelischen Kirchen Berlins in Zeiten des Nationalsozialismus: 

In mehr als der Hälfte aller Gemeinden Berlins kam es während der NS-Zeit zu internen Spaltungen. Grund hierfür waren in der Regel die unterschiedlichen Auffassungen der Gemeindemitglieder, bezüglich der kirchlichen Autonomie. Die Deutschen Christen wollten eine völkisch kompatible Reichs-und Führerkirche. Den Anhängern der Bekennenden Kirche ging es hauptsächlich um die Bewahrung der Bekenntnisgrundlagen und Selbstständigkeit der Kirche.
In Kirchen, in denen die Deutschen Christen die Oberhand gewonnen hatten, konnte es durchaus vorkommen, dass Politik und Kirche fast untrennbar wurden und während der Gottesdienste sogar das Horst-Wessel-Lied mit erhobenem rechtem Arm gesungen wurde oder anstelle der Bibel eine Ausgabe von Adolf Hitlers “Mein Kampf” zu Hochzeiten oder Konfirmationen verschenkt wurde.

Dorfkirche Lichtenrade im Nationalsozialismus

Diese Spaltung wird auch am Beispiel der evangelischen Kirchengemeinde Lichtenrade deutlich. Im Zuge der Kirchenwahlen im Jahr 1932 traten drei Listen an. Die christlich unpolitische Liste, welche die Mehrheitsmeinung des ansässigen Bürgertums vertrat und durchaus mit der politischen Agenda der Nationalsozialisten sympathisierte, aber die Bereiche der Politik und Kirche getrennt voneinander wollte. Zusätzlich gab es die Liste des evangelischen Gemeinschaftsbundes, der großen Wert auf Gemeindeaktivitäten außerhalb des Gottesdienstes legte und eine pietistische Einstellung vertrat. Als dritte Liste gab es die Liste der Deutschen Christen, auf der die gesamte Führung der NSDAP-Ortsgruppe gelistet war. 


Bei der Wahl erreichten die Deutschen Christen nur circa ein Drittel der Stimmen. Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 wurde allerdings schließlich die Umwandlung der evangelischen Kirche in eine ins Führersystem passende Reichskirche angestrebt.  So kam es nach Änderung der Kirchenverfassung im Juli 1933 vermehrt zu Differenzen zwischen Evangelischen, die den Nationalsozialismus zwar befürworten, sich aber gegen eine Politisierung der Kirche wehrten und den Deutschen Christen, die versuchten eine gemeinsame Reichskirche zu schaffen, um die politische Agenda auch im Gotteshaus durchzusetzen. Die Oberhand gewannen schließlich die Deutschen Christen durch Einheitslisten, in denen sie selbst in der Regel mindestens zwei Drittel der Sitze einnahmen. 
Eine derartige Einheitsliste gab es auch in der Gemeinde Lichtenrade. Hier wurde keine Gegenliste aufgestellt und so kam es auch dort, ohne eine wirkliche Wahl, zu einer Neubesetzung der Kirchengemeinde. (vgl. Weitzel S.128 ff.) Der zu diesem Zeitpunkt amtierende Pfarrer Willy Röglin war zwar ein großer Befürworter der NS-Politik (Mitglied NSDAP seit 1933), sprach sich aber deutlich gegen die Politisierung der Kirche aus. So wurde er nach Änderung der Kirchenverfassung darüber in Kenntnis gesetzt, dass eine bisher von ihm eingesetzte kommissarische Gemeindeleitung durch Mitglieder der Deutschen Christen abgelöst werden würden.


Da ihm eine Neuordnung befohlen wurde, entwarf Pfarrer Röglin einen Fragebogen, um die politischen Ansichten der Bewerbenden im Vorfeld zu erkennen. So versuchte er auf Grundlage des Fragebogens ein Mitglied der Deutschen Christen und überzeugten Nationalsozialisten für die zweiter Pfarrerstelle ausfindig zu machen. Der Fragebogen enthielt neben allgemeinen Fragen zur Person, die Frage der „arischen“ Abstammung sowie eine Befragung zur Ehefrau. Nach politischer Tätigkeit und Beschäftigung seit 1919 wurde ebenfalls gefragt. Dieses Vorgehen bestätigt deutlich die nationalsozialistische Gesinnung Röglins, da dieser Fragebogen noch vor der Eingliederung des Arierparagraphen in den Kirchen die Frage der „arischen“ Herkunft anführte. 
Schließlich wurde Heinrich Müller (Mitglied der NSDAP seit 1928) zum zweiten Pfarrer der Kirchengemeinde auserwählt. Müller, selbst ein begeisterter Nationalsozialist, befasste sich in der Gemeinde hauptsächlich mit der Parteiarbeit. Gottesdienste und Gemeindearbeit waren für ihn eher nebensächlich und uninteressant. So verbrachte er viel Zeit damit, bei SA-Veranstaltungen zu predigen. Es wird sogar berichtet, dass er seine SA-Uniform in der Kirche unter seinem Talar trug und die begehrten alten Kirchenlieder durch neue politisch geprägte Versionen ersetze. (vgl. Weitzel S.133 ff.) Seine Predigten waren ebenfalls sehr politisiert.

In einem Beispiel einer Predigt wird Adolf Hitler direkt zitiert:
„Der deutsche Führer sagt: mein christliches Gefühl weist mich hin auf meinen Herrn und Heiland als Kämpfer. Es weist mich hin auf den Mann der einst einsam, von wenigen umgeben diese Juden erkannte und zum Kampf gegen sie aufrief und der wahrhaftige Gott, nicht der Größte war als Dulder, sondern als Streiter.“  ( Weitzel S.140)


Müllers radikaler Versuch die Lichtenrader Kirchengemeinde zu Politisieren, führte schließlich zu ausgeprägten Differenzen zwischen ihm und Röglin. Da Röglin vehement eine Trennung zwischen Kirche und Politik forderte, entstand im Laufe der Zeit eine immer tiefer werdende Feindschaft zwischen ihnen. Diese wurde sogar so groß, dass Müller versuchte, Röglin aus der Kirchengemeinde zu vertreiben. 
Im Jahr 1940 wurde Müller schließlich zur Wahrnehmung seiner Wehrpflicht einberufen, woraufhin er die Kirchengemeinde Lichtenrade verließ, um dieser nachzukommen. Sein Pfarrdienst hätte ihn eventuell davon befreien können, jedoch entschied er sich aus freien Zügen den Dienst wahrzunehmen. Pfarrer Röglin hingegen blieb für den gesamten Kriegsverlauf in seiner Funktion als Pfarrer in der Lichtenrader Kirchengemeinde. (vgl. Weitzel S.146)

Doch was passierte nach 1945 mit den beiden Pfarrern?

Müller gab schließlich im Jahr 1944 seine Rolle als Pfarrer mit Aussicht auf eine Anstellung als Regierungsrat in der Finanzverwaltung im Reichsprotektorat Böhmen Mähren von der Front aus auf. Nachdem der Krieg schließlich endete und ihm diese Position nicht mehr zur Verfügung stand, ließ er nichts unversucht, um seine Rechte des Geistlichen Standes wiederzuerlangen. So machte er ab 1945 erst selbst den Versuch und anschließend über die Landeskirche Hannover seinen Geistlichen Stand zurückzuerhalten. Das Konsistorium in Berlin erwiderte jedoch, dass Müllers Personalakten zwar durch ein Feuer im Februar 1945 zerstört worden seien, sie eine Wiedereingliederung aber auf Grund von Müllers Gesinnung sowie Verhaltens nicht befürworten könnten. Im Jahr 1949 versuchte es Müller erneut, dieses Mal sogar mit Hilfe der Landeskirche Sachsens, um erneut als Pfarrer arbeiten zu können. Müllers finanzielle Lage war mittlerweile so miserabel, dass er zwischenzeitlich sogar als Straßenarbeiter sein Geld zu verdiente. Da die Personalakten nicht mehr vorhanden waren, schickte das Berliner Konsistorium zu ihrer vorangegangenen Antwort, ein antisemitisches Flugblatt Müllers aus der NS-Zeit, um seine Gesinnung zu verdeutlichen und somit die im Vorfeld getroffene Entscheidung zu bestärken.
Im November 1956 erhielt das Konsistorium Berlin auf Anfrage jedoch schließlich die Benachrichtigung, dass Pfarrer Müller Inhaber der Pfarrstelle in der Nähe von Zittau in Sachsen sei. Unterschrieben wurde diese Erklärung vom ehemaligen HJ-Justiziar Dr. Herzog, welcher im Zuge der Entnazifizierung seine Position im Staatsdienst verloren hatte. ( Online-Quelle Sächsiche Biografie zu Gustav Wilhelm Heinrich Herzog)

Röglin hingegen bekleidete auch noch nach 1945 die erste Pfarrstelle der Gemeinde Lichtenrade. Schnell wurden allerdings innerhalb der Kirchengemeinde Stimmen laut, die seine nationalsozialistischen Ansichten verurteilten, woraufhin Röglin Lichtenrade schließlich verließ. Zu seinem Verlassen der Gemeinde finden sich nur noch widersprüchliche Informationen. Entweder wurde er dauerhaft beurlaubt oder er ist eigenständig gegangen – ohne seine Amtsgeschäfte ordentlich zu übergeben. Laut Konsistorium der Mark Brandenburg versuchte er vor Eintreffen der Roten Armee die Gemeinde zu verlassen, was ihm jedoch scheinbar nicht gelang, da er anschließend wieder zurückkehrte. Darüber hinaus sollte er kein Pfarramt mehr in Berlin oder Umgebung bekleiden, könne dies aber durchaus anderenorts tun. Ab April 1947 erhielt Röglin schließlich Unterstützung als nicht beschäftigter aktiver Geistlicher durch die Landeskirchenkasse zu Darmstadt.

Fazit

Diese mikrogeschichtliche Miniatur über die Kirchengemeinde Lichtenrade verdeutlicht gut, dass in der evangelischen Kirche keine lückenlose Entnazifizierung stattgefunden hat. Die Tatsache, dass sowohl Pfarrer Röglin als auch Pfarrer Müller trotz Angehörigkeit der NSDAP erneut Zuwendungen der Kirche erhielten, ist nicht nur äußerst bedenklich sondern wiederspricht auch dem Grundgedanken der Entnazifizierung. Es kann demnach davon ausgegangen werden, dass auch viele andere nationalsozialistische Pfarrer in den Nachkriegsjahren weiterhin geistliche Positionen besetzen durften und sich ihrer Schuld nicht stellen mussten. Macht man sich bewusst, welche dramatischen Taten auf den Nationalsozialismus zurürckzuführen sind und wie viele unschuldige Opfer dieser forderte, ist es schlichtweg inakzeptabel, überzeugte Nationalsozialisten ungestraft davon kommen oder sie gar weiterhin predigen zu lassen. Hier hätte die Kirche ihre Pflichten besser wahrnehmen und für eine lückenlose Aufklärung Sorge tragen müssen. Allein die Vorstellung, dass ehemalige Nationalsozialisten noch für lange Zeit hauptamtlich für die Kirche tätig waren, ist inakzeptabel und sollte nicht toleriert werden.

Literaturnachweise

https://saebi.isgv.de/biografie/Heinrich_Herzog_(1909-1984), letzter Zugriff: 28.4.2021.
Vollnhals C. R. Oldenbourg Verlag München (1989): Evangelische Kirche und Entnazifizierung 1945-1949. Die Last der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Weitzel R., Evangelisches Leben in Lichtenrade, in: Bräutigam A., Fenzau M., Quilitzsch T., Sand L., Schneider D., Schneidewind S., Weitzel R., Zantow R. Geschichtswerkstatt Berlin Lichtenrade (1990): Direkt vor der Haustür. Berlin Lichtenrade im Nationalsozialismus.

Herr Dr. Hansjörg Buss hat in einem Entwurfsstadium wissenschaftliche Beratung für diesen Blogbeitrag geleistet.