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Was uns Bücher nicht erzählen – Der lange Weg der Bibliothek der Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden

von Laura Steinbrück

Wie es sich angefühlt haben muss, als am 11. November 1938 die Büroräume der „Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden“ (kurz: „Gesellschaft“) von Nationalsozialisten gestürmt und demoliert wurden, kann man heute kaum mehr nachempfinden. Für die „Gesellschaft“ war das Ereignis im Rahmen der Novemberpogrome einschneidend und sollte eine Vorahnung auf die kommenden Jahre liefern. Schon zuvor hatte die Vereinigung der „Deutschen Christen“ ihre ablehnende Haltung gegenüber der Judenmission deutlich gemacht. Die „Gesellschaft“ setzte sich aber genau für diese ein. In der Messiaskapelle in Prenzlauer Berg wurde noch lange nach der Machtübergabe an Adolf Hitler Taufunterricht angeboten und Juden:Jüdinnen der Eintritt in das Christentum ermöglicht. In den Räumen der Gesellschaft befand sich auch eine umfassende Bibliothek, die für den Unterricht genutzt wurde. [1] Die Verfügung zur Schließung des Vereins und zum Einzug des gesamten Vermögens überraschten die „Gesellschaft“ als Folge nicht. Trotzdem waren die Konsequenzen gravierend: Im Frühjahr 1941 besetzte die Gestapo die Geschäftsstelle und beschlagnahmte jegliches Inventar.[2] Die dazugehörige Verfügung zum Einzug des Vermögens geht von einem Bibliotheksbestand der „Gesellschaft“ von ca. 2.000 Büchern aus.[3]

Möglicherweise habe der Einspruch des damaligen Pfarrers Wilhelm Knieschke dazu beigetragen, die Staatspolizei davon abzuhalten, diese Bücher auf dem direkten Weg zu vernichten.[4] In den folgenden Jahren blieb die Kapelle geschlossen, dem Pfarrer Knieschke wurde die Arbeit verboten.

Doch was passierte mit der Bibliothek? Noch lange Zeit nach dem Ende des Krieges ging der wiedergegründete Verein von einem Verlust der Bibliothek aus. Die Bücher galten als verschwunden. War diese Befürchtung berechtigt?

Tatsächlich wurden die Bücher nicht verbrannt, sondern an die Preußische Staatsbibliothek zu Berlin übergeben. Zynischerweise wurden dort in der Annahmestelle am 19. Juni 1941 die ersten Bücher der „Gesellschaft“ von den Archivar:innen im Zugangsbuch für „Geschenke“ vermerkt – dabei handelte es sich jedoch lediglich um 40 Titel. Beinahe ein ganzes Jahr später, im März 1942, folgten 320 weitere Exemplare. Das lag daran, dass die Staatsbibliothek von der Anzahl der eingehenden Bücher überlastet war, da sie zur zentralen Verteilstelle für alle beschlagnahmten Bücher des Reiches aufstieg.[5] Gleichzeitig hatte auch das fortschreitende Kriegsgeschehen Auswirkungen auf die Arbeit der Annahmestelle. Bestände wurden auseinandergerissen, Bücher an scheinbar sicherere Orte gebracht oder einfach an andere Institutionen weitergegeben.[6] So verlor sich auch der Rest der Bibliothek aus der Messiaskapelle im Kriegsgewirr – in der Staatsbibliothek wurden die Bücher nie offiziell angenommen. Die verzeichneten Bücher der „Gesellschaft“ in der Staatsbibliothek verblieben dort erst einmal, ohne dass sie Beachtung fanden. Und das nicht nur bis zum Ende des Krieges, sondern weit darüber hinaus. Erst in den 2000er-Jahren begann die Staatsbibliothek, sich systematisch mit ihren Beständen auseinanderzusetzen, um mögliches NS-Raubgut ausfindig zu machen. Im November 2007 wurde dafür vor Ort eine Arbeitsstelle für Provenienzrecherche und -forschung eröffnet. Die dortigen Provenienzforscher:innen stießen in diesem Zusammenhang auf genau jene Vermerke im Zugangsbuch der Staatsbibliothek, die 65 Jahre zuvor dort verzeichnet wurden und auf den ursprünglichen Besitzer der Bücher die „Gesellschaft“ verweisen. Im September 2010 erfolgte die Restitution der ausfindig gemachten Bücher an das Berliner Missionswerk der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, der offiziellen Rechtsnachfolge der „Gesellschaft“, die nach ihrer Wiedergründung im Jahr 1948 noch bis 1982 bestand.[7] Im selben Jahr veröffentlichte Michaela Scheibe als damals stellvertretende Leiterin der Abteilung Historische Drucke einen Artikel über den Restitutionsprozess im Bibliotheksmagazin. Durch den Artikel wurde auch die Landes- und Universitätsbibliothek in Hamburg auf die Zwangsschließung und Beschlagnahmung der Bücher der Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden aufmerksam.[8]

Auch in der Universitätsbibliothek Hamburg werden seit 2010 Überprüfungen der Bestände in Hinblick auf ihre Provenienz vorgenommen. Und tatsächlich wurden die Archivar:innen im Oktober 2010 auf vier Bücher aufmerksam, die ebenfalls den Stempel der „Gesellschaft“ auf ihren Titelseiten verzeichneten. Die entdeckten Bücher hatten bereits einen langen Weg hinter sich: Von der Annahmestelle der Staatsbibliothek waren diese anscheinend noch während des Krieges an die „Reichstauschstelle“ für Bücher weitergegeben worden. Diese war 1926 als Teil der „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“ gegründet worden, jedoch seit 1934 als eigenständige Dienststelle tätig. Die Reichstauschstelle war damit beauftragt, Bibliotheken im Deutschen Reich beim Erwerb verloren gegangener oder durch den Krieg beschädigten Bücher zu unterstützen. Ihr Bestand setzte sich aus meist angekauften Büchern aus den Ostgebieten,[9] aber genauso aus beschlagnahmten Büchern von Einzelpersonen und Bibliotheken zusammen. Viele Bibliotheken nutzten das Angebot der Reichstauschstelle, so auch die Landesbibliothek in Hamburg. Von dort waren die vier betreffenden Bücher 1943 in die Bestände der Universitätsbibliothek gelangt. Im Juni 2011 wurden auch diese an das Berliner Missionswerk übergeben.

Zuletzt wurden im August 2016 fünfzehn weitere Bücher an das Missionswerk restituiert. Diese waren während des Krieges an das „Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands“ weitergegeben worden. Seit 1936 besaß das Reichsinstitut eine Forschungsabteilung zur „Judenfrage“, welche vor allem nationalsozialistisches, pseudowissenschaftliches Propagandamaterial herausgab. Nach Ende des Krieges kamen die betreffenden Bücher erst 1982 zurück in den Besitz der Staatsbibliothek.

Die ca. 400 restituierten Bücher stehen heute im Magazin der gemeinsamen Bibliothek der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und des Berliner Missionswerks in Berlin Friedrichshain. Der Großteil jedoch gilt als verloren, wurde wahrscheinlich im Kriege zerstört, zumindest aber auseinandergerissen und weit über das Land verteilt.[10] Mit dem Verlust der Bibliothek ist auch viel Wissen über die damalige Vereinigung und ihre Arbeit verloren gegangen. Durch die Bestände der Bibliothek ließe sich ablesen, mit welchen Themen sich die „Gesellschaft“ befasste, welche Schwerpunkte sie in ihrer Arbeit setzte, aber auch, welche Inhalte sie außerhalb der Judenmission beschäftigte. So überrascht noch heute die Diversität der verbliebenen Bestände. Sie zeigt auf, dass sich die „Gesellschaft“ auch mit der politischen Lage der Juden:Jüdinnen in Europa auseinandersetze, zeitgenössische Abhandlungen über das Juden- und Christentum und philosophische und praktische Auseinandersetzungen mit dem Zionismus besaß. Darüber hinaus beschäftigte sie sich auch mit Palästina als religiöser Heimatstädte für Juden:Jüdinnen und Christen:Christinnen. Der Bestand beeindruckt auch heute noch mit umfangreichen Materialien für die Judenmission, so sticht zum Beispiel ein Neues Testament heraus, welches auf Jiddisch übersetzt wurde. Auch umfasst die Bibliothek Lehrbücher, die extra für den Taufunterricht jüdischer Taufanwärter:innen verfasst wurden. Dass der Verein die Restitution einiger seiner Bibliotheksbestände nicht mehr miterlebte, zeigt auf, wie langwierig solche Verfahren sein können. Gleichzeitig beteht aber auch Hoffnung, dass in Zukunft noch weitere Bücher der ehemaligen Messiaskapelle entdeckt werden können. Da die „Gesellschaft“ heute nicht mehr besteht, kann sie auch ihren Verlust der Bibliothek nicht mehr anklagen und auch keine weiteren Recherchen zum Verbleib der Bücher anstellen. An dieser Stelle ist der Einsatz von engagierten Einzelpersonen und Institutionen gefragt, um nicht zuletzt das bis ins 21. Jahrhundert bestehende Unrecht aus der Zeit des Nationalsozialismus aufdecken und im möglichen Umfang beseitigen zu können.

Dieser Blogbeitrag ist im Rahmen der X-Student Research Group „Gedenkort Messiaskapelle – ein Rechercheseminar zur Kirche in der NS-Zeit, Nachgeschichte und Erinnerungspolitik“ entstanden und thematisch an dieses gekoppelt.


[1] Der genaue Umfang dieser Bibliothek kann heute nicht mehr ermittelt werden. Allerdings kann nachvollzogen werden, dass die „Gesellschaft“ in den Jahren 1888 bis 1892 jährlich mindestens 1.000 Mark für die Anschaffung neuer Publikationen vorsah. Vgl. evangelisches Landeskirchliches Archiv in Berlin, bisher online nicht aufgelistete Akten der „Gesellschaft“, die 2010 an das Archiv restituiert wurden.

[2] Der genaue Zeitpunkt der Schließung ist unklar. Das evangelische Landeskirchliche Archiv in Berlin und Michaela Scheibe verweisen auf den 23. Januar. Die Verfügung der Geheimen Staatspolizei und auch Pfarrer Wilhelm Knieschke nennen den 18. April 1941. Ein möglicher Erklärungsansatz für die unterschiedlichen Zeitangaben ist, dass bereits im Januar die Räumlichkeiten der Kapelle durch die Gestapo geschlossen wurden, eine offizielle Verfügung aber erst Monate später folgte. Vgl. Scheibe, M.: NS-Raubgut in der Erwerbungspolitik der Preußischen Staatsbibliothek nach 1933 – eine Zwischenbilanz. In: Gesellschaft für Exilforschung (Hrsg.): Bibliotheken und Sammlungen im Exil. Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, 29/2011. edition text + kritik, S. 188 und Knieschke, W.: Nathanael, S. 13.

[3] Verfügung der Gestapo vom 18. April 1941 aus dem Archiv der ev. Landeskirche in Berlin, ELAB 1/1113: „Zu den eingezogenen Vermögen gehören insbesondere: […] e) Die Bibliothek mit ca. 2000 Büchern“.

[4] Allerdings war Kniesches Einspruch mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ausschlaggebend für die Übergabe der Bücher an die Staatsbibliothek. Vielmehr war es auch eine Anordnung des Reichsministeriums für Finanzen, beschlagnahmte Schriften, insbesondere jüdische und hebräische Literatur, an die Staatsbibliothek zu übergeben. Dabei dürfte auch die räumliche Nähe der Büroräume der Gesellschaft zur Annahmestelle der Staatsbibliothek begünstigend auf die Übergabe eingewirkt haben. Vgl. Knieschke, W.: Nathanael. Ein kleiner Bericht zur Missionsarbeit am Volke Israel, S. 13. und Bödeker, H.; Bötte, G.-J. (Hrsg.): NS-Raubgut, Reichstauschstelle und Preußische Staatsbibliothek. Vorträge des Berliner Symposiums am 3. und 4. Mai 2007. K. G. Saur 2008, S. 2f.

[5] Vgl. Scheibe, M.: NS-Raubgut in der Erwerbungspolitik der Preußischen Staatsbibliothek nach 1933 – eine Zwischenbilanz, S. 182.

[6] Vgl. Ebd. S. 188.

[7] Noch lange nach 1945 hielten große Teile der evangelischen Kirche am Konzept der Judenmission fest. Erst mit den 1980er-Jahren trat die Kirche in eine neue Phase der Reflektion des Nationalsozialismus und der Shoah ein. Die Thematik blieb aber umstritten. Trotzdem dienten diese Debatten beispielsweise als Ausgangspunkt für den Synodalbeschluss „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Juden und Christen“ der evangelischen Kirche der DDR aus dem Jahr 1990. In dieser bekennt sich die Kirche zum Staat Israel, gegen den Antisemitismus und gegen das Konzept der Judenmission. Vgl. Pavlush, T.: Kirche nach Auschwitz zwischen Theologie und Vergangenheitspolitik. Die Auseinandersetzung der evangelischen Kirchen beider deutschen Staaten mit der Judenvernichtung im „Dritten Reich“ im politisch-gesellschaftlichen Kontext. Peter Lang 2015, S.107.

[8] Informationen aus direktem Kontakt mit Anneke de Rudder, Arbeitsstelle Provenienzforschung – NS-Raubgut, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg.

[9] Der „Ankauf“ von Büchern und Bibliotheken war meist auch von einem Zwang geprägt, den die Staatspolizei auf „Verkäufer“ ausübte. In der Provenienzforschung stellt sich daher auch die Frage, inwiefern solche „Kaufverträge“ heute rechtmäßig sind. Vgl. Bödeker, H.; Bötte, G.-J. (Hrsg.): NS-Raubgut, Reichstauschstelle und Preußische Staatsbibliothek, S. 1.

[10] Vgl. Bödeker, H.; Bötte, G.-J. (Hrsg.): NS-Raubgut, Reichstauschstelle und Preußische Staatsbibliothek, S. 158.

[11] Die Standortbezeichnung „Judenmission“ stammt noch aus der historischen Systematik, welche bei Entstehung der Bibliothek erarbeitet wurde und auf den Sonderbestand der restituierten Bücher hinweist. Eine Überarbeitung der Archivsystematik mit ihren Bezeichnungen ist bereits vom aktuellen Bibliotheksleiter angedacht.

Über die Autorin

Laura Steinbrück studiert Interdisziplinäre Antisemitismusforschung an der TU Berlin.

Was geschah im Hinterhof?                          

von Kristina Schnürle

Wenn man die Kastanienallee entlanggeht, kann man über der Haustür des Gebäudes mit der Nummer 22 eine Inschrift in altertümlichen Lettern lesen: „Messiaskapelle“. Zwischen Nagelstudio und Klettergeschäft, in dem belebten Stadtteil Berlin-Prenzlauer Berg, weist nichts auf eine Kapelle oder sonst einen besonderen Ort hin.

Foto: Kjell Pommerening

Seit Oktober 2023 gibt eine Stolperschwelle Auskunft über Menschen, die hier getauft und z. T. später deportiert und getötet wurden. Bis heute wissen die wenigsten, dass es im Nationalsozialismus Christen gab, die aus rassistischen Gründen verfolgt und ermordet wurden.

Foto: Johan Wagner

Aber was ist die Messiaskapelle?

Leider ist zurzeit ein Blick hinter das äußere Tor in den Hinterhof für die allgemeine Öffentlichkeit nicht möglich. Dort würde man auf eine kunstvoll mit Monden und Kreuzen verzierte Tür stoßen. Und im Innern ein Raum, der an einen Versammlungsort einer religiösen Gemeinschaft erinnert. Besonders fällt die hebräische Inschrift des hebräischen Gottesnamen, des Tetragramms auf. Wer hat sich dort wann versammelt? Was geschah an diesem Ort im Hinterhof?

Foto: Johan Wagner

Foto: Johan Wagner

Wie alles begann

Durch das Emanzipationsedikt 1812 waren die preußischen Juden rechtlich zu „Einländern und preußischen Staatsbürgern“ geworden. König Friedrich Wilhelm III. selbst wandte sich aber schon 3 Jahre später gegen die bürgerliche Gleichstellung seiner jüdischen Untertanen. Doch eine Gesellschaft zur Judenmission war ganz in seinem Sinne, da er dadurch hoffte, ausschließlich „christliche Untertanen“ zu bekommen.

Foto: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/juedisches-leben/504517/19-jahrhundert/

1822 wurde die „Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter Juden“, die Berliner Judenmission, gegründet.  Der Verein entstand aus der pietistischen Bewegung des 19. Jhs., entsprechend der Mission unter „Heiden“. Während die Heidenmission allgemein anerkannt war, hatte die Judenmission mit antisemitischen Vorurteilen zu kämpfen. Aber auch das alte Volk Israel habe, so die Vertreter der Judenmission, ein Recht auf Heil und das Evangelium – jetzt, da die gesellschaftlichen Schranken zwischen Juden und Christen gefallen waren und Juden qua Gesetz gleichberechtigt waren, umso mehr. Zusätzlich solle der Lebenswandel der Christen missionarisch wirken. Da die Aufgabe der Mission nicht von einzelnen Christen geleistet werden könne, sei es nötig, diese an Vereine zu delegieren, bzw. diese dabei zu unterstützen. (So im grundlegenden Aufsatz „Recht und Pflicht der Judenmission“ im „Nathanael“, so der Titel der Zeitschrift der Gesellschaft ab 1885).

Schon 1827 hat Friedrich Wilhelm III. die Erlaubnis eines besonderen Gottesdienstes für die „Juden“ in Berlin gegeben, aber es fehlte lange an einem geeigneten Ort. 1902 konnte schließlich die Messiaskapelle in der Kastanienallee 22 eingeweiht werden. Sie bot Platz für 100 Menschen.

Es handelte sich dabei nur um einen kleinen Kreis im Rahmen der Landeskirche. Denn die Mehrheit der Deutschen, auch der kirchlichen Kreise, war an einer Begegnung oder gar dem Dialog mit Juden nicht interessiert. Darum wurden die „getauften Juden“ immer mehr zu einer Sondergruppe, an deren Integration in die christliche Gemeinde kaum jemandem gelegen war.

In den Räumen in der Messiaskapelle wurde sonntäglich Gottesdienst gefeiert

Foto: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/NQM4DO6J6QI6NJOYZF2EQOHDVXY53I5L

Aber daneben spielte die Soziale Arbeit an konvertierten oder am Christentum interessierten Juden eine große Rolle. Seit Mitte des 19. Jhs. kamen viele junge Juden aus Osteuropa oder dem russischen Zarenreich nach Berlin, häufig ohne Geld und familiären Rückhalt. Sie waren oft auf Unterstützung angewiesen und waren dadurch, dass sie sich im „fortschrittlichen Berlin“ ihrem jüdischen Glauben aus dem Schtetl entfremdeten, für den christlichen Glauben aufgeschlossen.

Ein Anliegen der „Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden“ war es außerdem, Menschen in den Gemeinden – und wenn möglich auch darüber hinaus – jüdische Bräuche und Feste zu erklären und bekannt zu machen. Damit wollte sie dem Misstrauen und der wachsenden antisemitischen Stimmung in jener Zeit entgegenwirken.

Warum ließen sich Juden taufen?

Sowohl von kirchlicher als auch politischer Seite wurde unterstellt, die Juden ließen sich „nur“ taufen, um nicht als Juden benachteiligt oder verfolgt zu werden. Berichte von Täuflingen oder ihrer Nachkommen zeigen ein Spektrum unterschiedlichster Gründe: von relativer Gleichgültigkeit gegenüber dem jüdischen oder christlichen Glauben, der Anpassung an den christlichen Partner oder die christliche Partnerin bis hin zum Versuch, durch die eigene Taufe oder die Taufe ihres Kindes bessere Chancen in der Gesellschaft zu erreichen – in der NS-Zeit sogar das Leben zu retten. Doch bilden diese äußerlichen Motive nicht alles ab. Wer wollte beurteilen, ob die Hinwendung zum christlichen Glauben „echt“, aus freien Stücken erfolgte? Der Dichter Jochen Klepper schreibt schon 1933 in sein Tagebuch, dass seine jüdische Frau Hanni sich taufen lassen wolle, aber nicht aus politischen Gründen konvertiere. Sie wisse, dass die Anmeldung zur Taufe politisch sinnlos sei. (Tagebuch „Unter dem Schatten seiner Flügel“ 13.Mai 1933). Denn von Seiten des NS-Staats war von Anfang an klar, dass die Taufe keine Auswirkung auf den „Rassenstatus“ hat: auch ein Getaufter blieb jüdisch, „nichtarisch“.

Dennoch erhielten in der Zeit zwischen 1933-41 über 700 jüdische Menschen in der Messiaskapelle Taufunterricht.

Die Taufen wurden – sicher in erster Linie aus theologischer Verantwortung, aber vielleicht auch um den Verdächtigungen vorzuwirken – nicht oberflächlich oder gar nur auf dem Papier vollzogen, sondern es gab einen mehrwöchigen Taufunterricht. Dies wird im Messiasboten, dem Gemeindebrief, ausführlich beschrieben.

Foto: Laura Steinbrück

Der Messiasbote, so der Titel der Zeitschrift der Gesellschaft im Nationalsozialismus, gibt auch Zeugnis davon, wie die Verkündigung an Juden aussah: Pfarrer Knieschke knüpfte in seinen Predigten an Worte, Erzählungen und Feste des Judentums an. Er predigte im Wissen, dass Juden, anders als die Menschen, die von Missionsgesellschaften in fernen Ländern missioniert werden, schon eine gemeinsame Basis mit den Christen haben. Er nahm Verheißungen der Propheten auf und wies – wie die neutestamentlichen Apostel – darauf hin, dass diese in Jesus erfüllt seien. Im Messiasboten finden sich ebenfalls Zeugnisse von Getauften, die über ihren Weg von Judentum zum Christentum berichten. Auch wenn die Ausführungen im Messiasboten nicht mehr unserer Perspektive auf das Judentum, geschweige denn der theologischen oder homiletischen Sprache unserer Zeit entsprechen, wird die Überzeugung und Redlichkeit der Pfarrer und Mitarbeitenden sichtbar.

Im Frühjahr 1941 schloss der NS-Staat die Messiaskapelle, den Zufluchts- und Taufort so vieler Christen jüdischer Herkunft gewaltsam.

 „Allein die Tatsache, dass Christen jüdischer Herkunft in der Zeit der Verfolgung die Tür der Messiaskapelle offenstand, dass Menschen jüdischer Herkunft hier weiter getauft wurden, macht die Messiaskapelle in gewisser Weise bereits zu einem Ort der Zuflucht.“ Und den Verfolgten wurde auch noch anders geholfen.“ Diejenigen, die im Bereich der Messiasgemeinde tätig waren, haben sich nicht von den Verfolgten abgewandt. Sie haben sie nicht nur seelsorgerlich begleitet, sondern mit konkreten Hilfeleistungen unterstützt. „Aber vielen konnte nicht geholfen werden. 86 der 700 getauften Menschen jüdischer Herkunft wurden deportiert, nur 2 davon überlebten.“ (Lachenicht in: und Evangelische Kirche im Nationalsozialismus 2013. S.91f)

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Judenmission ihre Arbeit wieder auf, in der Kapelle trafen sich Überlebende und feierten Gottesdienst. Darüber ist kaum etwas bekannt und wäre es wert, weiter erforscht zu werden.

Doch die „Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden“ hatte sich überlebt und löste sich 1982 auf. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) distanzierte sich 1990 vollständig von der Mission an Juden.

Heute ist die Messiaskapelle ein „Nichtort“, ein kaum sichtbarer, fast vergessener Ort im Hinterhof. Die evangelische Kirche Berlin sieht die Erhaltung dieses Ortes als Gedenkort nicht als drängende Aufgabe an.

Foto: Kjell Pommerening

https://www.landeskirchenarchivberlin.de/forum-fur-erinnerungskultur/forum-schwerpunkte-der-arbeit/arbeitsbereiche/christen-judischer-herkunft/gedenkort-messiaskapelle-2/

https://www.kkbs.de/messiaskapelle

„Nathanael“, die Zeitschrift der Gesellschaft und der Nachfolger, „Der Messiasbote“ sind zum Beispiel in der Staatsbibliothek zu Berlin einzusehen, allerdings ist dort eine Benutzung nur im Lesesaal möglich. Die „Permalinks“ der Staatsbibliothek lautet:

https://stabikat.de/Record/16759074X („Nathanael“)

https://stabikat.de/Record/167606131 („Der Messiasbote“)

Mittlerweile wurde auf diesem Blog ein weiterer Beitrag veröffentlicht, in dem die Staatsbibliothek zu Berlin eine Rolle im Sinne der Erinnerung an die Messiaskapelle spielt: https://blogs.hu-berlin.de/kircheimns/2024/05/05/was-uns-buecher-nicht-erzaehlen-der-lange-weg-der-bibliothek-der-gesellschaft-zur-befoerderung-des-christentums-unter-den-juden/

Gedenkort Messiaskapelle – ein Rechercheseminar zur Kirche in der NS-Zeit, Nachgeschichte und Erinnerungspolitik (SoSe 2024)

Kastanienallee 22 bei openstreetmap.org – noch kein Hinweis auf die Messiaskapelle, allerdings gibt es nunmehr in der deutschsprachigen Wikipedia einen Hinweis auf die „Stolperschwelle“ vor der Kastanienallee 22: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Berlin-Prenzlauer_Berg

Das Rechercheseminar soll am Beispiel der Messiaskapelle im Prenzlauer Berg einen genaueren Blick auf den Umgang der Berliner Kirche mit der „Judenfrage“ während und nach der Shoah werfen.

Als gefördertes Projekt der Berlin University Alliance schließt es an Förderprojekte aus den vergangenen Semestern an.

AGNES-Einschreibeseite

Seminarnummer:  0212165

Interessierte Studierende der Berliner und Potsdamer Universitäten sind aufgefordert, sich beim entsprechenden Kurs der Lernplattform der Humboldt-Universität einzuschreiben. Die Inhalte werden zeitnah auf das Sommersemester 2024 aktualisiert:

https://moodle.hu-berlin.de/enrol/index.php?id=121360

Moodle-Einschreibeschlüssel: Ekbo.2023

Das Seminar wird im Sommersemester 2024 dienstags, 10-12 Uhr, im Raum 5061 (5. OG) im Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität stattfinden, Friedrichstraße 191 (FRS191).

Als Sitz der „Berliner Judenmission“ koordinierte die Amtskirche hier die christliche Missionsarbeit unter Jüdinnen und Juden. Bis zu ihrer Schließung 1941 durch die Gestapo wurde die Messiaskapelle zudem zu einem Taufort für mindestens 700 Menschen, welche das NS-Regime als „nicht-arisch“ definierte. Deutsche Täterinnen und Täter ermordeten viele von ihnen, ohne dass die Kirche dem Regime die Gefolgschaft verweigerte. Im interdisziplinären Rechercheseminar diskutieren Teilnehmende und Dozierende auf Grundlage von Originalquellen bisher unberücksichtigte Aspekte der widersprüchlichen Geschichte der Messiaskapelle während und nach der NS-Zeit. Gemeinsam spüren sie der Frage nach, warum die Erinnerung daran bis heute schwierig ist. Die Teilnehmenden begleiten dabei kritisch die Entwicklung eines Gedenkorts, wie er durch den Kirchenkreis Stadtmitte geplant ist.

Das Seminar der forschenden Lehre richtet sich an Studierende aller Erfahrungsstufen. Es kommt ohne Anforderungen an historisches Vorwissen aus. An individuellen Interessen ausgerichtet erhalten die Studierenden Einblick in historische Quellenanalyse- und Recherchetechniken, die in vielen Berufsfeldern sinnvoll sein können. Durch die gemeinsame Publikation der Rechercheergebnisse auf dem Blog (https://blogs.hu-berlin.de/kircheimns/) üben die Seminarteilnehmenden zielgerichtetes Schreiben und die Kommunikation von wissenschaftlichen Ergebnissen für ein fachfremdes Publikum.

Karl Themel – Pfarrer, Nationalsozialist, Sippenforscher

von Christine Stier

Schuld und Aufarbeitung in der evangelischen Kirche

Niemals zählte eine Partei in Deutschland mehr Mitglieder als die NSDAP. Von 1929/30 wählten immer mehr Deutsche die anfangs noch kleine Splitterpartei und traten ihr massenhaft bei, bis sie am Ende des Jahres 1944 fast neun Millionen Mitglieder zählte. (Gailus 2021, 9) Auch wenn sich nicht alle von ihnen aktiv an der Ermordung von Jüdinnen und Juden beteiligten, so bildeten diese Deutschen das Fundament und die Legitimation für die NS-Verbrechen. Zudem konnten viele Parteimitglieder auch nach dem Krieg in Beruf und Karriere einfach weitermachen, während das die meisten Opfer nicht konnten.

Es gibt in Deutschland eine breite Aufarbeitung und Erinnerungskultur. Sie fällt jedoch mitunter zu einseitig aus, jedenfalls dann, wenn wir mit großer Aufmerksamkeit vor allem der Widerstandskämpfer:innen gedenken oder uns voreilig in die Vorstellung einer vollständig geläuterten Nation flüchten. Das gilt gleichermaßen für die evangelische Kirche, die es keinesfalls dabei belassen darf, ihre eigene Vergangenheit nur im Licht Dietrich Bonhoeffers oder der Bekennenden Kirche zu spiegeln. Denn der Nationalsozialismus durchdrang ebenso sehr deren Strukturen, wie sich die Kirche selbst aktiv an der verbrecherischen Politik des Regimes beteiligte. So hat sie beispielsweise ihre Kirchenbücher für die sogenannten Ariernachweise geöffnet und damit der Verfolgung von Menschen jüdischer Abstammung Vorschub geleistet. Die Aufarbeitung dieses Kapitels in der evangelischen Kirche bekommt auch noch heute weniger Gewicht, als es angesichts seiner verheerenden Folgen für die Opfer angemessen wäre.

Auf dem Bild sieht man Karl Themel. Er sitzt an einem Tisch und schreibt. Neben ihm steht Horst Schirmacher. Das Foto entstand im Jahr 1933.
Pfarrer Karl Themel (sitzend) mit seinem Adjutanten Horst Schirmacher, 1933 (Archiv für Diakonie und Entwicklung, Berlin)

Karl Themel – vom Geistlichen zum Handlanger des NS-Regimes

Exemplarisch lässt sich mangelndes Schuldbewusstsein sowie eine defizitäre Aufarbeitung an dem Berliner Pfarrer Karl Themel (1890 – 1973) verdeutlichen. Dieser ist ein Musterbeispiel für einen nationalsozialistischen Christen, „dessen NS-Gläubigkeit im Laufe der Hitlerzeit stetig anwuchs und seine ererbten christlichen Glaubensanteile mehr und mehr verdrängte.“ (Gailus 2021, 94).

Schon im April 1932 trat Themel der NSDAP bei und gehörte im gleichen Jahr zu den führenden Gründungsmitgliedern der Deutschen Christen (DC). Seine Zustimmung zum Nationalsozialismus ist durch mehrere seiner Predigten, Artikel und Reden belegt. Außerdem zeichnete er sich schon vor 1933 als ein ungewöhnlich umtriebiger kirchlicher Aktivist aus, der sich auf vielen Gebieten weit über seine Kirchengemeinde hinaus betätigte. Seine große Aktivität, die ein hohes Maß an Arbeitsenergie verrät, schuf zahlreiche Querverbindungen und eröffnete ihm immer wieder neue Karrierechancen – persönliche Verbindungen zum „Reichsbischof“ Ludwig Müller und seine Zusammenarbeit mit Parteigenossen aus kirchlichen und staatlichen Institutionen. Manfred Gailus beurteilt das Ausmaß seiner Identifikation mit dem Nationalsozialismus als so weitgehend, dass sie im Zweifelsfall seine kirchlichen Bindungen und Verpflichtungen dominierte.

Durch Schreiben vom November 1934 bot er dem „Sachverständigen für Rasseforschung beim Reichsministerium des Innern“ (zukünftige „Reichsstelle für Sippenforschung“) seine Mitarbeit an, dabei verwies er auf seine vielfältigen Qualifikationen als Historiker und Familienforscher, auf seine Vertrautheit mit den Berliner Kirchenbüchern, auf seine Partei- und DC-Verdienste und schließlich auf seine Kenntnisse „über Erblehre und Rassenkunde“. Explizit formulierte er den Wunsch, seine Kraft ehrenamtlich dem NS zur Verfügung zu stellen. Aus diesem Kontakt entwickelte sich seit 1935 eine enge Zusammenarbeit zwischen Themel und einigen weiteren Parteigenossen und der durch den Historiker und fanatischen SS-Obersturmführer Kurt Mayer geleiteten „Reichsstelle für Sippenforschung“. Gemeinsam war ihnen das Ziel, die in den Berliner Kirchenbüchern enthaltenen familiengeschichtlichen Daten für die Zwecke nationalsozialistischer Rassenpolitik vollständig und systematisch verfügbar zu machen. 1936 war Themel Leiter der offiziell eingerichteten „Kirchenbuchstelle Alt-Berlin“ und in dieser Funktion maßgeblicher Akteur für eine staatlich-kirchliche Zusammenarbeit, die für die von antisemitischer Ausgrenzung Betroffenen schwerwiegende Folgen hatte. 1941 verfasste Themel eine Bilanz der Tätigkeit der Kirchenbuchstelle Alt-Berlin, in der er sich rühmt, dass in 2612 Fällen eine jüdische Abstammung entdeckt zu haben. (Gailus 2021, 93)

Eine Tendenz zu völkischen und antibolschewistischen Gedankengut lässt sich in Themels Lebenslauf bereits früh feststellen. In Verbindung mit einem ausgeprägten Karrierebewusstsein und die durch den politischen Umbruchbegünstigte Situation zu einem schnellen beruflichen Aufstieg, ist auch Themels Täter-Biografie nur eine unter vielen, wie man sei in der NS-Zeit beobachten kann. Doch was ist von der bewussten Anbiederung an den NS-Staat, den Themel bereits seit den frühen 1930er Jahren unternahm, nach 1945 übrig geblieben?

Aufarbeitung durch die Nachkriegskirchenleitung

Anhand eines Archivdokuments aus den frühen Nachkriegsjahren, mit der Anfrage des „Evangelischen Konsistoriums der Mark Brandenburg“ betreffend der Kirchenbuchstelle Alt Berlin an Karl Themel, wird nachvollziehbar, wie der ehemalige Leiter seine Rolle als treibende Kraft herunterspielte und die Tatsachen angesichts der veränderten politischen Situation zu seinen Gunsten beschönigte.

Mit dem Schreiben vom 1. Oktober 1946, welches das Konsistorium an Karl Themel mit Bitte um Antwort und Stellungnahme richtet, wird Themel zweifelsfrei als Leiter der Kirchenbuchstelle Alt-Berlin während der nationalsozialistischen Herrschaft bezeichnet, der dem Großteil seiner „Zeit und Arbeitskraft diesem Amt widmete“. Das Konsistorium zweifelt also zu diesem Zeitpunkt keineswegs an Themels damaligen Engagement für dieses Amt. Es bittet ihn lediglich um Auskunft über die Struktur und Beschaffenheit  der Kirchenbuchstelle und die genaue Beschreibung  seiner Funktion und der zugehörigen Amtsbefugnisse als deren Leiter. Zudem möchte es wissen, wer Themels amtlicher Vertreter gewesen ist, wer diesen dazu bestellt habe und wer für das Personal zuständig gewesen sei und Entscheidungen über Anstellungen getroffen habe.

Themel beantwortet diese Anfrage, die ihn scheinbar erst Anfang 1947 erreicht, etwa drei Monate später mit einem für diesen Sachverhalt recht knappen Schreiben, indem er behauptet: „Meine Aufzeichnungen und Papiere sind vermutlich verbrannt, sodaß ich nur nach meinen Erinnerungen berichten kann.“ Zudem gestalteten sich, seiner Aussage nach, deutliche Antworten auf die Anfrage des Konsistoriums als schwierig, „da die Verhältnisse (…) in den verschiedenen Zeiten verschieden waren.“

Er beschreibt die Einrichtung der Kirchenbuchstelle als einen Wunsch des Archivamtes des Evangelischen Oberkirchenrats. Er selbst sei in den Ausschuss der Initiatoren gewählt worden, weil er „unter den anwesenden (sic!) der beste Kenner der Berliner Kirchenbücher war“ und von 1923 bis 1933 in seiner „Freizeit systematisch genealogische Forschungen betrieben hatte.“

Ganz so fremdbestimmt, wie Themel es darstellt, kam er allerdings nicht in diese Position. 1934 gab es einen Bruch in seiner bis dahin kirchlich-nationalsozialistischen Karriere: Er verlor in diesem Jahr die Reichsführerschaft bei der Inneren Mission (die heutige Diakonie) und seine Stelle beim Evangelischen Männerwerk. Genau an diesem Punkt bot er in einem Brief an die Reichsstelle für Sippenforschung seine Mitarbeit an. Anfangs allerdings ganz ohne die Legitimation des Evangelischen Oberkirchenrats, bildete Themel 1935 eine kirchliche Vorbereitungsgruppe und blieb in dieser Zeit in engem Kontakt mit der Reichsstelle für Sippenforschung, um über die Entwicklung seiner Arbeit zu berichten. (Gailus 2015, 203f.)

Am 12. Dezember 1936 wurde die Kirchenbuchstelle Alt-Berlin feierlich eröffnet, die Themel als nebenamtlicher Leiter führte. Als seinen Stellvertreter hatte er den SS-Mann und befreundeten Parteigenossen Henry Baer eingesetzt. Die Mitarbeitenden rekrutierten sich vor allem aus kirchlichen Parteigenoss:innen, in Themels Worten stammten sie überwiegend „aus den Kirchengemeinden, deren Kirchenbücher abgegeben und verkastet (sic!) waren“. Die Richtlinien für die Verkartung der Kirchenbücher als Grundlage für die systematische rassenpolitische Auswertung, arbeitete Themel selbst aus, so beschreibt er es auch gegenüber dem Evangelischen Konsistorium. Die Überwachung der Arbeit erfolgte durch seinen Stellvertreter und durch ihn selbst, „soweit mein Pfarramt mir Zeit ließ“, denn bis zum 30. Juni 1942 arbeitete er als hauptamtlicher Pfarrer der Luisenstadtgemeinde. (Gailus 2015, 207).

Themel betont an mehreren Stellen, dass seine Tätigkeit für die Kirchenbuchstelle nur nebenberuflicher Art sei und dass sein Stellvertreter sowie die Sachbearbeiter überwiegend selbstständig arbeiteten.

„Ich griff nur in Beschwerdefällen und möglichst wenig ein, um die Arbeitsfreudigkeit meiner Mitarbeiter nicht zu lähmen. Da ich im Höchstfall 2-3 Stunden im Betrieb anwesend war habe ich auch meinem Stellvertreter, der sehr gewissenhaft und zuverlässig war, in seinen Anordnungen weitgehend Selbstständigkeit gelassen.“

Der Überzeugung des Konistoriums, dass Themels Einsatz vor allem der Arbeit in der Kirchenbuchstelle Alt-Berlin galt, widerspricht er vehement:

„Die im dortigen Schreiben vom 7.1.1947 vertretene Auffassung, daß ich den weitaus größten Teil der Zeit und Arbeitskraft diesem Amt gewidmet habe, ist unrichtig.“

Faktencheck und Verdachtsmomente

Faktisch gesehen, muss sein dortiges Engagement jedenfalls ausgereicht haben, dass er im Jahr 1938 eine Beförderung zum nebenamtlichen Konsistorialrat mit dem Referat Kirchenbuch und Archivwesen erhielt und damit eine Leitungsposition im Konsistorium innehatte. (Gailus 2015, 107) Überhaupt lässt sein Verhalten während der NS-Zeit einen ganz anderen Schluss zu, als seine Selbstauskunft suggerieren will: Karl Themel gab sich eigentlich nie zufrieden mit dem einfachen Pfarramt in seiner Gemeinde. Seine frühe Mitgliedschaft in der NSDAP und anderen völkischen und NS-nahen Vereinen lässt vermuten, dass der langjährige Pfarrer seine Zukunft im staatlichen Dienst sah, während sein Amt in der Luisenstadt-Gemeinde ihm wahrscheinlich in erster Linie ein festes Einkommen sichern sollte.

Auffällig sind seine frühe und intensive Beschäftigung mit Themen der sozialen Aufgaben von Kirche, aktuelle Fragen der sozialen Gesetzgebung in Deutschland und des Sozialismus. Seit 1931 war er nebenamtlicher „Sozialpfarrer“ von Berlin. Zudem engagierte er sich an vorderster Stelle im kirchlichen Kampf gegen die Freidenkerbewegung und die Arbeiterparteien. In den letzten Jahren der Weimarer Republik profilierte er sich als Antibolschewismusexperte und verfasste in diesem Kontext kirchliche Schulungsbroschüren wie „Lenin anti Christus“ (1931) – „Aufklärung einer verführten Arbeiterschaft“. Nach eigenen Angaben kam er in diesen Jahren mit dem Gedankengut des Nationalsozialismus in Berührung.

Im April 1942 engagierte er sich zudem in der „Arbeitsgemeinschaft für die ausländischen Arbeiter auf Berliner Friedhöfen“, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, dem Arbeitskräftemangel auf Gemeindefriedhöfen durch den Einsatz von Zwangsarbeitern abzuhelfen. (Erinnerungsorte gestalten. Gedenkstätte für die NS-Zwangsarbeiter des kirchlichen Friedhofslagers Berlin-Neukölln, 2.Aufl. 2014)

Der Umgang der Nachkriegskirchenleitung mit Karl Themel – eine Rehabilitierung?

Am 2. Dezember 1948 hatte die Berliner Kirchenleitung entschieden, Karl Themel aus dem Amt zu entfernen, doch das Berufungsverfahren kam etwa ein halbes Jahr später zu einem viel milderen Urteil und ließ die Versetzung des Pfarrers in ein anderes Amt zu. Die Begründung dieses Urteils verdeutlicht, dass die Kirchenleitung nicht über alles Bescheid wusste, was Themel als nebenberuflicher „Sippenforscher“ in der NS-Zeit betrieb, „ (…) und zwar aus einer vielfach zu beobachtenden Mischung aus Nichtwissenkönnen und Nichtwissenwollen“, wie Manfred Gailus urteilt. (Gailus 2001, 447) Nach Kriegsende wurde Themel also zunächst disziplinarisch zurückgesetzt, konnte sein Amt als Pfarrer aber weiter fortführen. Nach seinem Übertritt in die Pensionierung übernahm er die ehrenamtliche Stelle als Archivleiter und Experte für Kirchenbuchwesen im Raum der Kirche Berlin-Brandenburgs. (Vgl. Gailus 2021, 93f.)

Wie war es möglich, dass Karl Themel angesichts seiner Arbeit für das NS-Regime im Amt bleiben durfte und auch nach dem Krieg eine Karriere machen konnte? Was tat die Nachkriegskirchenleitung in diesem Fall und warum entschied sie sich nicht für eine dauerhafte Amtsenthebung des ehemaligen Leiters der Kirchenbuchstelle?

Der Historiker Gailus ist der Ansicht, dass die kirchliche Leitung hinsichtlich der Person Themels wesentlich mehr hätte unternehmen können. Schon eine Befragung der Mitarbeitenden des Konsistoriums hätte ausgereicht, Entscheidendes über die Vergangenheit des Pfarrers in Erfahrung zu bringen.  Dass Themel ein deutlicher Anhänger des nationalsozialistischen Regimes war und karrierebewusst genug, sich dem NS-Staat auch außerhalb des kirchlichen Amtes anzudienen, lässt sich zudem anhand seiner Biografie ohne weiteres nachverfolgen.

Literatur

Gailus, Manfred, Gläubige Zeiten. Religiosität im Dritten Reich, Herder Verlag, Freiburg 2021.

Gailus, Manfred, Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933-1945, Wallstein Verlag, Göttingen 2015.

Gailus, Manfred, Protestantismus und Nationalsozialismus. Studien zur nationalsozialistischen Durchdringung des protestantischen Sozialmilieus in Berlin, Böhlau Verlag, Köln 2001.

17. November 2023 | Veröffentlicht von Christine Stier | Kein Kommentar »
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Gedenkort Messiaskapelle – ein Rechercheseminar zur Kirche in der NS-Zeit, Nachgeschichte und Erinnerungspolitik (WiSe 2023/24)

Das Rechercheseminar soll am Beispiel der Messiaskapelle im Prenzlauer Berg einen genaueren Blick auf den Umgang der Berliner Kirche mit der „Judenfrage“ während und nach der Shoah werfen.

AGNES-Einschreibeseite

Seminarnummer: 60313
Moodle-Einschreibeschlüssel: Ekbo.2023

Der Bildschirmdruck zeigt einen Ausschnitt des Kartendienstes openstreetmap.org, bei der Kastanienallee 22 findet sich noch kein Hinweis auf die Messiaskapelle
Kastanienallee 22 bei openstreetmap.org – noch kein Hinweis auf die Messiaskapelle | Contains information from openstreetmap.org, which is made available here under the Open Database License (ODbL, https://opendatacommons.org/licenses/odbl/1-0/). JPG-Export erstellt am 5.10.2023.

Als Sitz der „Berliner Judenmission“ koordinierte die Amtskirche hier die christliche Missionsarbeit unter Jüdinnen und Juden. Bis zu ihrer Schließung 1941 durch die Gestapo wurde die Messiaskapelle zudem zu einem Taufort für mindestens 700 Menschen, welche das NS-Regime als „nicht-arisch“ definierte. Deutsche Täterinnen und Täter ermordeten viele von ihnen, ohne dass die Kirche dem Regime die Gefolgschaft verweigerte. Im interdisziplinären Rechercheseminar diskutieren Teilnehmende und Dozierende auf Grundlage von Originalquellen bisher unberücksichtigte Aspekte der widersprüchlichen Geschichte der Messiaskapelle während und nach der NS-Zeit. Gemeinsam spüren sie der Frage nach, warum die Erinnerung daran bis heute schwierig ist. Die Teilnehmenden begleiten dabei kritisch die Entwicklung eines Gedenkorts, wie er durch den Kirchenkreis Stadtmitte geplant ist.

Das Seminar der forschenden Lehre richtet sich an Studierende aller Erfahrungsstufen. Es kommt ohne Anforderungen an historisches Vorwissen aus. An individuellen Interessen ausgerichtet erhalten die Studierenden Einblick in historische Quellenanalyse- und Recherchetechniken, die in vielen Berufsfeldern sinnvoll sein können. Durch die gemeinsame Publikation der Rechercheergebnisse auf dem Blog (https://blogs.hu-berlin.de/kircheimns/) üben die Seminarteilnehmenden zielgerichtetes Schreiben und die Kommunikation von wissenschaftlichen Ergebnissen für ein fachfremdes Publikum.

Als gefördertes Projekt der Berlin University Alliance schließt es an Förderprojekte aus den vergangenen Semestern an.

5. Oktober 2023 | Veröffentlicht von Johan Wagner | Kein Kommentar »
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Erinnerungskultur und aktueller Stand kirchlicher Aufarbeitung – Interview-Podcast

von Sophia Lamprecht und Shirin Sommer

Zwei Studentinnen im Q-Team des Sommersemesters 2020 haben sich mit vor allem pädagogischen Fragen zum Thema Kirche in Berlin und Brandenburg 1914 bis 1949 gestellt. Fragen im Vorfeld des hier veröffentlichten Interview-Podcasts waren:

  • Wie vermittelt man Funktionen von Kirche und Glauben, wie Erinnerung, Umgang mit eigener oder vergangener Schuld, Versöhnung an junge Menschen?
  • Was ist die Rolle der Kirche in der erinnerungspolitischen Landschaft von Gedenkstätten, öffentlichem Gedenken und historischer Forschung?
  • Ist kirchliche Aufarbeitung weiterhin beeinflusst von den ersten Phasen der Aufarbeitung und Verdrängung der 1950er Jahre?

Zweiter Podcast der Reihe ist ein Interview mit Frau Pfarrerin Marion Gardei, der Beauftragten für Erinnerungskultur und gegen Antisemitismus der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Einen ersten Beitrag dieser Reihe finden Sie hier: Erinnerungskultur und Public History – Interview-Podcast

Frau Pfarrerin Marion Gardei pflegt ein eigenes Portal zu erinnerungspolitischen und erinnerungskulturellen Themen:

https://www.erinnerungskultur-ekbo.de

Beispiel institutionelle Erinnerungskultur: Pfarrerin Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur und gegen Antisemitismus der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, das Gespräch wurde im Corona-Sommer 2020 in Präsenz, allerdings mit großem Abstand in einem größeren Andachtsraum geführt. Daher ist die Tonqualität nicht optimal. Einige Aspekte des Themas haben sich Stand 2023 bereits deutlich weiterentwickelt.

Schuld – Mitschuld – Unschuld. Die evangelische Kirche im Nationalsozialismus

von Victoria Klärner, Vera Klauser Soldá und Henrik Scholle

Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten.

Matthäus 6,24

Die Kooperation von Kirche und Staat zur Zeit des Nationalsozialismus zeigt, dass dieses Bekenntnis nicht immer auch umgesetzt wurde. Beide Institutionen verband eine enge Kooperation; angesichts des Zitats wird somit ein gewisses Konfliktpotenzial deutlich. Obwohl die Zeit des Nationalsozialismus bis heute umfassend erforscht wurde und die Kenntnis über die systematische Verfolgung der Juden zum Allgemeinwissen zählt, ist das bezüglich der Zusammenarbeit von NS und Kirche nicht immer der Fall. Es gibt kaum ein Bewusstsein dafür, inwiefern und vor allem auch, dass die evangelische Kirche überhaupt in das System integriert war.

Diese Tatsache war ausschlaggebend für uns, das Thema als Einführung aufzubereiten, um eine Grundlage für die weitere Beschäftigung mit diesem häufig vernachlässigten Teil der Kirchengeschichte zu schaffen. Dabei haben wir uns bemüht, eine objektive und kritische Sichtweise einzunehmen und zudem eine besondere Art der Wissensvermittlung gewählt, um das Thema zugänglicher zu machen und von anderen Darstellungen abzuheben.

Wir, das sind übrigens: Victoria Klärner (Master Deutsche Literatur, HU), Vera Klauser Soldá (Master Deutsche Literatur, HU) und Henrik Scholle (Bachelor Geschichts- und Sozialwissenschaften, HU). Verantwortlich für Layout und grafische Gestaltung ist Johanna Groß (Bachelor Grafikdesign und Visuelle Kommunikation, HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft).

Broschüre: Schuld – Mitschuld – Unschuld. Die evangelische Kirche im Nationalsozialismus (PDF, ca. 10MB)

Dieser Beitrag wurde leicht verändert und von seinem ursprünglichen Erscheinungsdatum 2022 auf 2023 datiert, nachdem die Broschüre nach langen Vorarbeiten als PDF-Version zur Verfügung stand.

Blinde Kontinuitäten in Vergangenheit, Gegenwart…und Zukunft?

Anlässlich der Debatte um Max Friedlaender – die Erinnerungskultur der evangelischen Kirche auf dem Prüfstand

von Victoria Klärner

Karteikarte aus der Kirchenbuchstelle Alt-Berlin (Quelle: Evangelisches Landeskirchliches Archiv in Berlin, ELAB, Bild 455 TK 3444)

Konstant bedeutet, verlässlich und authentisch zu sein. Das ist erst einmal nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil, so werden die Erwartungen stets erfüllt und es gibt keine unangenehmen Überraschungen; so weit, so gut. Beziehen sich diese Kontinuitäten jedoch auf eine anhaltend bruchstückhafte und einseitige Darstellung der eigenen Vergangenheit, die sich auch deutlich in der Erinnerungskultur niederschlägt, ist ein solch positives Urteil wohl nicht angebracht. Gemeint ist in diesem Fall die Aufarbeitung der evangelischen Kirche, welche das Engagement der Institution zur Zeit des Nationalsozialismus nur allzu gern verschweigt bzw. beschönigt darstellt. Dabei ist eine umfassende Erinnerungskultur sowohl von individueller als auch kollektiver Bedeutung[1]; hat sie doch eine identitätsstiftende Wirkung, wie Aleida Assmann betont:

Mithilfe von Erinnerungskulturen stärken Gruppen ihre Identität, bestätigen sie ihre Werte […].[2]

Wenn aber diese Identität auf einer unvollständigen Darstellung der Geschichte beruht, vermittelt das ein falsches Bild und zeigt damit wiederum ein typisches Merkmal der deutschen Erinnerungskultur – das Ausblenden entscheidender Wahrheiten der Vergangenheit.[3] Im Falle der evangelischen Kirche führt(e) die einseitige Überlieferung dazu, dass heute viele Theologiestudenten und kirchliche Mitarbeiter die Vergangenheit ihrer eigenen Institution nicht kennen. Ein grober Fehler der Erinnerungskultur, in der – wenn es um die Zeit des Nationalsozialismus geht – nur allzu gern der eigene widerständische Charakter und bekannte Namen wie Niemöller oder Bonhoeffer hervorgehoben werden. In diesem Glanz – der ohne Frage bedeutenden Persönlichkeiten – wird aber gleichsam verschwiegen, dass es sich dabei um wenige Einzelpersonen handelte. Eine umfassende und organisierte kirchliche Widerstandsbewegung, als welche sie häufig pauschal dargestellt wird, existierte nicht. Vielmehr war die Kirche direkt in das System integriert und maßgeblich daran beteiligt, dass die Nationalsozialisten Einblick in die genealogische Vergangenheit der einzelnen Mitglieder erhielten und so gezielt die jüdisch-stämmigen herausfiltern konnten. Auch rassistische und antisemitische Äußerungen seitens kirchlicher Amtsträger waren keine Seltenheit – die nationalsozialistische Weltanschauung war auch in den Köpfen und Taten der Protestanten präsent. Diese, angesichts der Vergangenheit unumgängliche Aufarbeitung wurde von der Kirche jedoch nur teilweise und wenn, in Form einer zu eigenen Gunsten ausgelegten Darstellung geliefert. Außenstehende haben für die Erinnerungskultur weit mehr erreicht als die evangelische Kirche selbst.[4]

Und auch wenn sich einmal die Gelegenheit bietet, dieser Verdrängung der Geschichte ein positives und selbstkritisches Beispiel entgegenzusetzen, schafft es die Kirche, sich wiederholt in einem wenig schmeichelhaften Licht zu präsentieren.

Vergangenheit

Max Friedländer in seinem Arbeitszimmer, ca. 1920-1930; Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Ottilie Kasper

Max Friedlaender wurde 1852 in Brieg in Schlesien geboren, studierte Musikwissenschaften und Gesang und hatte sich im Laufe seines Lebens besonders um das deutsche Volkslied verdient gemacht. Sein durchaus beeindruckender Lebensweg soll hier jedoch nicht Thema sein. Vielmehr ist es Friedlaenders religiöse Zugehörigkeit, die Anlass zur Debatte bot. Zwar wurde er als Jude geboren, konvertierte aber in den 1890er Jahren zum Christentum und wurde somit Protestant. Im Rahmen des nationalsozialistischen Systems galt er jedoch weiterhin als Jude und erhielt 1936 in der Kirchenbuchstelle Alt-Berlin eine eigene Namenskartei, ebenso wie seine Frau Alice (geb. Politzer, getauft 1904).[5] Friedlaender selbst war von der Judenverfolgung zwar nicht mehr direkt betroffen – er starb 1934 – Verwandte von ihm jedoch schon.

Es gab folglich bereits in der Vergangenheit große Unterschiede zwischen religiöser Eigenwahrnehmung und Fremdzuschreibung.

Gegenwart

Am 8. Oktober 2021 wurde auf dem Südwestfriedhof in Stahnsdorf die Urne von Henry Thomas Hafenmayer beerdigt. Die Brisanz dieser Tatsache ist gleich doppelt begründet; zum einen handelte es sich bei diesem Mann um einen bekennenden Holocaustleugner und zum anderen wurde er auf der Grabstätte von Friedlaender beigesetzt. Dass Gräber nach einer gewissen Zeit wieder vergeben werden, ist üblich, jedoch in diesem Fall aufgrund der religiösen Zugehörigkeit Friedlaenders im Kontrast zur Gesinnung des Beigesetzten erwartungsgemäß durch die Presse gegangen.

Die Kirche reagierte mit einem durchinszenierten Bild (Quelle/Link: Twitter-Account Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz), das den Bischof Christian Stäblein mit einer Kippa auf dem Kopf am Grabstein von Max Friedlaender zeigt. Auf den ersten Blick könnte es vielleicht als übliche Darstellung im Sinne der Solidarität mit der jüdischen Gemeinde gedeutet werden, doch wenn es am selben Tag heißt, Friedlaender sei Protestant gewesen, überwiegt doch der Eindruck eines inszenierten und gezielt öffentlichkeitswirksamen Bildes. Auf einer eigens für den Themenkomplex Friedlaender eingerichteten Seite der EKBO[6] heißt es in einem Frage/Antwort-Schema genauer: „Er war jüdischer Herkunft und trat in den 1890er Jahren zum evangelisch-lutherischen Glauben über. Er wurde 1934 als evangelischer Christ bestattet.“ Und weiter: „Die Freigabe für Henry Thomas Hafenmayer erfolgte auf Basis des Bestattungsregisters, das Max Friedlaender mit evangelischer Konfession führte.“ Wie kann es sein, dass Friedlaender offiziell offensichtlich als Protestant angesehen wird, sich der Bischof aber mit Kippa ablichten lässt und so den Eindruck vermittelt, ersterer wäre jüdisch gewesen? Hinzu kommt eine fragwürdige Aussage desselben in einer offiziellen Pressemeldung: „Als evangelische Kirche haben wir die erste und vornehmste Aufgabe, an der Seite der jüdischen Geschwister zu stehen.“[7] An der Aussage selbst ist nichts auszusetzen, der Kontext stellt sie jedoch in ein zweifelhaftes Licht. Hier scheint es an Sensibilität für die eigene Vergangenheit und Bewusstsein für die offensichtliche Verdrängung derselben zu mangeln.

Wiederholt werden, neben der mangelnden Sensibilität, die Fehler der Erinnerungskultur und das Missverhältnis der Kirche zu ihrer eigenen schuldhaften Vergangenheit deutlich. Die Kirche hat Schuld auf sich geladen, indem den Forderungen der Nationalsozialisten zur Mithilfe an der Verfolgung Unschuldiger bereitwillig nachgekommen wurde. Nun macht sich die Kirche zum zweiten Mal schuldig, indem dies nicht lückenlos aufgearbeitet wird.[8] Mit diesem Wissen im Hinterkopf ist der Leser eines Presseberichts über die Friedlaender-Debatte womöglich weniger „erschüttert und fassungslos“, als es Bischof Stäblein bei einem Besuch der Grabstätte auf dem Südwestkirchhof war. Weiter führte er an, dass er „ […] alles daran setzen [möchte], diese Schändung des Grabes von Max Friedlaender aufzuarbeiten.“

Zukunft?

Angesichts der vergangenen Bestrebungen zur gewissenhaften Aufarbeitung sollte diese Aussage womöglich mit einer gesunden Skepsis betrachtet werden; zugleich wird sie von Zweifeln an der Ernsthaftigkeit des Vorhabens begleitet.

In Anbetracht der Berichte aus Vergangenheit und Gegenwart sind die systematischen Kontinuitäten in der Erinnerungskultur der evangelischen Kirche eindeutig zu erkennen. Das Beispiel Max Friedlaenders ist dafür exemplarisch. Die Diskrepanz zwischen Eigenwahrnehmung und Fremddarstellung ist offensichtlich; erschreckend – aber zugleich auch bekannt – ist die sowohl sprachlich als auch historisch fehlende, kritische Auseinandersetzung mit den Zuschreibungen „jüdisch“ und „evangelisch“, die augenscheinlich in diesem Fall stets zugunsten der Argumentation ausgelegt wurden und werden. Friedlaender wäre Protestant gewesen, aus diesem Grund sei die Vergabe der Grabstätte an einen Holocaustleugner im Grunde gestattet; hinzu kommt, dass er „1934 als evangelischer Christ bestattet [wurde].“[10] Letzteres stimmt nicht wirklich, er mag zwar so bestattet worden sein, galt aber laut Gesetz als „jüdisch“, u. a. zu sehen an seiner Karteikarte, und war so eigentlich auch für die Kirche kein Protestant. Hier fehlt wiederholt eine Kontextualisierung in der Argumentation der Kirche.

Eine ehrliche und vor allem selbstkritische Erinnerungskultur ist längst überfällig; auch wenn sich damit zugleich von der zwar bequemen, aber auch historisch inkorrekten wie subjektiven Engführung von Bekennender Kirche und Widerstand verabschiedet werden muss – die Kirche muss sich endlich vollends zu ihrer Schuld bekennen.


[1] Aleida Assmann schreibt dazu: „Individuelles Erinnern ist also in den größeren kulturellen Rahmen kollektiven Erinnerns eingebunden, womit die Voraussetzung für eine kollektive Identität geschaffen werden, die die Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schlägt.“ (Assmann, Aleida: Das neue Unbehagen in der Erinnerungskultur. Eine Intervention, 3. erweiterte und aktualisierte Auflage, München 2020, S. 29)

[2] Ebd., S. 32.

[3] Ebd., S. 40.

[4] Hier ist besonders auf Manfred Gailus hinzuweisen, der zahlreiche Bücher und Artikel zum Thema Evangelische Kirche und Nationalsozialismus veröffentlicht hat. Vor allem seine Ergebnisse zur Kirchenbuchstelle Berlin und deren Leiter Karl Themel sind besonders hervorzuheben.

[5] Für nähere Informationen zur Kirchenbuchstelle siehe Artikel Aus dem sicheren Dunkel der Anonymität: https://blogs.hu-berlin.de/kircheimns/2021/07/14/aus-dem-sicheren-dunkel-der-anonymitaet/.

[6] Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO): https://www.ekbo.de/no_cache/start/themen/beisetzung-auf-der-ehemaligen-grabstaette-von-max-friedlaender.html

[7] Aus einer Pressemitteilung vom 14. Oktober 2021, Bischof Christian Stäblein: https://www.ekbo.de/fileadmin/ekbo/mandant/ekbo.de/1._WIR/06._Bischof/B.Z._Kolumne_St%C3%A4blein/211014_Grabstelle_Max_Friedl%C3%A4nder__003_.pdf

[8] Näheres zum Themenkomplex Schuld(frage) und Kirche finden Sie hier: https://blogs.hu-berlin.de/kircheimns/2021/05/04/296/

[9] Ebd.

[10] Info-Seite der EKBO: „Wer war Max Friedlaender?“: https://www.ekbo.de/no_cache/start/themen/ beisetzung-auf-der-ehemaligen-grabstaette-von-max-friedlaender.html

Update 5/2023: Twitter-Einbindung/Foto-Link modifiziert, Schlagworte ergänzt

2. Mai 2022 | Veröffentlicht von Victoria Klärner | Kein Kommentar »
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Antisemitismus von vorgestern und heute

von Johan Wagner

„DIE WEISSE ROSE“ als „Claim“ für „Querdenker“-Sticker – antisemitisch? (c) J. Wagner

„DIE WEISSE ROSE“ als „Claim“ für Querdenker-Sticker, die im Straßenraum von Berlin des Jahres 2022 auftauchen. Ist das Antisemitismus? Sicher ist: Antisemitismus in den sozialen Medien nimmt in Europa derzeit stark zu, eine Studie der Europäischen Union ermittelte zwischen den Vor-Pandemiemonaten Januar und Februar 2020 und dem Pandemiejahr 2021 eine siebenfache Steigerung von antisemitischen Schlagworten in französischsprachigen Sozialmedien-Accounts, eine sogar 13-fache Steigerung in deutschsprachigen Sozialmedien-Accounts (vor allem im Messengerdienst Telegram).[1] Wie starken Anteil daran hat religiös motivierter Antisemitismus und was hat dies mit unzureichend aufgearbeiteter Versagensgeschichte der Kirche zu tun? Gibt es auch deshalb immer wieder antisemitische Vorfälle auch im kirchlichen Bereich?[2] Auch dieser Blogbeitrag kann zu diesen schwierig zu beantwortenden Fragen nur Anhaltspunkte liefern, die gleichwohl den Vorteil haben, dass Sie weiterhin insbesondere in der Region Berlin-Brandenburg präsent erscheinen. Es gibt Hinweise, dass christlich-religiös motivierte alte Vorurteile in der Pandemie vermehrt sichtbar werden. So zitiert die genannte Studie eine französische, fundamentalistisch-christliche Facebook-Seite mit einem wütenden Angriff auf die vermeintlichen Verschwörer hinter der Pandemieentwicklung und der Eindämmungsmaßnahmen: „[…] ihre [die der „Juden“, JW] Impfstoffe voll von […] Unreinheiten aller Arten.“[3] Im Zusammenhang der Corona-Proteste spricht der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus in Baden-Württemberg, Michael Blume im Experteninterview einer weiteren Studie von einem „libertären Antisemitismus“.[4] Die Autor:innen halten in der Studie fest, dass Christ:innen keine prägende Stellung in der „Querdenken“-Bewegung eingenommen haben.[5]

Antisemitismus bleibt ein Thema,
zu dem es stapelweise „Lesestoff“ gibt. (c) J. Wagner

Ein anonymer Brief von 1933

Im Zentrum dieses Blogbeitrags steht ein anonymer Beschwerdebriefs vom Totensonntag 1933.[6] Alle Kirchen- und Partei-Gremien und auch prominente Vertreter werden in dem anonymen Schreiben angegriffen und beleidigt.

Erste Seite des anonym verfassten Beschwerdebriefs, ELAB 11/3800, „Schülke, Otto“.

Sogar der „Reichsbischof“, der mit „Herr Reichsbischof !“ adressiert wird, wird hart kritisiert:

„Im selben Augenblick, da der stellvertretende Führer [Rudolf] Heß diesen Programmpunkt [eines „positiven Christentums“] demonstrativ verließ um gegen Sie, Herr Reichsbischof (trotz Ihres Dementis) zu agititeren und proklamierte daß in Deutschland hinfort jeder nach seiner Fasson selig werden könne, daß Religion, wie z. Zt. der Marxistenherrschaft, wieder Privatsache sei, brachen die Schranken, die nur künstliche waren […].“[7]

Gegen Ende wird der „Reichsjugendführer“, Baldur von Schirach, frontal attackiert:

„Was soll aus unserer Jugend werden unter der Führung des Gottlosen, der sich Baldur von Schirach nennt, in Wirklichkeit aber „Fritz Moll“ heißen soll. Ein politischer Hochstapler. […]“[8]

Nur der abgesetzte Generalsuperintendent der Kurmark, Otto Dibelius, wird als Beispiel der Standhaftigkeit gegenüber der Tagespolitik und dem Duckmäusertum sowie der Überzeichnung nationalsozialistisch-christlicher Doppelgläubigkeit gewählt.

„Und so wie mit [Joachim] Hossenfelder [Pfarrer und einer der führenden „Deutschen Christen“] ist es mit fast all den anderen Bischöfen, Pröbsten und Prälaten. Nicht ihre Eignung hat diese Herren ge- und befördert, sondern ihre Parteizugehörigkeit und ihr großes Maul, während man verdiente und hochqualifizierte Männer wie D. Dibelius und viele andere in der brutalsten Weise hinauswarf.“[9]

Es ist dem kurzen Format eines Blogbeitrags geschuldet, dass von dieser Eloge auf Dibelius eine direkte Überleitung auf den „Tag von Potsdam“ folgt, einer der Tiefpunkte in seiner Biographie. Persönlichkeiten sind – wie auch lieux de mémoire – oft vielschichtig. Die Knappheit erfordert hier eine Konzentration auf eine oft unterrepräsentierte Seite des späteren ersten Bischofs der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg.

Ein umstrittener „hochqualifizierter“ Mann

Otto Dibelius ist umstritten, weil er antisemitische Positionen lange vertreten hat. Dafür steht auch der „Tag von Potsdam“, bei dem die Garnisonkirche Potsdam als preußischer Erinnerungsort für die zeremonielle Auftaktveranstaltung eine wichtige Rolle spielte. Vor der Konstituierung des am 5. März 1933 gewählten Reichstags hielt hier Adolf Hitler als Reichskanzler seine Regierungserklärung. Zuvor hatte bei einem evangelischen Gottesdienst in St. Nikolai Dibelius gepredigt und sich im Sinne der Zwei-Regimente-Lehre hinter die Vorstellung „nationaler Einheit“ gestellt.[10]

Der Wiederaufbau des Garnisonkirchen-Turms ist wegen des „Tages von Potsdam“ umstritten. Im Vordergrund zu sehen sind die Dekorationselemente der Turmspitze. Heute sollen sie einladen zur differenzierenden Erinnerung an ambivalente deutsche Geschichte. Dies hat auch das Potential einer zeitgemäßeren Erinnerung an Otto Dibelius. Am Bauzaun finden sich Plakate der Kampagne https://tut-der-seele-gut.info, darunter„Antisemitismus schadet der Seele“. (c) J. Wagner

Gleichzeitig erscheint er weiterhin als selbsternannter Bischof und Kämpfer für die westliche freiheitliche Welt im Kalten Krieg als Symbol in Berlin. So wird der Lichteffekt eines Kreuzsymbols auf dem Berliner Fernsehturm im Berliner Volksmund als „Dibelius‘ Rache“ bezeichnet.[11] Im diesem Licht lautet die Leitfrage:

Inwieweit waren antisemitische Positionen innerkirchlich Normalität, dass Otto Dibelius als innerkirchliche Opposition zu übersteigertem nationalsozialistischen Reformeifer à la Joachim Hossenfelder fungieren konnte?[12]

Die Beziehung von Antisemitismus und Protestantismus ist auch fast 90 Jahre nach dem anonymen Brief etwas, dass sich zu betrachten lohnt. 2019 wurde von den Evangelischen Akademien in Deutschland die Broschüre „Antisemitismus und Protestantismus. Impulse zur Selbstreflektion“ herausgebracht. Darin heißt es, es sei „zu fragen, welche Fundamente protestantischer Weltdeutung und Identität dazu geführt haben, dass der Protestantismus zum tragenden Milieu des modern werdenden Antisemitismus im 19. Jahrhundert werden konnte.“ Mit Michael Wildt möchte ich ergänzen und zuspitzen: „Ich befürchte, dass wir uns mittlerweile erinnerungspolitisch gemütlich und selbstzufrieden eingerichtet haben im Zivilisationsbruch.“[13] Es geht mir in diesem Blogbeitrag nicht in der Umkehrung der antisemitischen Unreinheits-Fantasterei: Nicht um eine Idealvorstellung, was ein Generalsuperintendent 1933 am „Tag von Potsdam“ hätte predigen können. Sondern um ein genaues Schauen auf die Geschichte. Und darum, dass an umstrittene Figuren nicht einseitig erinnert wird. Otto Dibelius steht in einer Nationalprotestantismus-Tradition. Er war geprägt von einem Übergang von religiösem Antijudaismus zum „rassistischen Vorbehalt“ im 19. Jahrhundert.[14] Im „Umbruchjahr 1933“ stand er wie Viele nicht grundsätzlich gegen die NS-staatliche Gewalt. „Die Kirche dürfe, so meinte Dibelius [in seiner Predigt am „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933] unter Verweis auf Luther, der ‚rechtmäßigen staatlichen Gewalt‘ nicht in den Arm fallen, wenn sie das tue, wozu sie berufen sei. Wenn der Staat gegen die Feinde der staatlichen Ordnung vorgehe, dann möge er in Gottes Namen seines Amtes walten.“[15]

Diese Haltung ist also am Totensonntag 1933 vorbildlich:

„Ist es überhaupt noch möglich, die Bewegung [der „Deutschen Christen“, JW] zu retten, nur dadurch, daß sofort diese üblen Gesellen samt und sonders hinausgetan werden und ein Mann die Leitung übernimmt, der etwas kann und aufgrund überragender Fähigkeiten imstande ist, aus dem Chaos zu retten, was zu retten ist. Wir haben nur einen und das ist der Generalsuperintendent Dibelius. [Hervorhebung im Original]“[16]

Antisemitismus als Normalfall

Abschließend bleibt die Frage nach der innerkirchlichen Normalität des Antisemitismus schon zu Beginn der NS-Zeit und im Vorfeld. Viel passierte, um herauszufinden, wer den Brief geschrieben hatte. Dabei ging es nicht um eine antisemitische oder „philosemitische“ Einstellung, sondern um die Frage, wie sehr bereits eine „Doppelgläubigkeit“ (Manfred Gailus) an evangelische und nationalsozialistische Glaubensgrundsätze Maßstab der Dinge war.[17] Was sagt es über das Konsistorium aus, dass eine solche Philippika aufwändige Nachforschungen hervorrief?[18]

Weitere Recherchen und kritische Blicke auch auf Führungsfiguren der Bekennenden Kirche, in deren Tradition die Evangelische Kirche in Deutschland gleichwohl zu recht sieht, sind notwendig. Gerade vor dem Hintergrund eines neu aufflammenden Antisemitismus bleibt die Feststellung dass es bei diesen Blicken darum gehen muss eine glaubensmäßige Unterfütterung der NS-Herrschaft zu verstehen. Manfred Gailus schreibt von einem „radikalisierten religiösem Fanatismus“.[19] Dieser Wahn wirkt bis in unsere heutige, pandemische Zeit.


[1] Europäische Kommission, Institute for Strategic Dialogue, The Rise of Antisemitism online during the pandemic. A study of French and German content, Luxemburg: Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union 2021, online verfügbar unter https://op.europa.eu/de/publication-detail/-/publication/d73c833f-c34c-11eb-a925-01aa75ed71a1/language-en (letzter Besuch: 29.4.2022).

[2] So erschien in der Wochenzeitung „die Kirche“ der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz vor wenigen Jahren eine israelkritische Karikatur. Ist das ein Zeichen für fortdauernden evangelisch geprägten Antisemitismus oder wird die Antisemitismus-Streitfrage allzu schnell und unbedacht ins Feld geführt? Vgl. Thomas Knieper, Dieter Hanitzsch, seine Netanjahu-Karikatur und die Süddeutsche Zeitung. Die Geschichte einer Antisemitismus-Unterstellung, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Streitfall Antisemitismus. Anspruch auf Deutungsmacht und politischen Interessen, 2020 Berlin, S.182-212.

[3] Europäische Kommission, Institute for Strategic Dialogue, The Rise of Antisemitism online during the pandemic. A study of French and German content, Luxemburg: Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union 2021, online verfügbar unter https://op.europa.eu/de/publication-detail/-/publication/d73c833f-c34c-11eb-a925-01aa75ed71a1/language-en (letzter Besuch: 29.4.2022), S. 18.

[4] „Dieser zeichne sich durch eine Querverbindung von libertärer Haltung, die jede Form von Fremdbestimmung ablehnt und Antisemitismus, der in einer verkürzten Kapitalismuskritik eine jüdische Weltherrschaft behauptet, aus.“ Nadine Frei, Oliver Nachtwey, Quellen des „Querdenkertums“. Eine politische Soziologie der Corona-Proteste in Baden-Württemberg, Basel 2021, online verfügbar unter https://boell-bw.de/sites/default/files/2021-11/Studie_Quellen%20des%20Querdenkertums.pdf (letzter Besuch: 6.1.2022), S. 15.

[5] Vgl. ebd. S.48, S. 53. Michael Blume hat dagegen die These aufgestellt, dass der Pietismus beim christlichen Engagement im Rahmen der „Querdenken-Proteste“ eine Rolle spielen könnte.

[6] ELAB 11/3800, „Schülke, Otto“. Es handelt sich beim anonymen Autoren wohl um den einfachen Mitarbeiter des Konsistoriums Otto Schülke. Zudem existiert in derselben Personalakte sein Abschiedsbrief vor seinem Selbstmord ungefähr ein Jahr später.

[7] ELAB 11/3800, „Schülke, Otto“, S. 1 des Briefes.

[8] Ebd. S. 3. Was genau mit der Benennung „Fritz Moll“ unterstellt wurde, ist im Rahmen dieses Blogbeitrags nicht zu ermitteln gewesen. Es könnte sich um die Andeutung einer unehelichen Geburt oder pädokrimineller beziehungsweise homosexueller Neigungen von Schirachs handeln. Oliver Rathkolb zitiert in seinem historischen Porträt Gerüchte, Schirach sei homosexuell, die im Rahmen der Nürnberger Prozesse von einem Psychologen untersucht wurden. Oliver Rathkolb, Schirach. Eine Generation zwischen Goethe und Hitler, Molden, Wien 2020, S. 557-558.

[9] ELAB 11/3800, „Schülke, Otto“, S. 2 des Briefes. Das Hinauswerfen spielt darauf an, dass Dibelius gegen eine „Gleichschaltung“ der Kirche Widerstand leistete und seines Amtes enthoben wurde. Jens Gundlach, Otto Dibelius und die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, in: Sonja Begalke, Claudia Fröhlich, Stephan Alexander Glienke (Hrsg.), Der halbierte Rechtsstaat , Demokratie und Recht in der frühen Bundesrepublik und die Integration von NS-Funktionseliten, Nomos Baden-Baden 2015, S. 265-276. Joachim Hossenfelder wurde nach 1945 als Pastor in der Eutinischen Landeskirche (heute Teil der Nordkirche) aufgenommen, Otto Dibelius setzte sich dafür ein, dass er eingestellt wurde. Evangelische Akademie der Nordkirche/Amt für Öffentlichkeitsdienst der Nordkirche [Hrsg.], Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit Ihrer NS-Vergangenheit umgingen, Publikation zur Wanderausstellung im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Band 1, Lutherische Verlagsgesellschaft Kiel 2017, S. 50.

[10] Anke Silomon, Pflugscharen zu Schwertern. Schwerter zu Pflugscharen. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin 2014, S. 72. Die 1968 gesprengte Garnisonkirche wird derzeit als umstrittenes Versöhnungs-Projekt wiedererrichtet und bietet mit Ihrer Ausstellung, die zur Zeit konzipiert wird, eine Chance, Otto Dibelius‘ Rolle am „Tag von Potsdam“ kritischer zu reflektieren. Ein Interview zur Frage von Public History und Erinnerungskultur in der Garnisonkirche findet sich auf diesem Blog: https://blogs.hu-berlin.de/kircheimns/2021/06/28/erinnerungskultur-und-public-history-interview-podcasts/ (letzter Besuch: 11.2.2022). Eine aktuelle Untersuchung von Straßennamen in Berlin kommt zu dem Schluss: „Noch 1933 bezog er [Otto Dibelius] sich auf den Antisemiten Heinrich von Treitschke. Auch beim Boykott von Jüdinnen und Juden durch die SA 1933 stellte er sich hinter die NSDAP. Dabei bezeichnete er sich selbst als Antisemiten. Noch 1964 äußerte er sich antisemitisch.“ Land Berlin, Landesstelle für Gleichstellung – gegen Diskriminierung, Dossier von Dr. Felix Sassmannshausen: Straßen- und Platznamen mit antisemitischen Bezügen in Berlin, erstellt im Auftrag des Ansprechpartners des Landes Berlin zu Antisemitismus, verfügbar online z. B. unter: https://www.welt.de/bin/Dossier_bn-235636290.pdf (letzter Besuch: 1.2.2022). Zur Zwei-Reiche und Regimente-Lehre siehe auch auf diesem Blog: https://blogs.hu-berlin.de/kircheimns/2021/04/09/verfolgtenpolitik-um-1940-seenotrettungspolitik-um-2020-dinge-ins-verhaeltnis-setzen/ (letzter Besuch: 11.2.2022).

[11] https://www.morgenpost.de/berlin/article206343567/6-Geheimnis-Der-Berliner-Fernsehturm-und-das-Kreuz.html (letzter Besuch 2.2.2022).

[12] Joachim Hossenfelder war einer der Redner auf der Großkundgebung der „Deutschen Christen“ am 13. November 1933 im Sportpalast in Berlin, auf die der anonyme Brief verweist. Hier wurde eine Verwerfung des Alten Testaments gefordert, Hossenfelder musste als „Reichsleiter der Deutschen Christen“ und als Brandenburger Bischof zurücktreten. Evangelische Akademie der Nordkirche/Amt für Öffentlichkeitsdienst der Nordkirche [Hrsg.], Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit Ihrer NS-Vergangenheit umgingen, Publikation zur Wanderausstellung im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Band 1, Lutherische Verlagsgesellschaft Kiel 2017, S. 51. Siehe auch: https://www.nordkirche-nach45.de/#2 (letzter Besuch: 11.2.2022).

[13] Die Evangelischen Akademien in Deutschland, Antisemitismus und Protestantismus. Impulse zur Selbstreflexion, Berlin 2019, online verfügbar unter: https://www.evangelische-akademien.de/projekt/antisemitismus-und-protestantismus/ (letzter Besuch 2.2.2022), S. 12. Auch die regionale evangelische Kirche hat sich dem Kampf gegen Antisemitismus und aller Formen von Hass verschrieben. Siehe zum Beispiel: https://gegen-antisemitismus.ekbo.de/startseite; https://tut-der-seele-gut.info oder https://ekbo.de/fileadmin/ekbo/mandant/ekbo.de/0._Startseite/03._PDFs_und_Audios/A_EKBO_Christinnen_gegen_Antisemitismus_aktuelle_Version.pdf (letzter Besuch 23.2.2022) – die Frage bleibt: Ist dies ohne kritischere Beleuchtung der Geschichte der Gesamtinstitution in Berlin und Brandenburg glaubwürdig? Michael Wildt hat im Februar 2022 seine beeindruckende Abschiedsvorlesung zur Frage „Singularität des Holocaust?“ gehalten, der das Zitat entnommen ist. Ein Mitschnitt ist online verfügbar:

&k=1b35e187a0 (letzter Besuch 22.2.2022, Zitat ca. Min. 51).

[14] Dieser wurde bisher theologisch wenig reflektiert. Wolfgang Benz, Was ist Antisemitismus? Zweite Auflage, C. H. Beck München 2004, S. 93-96. Wolfgang Benz spricht zutreffend von der „christlich-sozialen Variante der Judenfeindschaft“ und verbindet dies mit dem evangelischen Berliner Hofprediger Adolf Stoecker. Die Berliner Stadtmission ist dabei, diesen Aspekt ihres Mitgründers aufzuarbeiten: https://www.berliner-stadtmission.de/geschichte (letzter Besuch: 11.2.2022).

[15] Manfred Gailus, Gläubige Zeiten. Religiosität im Dritten Reich, Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2021, S. 16.

[16] ELAB 11/3800, „Schülke, Otto“, S. 2 des Briefes.

[17] Am 21. September 1934 werden die Kanzlei des „Reichsbischofs“ und die „Kirchenkanzlei der Deutschen Evangelischen Kirche“ mit dem Briefkopf des Konsistorialpräsidenten ersucht, zwei anonyme Briefe an das Konsistorium kurze Zeit auszuhändigen. Die historischen Einordnung und Bewertung dieses Schreibens soll hier nicht im Mittelpunkt stehen. Gleichzeitig ist die Archivalie zwar „I. V.“ unterzeichnet, es kann aber davon ausgegangen werden, dass der „Deutsche Christ“ und damals noch amtierende Konsistorialpräsident Paul Walzer vom Vorgang Kenntnis hatte. Ein Scan dieses Briefes (ELAB 11/3800, „Schülke, Otto“) im Format PDF kann hier heruntergeladen werden: Konsistorialpraesident_Ermittlungen_Schuelke_EZA.pdf

Zu Walzer siehe auch: https://blogs.hu-berlin.de/kircheimns/2020/08/24/konsistorialpraesident-paul-walzer-symptomatisch-fuer-kirche-in-berlin-und-brandenburg-in-der-zeit-1934-und-danach/ (letzter Besuch 11.2.2022)

[18] In der Akte des Evangelischen Landeskirchlichen Archivs in Berlin (ELAB 11/3800, „Schülke, Otto“) findet sich ein für die damalige Zeit beeindruckendes Gutachten, gleichzeitig steht auch dieser aufwändige Nachweis hier nicht im Mittelpunkt. Das Gutachten kommt zu dem Schluss: „Der Beweis seiner [Otto Schülkes] Schrifturheberschaft für den anonymen Brief ist daher [aufgrund der genutzten Schreibmaschine und der handschriftlichen Korrekturen] ein doppelter.“ Ein Scan dieses Gutachtens im Format PDF kann hier heruntergeladen werden: Graphologisches_Gutachten_Schuelke_EZA.pdf

[19] „Auch der während der Kriegsjahre 1939 bis 1945 immer vehementer hervortretende, wahnhafte Züge annehmende Antisemitismus der nationalsozialistischen Führungskreise, der den Krieg zum ‚Krieg gegen das Judentum‘ und den ‚Sieg über die Juden‘ – letztlich deren physische Vernichtung – zur großen, heroischen Tat erklärte, ist nur im Kontext eines radikalisierten religiösen Fanatismus zu verstehen.“ Manfred Gailus, Gläubige Zeiten. Religiosität im Dritten Reich, Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2021, S. 166.


SFR – Selected Further Reading

  • Wolfgang Benz, Was ist Antisemitismus? Zweite Auflage, C. H. Beck München 2004
  • Die Evangelischen Akademien in Deutschland, Antisemitismus und Protestantismus. Impulse zur Selbstreflexion, Berlin 2019, online verfügbar unter: https://www.evangelische-akademien.de/projekt/antisemitismus-und-protestantismus/ (letzter Besuch 2.2.2022)
  • Manfred Gailus, Gläubige Zeiten. Religiosität im Dritten Reich, Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2021
  • Herfried Münkler, Preußen als Beute. Der „Tag von Potsdam“ und das Attentat auf Hitler, in: Ders., Die Deutschen und ihre Mythen, Rowohlt (Reinbek bei Hamburg), 5. Aufl. 2018, S. 275-294.
  • Anke Silomon, Pflugscharen zu Schwertern. Schwerter zu Pflugscharen. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Nicolaische Verlagsbuchhandlung Berlin 2014

Über den Autor

Dr. Johan Wagner ist Referent für Fördermittelrecht der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Er gehört zum Lehrbeauftragten-Pool des Instituts für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsinteressen und Arbeitsgebiete sind Europäische Integration, Pressegeschichte, europäische Beziehungen zur arabischen Welt, Wissenschaftsstrategie, konfessionelle Entwicklungen in Europa, europäische Konflikt- und Friedensgeschichte, siehe auch: https://www.clio-online.de/researcher/id/researcher-5652

Baptisten im „Dritten Reich“

Baptisten gehören zu den evangelischen Freikirchen und haben als wohl größten Unterschied zu anderen evangelischen Konfessionen die Glaubenstaufe, d.h. es werden keine Babys oder kleine Kinder, sondern nur Jugendliche und Erwachsene, die sich bewusst dafür entscheiden, getauft.

Als zwei Baptistinnen haben wir, Cora und Lea, im Rahmen dieses Projektes in unserer eigenen Vergangenheit nachgeforscht. Uns hat die Frage beschäftigt, wie sich unsere Glaubensgeschwister in der NS-Zeit verhalten haben und wie sich unsere wie auch andere Baptistengemeinden positioniert haben. Die Ergebnisse unserer Nachforschungen wollen wir allen Interessierten in drei Podcast-Folgen vorstellen. Für jede unserer Folgen haben wir uns Interviewpartner eingeladen, die uns von ihren eigenen Nachforschungen berichten.

Natürlich liegt es bei unserem Thema nahe, Zeitzeugen zu befragen, die damals in Baptistengemeinden waren. In den Vorbereitungen für unsere erste Folge sind wir jedoch schnell auf das Problem gestoßen, dass Zeitzeugen kaum noch anzutreffen sind. Deswegen führen wir ein Zeitzeugengespräch aus zweiter Hand – wir haben uns Thilo Maußer eingeladen, Pastor der Baptistengemeinde in Brandenburg an der Havel, der uns von einem Zeitzeugengespräch berichtet, dass er selbst vor über zwanzig Jahren geführt hat. Mit ihm sprechen wir über Widerstand und Akzeptanz gegenüber der NS-Politik – wie war die allgemeine Haltung der Baptisten in Berlin und Brandenburg im Allgemeinen zum NS-Regime?

Podcast 1: Die Haltung der Baptistengemeinden zum Nationalsozialismus


Thema unserer zweiten Folge ist die vorherrschende Einstellung der Baptisten ihren jüdischen Mitmenschen sowie auch ihrer Glaubensgeschwister jüdische Abstammung gegenüber. Mit dem Pastor i.R. Roland Fleischer reden wir über die vorherrschende Einstellung der Baptisten ihren jüdischen Mitmenschen und auch ihrer Glaubensgeschwister jüdischer Abstammung gegenüber. Hierfür betrachten wir Einzelbiografien von Gemeindemitgliedern. Unser Gast forscht seit einigen Jahren zum Verhältnis von Baptisten und Juden und untersucht den Antisemitismus innerhalb der Baptistengemeinden. Wir benutzen in dieser Folge die Begriffe „Judenchristen“ und „Judenmission“, die auch in der NS-Zeit seitens der Nazis gebraucht wurden. Die NS-Bewertungen wollen wir damit aber natürlich nicht zum Ausdruck bringen, denkt euch die Begriffe beim Hören also bitte mit Anführungszeichen.

Rolands Zusammenstellung von Einzelbiografien findet ihr hier: Judenchristliche Mitglieder in Baptistengemeinden (theologisches-gespraech.de)

Podcast 2: Das Verhältnis von Juden und Christen in den Baptistengemeinden


In der dritten und damit letzten Folge unseres Podcasts betrachten wir den Prozess der Aufarbeitung der NS-Zeit und wie sich die Kirche und damit auch die Baptistengemeinden nach 1945 ihrer Vergangenheit stellten. Mit unserem Gast Prof. Dr. Andrea Strübind, die ihre Dissertation über den Bund der Baptistengemeinden im „Dritten Reich“ verfasste, sprechen wir über die Fragen nach der Verantwortung, der Schuld und dem Verständnis von Opfern und Tätern. Und vor allem: wie geht Aufarbeitung in unserer heutigen Zeit, und was bedeutet sie für unsere Generation?

Podcast 3: Die Aufarbeitung der NS-Zeit in den Baptistengemeinden

Wir wollen an dieser Stelle all unseren engagierten Interviewpartnern danken und auch unseren Dozenten, die uns beim Projekt stetig unterstützt und beraten haben. Dank geht auch an Herr Dr. Hansjörg Buss, der im Entwurfsstadium wissenschaftliche Beratung für diese Podcast-Reihe geleistet hat.

Wir hoffen, die Podcast-Reihe hat euch gefallen und vielleicht auch ermutigt selbst nachzuforschen und eure Familien- und auch Kirchengeschichten zu untersuchen und aufzuarbeiten.