Besondere Aufmerksamkeit verdienen die umfangreichen Zugänge von unrechtmäßig erworbenem Bibliotheksgut in die Zentrale Universitätsbibliothek der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin während des Zweiten Weltkriegs. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass die Dona/Tausch-Akzessionen für das Haushaltsjahr 1940 mit 1620 Einträgen beinahe dreimal so viel sind wie die Erwerbungen der vorangegangenen Jahre. Der immense Zuwachs ist hier vor allem auf einen Lieferanten zurückzuführen: die Deutsche Heeresbücherei. Die Einträge beginnen am 25. September 1940 und enden zwei Tage vor dem Abschluss des Haushaltsjahrs am 29. März 1941 bei der Akzessionsnummer D 1940.1620. Dabei scheint es, als seien ganze Seiten im Akzessionsjournal für die Verzeichnung dieses Zugangs reserviert worden. Insgesamt sind es 867 Titel, die die Herkunftsangabe „Deutsche Heeresbücherei“ aufweisen. Bemerkenswert ist, dass die Eintragungen bei der Akzessionsnummer 1620 mit dem Ende der Seite aufhören und im Haushaltsjahr 1941 nicht fortgeführt wurden, gerade so, als sei von dem zu bearbeitenden Buchbestand noch etwas übrig gewesen, die Akzession dann aber abgebrochen worden.


Die verzeichneten Titel betreffen Werke zu Geschichte, Kultur-, Kunst- und Literaturgeschichte mit dem Schwerpunkt Polen und in polnischer Sprache sowie polnische Belletristik, aber auch einige wenige Romane in französischer Sprache. Bei vielen Eintragungen sind die Akzessionsnummern und die Angaben zur Anzahl der zugehörigen Bände ausgestrichen. Bei manchen Titeln erscheint in der letzten Spalte die Notiz „zurückgegeben an poln. Militärmission“, bei einigen mit der Zeitangabe „Nov. 47“ oder mit einem exakten Datum „16.“ bzw. „18. X. 47“.
Diese Streichungen stellten die Provenienzforscherin an der Universitätsbibliothek und ihre Mitarbeiterinnen vor die Frage, ob sie nach den mutmaßlich ausgeschiedenen Büchern im Magazin bzw. zunächst im Bandkatalog überhaupt suchen sollten. Sie entschieden sich, anhand der Seite, auf der die Eintragungen mit der Akzessionsnummer D 1940.401 beginnen, eine Stichprobe zu machen. Dabei stellte sich heraus, dass der letzte Titel auf dieser Seite trotz ausgestrichener Akzessionsnummer und der Bemerkung „zurückgeg. an poln. Militärmiss.“ – es handelt sich um den Roman „Savarette“ von Jules Breton, Paris 1898, Akz.Nr. D 1940.420 – im historischen Bandkatalog verzeichnet und im Magazin vorhanden ist. Der vorangehende Titel mit der Akzessionsnummer D 1940.419, Henry Gréville: Céphise, Paris 1896, war ebenfalls vorhanden, im Akzessionsjournal aber auch nicht ausgestrichen. Nach diesem uneindeutigen Befund wurden sämtliche Titel überprüft. Von den 867 eingetragenen Titeln wurden 23 im Bestand – insgesamt 34 Bände – der Bibliothek aufgefunden.

Bei allem 34 Exemplaren lässt sich aufgrund von Stempeln und Exlibris auf ihre Herkunft schließen. Anhand dieser Merkmale können zwei verschiedene Provenienzen unterschieden werden. Die Mehrzahl der Bücher stammt aus einer oder vielleicht auch mehreren militärischen Ausbildungsanstalten in Polen. Gemeinsam ist ihnen das graphisch gestaltete Exlibris auf der Innenseite des vorderen Buchdeckels mit dem Schriftzug „Bibljoteka Wojskowa – Szkoły Podchorążych Piechoty“ und der kleine Stempel mit den Buchstaben „p.S.p“. In den Büchern mit diesem Exlibris finden sich mitunter noch weitere Stempel, die sich auf Ausbildungsstätten für Unteroffiziere, für Fähnriche oder auf die den Offizieren vorbehaltene Bibliothek beziehen. Der Zusammenhang zwischen den militärischen Strukturen und die eventuelle zeitliche chronologische Abfolge, die sich in diesen Stempeln manifestieren, konnte nicht aufgeklärt werden. Ebenso wenig ergibt sich daraus eine lokale Zuordnung. Dass die Bücher zu einer Militärbibliothek der Ausbildungsstätten für die Fähnriche der Infanterie gehörten, ist jedoch durch das oben erwähnte Exlibris verbürgt.


Eine andere Provenienz haben die Bände der zwischen 1930 und 1933 erschienenen, mit zahlreichen Abbildungen ausgestatteten allgemeinen Literaturgeschichte. Sie sind vielfach mit einem runden Stempel „14. P. P. BIBLIOTEKA WOJSKOWA“ (14. Pułk Piechoty) und einige Male mit einem Zeilenstempel „Koło T-wa Wiedzy Wojskowej we WŁOCŁAWKU“ [Towarzystwo Wiedzy Wojskowej] versehen. Offensichtlich gehörten sie zu der Regimentsbibliothek des in Włocławek nordwestlich von Warschau stationierten 14. Infanterieregiments. Das 14. Infanterieregiment kämpfte im September 1939 gegen die vorrückenden deutschen Truppen und wurde nach seiner militärischen Niederlage aufgelöst. Vermutlich sind die Bände Überbleibsel seiner geplünderten Bibliothek.


Soweit zu den Erkenntnissen durch die Autopsie. Ein Schriftwechsel zwischen der Universitätsbibliothek und der Deutschen Heeresbücherei bezüglich dieser Überstellung existiert nach jetzigem Kenntnisstand nicht. Doch erwähnt Johannes Asen, der als Stellvertretender Direktor der Universitätsbibliothek zugleich für die Erwerbungen zuständig war, in einem handschriftlichen Entwurf zum Verwaltungsbericht für das Haushaltsjahr 1940, dass die Bücher von der Heeresbücherei überstellt wurden. Er schreibt: „Die Heeresbücherei überwies eine große Menge erbeuteter Literatur, die aber z. T. wegen ihrer schlechten Erhaltung makuliert wurde. Es handelte sich hauptsächlich um die Bücher eines polnischen militärischen Instituts, darunter auch viele polnische schöne Literatur. Das ganze ist z. Z. in Bearbeitung.“ Mit dem polnischen militärischen Institut ist/sind wohl die Schule oder die Schulen der Fähnriche der Infanterie gemeint.


Weitere Kenntnisse über die polnischen Bücher lassen sich aus den historischen Akten der Staatsbibliothek zu Berlin gewinnen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs leitete der vormalige Direktor der Universitätsbibliothek Rudolf Hoecker, der 1933 wegen seiner Mitgliedschaft in der SPD seines Amts enthoben worden war, alle drei großen wissenschaftlichen Bibliotheken Berlins: die Preußische Staatsbibliothek (1946 in Öffentliche Wissenschaftliche Bibliothek umbenannt), die Universitätsbibliothek und die Bibliothek der Technischen Hochschule (seit 1946 Technische Universität). Daher war Hoecker auch mit den Rückgabeforderungen Polens hinsichtlich des geraubten Bibliotheksguts befasst. Diese Rückgabeforderungen wurden von der in den Akzessionsjournalen erwähnten Polnischen Militärmission gestellt, namentlich von deren Vertreter, dem Kunsthistoriker Jan Morawiński, und von der Sowjetischen Militäradministration genehmigt.
Erklärend schreibt Hoecker am 18. Juni 1946 an die SMAD zu den Hintergründen: „Gegen Ende des Jahres 1939 wurde durch die deutsche Polizei unverpackt in Lastkraftwagen eine grössere Anzahl Bücher, hauptsächlich aus polnischen Militärbibliotheken stammend, nach Berlin in die Staatsbibliothek gebracht. Die Generalverwaltung lehnte jedoch die Übernahme dieser Bücher in ihre Bestände ab. Infolgedessen wurden sie in die Kellerräume gebracht, um dort bis zur Beendigung des Krieges aufbewahrt zu werden. Zu gleicher Zeit wurden in den Keller der Universitätsbibliothek ca. 10 Kisten mit rund 2–3.000 polnischen Büchern derselben Herkunft eingelagert.“
Die eigentliche Rückgabe verzögerte sich jedoch noch um anderthalb Jahre. Erst am Ende des Jahrs 1947 wurden Materialien für die Anfertigung von 120 Kisten von der Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek (Staatsbibliothek) angefordert. Aufgrund der Eintragung „Nov. 1947“ im Akzessionsjournal der Universitätsbibliothek kann man davon ausgehen, dass die Bücher von da an für die gemeinsame Restitution von ÖWB und Universitätsbibliothek, die 1939 bzw. 1940 zweifellos den kleineren Teil der in Polen geraubten Bücher erhalten hatte, bereitgestellt waren. Auch wenn die Vorgänge soweit bekannt sind, bleiben viele Fragen hinsichtlich der beraubten militärischen Einrichtungen, der Umstände des Raubs, bis hin zur nachträglichen Nennung der deutschen Polizei durch Hoecker und der Nennung der Deutschen Heeresbücherei 1940 durch Asen offen.
Festzuhalten bleibt, dass Preußische Staatsbibliothek und Universitätsbibliothek mit Bibliotheksgut, welches in den von Deutschland besetzten Gebieten geraubt worden war, unterschiedlich umgingen. Gemäß der von ihrem Generaldirektor Hugo Andres Krüß vertretenen Richtlinie, solches Gut nicht in den Bestand aufzunehmen und die Entscheidung, was damit zu geschehen habe, eventuellen Friedensverhandlungen zu überlassen, wurde Kriegsbeute, gleich ob sie aus West- oder aus Osteuropa angeliefert wurde, nicht akzessioniert, sondern lediglich eingelagert. Die Universitätsbibliothek hingegen akzessionierte zahlreiche Bücher aus polnischen Militärbibliotheken, nachdem die schlecht erhaltenen ausgesondert worden waren, setzte aber die Akzessionierung im Haushaltsjahr 1941 nicht fort und katalogisierte letztendlich nur wenige. Warum die Universitätsbibliothek in dieser Weise – im Grunde inkonsequent – verfuhr, ist nicht bekannt.
Im Haushaltsjahr 1943 wurden dann weitere, möglicherweise früher eingelagerte Bücher der Provenienz „Deutsche Heeresbücherei“ akzessioniert, doch handelte es sich hierbei nur um ein halbes Dutzend. Bei einem von ihnen – D 1943.489 – wurde – wahrscheinlich irrtümlich – das Auswärtige Amt als Lieferant eingetragen.
Zu ergänzen ist, dass sich die Provenienzrecherchen während des Projekts 2022–2025 nicht auf die Erwerbungen von Periodika erstreckten. Deshalb sind diese bei den detaillierten Forschungen zu den Zugängen aus der Deutschen Heeresbücherei zwischen 1933 bis 1945 nicht berücksichtigt worden. Inzwischen wurden die eigens geführten Akzessionsjournale für Zeitschriften jedoch kursorisch durchgesehen. Dabei zeigte sich, dass auch hier ein Zugang aus der Deutschen Heeresbücherei, und zwar von 285 Titeln, verzeichnet wurde. Die Bemerkungen in den entsprechenden Zeilen lassen ebenso wie bei den Monographien auf Rückforderung und Rückgabe nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schließen. Wie bei den Monographien ist anhand der Bemerkungen im Akzessionsjournal nicht einwandfrei zu beurteilen, ob einzelne dieser Periodika im Altbestand noch vorhanden sind.
#Bücherwege – Die Universitätsbibliothek hat in einem Projekt zwischen 2023 und 2025 ihre zwischen 1933 und 1945 zugegangenen Bücher auf Erwerbungskontexte untersucht, die auf beschlagnahmte, geraubte und erpresste Bestände in der NS-Zeit hinweisen. Die Verdachtsmomente wurden flächendeckend erfasst, indem die erhaltenen Originalbestände und Erwerbungsakten systematisch durchgesehen wurden. Die unrechtmäßigen Erwerbungen wurden im Katalog und in der Datenbank LostArt dokumentiert. In den folgenden Schritten werden Anspruchsberechtigte und ihre Nachkommen kontaktiert, um Bücher zurückzugeben. Das Projekt wurde vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste gefördert.

Quellen:
- Akzessionsjournale der Universitätsbibliothek Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, Donum, Tausch, Pflicht, 1940 ff. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:kobv:11-714803
- Akzessionsjournale der Universitätsbibliothek Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, Zeitschriften 1940. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:kobv:11-749641
- Rudolf Hoecker an die Abteilung Volksbildung der Sowjetischen Militäradministration, 18.6.1946. SBB PK, Historische Akten, G I/A/10.
- [Johannes Asen: handschriftlicher Entwurf zum Verwaltungsbericht der Universitätsbibliothek der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin für das Haushaltsjahr 1940]. HU UA, Universitätsbibliothek.01, Nr. 0023.
- 14 Pułk Piechoty Ziemi Kujawskiej. Stand 5.11.2025.
- Cornelia Briel: Beschlagnahmt, erpresst, erbeutet. NS-Raubgut, Reichstauschstelle und Preußische Staatsbibliothek zwischen 1933 und 1945, Berlin: Akademie-Verlag 2013.
- Cornelia Briel: Raubgut aus Osteuropa in der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin. Herkunft, Erwerbungszusammenhänge, unvollständige Rückgabe in den Nachkriegsjahren. In: Daniela Mathuber, Tilmann Tegeler (Hg.): Aktuelle Forschungen zum nationalsozialistischen Kulturgutraub im östlichen Europa, Berlin 2024, S. 125 – 144.
Verfasst von: Dr. Cornelia Briel
