Alltäglich präsent – medial unsichtbar?

Studentische Wohnungsnot in Berlin

von Nadja-Christina Schneider1

Für Studierende wird es in einer Stadt wie Berlin seit Jahren immer schwieriger, eine bezahlbare Unterkunft zu finden. Lange Wartelisten für Wohnheimplätze, die WG-Zimmersuche als herausfordernder Casting-Wettbewerb und für viele kaum bezahlbare Mieten. Wohnen „außerhalb“ ist bekanntlich keine attraktive Alternative für junge Menschen, die es in dieser besonders prägenden Phase ihres Lebens in die Großstadt zieht. Lange Anfahrtswege, eine mitunter schlechte Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel und das Fehlen anderer wichtiger Infrastrukturen des täglichen Lebens möchten viele ebenfalls nicht in Kauf nehmen. Inmitten der allgemeinen Wohnungsnot in Berlin fange „die studentische Wohnungskrise erst an“, so formulierte es der Tagesspiegel am 22. Dezember 2022.

Wie David Madden und Peter Marcuse in ihrem gemeinsam verfassten Buch In Defense of Housing (2016) kritisieren, vermittelt der vielzitierte Begriff der Wohnungskrise, dass es sich lediglich um eine temporäre Abweichung von einem ansonsten weitaus besseren Normalzustand handele, der mit den richtigen Maßnahmen wiederhergestellt werden könnte, wie es insbesondere die politische Rhetorik nahelegt.2[1] Madden und Marcuse erinnern jedoch daran, dass bereits Friedrich Engels in seinen Überlegungen zur Wohnungsfrage (1887) erkannt hatte, für welche gesellschaftlichen Gruppen diese „Krise“ zu allen Zeiten tatsächlich den Normalzustand darstellt:

 „The so-called housing shortage, which plays such a great role in the press nowadays, does not consist in the fact that the working class generally lives in bad, overcrowded or unhealthy dwellings. This shortage is not something peculiar to the present; it is not even one of the sufferings peculiar to the modern proletariat in contradistinction to all earlier oppressed classes. On the contrary, all oppressed classes in all periods suffered more or less uniformly from it (F. Engels (1872). The Housing Question, zitiert in Madden & Marcuse 2016: 9).”

Die neue Wohnungsfrage im Berlin des 21. Jahrhunderts ist in den sog. klassischen Medien durchaus sichtbar, aber es fällt schnell auf, welche gesellschaftlichen Gruppen keine besonders hohe mediale Aufmerksamkeit erhalten. Studierende gehören ohne Zweifel dazu, denn abgesehen von einigen Schlagzeilen und Zeitungsberichten, welche regelmäßig zum Semesterbeginn zu finden sind, hält sich die Berichterstattung zur studentischen Wohnungsnot in der deutschen Hauptstadt in Grenzen.  

Woran könnte das liegen, zumal in einer Stadt, die sich als „engagierte, exzellente und internationale Brain City“ beziehungsweise als „innovative Wissensmetropole“ versteht und in der es in der Tat eine beachtliche Zahl an öffentlichen und privaten Universitäten sowie Hochschulen gibt? Nach Angaben der Berliner Senatsseiten forschen, lehren, arbeiten und studieren „an den elf staatlichen, zwei konfessionellen und rund 30 staatlich anerkannten Hochschulen in Berlin über 250.000 Menschen aus aller Welt.“3[2] Wie finden all diese Hochschulangehörigen ihren bezahlbaren Wohnraum in Berlin und wo wohnen sie?

Auch ein Blick auf die zentralen Webseiten der drei großen Berliner Universitäten TU, HU und FU weist das Thema studentisches Wohnen und die Wohnungsnot der Studierenden nicht als eines aus, für das sich die Bildungseinrichtungen selbst in zentraler Verantwortung sehen oder über das sie sonderlich viel zu berichten hätten. Die wenigen auffindbaren Informationen richten sich vorwiegend an internationale Studierende oder verweisen auf die Angebote des Studierendenwerks bzw. im Fall der HU auf den Campus in Adlershof. Wie Judith Thomsen in ihrer Studie zu „Home Experiences in Student Housing“ (2007) mit Bezug auf Norwegen erwähnt, werden Unterkünfte für ihre Studierenden nicht nur in Deutschland, sondern auch in Skandinavien traditionell nicht als Bereich betrachtet, für den die Universitäten als verantwortlich gesehen werden. Sie führt jedoch Großbritannien als Beispiel für einige westeuropäische Länder an, in denen „university-provided student housing“ zumindest über längere Zeiträume existierten (Thomsen 2007: 578).

Da studentisches Wohnen in Berlin offenbar weiterhin als ein Bereich betrachtet wird, der buchstäblich „außerhalb“ der Universität liegt, müssen Studierende selbst eine Lösung hierfür finden. Gelingt es nicht, wird dies von jungen Menschen häufig als „Scheitern“ oder ungewollte Rückkehr in die Phase der Adoleszenz wahrgenommen. Besonders deutlich wurde dies in der Pandemie-Situation, in der sich Studierende in hoher Zahl gezwungen sehen, wieder bei ihren Eltern und vielfach in ihr altes Kinderzimmer einzuziehen, das nach ihrem Auszug eigentlich für ihre Wochenendbesuche oder andere Zwecke genutzt werden sollte. Für viele Studierende auf Wohnungssuche in Berlin, darunter ein hoher Anteil an internationalen Studierenden, gab und gibt es jedoch nicht einmal diese Option eines „Zurück zu…“ oder sie versuchen, den Wegzug aus der Stadt, in die sie mit so vielen Hoffnungen und Erwartungen gekommen sind, doch noch irgendwie abwenden zu können. Es ist ein sehr wichtiger Schritt, dass wir an den Berliner Universitäten mittlerweile immer mehr Bewusstsein und auch Angebote für zentrale Fragen der mentalen Gesundheit von Studierenden bereitstellen. Doch wir verknüpfen diese bislang noch nicht mit der außerordentlich hohen Belastung, der sie in vielen Fällen in erster Linie aufgrund ihrer Wohnsituation und finanziellen Probleme und möglicherweise nicht primär durch ihr Studium ausgesetzt sind.

Im deutlichen Kontrast zur Abwesenheit der Wohnungsnot von Studierenden in den „klassischen“ Medien weisen soziale Medien und Plattformen wie YouTube neuerdings eine wachsende Zahl an hochgeladenen Beiträgen zu diesem Thema auf. Darin lassen sich wiederum unterschiedlichste Formate und damit verknüpfte Medienpraktiken feststellen, welche von einer medialen Selbstpräsentation der Studierenden und Thematisierung ihrer aktuellen Wohnsituation oder verzweifelten Suche über dialogische Formate und Tipps für andere Studierende bis zu einfach hochgeladenen Videos mit Informationen und Testimonial-Berichten reichen können. Auffallend ist auch hier, dass sich viele der Austausch- und Informationsangebote gezielt an internationale Studierende in Berlin richten.

Home Abroad Podcast: Student Accommodation in Berlin

Rishi: „Berlin Housing is a little bit like a Hunger Games.”

Ellie: “Hahaha. Fight to the death for it.”

Rishi: “Yes, yes.”

Ellie: “…only in Berlin.”

Eines der am häufigsten aufgerufenen Beispiele hierfür ist ein knapp fünfminütiges Video, das für internationale Studierende an der Freien Universität produziert wurde und sich überwiegend auf studentische Unterkünfte im Südwesten Berlins bezieht. Neben Studentenwohnheimen und der Unterbringung in Gastfamilien sowie einem kurzen Abstecher an den Alexanderplatz zum kommerziellen The Social Hub (früher The Student Hotel) wird hier das Studentendorf Schlachtensee vorgestellt, nach dessen Vorbild für HU-Studierende das Studentendorf Adlershof neu erbaut wurde. Die interviewte Bewohnerin im FU-Video verrät uns, dass heute überwiegend internationale Studierende im Studentendorf in Schlachtensee ihre temporäre Unterkunft in Berlin finden – ursprünglich errichtet wurde es in der Nachkriegszeit jedoch nicht nur, um dort Studierende der FU unterbringen zu können, sondern auch, um im Rahmen der US-amerikanischen Maßnahmen zur Reeducation junge Menschen in der Bundesrepublik an die Demokratie heranzuführen.

Die Architektur und Raumplanung des Studentendorfes Schlachtensee sollte also dafür Sorge tragen, dass junge Studierende als zentrale Akteursgruppe der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft lernen, demokratisch zusammen zu leben. Dies mag aus heutiger Sicht als Form eines „social engineering“ und Ausdruck einer top-down-Planung kritisch betrachtet werden. Gerade mit Blick auf den „hyperkommodifizierten“ städtischen Wohnungsmarkt der Gegenwart (Madden & Marcuse 2016: 39) wirft es aber auch die Frage auf, wie die Gesellschaft und Politik eigentlich heute auf die Studierenden und ihre Rolle blickt, und ob sie nicht nur für die Notwendigkeit des studentischen Wohnens erneut sensibilisiert werden könnte, sondern vor allem auch für das positive Potenzial gemeinschaftlichen Wohnens als Erfahrung und eingeübte Praxis, die zu Formen eines gutes Zusammenleben in der Gesellschaft beitragen kann.

Zitierte Literatur

Madden, David and Peter Marcuse (2016). In Defense of Housing. London/New York: Verso.

Thomsen, Judith (2007). “Home Experiences in Student Housing: About Institutional Character and Temporary Homes”. Journal of Youth Studies, 10:5, 577-596.

Über die Autorin

Nadja-Christina Schneider ist Südasienwissenschaftlerin und arbeitet am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften. Mit dem Thema bezahlbarer Wohnraum, Architektur und Zusammenleben befasst sie sich seit einigen Jahren intensiver.


  1. Dieser Text ist aus einer gemeinsamen Schreibübung mit Master-Studierenden hervorgegangen, die wir im Sommersememster 2023 zum Thema studentisches Wohnen, Zusammenleben und bezahlbarer Wohnraum in Berlin im Rahmen eines Seminars durchgeführt haben. Der ebenfalls in diesem Blog veröffentlichte Beitrag von İnci Nazlıcan Sağırbaşbaş zum Thema „Making a Home in Berlin: Navigating a Housing Crisis as an International Student“ ist auch aus dieser Schreibübung im Rahmen unseres Seminars hervorgegangen. ↩︎
  2. „Klara Geywitz, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen:Zum ersten Mal gibt es im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus ein Förderprogramm nur für junge Menschen in Ausbildung. Sie sollen sich vor allem auf ihre Ausbildung konzentrieren und nicht wochen- oder gar monatelang auf Wohnungssuche sein. Mit einer halben Milliarde Euro können die Länder jetzt Wohnheimplätze neu- oder umbauen, um junge Menschen in die Region zu holen oder zu halten. Damit wird der Standort Deutschland insgesamt attraktiv für junges Knowhow, aber auch die einzelnen Regionen profitieren erheblich. Wer einmal da ist, bleibt vielleicht. Wie gut man Wohnraum findet, den sich jeder leisten kann, ist dabei ein entscheidender Faktor. Mit diesem gezielten Fokus auf Junges Wohnen werden wir sicher schnell Erfolge erzielen‘ („Bezahlbarer Wohnraum für junge Menschen: Sonderprogramm Junges Wohnen gestartet!“ https://www.studentenwerke.de/de/content/bezahlbarer-wohnraum-fue-junge-menschen).“ (10.06.2023) ↩︎
  3. Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege: Wissenschaft und Forschung: Hochschulen. https://www.berlin.de/sen/wissenschaft/einrichtungen/hochschulen/ (10.06.2023). ↩︎
21. November 2023 | Veröffentlicht von Prof. Dr. Nadja-Christina Schneider
Veröffentlicht unter Allgemein

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