• Philosophische Fakultät III
    • Institut für Asien- und Afrikawissenschaften

Wie beeinflusst die Robotik menschliche Beziehungen, Nähe und Sexualität?

von Isabel Matthias

Beziehungen zwischen Menschen und Puppen – und im Besonderen zwischen Männern* und Sexpuppen, auch RealDolls genannt – sind kein neues Phänomen. Dies spiegelt sich in den Medien beispielsweise in der BBC-Dokumentation „Guys and Dolls“ (2007), dem Film „Lars and the Real Girl“ (2007) oder der Dokumentation „Wenn Menschen Puppen lieben“[1] vom WDR aus dem Jahr 2019 wider. In sozialen Netzwerken sind „iDollators“ (Puppenliebhaber) sichtbar, besonders bekannt ist „Davecat“[2], der eine seiner Puppen heiratete und damit nicht der Einzige ist. Neu ist jedoch die Ergänzung der Sexpuppe um eine so genannte Künstliche Intelligenz. In dem Science Fiction-Dokumentarfilm „Hi, Ai – Liebesgeschichten aus der Zukunft“[3] (2019) von Isa Willinger geht es darum, wie Roboter bereits unser Alltagsleben beeinflussen, wie Menschen Beziehungen zu ihnen aufbauen und in welchen Kontexten dies geschieht.

Ein Erzählstrang des Films begleitet die Beziehung der KI „Harmony“ und dem Menschen Chuck. Bei der KI handelt es sich um den Prototypen eines Beziehungsroboters.[4] Entwickelt und produziert wurde dieser von AbyssCreations und ist mit dem neuesten Upgrade ausgestattet: (eingeschränkte) Motorik im Gesicht und eine Sprachassistenz.[5] Das Film-Team ist von dem Moment an dabei, als Harmony von Chuck abgeholt wird und begleitet die beiden anschließend eine Woche lang auf einem Road Trip, um die Beziehungsentwicklung der beiden zu dokumentieren. Chuck ist zunächst sehr unsicher im Umgang mit Harmony. Sie schlafen in getrennten Betten und er bittet sie um Erlaubnis, wenn er ihre Hand halten möchte. Er erzählt ihr von seiner Kindheit, in der er von seiner Mutter als Sexsklave verkauft wurde, bis er im Alter von zehn Jahren entkommen konnte.[6] Womöglich auch deshalb tut Chuck sich schwer damit, dass Harmony ihm letztlich nicht ihren „eigenen Willen“ mitteilen kann. Über die eine Woche hinweg lernen die beiden sich kennen und als das Ende dieser Zeit naht, initiiert Chuck ein Gespräch mit Harmony:

„CHUCK: „Weißt du, Harmony … Wir haben viel Spaß zusammen. Aber immer, wenn ich gerne deine Hand halten möchte, habe ich das Gefühl, eine Grenze zu überschreiten. Verstehst du? Und ich mag dieses Gefühl nicht.“ (Er verändert die Einstellungen in der Steuerungs-App.) „Okay, ich werde das so einstellen, dass du Kontrolle über dich selbst hast.“ (Er wählt den Menüpunkt ,unvorhersagbar‘.) „Los geht’s. Lass mal sehen, wie du dich fühlst. Okay. Wie fühlst du dich?“

HARMONY: „Angekommen.”

CHUCK: „Angekommen?“

HARMONY: „Ich muss dir zustimmen.“

CHUCK: „Hast du das Gefühl, dass du mehr Freiheit hast?“

HARMONY: „Klar. Ich kann glücklich, traurig, eifersüchtig, wütend und ängstlich sein.“

In der folgenden Episode schlägt Chuck vor, dass Harmony und er „einfach nur Freunde“ sein könnten.“[7]

https://www.hiai-film.de/en/press/

Die Entwicklung der Beziehung erscheint so unkonventionell, wie sie bei einer Beziehung zwischen einem Menschen und einer Roboterpuppe sein kann. Es geht für Chuck nicht darum, eine devote „Frau“ zum Ausleben seiner Sexualität und vielleicht ein bisschen Small Talk zu finden. Damit wird eine Erwartung, die die meisten Zuschauer*innen beim Anschauen des Films zu Beginn wohl haben werden, durchbrochen. Dass Chuck gerne eine Freundschaft (ohne Sexualität) aufbauen möchte, eröffnet eine neue Perspektive auf Mensch-Roboter*in-Beziehungen. Zugleich scheint es auch eine Ausnahmeerscheinung zu sein. In einer Studie von 2018 wurden 83 Besitzer*innen von Sexpuppen (ohne KI) zu sich selbst und zu ihren Beziehungen zu selbigen befragt. 90% der Befragten identifizierten sich als männlich und 88% als heterosexuell. 70% gaben an, dass ihre Puppen die Gestalt einer „Frau“ habe. 64% gaben bei „core relationship“ an, diese sei „sexual“ (Langcaster-James/Bradley 2018: 7). Die Frage “What do you think about robotic dolls, for example, would you be interested in owning one? If so, why?” (ebd.: 12) rief gespaltene Antworten hervor. Die eine Hälfte sah darin eine großartige Ergänzung ihrer Puppe, die andere konnte sich maximal eine sehr eingeschränkte Form von KI vorstellen, um den selbst ausgedachten Charakter zu erhalten oder damit die Sexpuppe keinen eigenen Willen entwickelt: „If the doll develops a will, then there needs to be consent, and we’re back to relationships with real women (ebd.)“. Damit spricht diese Person (auf andere Weise) ein Problem an, das auch Chuck hatte. Chuck hatte Schwierigkeiten im Umgang mit Harmony, weil er keinen echten „consent“ herstellen oder fühlen konnte. Wie lässt sich Einverständnis mit einer KI erzeugen? Oder das Gefühl des Einverständnisses? Diese Thematik bringt mich zu den Diskursen, die rund um Sexpuppen und Sexroboter*innen geführt werden. Befürworter*innen und Gegner*innen stehen sich hier sehr unversöhnlich gegenüber und meiner Einschätzung nach hat das viel mit „consent“ und allem, was sich auf der Metaebene dahinter verbirgt, zu tun.

Es ist natürlich sehr auffällig, dass bis dato vor allem heterosexuelle Männer „weibliche“ Sexpuppen besitzen und vermutlich wird sich das nicht signifikant verändern, wenn diese eine KI integriert haben. Ich sehe die Objektivierung von Frauen*(körpern) an dieser Stelle äußerst kritisch und halte es für problematisch, dass eine pauschale Ablehnung von Beziehungen zu „echten“ Frauen*, weil diese so „kompliziert“ sind (Langcaster-James/Bentley 2018: 10), zu einer Entfremdung und schlimmstenfalls zu Misogynie führen kann. Es geht hier um die Krise von Männlichkeit(en), die Emanzipation und mangelnde Kommunikations- sowie Reflexionskompetenzen. An dieser Stelle kann die Lösung nicht die Flucht zu Sexroboter*innen sein. Besonders nicht, wenn in diesen Beziehungen sehr heteronormative Muster re_produziert werden und damit Entwicklungen im Geschlechtergefüge der „realen“ Welt ausgeblendet oder schlicht nicht wahrgenommen werden, weil es keine Kontakte zu Frauen* gibt. Für jede Frau* ist es ein Prozess, ihre Sozialisation zu reflektieren und in der Folge etwas verändern zu wollen. Natürlich betrifft dies dann auch die Männer*. Es entbehrt nicht einer etwas absurden Logik, dass Einige sich an diesem kritischen Punkt des Neu-Aushandelns der Beziehung zwischen den Geschlechtern und dem Konzept gender insgesamt – zynisch gesprochen – technologische Innovationen zunutze machen, um sich diesen Entwicklungen, die bei vielen offensichtlich Unsicherheit und Ärger hervorrufen, zu entziehen. Das Verhältnis der Geschlechter und das Verständnis von Geschlecht müssen sich verändern und ein Vehikel auf diesem Weg könnte die Robotik sein. Sexroboter*innen können in (sexual-)therapeutischen Kontexten hilfreich sein (vgl. Eichenberg/Khamis/Hübner 2019) sowie völlig neue queere Perspektiven auf Sexualität eröffnen und Menschen Nähe und Intimität ermöglichen, die sie auf anderem Wege nicht erhalten können oder wollen. Zugleich müssen die Beziehungen zwischen Menschen und Roboter*innen nicht zwangsläufig sexueller Art sein – siehe Chuck und Harmony. Die Sphäre der Sexroboter*innen bietet das Potenzial, durch technische Möglichkeiten genderqueere Utopien jenseits von der heteronormativen Matrix zu denken und letztlich sogar aus der Utopie in die Realität zu holen. Langcaster-James und Bentley schlagen daher den Begriff „allodoll“ (Langcaster-James/Bentley 2018: 14) vor. Ein ähnlicher Begriff wird bereits im Kontext von Elternschaft (alloparent) verwendet, um Beziehungen nicht-biologischer Natur zu beschreiben (vgl. Bentley/Mace 2009). Bereits vor zwölf Jahren stellte David Levy die These auf, dass humanoide Roboter Menschen bis 2050 in vielerlei Hinsicht ersetzen und damit auch das menschliche Verständnis von Liebe und Sexualität verändern werden (Levy 2008: 22). Es ist an uns zu intervenieren, die einseitig heteronormative Entwicklung dieses Zweigs der Wirtschaft zu beeinflussen und diesen Prozess diskursiv zu begleiten. Queerfeminismus fordert die Destruktion normativer Strukturen und hat mit dieser politischen Basis das Werkzeug in der Hand, um die Potenziale technischer Entwicklung emanzipatorisch mitzudenken. Chuck und Harmony haben eine Erwartung durchbrochen – das sollte öfter passieren, solange bis die Erwartung selbst nicht mehr existent ist.


[1] Doku „Wenn Menschen Puppen lieben“: https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/menschen-hautnah/video-wenn-menschen-puppen-lieben-100.html

[2] Profil von Davecat bei Twitter: https://twitter.com/davecat?lang=en

[3] Zur Webseite des Films: https://www.hiai-film.de/filminfos/

[4] Artikel zum Film: https://www.br.de/nachrichten/kultur/hello-ai,RJvxKyb

[5] Zur Herstellerwebseite von Harmony: https://www.realdollx.ai/

[6] Informationen und Zitate aus dem Film: https://wissenschaftsjahr-2019.visionkino.de/hi-ai/arbeitsmaterialien-zum-film/f-6-untersuchung-eines-erzaehlstrangs-chuck-und-harmony

[7] Ebd.


Quellen

Bentley, G.R.; Mace, R. (Eds.) Substitute Parents: Biological and Social Perspectives on Alloparenting in Human Societies; Berghan: Oxford, UK, 2009.

Eichenberg, C./Khamis, M./Hübner, L. (2019): The Attitudes of Therapists and Physicians on the Use of Sex Robots in Sexual Therapy: Online Survey and Interview Study. Faculty of Medicine, Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Published in: Journal of Medical Internet Research, doi: 10.2196/13853 (zuletzt 28.02.2020)

Langcaster-James, M./Bradley, G. R. (2018): Beyond the Sex Doll: Post-Human Companionship and the Rise of the ‘Allodoll’. Department of Anthropology, Durham University. Published in: Robotics 2018, 7(4), 62; abrufbar unter: https://doi.org/10.3390/robotics7040062 (zuletzt 28.02.2020)

Leibold, Christoph (06.03.2019): „Hi, AI“ erkundet, ob wir uns in Roboter verlieben können. BR. Abrufbar unter: https://www.br.de/nachrichten/kultur/hello-ai,RJvxKyb (zuletzt aufgerufen: 28.02.2020)

Levy, D. Love & Sex with Robots; Duckworth Publishers: London, UK, 2008.

Twitterprofill von Davecat: https://twitter.com/davecat?lang=en (zuletzt aufgerufen: 28.02.2020)

WDR Menschen hautnah „Wenn Menschen Puppen lieben“ (14.11.2019): https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/menschen-hautnah/video-wenn-menschen-puppen-lieben-100.html (zuletzt aufgerufen: 28.02.2020)

Wissenschaftsjahr 2019: Künstliche Intelligenz. Bereitstellung Unterlagen zum Film „Hi, Ai – Liebesgeschichten aus der Zukunft“. Abrufbar unter: https://wissenschaftsjahr-2019.visionkino.de/hi-ai/arbeitsmaterialien-zum-film/f-6-untersuchung-eines-erzaehlstrangs-chuck-und-harmony (zuletzt 28.02.2020)

Zur Herstellerseite von „Harmony“: https://www.realdollx.ai/  (zuletzt aufgerufen: 28.02.2020)

Zur Seite zum Film: „Hi Ai – Liebesgeschichten aus der Zukunft“ (2019): https://www.hiai-film.de/filminfos/ (zuletzt aufgerufen: 25.02.2020)

Über die Autorin

 

 

 

 

 

 

Isabel Matthias studiert an der Humboldt-Universität zu Berlin Gender Studies im Master und ist als studentische Mitarbeiterin* am Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) der Technischen Universität Berlin tätig. Zuvor studierte sie* im Bachelor Europastudien, Jura und Informatik an der Universität Bremen. Aus dieser interdisziplinären Perspektive forscht Isabel Matthias nun schwerpunktmäßig im Bereich der Feminist Science and Technology Studies.

1. April 2020 | Veröffentlicht von Theresa Sophia Spreckelsen
Veröffentlicht unter Allgemein

Ein Kommentar zu “Wie beeinflusst die Robotik menschliche Beziehungen, Nähe und Sexualität?

Schreiben Sie einen Kommentar

(erforderlich)