Die Porträtsammlung der UB erhält mit der Darstellung des Theologieprofessors Dillmann einen Neuzugang als Geschenk. Die Schenkungsgeberin, die der Universitätsbibliothek ihr Fundstück dankenswerter Weise am 5. November diesen Jahresüberlassen hat, beschreibt die Zeichnung und ihre Geschichte.
Das Porträt, welchem folgende Überlegungen gewidmet werden, ist eine sorgfältige Bleistiftzeichnung auf weißem Papier und misst 14,5 x 20 cm. Es stellt einen jungen Mann in Halbfigur dar, Oberkörper bis zur Taille, gekleidet in Frack mit Weste und Halstuch über dem Hemd. Die dunklen, halblangen gewellten Haare sind auf seiner rechten Seite gescheitelt. Signiert, gleichfalls mit Bleistift, ist das Blatt links unten von J. Kull. Darunter steht eine handschriftliche Widmung, ebenfalls in Bleistift, aber verblasst und mit einem anderen Stift und anderem Schriftduktus als die Signatur des Künstlers:
Lapp seinem Dillman(n) zu tr. Erinnerung Tüb. 1845
„In des alten Bundes Schriften merke in der ersten Stell’
„Mose Josua und Richter Ruth und zwei von Samuel.“
(altdeutsche Poesie)
CfRv! (in Ligatur)
Der gereimte Zweizeiler ist offensichtlich eine ‚Eselsbrücke‘ – Pons Asini – für Studenten der Theologie, um sich die Reihenfolge der Bücher des Alten Testaments einzuprägen. Kleidung und Haartracht des Dargestellten passen zum Datum 1845. Über dem ‚n‘ im Namen von ‚Dillman(n)‘ ein Doppelungsstrich. Das Monogramm – aufzulösen als Circulus fratrum Regis vivat! – gehört zu der heute noch aktiven studentischen Verbindung „Königsgesellschaft Roigel“ in Tübingen. Die Jahreszahl – 1843, 1845 oder1848 – ist sehr verblasst und schwer lesbar, weitere Zahlen zum Vergleich sind nicht vorhanden.
Bei dem signierenden Künstler handelt es sich um Jakob (auch Jacob) Kull (1818 – 1880). Er war etwa ab 1841 als Zeichner und Lithograph in Tübingen tätig, wo er in der Hauptsache Porträts von Universitätsgelehrten und Studenten anfertigte, Brustbilder oder Halbfiguren, mit sorgfältig ausgearbeitetem Gesicht[i]. Kull befasste sich auch mit der Daguerreotypie, der um 1840 erfundenen Bildtechnik[ii]. Die mit dieser Technik geschaffenen Porträts waren naturgetreu, mehr als gezeichnete Miniaturen, und zudem Unikate. Die studentischen Verbindungen in Tübingen griffen diese neue Technik auf und legten Porträtgalerien an, zur Erinnerung, womit sie „…ortsansässige Zeichner und Lithographen wie Jacob Kull …“ beauftragten (Hesse 1989, S. 7). Ein beliebtes Schema waren eine sitzende Halbfigur oder Brustbilder, die sich auf das Gesicht konzentrierten. So wird für die Studentenverbindung Roigel ein Porträtalbum erwähnt, welches Johann Jacob Katz angelegt hatte (Hesse 1989, S. 23). In diesem Umfeld ist das vorliegende Porträt entstanden und zu betrachten.
Der Widmung zufolge ist hier Christian Friedrich August Dillmann dargestellt (* 25. April 1823 in Dillingen, Württemberg, † 4. Juli 1894 in Berlin), Theologe und Begründer der Äthiopistik[iii]. Dillmann studierte ab 1840 in Tübingen Theologie, Philosophie und Orientalistik. Er wurde am 22. Mai 1846 mit der Schrift „Der Märtyrerkampf des heiligen Georg, aus dem Äthiopischen übersetzt und erklärt“ und mit der Erlaubnis des Kanzlers Karl Georg Wächter zum Dr. phil. promoviert; seine Promotionsurkunde ist auf den 24. Mai 1846 datiert.[iv] Dillmann gehörte während seiner Studentenzeit in Tübingen der studentischen Verbindung „Königsgesellschaft Roigel“ an, deren Monogramm unter der Widmung steht. Der Stifter des Porträts, ‚Lapp‘, ist in dem Auswahlverzeichnis der Mitglieder[v] nicht zu identifizieren. Wahrscheinlich handelt es sich bei ‚Lapp‘ um einen Spitznamen, welcher in dieser Form nicht in den Verzeichnissen auftaucht. So berichtet M. Fischer[vi] in der Geschichte der Burschenschaft Roigel: „Nach einer anderen Richtung hin waren typische Repräsentanten des Roigels […] der schwäbisch gemütliche Köhler, vulgo Lapp (Pfarrer in Neuhausen, † 1886) […]“. Fischer setzte mehrfach den Spitznamen des jeweils Erwähnten mit dem Hinweis „vulgo“ hinter die Nennung des korrekten Namens. Der Familienname Köhler sowie der Ortsname Neuhausen sind sehr häufig. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um Ferdinand Köhler (* 17.11.1823, † 4.4.1886), welcher als Pfarrer in Neuhausen am Rheinfall (Schweiz) tätig war. Der Theologe Alfred Hegler[vii] aus Stuttgart, der auf Köhlers Beerdigung eine Rede hielt, war in seiner Studienzeit ebenfalls Mitglied der Königsgesellschaft[viii].
Während seines Studiums und seiner Mitgliedschaft in der Burschenschaft Roigel schloss sich Dillmann freundschaftlich an Carl Heinrich Weizsäcker[ix] (1822 – 1899) an, der gleichfalls Theologie studierte und Mitglied der Königsgesellschaft und später Universitätskanzler in Tübingen war. Nach seiner Promotion habilitierte sich Dillmann 1851 und nahm 1854 den Ruf an die Universität Kiel an. 1864 erfolgte der Ruf nach Gießen und 1869 der Ruf an die theologische Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin (heute Humboldt-Universität), wo er bis zu seinem Tod 1894 verblieb. Er hatte dort die Professur für Altes Testament und Orientalische Sprachen inne. Seine Stellung als Neubegründer der äthiopischen Philologie trug weiter zu seiner Bedeutung bei. Sein Grab auf dem Alten St. Matthäus-Friedhof in Tempelhof-Schöneberg ist nicht mehr nachweisbar.
Dillmann heiratete 1856 Mathilde Leo. Das Paar hatte drei Töchter, von denen die älteste, Eugenie Dillmann (*1865 in Kiel, †1940 in Berlin), sich einen Namen als Malerin erwarb[x]; sie blieb unverheiratet. Über ihre Schwestern, Julie und Elisabeth, ist nichts weiter bekannt. Es ist anzunehmen, dass sie heirateten und damit ihre Familiennamen und vielleicht auch den Wohnort änderten. Das kleine gezeichnete Porträt des Vaters verblieb wahrscheinlich bei Eugenie und mit ihr in Berlin und wurde bei ihrem Tod einem nahestehenden Menschen übergeben. Der weitere Weg ist nicht mehr nachvollziehbar, doch ist anzunehmen, dass der letzte Besitzer nicht lange vor 2009 verstarb. Die Wohnung wurde aufgelöst, das Porträt mit seinen schwer leserlichen Kritzeleien als wenig marktfähige Antiquität angesehen. Es wurde 2009 auf dem Flohmarkt erworben, wo es auf dem OBI-Parkplatz in der Goertzallee in einer Bananenkiste angeboten wurde.

Bildnachweis: Yong-Mi Rauch
Verfasserin: Antje Krug
Die Porträtsammlung Berliner Hochschullehrender wurde als eine der ersten Sammlungen der Universität überhaupt angelegt. Der Bildbestand reicht vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart und ist für Publikationen gefragt. Zudem wird er für wissenschaftshistorische Recherchen und in Seminaren eingesetzt. Ein Großteil besteht in Fotografien. Der Bildbestand wächst kontinuierlich an, sowohl durch Anfragen an Mitglieder der Universität als auch durch Übernahmen historischer Bildbestände. Aufgearbeitet wird beispielsweise derzeit der historische Porträtbestand aus dem Institut für Geographie. Der digitalisierte Bestand ist im Sammlungsportal der UB zugänglich. Der Gesamtbestand kann im Discovery System Primus recherchiert werden.
[i] Nach Wikipedia s.v. Jacob Kull, Stand Januar 2019.
[ii] W. Hesse, Ansichten aus Schwaben. Kunst, Land und Leute in Aufnahmen der ersten Tübinger Lichtbildner u. des Fotografen Paul Sinner (1838-1925) (Tübingen 1989).
[iii] Neue Deutsche Biographie 3 (Berlin 1973) s.v. Christian Friedrich August Dillmann, S. 721-722 (E. Littmann). – Wikipedia s.v. Dillmann. – Homepage der Studentenverbindung Roigel.
[iv] Archivar Stefan Fink M.A. vom Universitätsarchiv Tübingen ist sehr zu danken für seine Recherche und Auskünfte, Promotionsvorgang UAT 55/22b,3, Doktordiplom UAT 132/6-1846,9.
[v] Willy Nolte (Hrsg.), Burschenschafter-Stammrolle, Verzeichnis d. Mitglieder Sommersemester 1934 (Berlin 1934) 1098-1099.
[vi] Geschichte des Roigels 1838/1938 (Urach 1938) 37-38.
[vii] Neue Deutsche Biographie 8 (Berlin 1969) s.v. Alfred Wilhelm Hegler, S. 233-234 (E. Beyreuther).
[viii] Swisscollections s.v. Köhler, Zur Erinnerung an Ferdinand Köhler, Pfarrer in Neuhausen.
[ix] M. Wein, Die Weizsäckers (Stuttgart 1988) 26-74. Erst dessen Sohn Karl Hugo Weizsäcker erhielt 1896 den persönlichen Adel und die Familie 1916 den erblichen Freiherrenstand, Wikipedia s.v. Carl Friedrich von Weizsäcker.
[x] Thieme – Becker, Allgemeines Künstlerlexikon Bd. 9 (Leipzig 1913) 299 s.v. Eugenie Dillmann. – H. Vollmer, Allgemeines Lexikon d. bildenden Künstler Bd. 1 (Leipzig 1953) 567 s.v. Eugenie Dillmann.
