Archiv für Oktober 2015

Big Data und die Geisteswissenschaften. Eine Anmerkung einem Tagungsbericht in der NZZ.

In den Fu-PusH-Interviews fiel das Stichwort „Big Data“ vergleichsweise selten. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass es im Umfeld der Geisteswissenschaften keine Rolle spielt, denn unser Erkenntnisinteresse war doch eher auf das Publizieren und nicht so sehr auf die Forschungspraxis gerichtet. Entsprechend finden sich Überlegungen zur Transformation geisteswissenschaftlicher Forschung durch datenzentrierte Verfahren eher an anderer Stelle. Heute beispielsweise im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung für das Urs Hafner von der infoclio.ch-Tagung 2015 mit dem Motto Daten und Geschichtswissenschaften berichtet. Eine wichtige und sehr grundsätzliche Einsicht wollen wir aus diesem Bericht gern festhalten, da sie wiederum drei für das Publizieren sehr zentralen Aspekt berührt:

„Für den Wissenschaftshistoriker Bruno Strasser von der Universität Genf sind grosse Datenmengen an sich nichts Neues. In der «data-driven science» jedoch, welche die Wissenschaftswelt erobere – die Geisteswissenschaften bilden ein Residuum –, kämen nun zwei Traditionen der Naturwissenschaften zusammen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden seien: die sammelnde und vergleichende Naturgeschichte sowie die experimentelle Naturforschung. «Big Data» werfe neue Fragen auf: nach der Autorschaft, die nun zugleich individuell und kollektiv sei, nach dem Eigentum an Daten, nach deren Gebrauch, nach deren «epistemischem Status». – Solche Fragen sollten in einem einschlägigen nationalen Forschungsprogramm auf keinen Fall fehlen.“

Prinzipiell zeigt sich eine gewisse Übereinstimmung des die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägenden Wandels zur Big Science und dem Aufblühen der Empirie als immer mehr eingefordertes und daher elaboriertes Verifikationsinstrument für die Theoriebildung (oft: Little Science). Insofern ist Big Data in der Wissenschaft selbst ein eher älteres Thema, eng verbunden mit der Gerätewissenschaft (bzw. auch Großforschung) und den dort notwendigen Spezialisierungen. Wer welchen Teil der Autorschaft bei dieser gruppenbasierten Erkenntnisfindung übernimmt, ist freilich auch dort oft umstritten. Für die Geisteswissenschaftler, die sich vergleichsweise deutlich stärker als Werkschöpfer sehen, wo Naturwissenschaftler mit dem gelungenen Nachweis glücklich sind, sind diese Phänomene weitgehend neu. Es sind möglicherweise die Digital Humanities, die nun das Kollektivelement und die Arbeitsteilung zwischen Datenerhebern, den Entwicklern von Algorithmen und den Wissenschaftlern, die Fragestellungen formulieren bzw. Schlüsse ziehen und vielleicht noch einigen anderen Akteuren in die Wissenschaftspraxis hineinbringen. Selbstverständlich verändert sich eine Wissenschaft, die sich viel stärker auf die Empirie von Daten und den Erkenntniszugang per Algorithmus stützt, in ihren epistemischen Fundamenten. Oder – was nach wie vor bei den Digital Humanities offen ist – fungiert losgelöst von den klassischen Wissenschaften als eigenes Forschungsfeld. In jedem Fall muss sie spezifisch fragen, nach welchen Bedingungen die Forschungsgrundlage (Daten) und die Erhebungs- und Präsentationswerkzeuge (Algorithmen, Visualisierungen, etc.) entstehen und wie sie als Dispositive für die Erkenntnisfindung wirken. Dies gilt insbesondere auch für die Metaebene der Forschungsförderung, die mit ihrer Agenda selbst ein Dispositiv setzt, das bestimmte Forschungsformen begünstigt und andere ausschließt.

(bk / 20.10.2015)

Urs Hafner: Gemachte Tatsachen. «Big Data» und die Geschichtswissenschaft. In: Neue Zürcher Zeitung / nzz.ch. 20.10.2015

Die Zukunft der E-Books liegt in den Wurzeln des Digitalen.

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

In der Sendung Kultur heute des Deutschlandfunks wurde gestern ein Interview mit Elke Heinemann zum Thema E-Books ausgestrahlt, die unlängst ein „Kriminalrondo“ als, wenn man so will, Hybrid-Enhanced-E-Book herausgebracht hat. Das weckt natürlich unser Interesse, wenn auch eher aus medientheoretischer Sicht. Im Interview nennt sie einige der Funktionalitäten:

„Man nennt es auch ein „Hands E-Book“ […]. Es gibt es auch gedruckt als Künstlerbuch, weil es unter anderem Fotogramme der Berliner Fotografin Manuela Höfer enthält. Aber als Künstlerbuch ist es deshalb interessant, weil der Leser beispielsweise die Möglichkeit hat, selber die Reihenfolge zu bestimmen, dort einzusteigen, wo er selber lesen möchte oder auch hören möchte. Es hat auch eine Audioschiene. Das gab es, als die Texte entstanden sind, alles noch nicht. Man hätte damals nur eine Art Objekt bauen können, in einem Kunstbuchverlag vielleicht, aber da sind natürlich auch die Absatzmöglichkeiten sehr schlecht.“

In der Titelbeschreibung auf der Seite des Verlags wird das Format genauer beschrieben:

„Das enhanced e|Book präsentiert ein Gesamtkunstwerk aus Prosa, Lyrik und Fotografie; es enthält Audioaufnahmen der Texte, 13 Fotogramme der Künstlerin Manuela Höfer und ein interaktives Inhaltsverzeichnis.“

Im Interview betont die Autorin zudem, dass die E-Book-Formen, die man aktuell gemeinhin darunter versteht, früher oder später von Online-Texten abgelöst werden:

„Es ist sowieso so, dass die Experten der Szene glauben, die E-Books sind ein temporäres Phänomen. Irgendwann lesen wir alle digital, beziehungsweise wir lesen digitale Texte direkt im Internet. Das ist ja die Entwicklung, die beispielsweise auch durch Sascha Lobos „Sobooks“ vorgegeben wird.“

Der Trend zeigt aber eigentlich, wie wundersam die mediale Schleife ist, die sich hier zieht: Elemente, die im WWW schon längst etabliert sind (Hypertextualität, Multimedialität) und die sich noch viel länger in den Narrativstrukturen von Computerspielen, vor allem so genannten Adventures und RPGs, finden (selbst wählbare Pfade durch die Narration, umfassende Interaktivität) werden auf literarische Textformen angewendet und dies in einer Form, die sie idealerweise – analog zum Buch – in geschlossenen und daher als Einzelobjekte verkaufbaren Einheiten fasst. Das E-Book ist seit je mehr oder weniger ein unzureichender Versuch, die medienkulturelle Praxis des gedruckten Buches in die mit hohen Zukunftserwartungen ausgerüsteten digitalen Geschäftsfelder zu bringen. Das gelingt bislang bestenfalls teilweise. Die Vorteile der klassischen E-Book-Formate gegenüber den gedruckten Formaten bleiben in der Regel auf das entfallende Gewicht und eine einfache Adaptivität begrenzt (vgl. dazu auch Kaden, 2008). Dazu kommen künstliche Hürden vor allem in Form von Kopierschutzmaßnahmen.

Der Schritt, diese Formate mit Erweiterungen zu versehen ist angesichts der Möglichkeiten des Digitalen naheliegend, aber keineswegs ein Zeichen von Modernität. Dass wir digitale Texte im Internet lesen ist nämlich eine Grundidee des WWW selbst. Es entspräche also einer Rückkehr zu den Wurzeln Anfang der 1990er Jahre. Redet man dagegen über die Möglichkeiten von sinnvollen Enhancements und neuen Formen der Narrativität, dann empfiehlt es sich vermutlich, die Idee des linear erzählendes Buches gänzlich zu verwerfen und von webnativen Erzählformen und -möglichkeiten auszugehen. Der Vergleich, den Elke Heinmann betont, liefe dabei ins Lehre.

„E-Books und haptische Bücher sollte man wie Kinofilme und Fernsehfilme betrachen: Beide Medien haben eine gemeinsame Wurzel und durch die technischen Möglichkeiten haben sich dazu Parallelwelten entwickelt.“

Zutreffender wäre vielleicht zu sagen, dass sich digitale Narrationen von Narrationen, die der Darstellungslogik des Buchformats folgen, so unterscheiden, wie Computerspiele von Filmen. Der Schlüssel tatsächlich digitalgemäßer und entsprechend erweiterter Erzählungen läge in der interaktiven Teilhabe- und Gestaltungsmöglichkeit des Handlungsverlaufs, was zwangsläufig die Frage nach der Abgrenzung des Formats – vermutlich nach dem Grad der Interaktivität und Steuerungsmöglichkeit zu differenzieren – sowie auch der Autorschaft aufwirft. Ab welchem Komplexitätsgrad der Erweiterung sind die Entwickler und Mediengestalter narrationsprägend?

Und selbst für einfache digitale Fließtexte – also nicht-enhanced-E-Books – die direkt online gelesen werden, ist die Bezeichung „Book“ eine etwas unglücklich gewählte Metapher. Spätestens wenn sie born digital sind, sie also nicht auf einer Buchvorlage beruhen, wäre es weitaus stimmiger einfach von digitalen Texten zu sprechen.

 

Weiterführend:

Ben Kaden (2008) Das ewig alte Medium. In: BUB 60 (2008) 7-8, S. 562-563.

Elke Heinemann, Maja Ellmenreich (2015) „E-Books sind literarische Parallelwelt“. In: Deutschlandfunk, 14.10.2015.

15. Oktober 2015 | Veröffentlicht von Ben Kaden | 1 Kommentar »
Veröffentlicht unter Enhanced Publications

Eine Notiz zum Start des geisteswissenschaftlichen Megajournals Open Library of Humanities.

von Ben Kaden (@bkaden)

Ende September gab es ein Ereignis, auf das wir aus der Fu-PusH-Perspektive unbedingt noch hinweisen müssen. Mit der Open Library of Humanities ging ein geisteswissenschaftliches Metajournal online, das versucht, den digitalen Möglichkeiten und den Ansprüchen der Zielgruppen gleichermaßen gerecht zu werden. Der Wille, etwas Neues zu schaffen, zeigt sich bereits im Veröffentlichungszyklus. Der Wille, ganz oben auf der Reputationsskala nicht etwa zu landen sondern gleich zu starten zeigt sich in der sehr selbstbewussten Selbstbeschreibung:

„The Open Library of Humanities journal publishes internationally-leading, rigorous and peer-reviewed scholarship across the humanities disciplines: from classics, theology and philosophy, to modern languages and literatures, film and media studies, anthropology, political theory and sociology.“

Die geplante wöchentliche Erscheinungsweise folgt dem Modell der großen naturwissenschaftlichen Titel und strukturell wie namenstechnisch sicher nicht zufällig der Public Library of Science (PLOS).

Das Modell des Meta- bzw. Megajournals impliziert, dass es sich nicht um eine einzelne Zeitschrift sondern um eine Plattform handelt, auf der unterschiedliche Zeitschriften (oder thematische Kollektionen) erscheinen können. Das alles geschieht Open Access und ohne Article Processing Charges, die für viele GeisteswissenschaftlerInnen ohnehin eine kaum zu nehmende Hürde darstellen. Die Ursache liegt besonders in Großbritannien und den USA auch darin, dass den Geisteswissenschaften große Teile der Förderung weggestrichen werden (in Japan versucht man offenbar, sie völlig aufzulösen). Die Kosten bei der OLH werden stattdessen von einem Bibliothekskonsortium getragen, dass um den Wert dieser Fächer genauso weiß, wie darum, dass die geisteswissenschaftliche Wissenschaftskommunikation dringend eine neue und gegenwartstaugliche Fassung benötigt. Damit erhält übrigens en passant die in den Fu-PusH-Interviews oft und intensiv diskutierte Frage, inwieweit Bibliotheken selbst als publizierende Akteure aktiv werden sollten, eine Antwort: Sie finanzieren kollaborativ eine übergeordnete Plattform, die außerhalb des kommerziellen Verlagswesens stehend Open Access als Non-Profit-Variante ermöglicht:

„Indeed, the model that underpins the platform is novel for humanities journals: many libraries all paying relatively small sums into a central fund that we then use, across our journal base, to cover the labour costs of publication once material has passed peer review. Libraries that participate are given a governance stake in the admission of new journals. While this model is strange in many ways (as libraries are not really buying a subscription since the material is open access), it works out to be extremely cost effective for participants. In our first year, across the platform, we look set to publish around 150 articles. For our bigger supporting institutions, this is a cost of merely $6.50 per article. For our smallest partners, it comes to $3.33. This economy of charitable, not-for-profit publishing works well at 100 institutions. It should work even better with the 350 libraries that we are aiming to recruit to our subsidy scheme in the first 3 years after launch.“

Hier besteht also auch für das deutsche Bibliothekswesen noch genügend Spielraum, sich zu positionieren.

Mit der Finanzierung wirkt offensichtlich auch eine bibliothekarische Kompetenz in das Projekt hinein. Die OLH übernimmt nicht nur vorgegebene Lösungen, sondern möchte selbst als Pilot neue Publikationsvarianten sowohl technisch wie auch organisatorisch anregen, was uns aus Sicht eines zugegeben sehr viel winzigeren Forschungsprojektes mit nicht ganz unähnlicher Ausrichtung selbstverständlich hochsympathisch ist. Die Bandbreite der Aufzählung mit den Entwicklungsfeldern deckt die Bedarfe, die uns die befragten GeisteswissenschaftlerInnen sowie VertreterInnen aus dem Bereich der Wissenschaftsinfrastruktur nannten, mehr als ab:

„including multi-lingual publishing, inter-lingual translation facilities, annotation and pedagogical integration, and post-publication peer review/discussion.“

Mehrsprachiges Publizieren ist in den deutschen Geisteswissenschaften nämlich eher ein Nebenthema und auch die pädagogische Komponente (= Lehre) ist nicht übermäßig präsent. Aus bibliothekswissenschaftlicher Sicht ist zudem ein weiterer Anspruch des Angebots hochinteressant:

„[t]o improve further the indexing and discoverability of our platform through cross-site search and integration with a range of aggregation services that feed into library platforms“

Aus der Berliner Sicht wünschten wir uns natürlich, dass lieber früher als später auch die deutsche Bibliothekswissenschaft den Anschluss an solche Projekte findet.

Dass das Unterfangen ein Wagnis ist, wissen auch Martin Eve und Caroline Edwards, die Direktoren der OLH. In ihrem Einstiegseditorial betonen sie, dass, obschon es eigentlich kaum einen guten Zeitpunkt zur Gründung eines Journals gibt, das Jahr 2015 ein besonders wenig günstiger Moment ist. Man könnte da sicher auch Gegenargumente finden, aber an sich stimmt die Zeitdiagnose, aus der diese Einsicht entspringt: das Digitale bietet unvergleichliche technische Möglichkeiten und führt zu schwer absehbaren sozialen Erwartungen. Parallel verlieren geisteswissenschaftliche Zeitschriften massiv an Bedeutung, was unter anderem daran liegt, dass die Bibliotheken aufgrund steigender Subskriptionskosten (in der Regel für nicht-geisteswissenschaftliche Materialien) gezwungen sind, Titel abzustellen. Andererseits, so die Autoren, ist Open Access eine riesige Chance und zwar dahingehend, dass die Geisteswissenschaften durch die neuen Disseminationsmöglichkeiten befähigt werden, die Grenzen ihrer Fachcommunities zu überschreiten und eine deutlich größere Öffentlichkeit zu erreichen.

Dafür, dass das gelingt, nahm man sich Zeit und entwickelte in zweieinhalb Jahren, also mit bibliothekarischer Gründlichkeit, ein Konzept, dessen Umsetzung auch zuversichtlich den Aspekt des Wachstums („scalability“) enthält. Ob diese Planung aufgeht, ist freilich noch nicht abzusehen und hängt maßgeblich von der Akzeptanz in den jeweiligen Fachgemeinschaften ab. Als Versuch wirkt die OLH aber außerordentlich vielversprechend und ist ein schönes zweites Modelle neben der bisher in der Anmutung doch noch deutlich eleganteren Blog-Plattform Hypotheses um geisteswissenschaftliche Fachkommunikation mit den Bedingungen und Möglichkeiten des Digitalen angemessen und vielleicht auch ein wenig mutig zu interpretieren. Ob das perspektivisch eher mit WordPress oder Open Journal Systems oder beidem oder einer neuen technischen Grundlage geschieht, wird sich dann auch noch zeigen.

Martin Eve, Caroline Edwards: Opening the Open Library of Humanities. Editorial. In: Open Library of Humanities, Vol.1, Iss. 1. DOI: 10.16995/olh.46