Die Zukunft der E-Books liegt in den Wurzeln des Digitalen.

Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)

In der Sendung Kultur heute des Deutschlandfunks wurde gestern ein Interview mit Elke Heinemann zum Thema E-Books ausgestrahlt, die unlängst ein „Kriminalrondo“ als, wenn man so will, Hybrid-Enhanced-E-Book herausgebracht hat. Das weckt natürlich unser Interesse, wenn auch eher aus medientheoretischer Sicht. Im Interview nennt sie einige der Funktionalitäten:

„Man nennt es auch ein „Hands E-Book“ […]. Es gibt es auch gedruckt als Künstlerbuch, weil es unter anderem Fotogramme der Berliner Fotografin Manuela Höfer enthält. Aber als Künstlerbuch ist es deshalb interessant, weil der Leser beispielsweise die Möglichkeit hat, selber die Reihenfolge zu bestimmen, dort einzusteigen, wo er selber lesen möchte oder auch hören möchte. Es hat auch eine Audioschiene. Das gab es, als die Texte entstanden sind, alles noch nicht. Man hätte damals nur eine Art Objekt bauen können, in einem Kunstbuchverlag vielleicht, aber da sind natürlich auch die Absatzmöglichkeiten sehr schlecht.“

In der Titelbeschreibung auf der Seite des Verlags wird das Format genauer beschrieben:

„Das enhanced e|Book präsentiert ein Gesamtkunstwerk aus Prosa, Lyrik und Fotografie; es enthält Audioaufnahmen der Texte, 13 Fotogramme der Künstlerin Manuela Höfer und ein interaktives Inhaltsverzeichnis.“

Im Interview betont die Autorin zudem, dass die E-Book-Formen, die man aktuell gemeinhin darunter versteht, früher oder später von Online-Texten abgelöst werden:

„Es ist sowieso so, dass die Experten der Szene glauben, die E-Books sind ein temporäres Phänomen. Irgendwann lesen wir alle digital, beziehungsweise wir lesen digitale Texte direkt im Internet. Das ist ja die Entwicklung, die beispielsweise auch durch Sascha Lobos „Sobooks“ vorgegeben wird.“

Der Trend zeigt aber eigentlich, wie wundersam die mediale Schleife ist, die sich hier zieht: Elemente, die im WWW schon längst etabliert sind (Hypertextualität, Multimedialität) und die sich noch viel länger in den Narrativstrukturen von Computerspielen, vor allem so genannten Adventures und RPGs, finden (selbst wählbare Pfade durch die Narration, umfassende Interaktivität) werden auf literarische Textformen angewendet und dies in einer Form, die sie idealerweise – analog zum Buch – in geschlossenen und daher als Einzelobjekte verkaufbaren Einheiten fasst. Das E-Book ist seit je mehr oder weniger ein unzureichender Versuch, die medienkulturelle Praxis des gedruckten Buches in die mit hohen Zukunftserwartungen ausgerüsteten digitalen Geschäftsfelder zu bringen. Das gelingt bislang bestenfalls teilweise. Die Vorteile der klassischen E-Book-Formate gegenüber den gedruckten Formaten bleiben in der Regel auf das entfallende Gewicht und eine einfache Adaptivität begrenzt (vgl. dazu auch Kaden, 2008). Dazu kommen künstliche Hürden vor allem in Form von Kopierschutzmaßnahmen.

Der Schritt, diese Formate mit Erweiterungen zu versehen ist angesichts der Möglichkeiten des Digitalen naheliegend, aber keineswegs ein Zeichen von Modernität. Dass wir digitale Texte im Internet lesen ist nämlich eine Grundidee des WWW selbst. Es entspräche also einer Rückkehr zu den Wurzeln Anfang der 1990er Jahre. Redet man dagegen über die Möglichkeiten von sinnvollen Enhancements und neuen Formen der Narrativität, dann empfiehlt es sich vermutlich, die Idee des linear erzählendes Buches gänzlich zu verwerfen und von webnativen Erzählformen und -möglichkeiten auszugehen. Der Vergleich, den Elke Heinmann betont, liefe dabei ins Lehre.

„E-Books und haptische Bücher sollte man wie Kinofilme und Fernsehfilme betrachen: Beide Medien haben eine gemeinsame Wurzel und durch die technischen Möglichkeiten haben sich dazu Parallelwelten entwickelt.“

Zutreffender wäre vielleicht zu sagen, dass sich digitale Narrationen von Narrationen, die der Darstellungslogik des Buchformats folgen, so unterscheiden, wie Computerspiele von Filmen. Der Schlüssel tatsächlich digitalgemäßer und entsprechend erweiterter Erzählungen läge in der interaktiven Teilhabe- und Gestaltungsmöglichkeit des Handlungsverlaufs, was zwangsläufig die Frage nach der Abgrenzung des Formats – vermutlich nach dem Grad der Interaktivität und Steuerungsmöglichkeit zu differenzieren – sowie auch der Autorschaft aufwirft. Ab welchem Komplexitätsgrad der Erweiterung sind die Entwickler und Mediengestalter narrationsprägend?

Und selbst für einfache digitale Fließtexte – also nicht-enhanced-E-Books – die direkt online gelesen werden, ist die Bezeichung „Book“ eine etwas unglücklich gewählte Metapher. Spätestens wenn sie born digital sind, sie also nicht auf einer Buchvorlage beruhen, wäre es weitaus stimmiger einfach von digitalen Texten zu sprechen.

 

Weiterführend:

Ben Kaden (2008) Das ewig alte Medium. In: BUB 60 (2008) 7-8, S. 562-563.

Elke Heinemann, Maja Ellmenreich (2015) „E-Books sind literarische Parallelwelt“. In: Deutschlandfunk, 14.10.2015.

15. Oktober 2015 | Veröffentlicht von Ben Kaden
Veröffentlicht unter Enhanced Publications

Ein Kommentar zu “Die Zukunft der E-Books liegt in den Wurzeln des Digitalen.

  1. Ein Stichwort, das im obigen Beitrag noch fehlt, ist die App bzw. Appifizierung der Abbildung von Inhalten. Erinnert hat daran dieser Artikel im Buchmesse-Weblog der FAZ, der von der Preisverleihung des International-E-Book-Awards berichtet. In diesem liest man:

    „Ausgezeichnet werden hier allerdings keine auf E-Readern abrufbaren Textdateien, sondern multimediale Kombinationen, deren tragendes Element die Schrift und deren häufigste Darbietungsform die App ist.“

    Ausgezeichnet wurde übrigens u.a. das oben im YouTube-Clip vorgestellte Buch von Elke Heinemann. Eine weitere wichtige Information ist, dass es für den Kinderbuchbereich nun ein Format namens Superbuch als „Next Big Thing“ gibt, zu dem Fridtjof Küchemann notiert:

    „Statt nur damit zu daddeln, sollen Kinder ihre Tablet-Computer künftig über Bücher halten und sich an Bewegungen, Klängen und kleinen Quizfragen erfreuen. Von user experience und unique selling points war da die Rede, und die Präsentation gipfelte in der feierlichen Vorstellung eines freeze buttons, der die ganzen über den Bildschirm abrufbaren Bewegungen in den Illustrationen der Bücher mit einer Berührung zum Stillstand bringt, damit die Kinder das Bild in Ruhe erkunden können. Das wäre ja – fast als würde man einfach nur das Buch anschauen!“

    Nach wie vor bleibt die Frage, ob man diese Zwischenformen überhaupt benötigt. Wer interaktive Inhalte möchte kann sich in entsprechende Computerspiel- oder Lernsoftwareumgebungen begeben, wer selektiv Informationen benötigt, benutzt einschlägige Datenbanken und wer aber schließlich ein Buch lesen möchte, der verfolgt mutmaßlich den Wunsch, einer sehr konzentrierten Auseinandersetzung mit einem in seiner formalen Dynamik, Dimensionalität und Interaktivität weitgehend gebremsten Text- bzw. Bildmedium. Obwohl – am Ende zeigt sicher der Markt, ob sich die „Augmented New Dimension“ als „massive Aufwertung“ (O-Ton TigerCreate) durchsetzt oder nicht. Dass man hier ein wenig mehr experimentiert ist sicher nicht verkehrt. Parallel erblüht ja auch das Buchdesign im Bereich des Gedruckten in neuem Glanz, wie Harald Jähner für die Berliner Zeitung meldet:

    „Und desto mehr wird an der Gestaltung des Einbands gearbeitet, an der Freundlichkeit des Papiers gegenüber den Fingern, am Erscheinungsbild der Schrift. Auch das Lesebändchen ist zurück – bei dicken Wälzern, die sich zum Querlesen und Nachschlagen eignen, auch gleich zwei oder drei.

    Es geht dem Buchmarkt wie dem Markt der Spiele. Die Online-Games verdrängen die Brettspiele und ihre Verwandten nicht, sondern fordern sie zu immer größerem Aufwand im Design heraus. Auch das E-Book wird es in Zukunft nur zu einer Koexistenz mit dem herkömmlichen Buch bringen, das seine handfesten Vorzüge weiter ausspielen wird.“

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